Sonntag, 12. Juli 2015
Hokitika – Mai 2015
Nicht eine Nacht verbrachten wir in Hokitika, aber es gab genug Sehenswürdigkeiten in und um diese Cool Little Town (wie sie sich selbst nennt; hier die Webadresse: http://www.hokitika.org/thecoollittletown), dass ich ihr einen eigenen Beitrag widme.

Eingang zur Strandprommenade

Unsere erste Anlaufstelle war ein Café, Stella, das uns von Erika wärmstens empfohlen worden war. Da wir noch ein gutes Lunch für den Tag suchten, entschieden wir uns der Empfehlung Folge zu leisten. Immerhin mussten wir auf jeden Fall durch Hokitika hindurch fahren, um von Greymouth zum Treetop Walk – einem Spaziergang durch die Baumwipfel der Westküste – zu gelangen, und da die Uhrzeit günstig war, kehrten wir fürs Lunch in besagtes Café ein.

Bei dieser Gelegenheit lernten wir auch etwas über die ungewöhnlichen Parkgewohnheiten der Neuseeländer. Es gibt verschiedene Parkzonen, in denen man eine bestimmte Zeit kostenlos parken kann. Wie lange diese Dauer ist, erkennt man an den Schildern am Straßenrand, die dann einen beliebigen Wert zwischen 5 und 120 (Minuten) haben. In diesen Zonen gibt es auch keine Parkautomaten – zumindest habe ich keine gesehen. Allerdings hatte unser Fahrzeug keine Parkscheibe, und auch in den Vehikeln anderer Fahrer sah ich keinerlei Anzeichen für ihren Parkbeginn. Um kein Knöllchen am ersten Tag zu bekommen, entschlossen wir uns sogleich eine Polizeiwache aufzusuchen (sie war gleich neben unserem Parkplatz), um nachzufragen, wie das überhaupt funktioniert. Die Dame am Schalter war äußerst freundlich, doch was sie uns erzählte, war … ungewöhnlich: Die Polizei sei nicht für die Kontrolle zuständig; das machten spezielle Ordnungskräfte. Die Dame selbst wusste nicht, woher diese Kräfte wussten, wie lange ein Fahrzeug an ein und derselben Stelle stand, aber sie wussten es irgendwie. Man brauchte nichts weiter tun, als sich hinzustellen und wieder abzufahren, bevor die angegebene Zeit abgelaufen war. Aber in Hokitika gab es vielleicht auch gar keine zuständigen Parkkontrolleure, so die Dame. Es war ein Gespräch, das mit jeder geklärten Frage zwei neue aufwarf. Zumindest konnten wir uns sicher sein, wie wir zu verfahren hatten.

Mit dieser Antwort gaben wir uns zufrieden und zogen los, das Café Stella zu suchen. Es lag auf einer Straße, die parallel zum Strand verläuft, und wir erreichten es einige Minuten, bevor der große Ansturm an Mittagsbesuchern eintrudelte. Die Einrichtung war bodenständig sowie robust, aber schön, das Personal freundlich, das Essen gut. Nach dieser kurzen Pause zogen wir auch schon weiter, da wir für diesen Tag ein strammes Programm zu absolvieren hatten.

Fünfzehn Minuten südlich von Hokitika gibt eine Konstruktion, die es ihren Besuchern erlaubt durch die Baumkronen zu spazieren – oder so ähnlich. Der Treetop Walk. Dieses Stahlgerüst prangert in 20 Metern Höhe und ist für Leute aller Altersgruppen und Gehgeschwindigkeiten zugänglich, da es völlige Barrierefreiheit garantiert (mit Ausnahme des 40 Meter hohen Aussichtsturms). Als riesiger Fan schwindelerregender Höhen spielte ich mit dem Gedanken einer Besichtigung, seitdem wir mit dem InterCity nach Franz Josef am ersten Werbeschild vorbeigefahren waren. Es bedurfte nur weniger Argumente, um mich endgültig von einem Ausflug zu überzeugen.
So nutzen wir unsere frisch erlangte Mobilität und fuhren erneut an der Küste entlang gen Süden, gen Glacier Country, gen Franz Josef, bogen vorher aber links ab. Bei der Autovermietungsstelle hatten wir – mal wieder – einen Rabattcoupon bekommen, der uns 10% Nachlass gewährte. Da wir darüber hinaus beide als Studenten gewertet wurden, will ich mich nicht beklagen. Wir bekamen eine kurze Einweisung und ein Faltblatt mit Informationen zu den verschiedenen Stationen und machten uns gut gerüstet auf den Weg. Schon zu Beginn liefen uns einige einheimische Vögel über den Weg. Sie waren putzig, aber ängstlich. (Nein, es waren keine Kiwis, obwohl sie ihnen ähnlich sehen, sondern Wekas.)



Viele Schilder am Wegesrand informierten über die hiesige Flora und Fauna, so dass wir mehr über dieses einzigartige Ökosystem erfuhren.
Dann standen wir an der Schwelle zum Stahlgerüst, das uns einen völlig neuen Blick auf die sonst majestätisch in den Himmel ragenden Bäume geben sollte. Nur ein Schritt … und wir befanden uns auf der leicht im Wind schwankenden Konstruktion (das war so beabsichtigt).
Der Eingang der Stahlkonstruktion
Ein Schild mahnte zu gehen, nicht zu rennen. Also gingen wir weiter eine sanfte Steigung hinauf, bis wir in 20 Metern Höhe von oben auf voll ausgewachsene Bäume, Farne und Sträucher sehen konnten. Und doch gab es um uns herum Giganten, die uns mit bis zu 60 Metern noch immer weit überragten. Ich sah den plätschernden, rot-bräunlich gefärbten Bach zwischen dem Dickicht am Waldboden; ich bekam Baumkronen zu sehen, die oft viel zu hoch waren, um sie überhaupt zu erkennen; leider gab es gerade keinen Orchideen an den Ästen; ich sah die aufgefalteten Kronen vieler Farne von oben.
Größenvergleich
Eine sanfte Brise gab dem ganzen Schauspiel eine charmante Note. Da störte der einsetzende Regen gar nicht mehr.
Selbstverständlich kletterte ich die 106 Stufen empor, um auf den Aussichtsturm zu gelangen und nicht nur auf Augenhöhe mit den höchsten Baumarten zu sein, sondern auch den See Mahinapua und weit am Horizont sogar das Meer zu sehen.
Aussicht vom Turm
Bei klarem Wetter muss die Aussicht beeindruckend sein, aber auch so war ich hingerissen.
Dann gab es noch die frei hängende Plattform, die entschieden mehr als die Gesamtkonstruktion schwankte. Es war ein Spaß darüber zu stolpern und sich hin und her tragen zu lassen.
Als wir am Ende ankamen, drehten wir uns um und gingen die Strecke noch einmal.

Der nächste Punkt unserer Freifahrt durch Neuseeland war die Hokitika Schlucht, die selbst bei regnerischem Wetter atemberaubend sein sollte. Die Hängebrücke darüber war nur ein zusätzliches Extra. Auf ging es über neuseeländische Straßen, die in ihrer Breite polnischen Konkurrenz machen wollten. Fahrbahnmarkierungen waren optional. Wir sollten durch das Örtchen Woodstock fahren und freuten uns schon richtig darauf, weil wir dann ein lustiges Foto hätten machen können. Leider fanden wir Woodstock aber nur auf der Karte, nicht auf unserer Strecke.
Ab einem gewissen Punkt folgten wir nur noch kleinen gelben Pfeilen, die die Schlucht ausschilderten. Doch je weiter wir in das Land vordrangen, desto mehr erinnerte die Umgebung an einen amerikanischen Roadmovie, in dem ein einsames Haus irgendwo verlassen am Straßenrand steht. Eine letzte Biegung, eine letzte einspurige Brücke und schon waren wir auf einem unbefestigten und gleichzeitig sehr strukturierten Parkplatz mit Umgebungskarte und Toilettenhäuschen. Nur 650 Meter trennten uns noch von unserem Ziel.
Auf ging’s!
Es war mal wieder ein kunstvoll angelegter Weg, sanfte Biegungen, gefolgt von leichten Steigungen und Gefällen.
Die Schlucht von oben
Wir kamen auf der Hängebrücke an, die bei jedem Schritt schaukelte. Ich fand die Aussicht, direkt über dem Wasser stehend, einfach toll. Allerdings gab die Plakette an jedem Ende der Brücke uns zu denken, da dort stand: max. 6 Leute oder 1000 kg. Wie viel wiegt ein durchschnittlicher Neuseeländer?
Leider war die Beschreibung in der Broschüre in gewisser Weise wetterabhängig: „Sometimes you see a photo of a tourist spot and think yeah, right, it can’t look as good as that in real life. Hokitika Gorge is one of those places. The vivid turquoise water surrounded by lush native bush looks too good to be true but trust us, it is well worth a visit.” („Manchmal sieht man ein Foto eines Touristenortes und denkt sich Ja, klar, es kann nicht tatsächlich so gut aussehen. Die Hokitika-Schlucht ist ein solcher Ort. Das intensive türkisfarbene Wasser, umgeben von üppigem Regenwald, sieht zu gut aus, um wahr zu sein, aber vertraue uns, es ist einen Besuch sehr wohl wert.“)
Der Regen der vergangenen Tage hatte Unmengen an Schlamm und Geröll in das sonst leuchtend blaue Wasser gespült, so dass im Moment eher grünlich-braun die vorherrschende Farben waren.

Die Schlucht von unten

Was dieser natürlichen Sehenswürdigkeit heute aber an Farbenpracht fehlte, machte sie durch ihre Akustik wett. Es war beeindruckend still. Die Unmengen an Wassermassen, die hier pro Minute vorbeiströmten, hätte ich nicht einmal erahnen können. Viele Strudel zeugten allerdings von starken Strömungen unter der Wasseroberfläche. Doch es gluckste nur ein bisschen hier, zischte leise dort und allgemein strahlte diese Umgebung Ruhe und Gleichmut aus. Selbst bei schlechtem Wetter bleibt es eine Sehenswürdigkeit ohne Gleichen.

Nach einiger Zeit brachen wir zu unserer neuen Herberge in Arthur’s Pass auf.

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Sonntag, 5. Juli 2015
Greymouth – Mai 2015
Nach unserem Aufbruch aus Franz Josef begann ein Abenteuer einer neuen Größenordnung für uns: mit dem Auto durch Neuseeland tingeln. Zu diesem Zweck begaben wir uns zurück nach Greymouth (wir hatten diese Stadt bereits bei unserer Hinreise passiert), um dort eine Nacht zu verbringen und dann unser bereits reserviertes Vehikel abzuholen. Alles war im Voraus arrangiert, und obwohl der Aufenthalt in dieser Stadt, die ihren Namen mehr als verdiente, nur sehr kurz war, gibt es einige berichtenswerte Begebenheiten. Aus einer wohlverdienten Verschnaufpause wurde gar nichts, denn es ergaben sich Gelegenheiten, die unseren Tag nur umso mehr ausfüllten.

Es war komisch, wieder in einer Stadt zu sein, die diesen Namen beinahe schon verdient. Immerhin sind neuntausend Einwohner noch nicht die Welt, aber im Vergleich zu dreihundert ein erheblicher Zuwachs. Es gab so viele Autos, Passanten, verschiedene Geschäfte, mehrstöckige Gebäude, sogar eine Eisenbahnstrecke. Trotzdem war es leiser als Franz Josef. Man musste beim Überqueren der Straße tatsächlich darauf achten, ob ein Auto kam, und das ein oder andere Mal innehalten. Ich würde aber noch nicht so weit gehen, von einem ganz neuen Lebensgefühl zu reden.

Unsere Jugendherberge, Duke, war bunt. Einfach nur bunt. Von außen war das Haus lila mit orangefarbenen Fensterrahmen, innen entfaltete sich das Spektrum der Regenbogenfarben, die einmal den Schleudergang der Waschmaschine miterlebt hatten.

Duke von außen

Unser Zimmer

Flur

Ob das Gebäude ein lautstark protestierender Aufschrei gegen das allgegenwärtige Grau der Stadt darstellte oder nur den Geschmack des Besitzers widerspiegelte, bleibt mir bis heute ein Rätsel. Wichtig für uns war nur, dass es keine Löcher im Dach gab, frisch bezogene Betten für uns bereit standen und es tatsächlich sauber war. Immerhin wollten wir dort nicht einziehen, sondern nur eine kleine Verschnaufpause einlegen, bevor wir weitere Teile dieses fremden Landes besichtigten.

Dass es sauber und ordentlich war, heißt aber nicht, dass ihm der neuseeländische Abenteuercharakter abhanden gekommen war. Es fing schon damit an, dass wir im Zimmer Nummer 14 waren, es aber keine Tür mit dieser Nummer gab. Die Managerin tröstete uns, dass unser Raum der einzige nicht nummerierte war, wir ihn somit also einfach wiederfinden würden. Außerdem konnte man auf dem oberen Stockwerk, wo alle Zimmer waren, einmal im Kreis laufen, da es einen Innenhof gab, um den herum das Haus gebaut worden war. Sich zu verlaufen stellte damit eine gewisse Herausforderung dar.

Vermutlich hätte mich die Feuerleiter, die direkt vor dem Fenster unseres Zimmers angebracht war, beruhigen sollen, doch bewirkte sie aufgrund ihrer Konstruktion eher das Gegenteil. Mein Vertrauen in die hiesigen Feuerwehrleute war entschieden größer als das Vertrauen, das ich diesem abenteuerlichen Sammelsurium an Baumarkteinzelteilen entgegenbrachte.

Ich bin mir nicht sicher, was genau es mit Kiwis und dem Winter auf sich hat, aber irgendwie scheinen sie die kalte Jahreszeit und Kälte nicht so ganz in Einklang bringen zu können. Heizungen gehören einfach nicht zur Standardausstattung eines Gebäudes dazu – obwohl die Wände aus Rigips- oder Sperrholzplatten bestehen. Unsere „Heizung“ war ein Gegenstand aus einem modernen Kuriositätenkabinett. Er hing zwei Handbreit unter der Decke, hatte eine Zeitschaltuhr, so dass er nach einer Stunde automatisch wieder aus ging, war ungefähr so groß wie ein Ringblock Größe A4 und hatte es sich zum Ziel gesetzt einem Heißlufthaartrockner Konkurrenz zu machen – mit genau demselben Geräuschpegel und Erfolg. In Anbetracht seiner Leistung dauerte es mehr als drei Stunden, bis das Zimmer erträglich warm war. Dank des Timers musste sich nach Ablauf der Stunde immer wieder jemand aus dem schützenden Umhang aus Bettdecken quälen, um dem Gerät auf die Sprünge zu helfen.

Als wir eincheckten, erklärte uns die Managerin, dass es nicht nur kostenlosen Tee, Kaffee, Zucker und Gewürze gab, sondern auch Frühstück morgens und Suppe abends zur freien Verfügung der Gäste standen. Aus reiner Neugier wagte ich es, diese Suppe zu probieren, und bin davon überzeugt, dass ihr einziger Zweck darin bestand, die Gäste vor dem Erfrierungstod zu bewahren, denn geschmacklich war dieses Gebräu eine Beleidigung für jede noch so abgebrühte Zunge. Ich weiß nicht, wie sie es schafften, so ein einfaches Gericht derart zu ruinieren, aber es war ungenießbar.

Zu unserer großen Überraschung befand sich im Gebäude direkt neben unserem Hostel die Inland Revenue. Da wir von unserer Chefin sowie anderen Backpackern gehört hatten, dass man eventuell zu viel gezahlte Steuern zurückerstattet bekommt, wenn man die richtigen Formulare ausfüllt, wollten wir gleich mal fragen, welche das denn wären. Das Internet gab da nicht wirklich gute Auskunft und telefonisch nannte man uns zwar ein Formular, ausfüllen müssten wir es aber selbst. Da es sich hierbei um Beamtenenglisch handelte, wollten wir keine unnötigen Risiken eingehen, also stolperten wir einfach in die Filiale und stellten uns dumm. Als Belohnung erhielten wir einen Termin am nächsten Tag. Die Dame, die unsere Formulare für uns ausfüllte, war hilfsbereit, freundlich und fix, so dass wir nach weniger als einer halben Stunde fertig waren und nun auf einen Check aus Neuseeland warten. In Deutschland hätte ich für diese Dienste einen Steuerberater bezahlen müssen, doch hier war alles kostenfrei.

Danach checkten wir aus und stolperten quer durch die Stadt, um unser bereitstehendes Vehikel abzuholen. Wir hatten uns für die Autovermietung ACE entschieden, die nicht nur durch gute Preise, sondern auch durch Flexibilität überzeugte. Wir wollten keine Rundtour durch Neuseeland machen und von Punkt A über diverse Abschnitte wieder zurück zum Ausgangspunkt fahren. Was uns vorschwebte, war eine genau definierte Strecke durch den Arthur’s Pass und noch irgendetwas auf der anderen Seite der Alpen. ACE erhob – im Gegensatz zu anderen Firmen – keine Überführungskosten. Bei einem anderen Anbieter hätten wir bis zu 500 NZ$ allein dafür zahlen müssen. Nein danke.

Unser fahrbare Untersatz war ein schnuckeliger Daihatsu Sirion, Automatik, der schon jede Menge Kilometer hinter sich gebracht hatte und einige deutliche Gebrauchsspuren aufwies.

Unser Mietwagen

Da waren einige Kratzer an jedem erdenklichen Kotflügel, auf der Motorhaube und an den Felgen. Warren, der Mann der uns den Wagen übergab, zeichnete jede Macke großzügig auf dem dafür vorgesehenen Formular auf, zeigte uns alle Eigenheiten diese Autos, prüfte, ob die Schneeketten drin waren (nur für alle Fälle), und übergab uns das Vehikel anstandslos. Versicherung war abgeschlossen, wir beide waren berechtig zur Fahrt, alles war an seinem Platz, es konnte also losgehen. Schon beim Rausfahren aus dieser kleinen Seitenstraße wurde mir deutlich, dass es einige gehörige Unterschiede zu deutschen Fahrzeugen gibt. An die Tatsache, dass ich als Fahrer rechts saß, konnte ich mich sehr schnell gewöhnen – schließlich waren wir seit einiger Zeit in Neuseeland unterwegs und waren schon oft Passagiere in verschiedenen Verkehrsmitteln gewesen. Worauf mich aber niemand vorbereitet hatte, war, dass die Hebel für Blinker und Scheibenwischer vertauscht waren. Bis zum Ende der Fahrt unterlief mir immer wieder mal derselbe Fehler, nämlich dass ich bei schnellen Reaktionen den Scheibenwischer einschaltete. Wir schafften es aber immer unfallfrei an unser Ziel.
Wir fuhren vorsichtig zum Hostel zurück, packten unsere Siebensachen und zogen in die große weite Welt. Bevor wir den Arthur’s Pass bezwingen konnten, mussten wir noch einige Sachen an der Westküste erledigen.

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Sonntag, 28. Juni 2015
Franz Josef – März-Mai 2015 (Abschied)
Franz Josef im Regen

Fortsetzung:
An einem Tag, an dem nichts besonders war, beschlossen wir die zweite Attraktion unseres Touristendörfchens aufzusuchen: die Hot Pools. In Anbetracht immer kälter werdender Tage sowie Nächte schien diese Möglichkeit der externen Ganzkörperbeheizung doch eine vielversprechende Alternative zu Heizung, Decken und heißen Getränken. Dank unseres Jobs erhielten wir auch hier den Rabatt für Einheimische und durften so für gerade einmal 8 $ pro Person (zzgl. Spind für zwei Stunden) in dieses paradiesisch in Szene gesetzte Planschbecken. Tatsächlich gab es drei Becken: 36°, 38° und 40°. Wir fingen in der Mitte an, fanden aber bald heraus, dass sich jemand mit den Temperaturanzeigen für 36° und 38° vertan haben musste, denn die beiden waren auf jeden Fall vertauscht. Aufgrund der geringen Besucherzahlen ließen wir es uns nicht nehmen ein bisschen zu planschen und zu schwimmen, obwohl die Sitzgelegenheiten überall am Rand dezent darauf hindeuteten, dass Schwimmen nicht der primäre Zweck dieser Badeanstalt war. Um uns herum waren Farne und Sträucher, das Gelände um die Becken herum war mit Holz ausgelegt und überall dampfte es.

Hot Pools

Der perfekte Ort für dieses Wetter. Die Krönung dieses entspannenden Tages bildete das Becken mit 40° Wassertemperatur. Schon bei den ersten Schritten die kleine Treppe hinunter umfing mich die wohlige Wärme, umspülte mich und ließ mich die Welt drum herum vergessen. Hier war nichts mit Tollen und Schwimmen, denn allein der Gang zur nächsten Sitzgelegenheit verlangte mir all meine Konzentration ab. Einen solchen Grad an Entspannung hatte ich seit Jahren nicht mehr erreicht. Leider sind diesem Becken natürliche Grenzen gesetzt, wenn es um die Länge eines Aufenthalts darin geht. Irgendwann macht der Kreislauf einfach nicht mehr mit. Zudem verstanden die Neuseeländer noch nicht so ganz, dass man auch Liegen mit Massagedüsen unter Wasser einbauen kann. Bei den vorhandenen Sitzgelegenheiten bestand immer das Problem, dass ein wesentlicher Teil des Oberkörpers nicht vom nassen Element bedeckt und somit der Witterung ausgesetzt war. (Im 40°-Becken spielte das keine Rolle mehr, in den anderen schon.) Nach einiger Zeit – mehr als eineinhalb Stunden – verließen wir die Hot Pools wieder. Ich hatte noch nie so viel Zeit für den Rückweg gebraucht, aber just in diesem Moment ging ich so schnell wie eine Schnecke rückwärts. Tatsächlich fand ich Franziskas Tempo viel zu schnell. Nieselregen setzte ein – es kümmerte mich nicht. Die 40° hatten mir eine hummerrote Farbe ins Gesicht gezaubert und wärmten mich weiterhin. Das war ein guter Tag. Für einen Moment erwog ich sogar meine Meinung über Franz Josef zu revidieren.

Mein erstes bewusst erlebtes Erdbeben hier in Neuseeland fiel unspektakulär aus. Tatsächlich musste ich die Leute um mich herum fragen, ob es tatsächlich eins war. Bei der Bauweise der hiesigen Häuser hätte es genauso gut Olaf sein können, der einmal quer durchs Gebäude rennt. Es wackelte ein bisschen nach links und nach rechts, damit hatte es sich. Trotzdem beunruhigend in Anbetracht der Erzählungen von Cesar, obwohl dieser meinte, dass es ganz gut war, denn auf die Weise entlud sich ein bisschen Energie, anstatt sich weiter aufzustauen. Er grinste sogar, als er mir erzählte, wie die Balken in der Rezeption gequietscht hatten. Allerdings erzählte er uns bei anderer Gelegenheit auch, dass Franz Josef praktisch nur auf ein richtig großes Erdbeben von der Stärke 7,5 oder mehr wartete, weil es eben immer wieder mal passiert und wir in Neuseeland waren. Aber dazu später mehr.

In mancherlei Hinsicht war Anne eine sehr gute und freundliche Chefin, die einfach nur mit ihrer beruflichen Position sowie der Nähe ihrer Wohnung zu ihrem Arbeitsort überfordert war. So lud sie die ganze Belegschaft eines Abends zum Essen ein, weil sie eine bestimmte Anzahl exzellenter Bewertungen auf einer neuseeländischen Plattform bekommen hatte. Wir gingen ins Alice May, ein Lokal, das Franziska und ich bis dahin nicht kannten und das sich einer leckeren gutbürgerlichen neuseeländischen Küche rühmt. Es gab nun keine riesige Auswahl an Gerichten, aber es war vollkommen ausreichend für ein Restaurant dieser Größe. Die Kellnerin stellte uns die Tagesgerichte vor und empfahl uns den Käsekuchen, der nur heute da war – selbstgemacht, versteht sich – und nicht auf der Karte stand. Außerdem war das Essen vorzüglich, was ich hier betonen möchte. Wir durften uns von allem so viel bestellen, wie wir wollten, inklusive alkoholischer Getränke (die in diesem Land wirklich sehr teuer sind), Vorspeisen und Nachtische. Bei dieser Gelegenheit probierte ich die Kiwi-Spezialität „Whitebait“. Dies sind, einfach ausgedrückt, junge Fische. Sie sind sehr klein, werden ganz – mit Innereien und Gräten – verspeist und gelten als Delikatesse. Im Alice May servierte man sie auf Omelette, wodurch ihr Eigengeschmack kaum zu merken war. Ich fand es ganz lecker, bevorzuge aber richtigen Fisch, an dem auch etwas dran ist, denn diese kleinen Biester sind irgendwie witzlos. Whitebait gehört keiner bestimmten Fischgattung an, so dass verschiedene Länder verschiedene Auflagen haben, was den Fang der Tierchen angeht, weil auch bedrohte Arten darunter fallen könnten. Das nur am Rande. Außerdem bestellte ich ein wirklich leckeres Stückchen Schweinebraten auf Gemüse der Saison (Kürbis) mit Kartoffeln, Apfelmus und einer dicken Sauce. Hervorragend zubereitet! Zum Nachtisch gab es Apfel-Rhabarber-Kuchen. Außerdem hatte das Alice May ein warmes Getränk, das sie Hot Tottie nannten. Es beinhaltete Inger, Zitrone, Honig und normalerweise einen Schuss Whiskey, auf den ich allerdings dankend verzichtete. Alles in allem war es ein sehr angenehmer Abend, an dem wir uns lässig mit allen Kollegen und Chefs unterhalten konnten.

Kurz bevor sich unsere Zeit im Montrose Backpackers ihrem Ende zuneigte, fiel eine Reisegruppe von rund vierzig Schülerinnen und ihren Lehrern ein. Wir erfuhren, dass sie aus Christchurch kamen, zur Abteilung der Geologie gehörten und Franz Josef zu wissenschaftlichen Zwecken aufsuchten, wobei der Spaß auch nicht zu kurz kommen sollte. Neben Quad-Bike-Ausflügen und Heli-Hikes gab es auch Wanderungen, um bestimmte Gesteinsformationen zu betrachten oder Sedimentablagerungen zu untersuchen. Alles in allem war die Gruppe hervorragend organisiert und sehr ordentlich, was unsere Arbeit nachts in der Küche um ein vielfaches vereinfachte. Wie es für neuseeländische Verhältnisse so üblich ist, kamen wir auch schnell und unverfänglich mit verschiedenen Mitgliedern dieser Reisegesellschaft ins Gespräch.
Was wir von einem der Lehrer erfuhren, war allerdings alles andere als beruhigend. Anscheinend war das Erdbeben, von dem Cesar kurze Zeit zuvor gesprochen hatte, nur eine der zahlreichen Naturkatastrophen, die nur darauf warteten, Franz Josef vom Angesicht der Erde zu tilgen. Uns wurde mitgeteilt, dass wir letzte Woche nur knapp einer Überschwemmung entkommen waren, die Chancen aber gut standen, dass sich die Hauptstraße bei anhaltenden Regenfällen zu einem neuen Flussbett verwandeln würde. Der Lehrer klärte uns auf, dass die Brücke über den Fluss immer wieder höher gesetzt werden musste, um nicht von den Wassermassen weggespült zu werden. Alternativ rückte in unregelmäßigen Abständen ein Bagger an, der die Geröllmengen, die immer wieder von den Bergen heruntergetragen wurden, aus dem Fluss fischte und so Platz für neue Stein- und Wassermassen schuf. Regen war auch das Stichwort für die mehr als wahrscheinlichen Erdrutsche rund um das Touristendörfchen. Auch Lawinen waren – Dank Gletscher – nicht ausgeschlossen, auch wenn sie aller Voraussicht nach nicht bis zum Dorf vordringen würden. Die Tatsache, dass wir auf der Verwerfung zweier tektonischer Platten saßen und jederzeit mit einem Erdbeben der Stärke 7-9 rechnen sollten, ging in all den Katastrophendrohungen doch beinahe schon unter. Immerhin wären wir in dem errechneten Zeitraum von 230-340 Jahren Abstand zum vorhergehenden großen Beben. Sollte dieses Beben in Franz Josef oder in unmittelbarer Nähe dazu stattfinden, rechneten Geologen mit einer Erdbewegung von 8 Metern horizontal und 4 Metern vertikal. Die Tankstelle war da besonders ungünstig platziert, da unter ihr eine Spalte aufklaffen könnte, die alles in ihrer Umgebung verschlucken würde. Unglücklicherweise lag der Sammelplatz, den man im Falle eines solchen Erdbebens aufsuchen sollte, hinter der Tankstelle. Es grenzte an ein Wunder, dass Franz Josef überhaupt noch stand! Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass das Bett mich nachts wachhielt, nicht die abenteuerlichen Berichte neuseeländischer Geologen. Tatsächlich fand ich die ruhige Art des Mannes sehr ansteckend und freute mich darüber, von ihm aus der Ungewissheit gefischt zu werden. Allerdings verriet auch er uns nicht, wie wir uns bei einem Erdbeben richtig zu verhalten hätten. Stattdessen plauderte er über die Arbeit und Fortschritte seiner Schüler, warf die Frage in den Raum, ob man Touristen mit solchen Warnungen belästigen sollte, und erkundigte sich auch über unseren Heimatort. Es war ein äußerst erquickendes Gespräch.

Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, ist das Formular, das im Supermarkt auslag, doch ganz anders zu lesen. Es trug die Überschrift: Get thru! Ziel dieses Dokuments war es, die Bevölkerung auf Katastrophen jeglicher Art vorzubereiten. Es stand darauf, wie viele Lebensmittel man für wen packen und an einem gut zugänglichen Ort im Haus aufbewahren sollte (Haustieren eingeschlossen); wie viel Wasser man pro Tag brauchte und wann die Vorräte kontrolliert werden mussten. Auch Notfallnummern konnten auf dem Formular vermerkt werden. Als wir uns die wenigen Zeilen durchlasen, stellten wir fest, dass es keinen Unterschied machte, ob nun ein Erdbeben das Dorf heimsuchte oder eine Zombi-Apokalypse; wenn man die Anweisungen befolgte, war man für jede Eventualität gerüstet. Wir waren nicht gerüstet, stellten wir fest.

Bei einem Grillabend gaben Timo und Franziska der ganzen Runde viel zu lachen. Es fing alles ganz harmlos mit einfachen Fragen an. Wie so viele von Ceasars Helfern war auch Timo ein Deutscher, so dass früher oder später die Frage aufkommen musste, woher er denn kommt. Franziska umschrieb ihren Herkunftsort dezent, weil sie davon ausging, dass niemand ihn kannte – ein Vorurteil, das auf jahrelanger Erfahrung basiert. Sie fing bei der größten Stadt in der Umgebung an und arbeitete sich immer näher zu ihrem Wohnort. Je mehr sie sprach, umso mehr Fragen wurden aufgeworfen. Als sie dann endlich das Kind beim Namen nannte, folgten einige Minuten, in denen Franziska und Timo sich gegenseitig „Nein“ an den Kopf warfen, weil sie nicht glauben konnten, dass sie zwei Straßen voneinander entfernt wohnten und sich nie zu Gesicht bekommen hatten. Viel lustiger wurde es, als Franziska erfuhr, dass sie mit einem von Timos Brüdern auf dieselbe Schule, ja, sogar dieselbe Stufe, gegangen war. Wir alle fanden das äußerst amüsant.

Ein gutes hatte die kälter werdende Jahreszeit: Die Menge an Sandflies ward drastisch reduziert. Vor allem Franziska freute das besonders, weil die kleinen, blutsaugenden Biester sie besonders gern hatten. Neuseeländische Sandflies sind nicht mit Mücken zu vergleichen, nein, sie ähneln in ihrer Grausamkeit eher den Bremsen, sind aber entschieden kleiner, kaum zwei Millimeter lang. Ihr Biss ist wesentlich schmerzhafter als der einer Mücke und erzeugt fühlbare Knubbel unter der Haut, die tagelang bleiben und fürchterlich jucken – zumindest die meisten Menschen, denn mir machte es nichts aus. Wir hatten schon einige bei Marty auf der Farm angetroffen, doch waren sie denen in Franz Josef zahlenmäßig weit unterlegen. Die Sandflies in Waimangaroa hatten es auch eher auf mich abgesehen, doch hier war Franziska definitiv ihr bevorzugtes Ziel. Wir werden sie bestimmt nicht vermissen.

Wir unternahmen auch eine Wanderung zum Lake Wombat, der wahrscheinlich nichts mit den australischen Beuteltieren zu tun hat. Nein, er ist nach Jack Irwin benannt, der auch Wombat Jack gerufen wurde und in der Nähe nach Gold suchte. Es ging wieder Richtung Parkplatz, doch bevor wir diesen erreichten, bogen wir rechts ab auf einen Pfad, der in einen verwunschenen Märchenwald zu führen schien, in dem blaue Pilze wuchsen.
Blaue Pilze
Die Zeitangaben bei diesem Pfad waren ebenso abwegig wie Cesars Einschätzungen zum Lake Mapourika, doch dieses Mal in die andere Richtung. Anstatt der angegebenen eineinhalb Stunden, waren wir in vierzig Minuten zurück am Ausgangspunkt. Der Weg war gewunden, ging hinauf und hinunter, vorbei am Alex Knop Walk, weiter durch regenwäldliches Buschwerk, in den See hinein.

Lake Wombat

Wir standen so abrupt vor der Wasseransammlung, dass wir beinahe hineingelaufen wären. Es gab keinen Weg um den See herum, nur eine einsame Bank am Ufer. Zwar war es dort sehr schön, aber doch ein bisschen ernüchternd in Anbetracht der wenigen Möglichkeiten, die einem geboten wurden. Nach einer kurzen Pause und ein bisschen Small Talk mit neuseeländischen Touristen, die es ebenfalls hierher verschlagen hatte, stapften wir wieder zurück. Immerhin mussten wir pünktlich wieder im Montrose sein, weil Ceasar uns einen Pizzaabend versprochen hatte. So etwas darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Wir gingen in die Blue Ice Bar, ein Etablissement, das im Erdgeschoss ein Restaurant und im ersten Stock eine Diskobar beherbergt. Unser Platz war oben, so dass Cesar uns zielstrebig die Treppen hinauf scheuchte. Es war keine große Bar/Disko. Ein Raum, an dessen Ende eine Theke war, ein langer Tisch, einige kleine Stehtische, ein Billardtisch und eine Tanzfläche. Alle Helfer waren mitgekommen, so dass insgesamt zwölf Leute an dem großen Tisch platznahmen. Ceasar bestellte für alle, gab sogar ein Bier aus und wir versuchten uns zu unterhalten. Ich fand es schon schwierig genug, als wir noch die einzigen Gäste darstellten, da die Musik für meinen Geschmack entschieden zu laut – und zu schlecht – war. Als dann aber noch eine große Gruppe an Partygängern dazu stieß, war ich bedient. Musik, Gelächter, Unterhaltungen von duzenden Menschen, Billardkugeln, etc. Mein Hals kratzte vom vielen Schreien und ich verstand kaum die Erwiderungen meiner Gesprächspartner. Auf diese Art von Stress konnte ich sehr gut verzichten, und zum ersten Mal, seitdem wir bei Ceasar angefangen hatten, war ich froh, dass ich an diesem Abend noch arbeiten gehen musste. Ich hatte einen guten Grund diese lärmende Folterbank zu verlassen, ohne mich lästigen Fragen nach dem Wieso und Warum aussetzen zu müssen.
Die Pizza hingegen war recht gut. Unser Gastgeber hatte einige Pizzen mit verschiedenen Belägen bestellt und die Anzahl an Stücken stimmte mit der der Gäste überein, so dass jeder einmal jede probieren konnte.

Franziskas Geburtstag fiel auf einen Sonntag, an dem wir in Franz Josef waren. Es war ihr Tag, also durfte sie auch bestimmen, was gemacht wurde. Sie wünschte sich einen Lümmeltag, weshalb wir um die Wette lümmelten. Alles begann mit ausschlafen, einem richtig großen und opulenten Frühstück, gefolgt von einigen Stunden Aufenthalt vor dem Fernseher, der nur durch einen Besuch der Hot Pools unterbrochen wurde. Wir sahen uns die erste Staffel von Standard Action an. Für all jene, die diese Miniserie nicht kennen: Es ist eine non-budget Internet-Produktion, die einen humoristischen Blick auf Pen und Paper Rollenspiele wirft. Die Charaktere sind bunt, die Schauspieler sind phantastisch. Daraufhin folgte eine Folge einer koreanischen Dramaserie, deren Titel ich bis heute nicht richtig ausspreche, geschweige denn schreiben kann. Franziska wird mich auslachen, wenn sie das hier liest. Gekrönt wurde der Abend von einem weiteren Grillfest, das unsere Gastgeber zu Ehren des Geburtstagskindes veranstalteten.

Zu der Zeit war auch Nicole wieder anwesend. Die junge Dame hatte ihr Herz an dieses turbulente Dorf verloren und sehnte sich schon bei ihrer Abreise danach zurück. Sie kam wieder, hatte versprochen, wiederzukommen, doch dieses Mal blieb sie nur eine Woche, legte hier eine kurze Rast auf ihren ermüdenden Reisen quer durch Neuseeland ein, bevor sie weiterzog. Sie versprach aber, noch einmal wiederzukommen. Es war schön, sie wiederzusehen und sich mit ihr zu unterhalten.

An unserem letzten Tag in Franz Josef beschlossen wir unseren Beitrag zur allgemeinen Lärmbelästigung zu leisten und einen Heli-Hike zu machen. Moment, das ist jetzt falsch ausgedrückt und lässt die Sache viel einfacher erscheinen, als sie tatsächlich war. Noch ein Versuch: An unserem letzten Tag in Franz Josef ergab sich _endlich_ die Möglichkeit für einen Heli-Hike.
Ein Heli-Hike ist eine Wanderung auf dem Gletscher, zu dem man mit einem Hubschrauber geflogen wird. Es gibt mehrere Unternehmen in Franz Josef, die diesen Service anbieten, und sie unterscheiden sich nur geringfügig voneinander. Auch der Preis ist mehr oder weniger der gleiche, so dass man nicht lange überlegen muss, mit wem man fliegt. Allerdings ist der Preis mit über 400 NZ$ (ungefähr 266€) doch recht happig, weshalb ich lange mit mir haderte, ob ich das überhaupt machen soll. Als ich mich endlich dazu durchrang, begann eine Odyssee des Bangens.
Das Unternehmen, für das wir uns entschieden, zeichnete sich durch seine Einwohnerfreundlichkeit aus. Unsere Mitarbeiterinnen im Motel hatten uns erzählt, dass man bei einer bestimmten Gesellschaft einen Rundflug mit dem Helikopter um die Gletscher für einen Kasten Bier bekommt, wenn man längere Zeit in Franz Josef arbeitet. Also warteten wir eines Tages mit unserer Anfrage auf, um dort zu erfahren, dass wir auch einen Heli-Hike zum selben Preis bekommen könnten – vorausgesetzt, es war noch Platz in einem Hubschrauber. Natürlich war ich sofort Feuer und Flamme für diesen Vorschlag. Es war ein Angebot, das ich niemals abgeschlagen hätte, da es eines meiner erklärten Ziele hier in Neuseeland war. Allerdings war das Wetter in letzter Zeit nicht sonderlich hubschrauberfreundlich, wodurch der Regen und tief hängende Wolken mir viele Male ein Strich durch die Rechnung machten. Wie sagte Marty so treffend: „Es gibt keinen Regenwald ohne Regen.“ Das sehe ich durchaus ein, dennoch hätte der Niederschlag in so heftiger Form noch einige Zeit auf sich warten lassen können. Wenn ich frei hatte, war das Wetter nicht für fliegende Maschinen geeignet; wenn ich arbeitete, erfreuten sich die Besucher es Motels verschiedener Rundflüge (inkl. Heli-Hikes). Es war zum Verzweifeln. Selbst an einem strahlend blauen Spätsommertag sagte die Fluggesellschaft alle Flüge ab, weil der Wind in den höheren Regionen den Piloten zu schaffen machte. Aber Gletscherwanderungen fanden nur dann statt, wenn sowohl Piloten als auch Gletscherguides glücklich waren. Hinzu kam, dass die Sonnenstunden immer weniger wurden und man die Anzahl der Heli-Hikes von drei auf zwei reduzierte.
Drei Wochen lang stand ich fast jeden Tag auf der Matte und fragte das Personal nach einer Möglichkeit der Gletscherbesteigung. Wenn ich selbst schon die Wahrscheinlichkeit eines Flugs auf null schätzte, machte ich mir nicht einmal die Mühe dort vorbei zu gehen. Am Ende kannte ich jeden Mitarbeiter – und sie erkannten mich. Zwei Tage bevor wir fuhren, wurden wieder alle Flüge gestrichen, doch ich gab noch nicht auf. Wir buchten den frühen Flug am darauffolgenden Tag. An diesem Morgen begrüßte mich Vogelgezwitscher; der Himmel war hell und versprach viel Sonnenschein; es wehte eine sanfte Brise; die Mitarbeiter bestätigten mir, dass es das perfekte Wetter für einen Heli-Hike war. Es konnte losgehen! Meine Aufregung wuchs und wuchs, mit jeder Minute, die verging, konnte ich es weniger erwarten. Es gab noch so viel, das schiefgehen konnte. Aber dann waren wir am Checkin, dann führten sie uns in die Umkleiden, es ging voran.
In der Umkleide bekamen wir große, dicke Stiefel, dazu flauschige, dicke Socken. Wir konnten uns bedienen, wenn es um Fäustlinge sowie wasserdichte Hosen und Jacken ging. Außerdem gab es zu jedem Stiefelpaar eine Umhängetasche, in der Steigeisen waren, die wir später auf dem Eis anziehen würden. Außerdem konnten wir darin unsere Snacks, Kameras und Getränke verstauen. Rucksäcke waren schließlich nicht erlaubt.
Als nächstes versammelten wir uns vor einem Schild mit Sicherheitshinweisen und wurden in Gruppen eingeteilt. Dann führte Bruce (der Inhaber der Fluggesellschaft, der uns beide wiedererkannte und uns mitteilte, dass es gut war, dass wir gebucht hatten, weil wir sonst keine Plätze bekommen hätten) uns zum Hubschrauberlandeplatz, wo wir brav auf unseren Flug warten mussten. Da wir beide der Gruppe drei angehörten, dauerte es ein bisschen, bis wir in diese Maschine stiegen.
Aber dann landete endlich ein Hubschrauber mit unseren Namen drauf – im übertragenen Sinn natürlich, denn sie pinselten die Fluggeräte nicht jedes Mal aufs Neue an. Dies war auch mein erster Hubschrauberflug also war ich ganz aufgeregt. Ich merkte sofort, dass Helikopter in ihren Dimensionen äußerst eingeschränkt sind und dem Piloten der meiste Platz eingeräumt wird. Die sechs Passagiere hingegen sitzen wie Sardinen in dieser mobilen Blechbüchse, die einen ohrenbetäubenden Lärm verursacht. Bruce hatte, wie alle anderen Mitarbeiter, die diesem Spektakel täglich ausgesetzt waren, dicke Kopfhörer, als er uns zu den Türen der Maschine begleitete. Wir mussten uns mit Händen behelfen oder das Knattern ertragen. Kaum saßen wir auf unseren Plätzen, mussten wir uns ordentlich anschnallen und die bereitgestellten Kopfhörer anziehen. Auf diese Art war dem Lärm zumindest ein Dämpfer versetzt. Der Flug und insbesondere die Landung waren sehr sanft, auch wenn man in jeder Kurve die Fliehkräfte deutlich merkte. Es ruckelte allerdings wesentlich weniger als in einem Flugzeuge. Außerdem war es beachtlich zu sehen, welche Windgeschwindigkeiten von dem oberen Rotor erzeugt wurden. Beim Einsteigen nach der Wanderung stand einer der Guides zu nah am Hubschrauber, so dass er vom Wind rückwärts übers Eis geschoben wurde.
Die Aussicht, selbst bei mittigem Sitzplatz in der hinteren Reihe, war spektakulär. Ja, dieses Mal ist dieser Superlativ angebracht. Die Berge, der Gletscher, Franz Josef, der Fluss.

Der Weg zum Gletscher von oben


Der Gletscher aus der Luft betrachtet

Franz Josef aus der Luft

Es war einfach nur genial, das Dörfchen, in dem wir zwei Monate gehaust hatten, von oben zu sehen. Auf dem Rückflug konnte man sogar das Meer in der Ferne erblicken, und er da erkannten wir, wie nah wir doch dran waren. Trotzdem hätte es einen ganzen Tag gekostet, zu Fuß dorthin zu gelangen.
Als wir ausstiegen, setzten unsere Füße direkt auf dem Eis auf. Vorsicht war geboten, denn mit jedem Schritt hätte man rutschen und stürzen können, da wir noch keine Steigeisen angezogen hatten. Wir warteten noch auf den zweiten Teil unserer Gruppe, bevor wir diese Aufgabe auf uns nahmen.

Auf dem Gletscher

Unsere Gletscherführerin hieß Kate, kam aus dem französischen Teil Kanadas und war explizit für diesen Job nach Neuseeland gezogen. Sie war sehr freundlich, für alle Eventualitäten gerüstet und redselig, so dass sie uns die eine oder andere Geschichte über den Gletscher und die Berge erzählte, aber auch Fragen beantwortete, die ihr schon oft gestellt worden waren. Nachdem sie uns erklärt hatte, wie wir die Steigeisen korrekt anziehen und gebrauchen (fest auftreten, Füße recht weit auseinander), ging es auch los. Es krachte und knirschte unter unseren Füßen, als wir die ersten Schritte den sanften Hang hinauf machten.
Nach einiger Zeit auf einer recht flachen Eisebene näherten wir uns den hoch aufragenden, zerklüfteten Eisskulpturen, die wir schon aus dem Hubschrauber gesehen hatten – und wir gingen hindurch.
Meterhoch türmten sich die Eismassen um uns herum auf, gewaltige Schluchten zogen sich durch diese wüste Landschaft, Eis in verschiedenen Farben und Formen umgab uns von allen Seiten, abstrakte Formationen standen inmitten einer absonderlichen Landschaft.
Gletscherlandschaft
Unscheinbare Spalten im gefrorenen Element konnten, bei genauerer Betrachtung, einen ganzen Menschen fassen. Manchmal hörte sich das Eis unter unseren Füßen hohl an und man konnte davon ausgehen, dass es das auch war. Irgendwo unter der Oberfläche lauerte eine Luftblase; vielleicht war sie klein, vielleicht war es eine große Höhle. Je nachdem, wie der Untergrund beschaffen war, knirschte er auf verschiedene Weisen. Man hörte deutlich, ob man auf festem Eis, abgeschlagenen Eissplittern oder nur einer dünnen Schicht stand. Dann gab es noch die zahlreichen Bächlein und Flüsse, die sich unter den Eismassen durchschlängelten, immer wieder an verschiedenen Stellen durchbrachen, um in der nächsten Spalte zu verschwinden. Sie speisten den Fluss, der durch das Gletschertal verlief. Pfützen lagen mal offen dar, mal waren sie von einer dünnen Eisschicht bedeckt. Die ständige Bewegung des Gletschers hatte Höhlen und Falten im Eis geformt; einige konnte man begehen, andere sollte man auf jeden Fall meiden. In einer dieser sicheren Höhlen hatte man ein Seil angebracht, so dass wir daran hochklettern durften. Gefahren lauerten hinter jeder Biegung, bei jedem Schritt, doch unsere erfahrene Reisebegleitung führte uns zielsicher und sicher durch diese exotische Landschaft. Diese abenteuerliche Welt war es wirklich wert, persönlich erkundet zu werden. Ich war dermaßen begeistert. Leider hatte auch dieses Erlebnis ein Ende, das mit jedem Schritt näher kam. Franziska sagte sogar, dass sie auf eben dieses Grinsen in meinem Gesicht (sehr lange) gewartet hatte.

Während wir auf unseren Abtransport warteten, hörten wir gerne einige Geschichtchen der alteingesessenen Eisführer. Der Guide erzählte uns, wie lächerlich es war, dass in Filmen Leute aus fliegenden Helikoptern sprangen. Der Pilot könnte niemals so schnell das entstandene Ungleichgewicht ausbalancieren, so dass das Fluggerät außer Kontrolle geraten würde und erst einmal eine Rolle seitwärts vollführte. Bei Militärhubschraubern mit kontrolliertem Abwurf sähe es wiederum ganz anders aus. Trotzdem war es lustig, das mal aus einer realistischen Perspektive zu betrachten.

Eine letzte lustige Begebenheit gab es, als wir unser Busticket nach Greymouth buchten. Zwar tingelte unser Gastgeber immer wieder mal in die „Metropole an der Westküste“, hatte aber gerade an diesem Tag keine Möglichkeit hinzufahren. So blieb uns nichts anders übrig, als wieder mit dem Intercity zu fahren. Wir hatten noch einige Zeit auf unserem Ticket gut, die wir selbstverständlich nutzen wollten, aber sie brachte uns nicht so weit, wie wir kommen mussten. Also gingen wir zum Intercity-Schalter, der im YHA-Hostel war, und versuchten das ganze über diese Zweigstelle zu buchen. Leichter gesagt, als getan, denn die Leute dort konnten auch nur einige Klicks auf der Website machen. Immerhin hatten sie eine Telefon sowie eine Nummer und stellten uns beides zur Verfügung. Kaum hatte ich einige Worte mit dem Kerl am anderen Ende der Leitung gewechselt, sprach er mich auf einmal in fließendem Deutsch an. Meine Verwirrung währte nicht halb so lang wie die der Umstehenden Leute: Franziska und die Dame am Schalter schienen sich mit Blicken zu frage, ob ich den Verstand verloren hätte. Erst nachdem alles geklärt war, wir unsere Fahrkarten gebucht hatten und das Flexipass-Konto leer war, klärte ich die Situation auf. Der Anblick war Gold wert.

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Montag, 22. Juni 2015
Franz Josef – März-Mai 2015 (Aufenthalt)
Taeglicher Anblick

Fortsetzung:
Zurück zur Teepause: Diese scheint in Neuseeland heilig zu sein. Egal ob es regnet, stürmt, schneit oder die Sonne vom Himmel brennt, „morning tea“ findet statt. Daran gibt es nichts zu rütteln. Morning Tea ist ein absolutes Muss, wenn man in Neuseeland dazugehören möchte. Auch wenn man in den meisten Fällen mit Schwarztee abgespeist wird, störte es niemanden, ob man ihn pur, mit Zucker und / oder Milch trinkt. Kaffee ist auch unproblematisch, weil er einfach unter den Begriff „Morning Tea“ gerechnet wird und auch zu der Zeit getrunken werden darf. Dieses allmorgendliche Ritual unterbrach unseren Putzalltag regelmäßig. Zum heißen Getränk wurde auch immer eine beachtliche Anzahl an Süßigkeiten, meist in Form von Keksen, angeboten. Auch wenn der Tag noch so stressig war und alle Räume auf einmal in Rekordtempo gereinigt werden mussten, die Pause wurde eingelegt und wenn sie nur zehn Minuten dauerte.

Dies gab uns die Gelegenheit unsere Mitarbeiterinnen sowie das Chefehepaar kennenzulernen.
Da gab es Wendy, ein Energiebündel, das jede verdrießliche Situation in einem einsilbigen Schimpfwort zusammenfassen konnte. Wenn es mal besonders schlimm war, brauchte sie mehrere Silben. Je länger sie fluchte, um so schlimmer fand sie die Situation. Sie war keck und ehrlich, nie beleidigend oder hinterhältig, und amüsierte uns immer wieder mit ihren Kommentaren und Fragen. Wendy hatte noch nie die Grenzen Neuseelands überschritten und hielt es auch nicht für notwendig, weil die ganze Welt eh zu ihr kam. Backpacker gab es in diesem Land zuhauf und früher oder später stolperte man über sie. Wenn man dann noch so offen und redselig wie Wendy war, konnte man alles über jeden erfahren, ohne jemals den Fuß vor die eigene Haustür zu setzen. Ich mochte sie sehr. Was mich allerdings besonders erstaunte, war ihre Vorliebe fürs Putzen. Sie liebte es wirklich. Wenn sie nach der Arbeit nach Hause kam, putzte sie ihre Bleibe. Ob Küche, Bad oder Betten, sie war in Windeseile durch, ohne dabei an Tempo einzubüßen. Aber sie nahm sehr viel Rücksicht auf uns und überließ uns einen Großteil der Arbeit, damit wir ein bisschen Geld zurücklegen konnten.
Die zweite Kollegin hieß Alex. Sie war recht klein gewachsen, hatte damit aber keine sonderlichen Probleme, nein, sie machte auch Scherze darüber und ließ sich von Wendy’s spitzen Kommentaren nicht aus der Ruhe bringen. Auch wenn sie von Herzen ein liebenswürdiges Wesen war, konnte sie auch mal Krallen zeigen und bei passender Gelegenheit ihren Wortschatz dem von Wendy angleichen. Sie war weniger für die Reinigung der Zimmer als für die Rezeption zuständig, doch in stressigen Zeiten legte sie auch mit Hand an. Als wir eines Tages nur zu zweit im Motel waren, weil wenig zu tun war, vergaß sie nachzusehen, wie viele Kekse für die Teepause noch da waren. Es gab nur noch einen. Da sie selbst keine Süßigkeiten aß, ließ sie mir den Vortritt. Trotzdem war ihr die Situation so peinlich, dass sie sich noch Wochen später dafür entschuldigte. Mit ihr kamen wir auch sehr gut klar.
Dies waren die beiden Festangestellten, die im Motel gegenüber den Hot Pools arbeiteten. Darüber hinaus lernten wir noch Seba kennen, einen Backpacker, der aus Chile kam.
Mit Seba konnte man sich auch gut unterhalten. Er hatte sich bereits hervorragend an die neuseeländischen Gepflogenheiten angepasst und machte Small Talk, wann immer sich eine Gelegenheit dazu bot. Wir erfuhren viel über seine Heimat, seine Reiseziele und eben solche Kleinigkeiten. Er war ein angenehmer Kollege, mit dem man einfach zurecht kam.
Über Anne und Richard, das Ehepaar, das dem Motel als Manager vorstand, schrieb ich an verschiedenen Stellen dieses Beitrags schon genug. Sie waren anstrengend.

Als Nicole, die im Montrose Backpackers arbeitete und lebte, sich nach zweieinhalbmonatigem Aufenthalt im Ort Franz Josef zur Weiterfahrt entschloss, lud Ceasar uns ins King Tiger, ein indisch-chinesisch-thai Restaurant, dessen Name an der gesamten Westküste der Südinsel einen guten Ruf genießt, ein, wo er die Getränke für das Team stellen wollte. Nicole war eine treue und zuverlässige Arbeitskraft, so dass es mit einem einfachen Grillabend nicht getan war. An dem Abend selbst wurde Ceasar erst einmal bewusst, wie wenige Mitarbeiter er noch hatte. Von ehemals dreizehn Leuten waren nur noch vier geblieben. Kurzerhand ändere er seine Pläne und bestellte einen bunt gemischten Vorspeisenteller für alle; Getränke holte man jetzt selbst.
Die kulinarische Mischung des Restaurants klingt abenteuerlich und auch die mangelnde Konkurrenz in der Ortschaft flößt auf den ersten Blick nicht eben Vertrauen ein. Doch der Besitzer wusste schon, was er tat, als er drei Köche verschiedener Nationalitäten einstellte. Bei unserer Fahrt nach Franz Josef hörten wir den Namen King Tiger erstmalig, als der Busfahrer uns einen Besuch des Lokals wärmstens empfahl. Die Vorspeisen an diesem Abend überzeugten uns von der Qualität sowie dem verdienten guten Ruf.
Ich hätte nicht mehr als eine Vorspeise bestellt, weil ich eh keinen großen Hunger hatte, aber diese Einladung ersparte mir die Qual der Wahl. So hatte ich die Möglichkeit alles einmal zu probieren, ohne zu viel zu essen. Es stellte sich heraus, dass das Naan-Brot in seinen verschiedenen Variationen mein Favorit wurde. Keinesfalls soll dies heißen, dass die Wantans, das frittierte Hähnchen oder andere Speisen nicht lecker waren. Alles schmeckte gut bis sehr gut, einschließlich der Edamame, die nun wirklich keine Herausforderung darstellen; Naan hat für mich nur das Rennen gemacht.
Auch wenn ein gutes Essen in meinem Weltbild eine zentrale Rolle einnimmt, lag meine Aufmerksamkeit auch auf den anderen Leuten am Tisch. Auf diese Weise lernten wir vor allem unseren derzeitigen Gastgeber näher kennen. Ceasar liebte die Deutschen. Erika nicht minder. Ihr Traum war es schon seit langem einen großen, gut aussehenden, reichen Deutschen zu heiraten. Stattdessen hatte sie nun Ceasar.
Ceasar äußerte sein besonders Interesse an Deutschland durch seine Begierde die deutsche Sprache mit all ihren Tücken und Grausamkeiten zu erlernen. Unablässig fragte er seine deutschen Helfer nach Worten und Sätzen, die er dann unermüdlich wiederholte, um seine Aussprache zu perfektionieren. Er begann bei den Schimpfworten, daher würde es sich hier nicht geziemen, sein neu erworbenes Vokabular oder seine Fortschritte in der Aussprache wiederzugeben, doch möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass er explizit nach diesen und ihnen verwandten Ausdrückten fragte.
Nachdem unser Host eine recht ansehnliche Menge deutscher Flüche und Beleidigungen zu seiner Zufriedenheit gemeistert hatte, ging er dazu über, die anwesenden Jungs nach Anmachsprüchen zu fragen. Er selbst bezeichnete diese als „Komplimente“. Erika saß ihm nur gegenüber und schüttelte den Kopf. Ceasar lernte, dass Wort „hübsch“ auszusprechen, in dem er einen Schluckauf simulierte. Er konnte es sich trotzdem nicht lange merken. Zu guter letzt bestand Ceasar darauf, noch einen ganz wichtigen Satz zu lernen. Während Nicole sich ein Getränk an der Bar abholte, lernte Ceasar sich gebührlich bei ihr zu bedanken – auf Deutsch natürlich. An einem Punkt schrie Erika Ceasar an, dass sie ihm doch gesagt hatte, sie hätten nach Deutschland auswandern sollen, nicht Neuseeland. Sie mögen Deutsche wirklich sehr.
So floss er dahin, unser Abend, an dem wir frei haben sollten. Ungeachtet dessen, dass das Essen gut war, sehnte ich mich nach einem Abend ohne Termine. Es würde bestimmt noch so eine Gelegenheit kommen.

Es folgen einige Informationen zu unseren Gastgebern: Ceasars kleine Familie besteht aus nur drei Individuen: Cearsar selbst, seiner Frau Erika und dem Welpen Olaf. Olaf war weniger als ein Jahr alt (da wir mehrere Monate in Franz Josef zubrachten, wurde er natürlich mit jedem Tag älter, weshalb eine akkurate Bestimmung hier verfremdend wäre), wurde nach einem Asterix-Charakter benannt und wog ca. 45 kg. Er war Bernhardiner, also auch als Welpe schon riesig. Außerdem war er fluffig und verschmust. Es war ein lang gehegter Traum von Erika, sich so einen Hund anzuschaffen, weil sie in Argentinien sehr beliebt sind. In Neuseeland wurde dies möglich.
Wenn wir schon einmal von unseren Gastgebern reden: Ceasar schien auch überall mitmischen zu wollen. Bei einem gemütlichen Grillabend (davon gab es mehrere) erzählte er uns, was er sich schon alles dank seiner Amateur-Rugby-Karriere gebrochen hatte (Rippen, Nase, Finger), um tags darauf nach einem Rugby-Spiel mit gebrochener Nase nach Hause zu kommen. Er machte sich sogar einen Spaß daraus, sie noch einige Male knacken zu lassen. Darüber hinaus war er bei der freiwilligen Feuerwehr von Franz Josef. Ceasar erzählte uns, dass sie früher zu sechst waren, jetzt aber nur noch fünf Leute sich um die Sicherheit des Örtchens kümmerten.
Erika hingegen war aus anderem Holz geschnitzt und setzte andere Prioritäten. Bei unserem ersten Versuch Scones zu backen, war sie schon begeistert. Bei den ersten Käse-Scones lag sie uns zu Füßen. Es stellte sich heraus, dass Erika alles liebte, was mit Käse überbacken war. Franziska entwickelte eine Bandbreite an herzhaften Backwaren, mit denen Sie unsere Gastgeberin um den Finger wickeln konnte. Erika nahm alles dankend entgegen, stellte dafür aber immer einen Teil der Zutaten, so dass wir alle glücklich und gut verpflegt waren.

Wie schlecht Franz Josef und ich auskommen sollten, wurde schon innerhalb einer Woche nach meiner Ankunft klar. Plötzlich ging mein Laptop kaputt. Eines Tages hing er sich auf, alles gefror und er fuhr nicht mehr ordentlich hoch. Nein, dieser Ort und ich würden nie Freunde werden, zumal die Serie an Pannen sich bei verschiedenen Gelegenheiten wiederholte. Hier eine kurze Aufzählung.

Eines Abends, als Franziska ihre Wasserflasche auffüllen wollte, fiel ihr eine doch eher ungesunde Farbe auf, die die sonst so klare Flüssigkeit angenommen hatte. Da Franziskas Trinkflasche getönt ist, sind wir froh, dass sie es rechtzeitig bemerkte. Wir holten ein Glas, um unsere Vermutung zu verifizieren, und tatsächlich war das Wasser gräulich. Bei genauer Betrachtung fand man eine nicht unerhebliche Menge an Schwebstoffen in dem sonst bedenkenlosen Leitungswasser. Unser Gastgeber war über diesen Zustand bereits in Kenntnis gesetzt worden. Im Laufe des Abends prüften wir immer wieder, wie der Wasserzustand war, nur um nach kurzer Zeit festzustellen, dass das trübe Grau sich zu einem noch trüberen Braun gewandelt hatte. Was hier aus den Rohren floss, kann nur noch mit Schlamm tituliert werden. Glücklicherweise hielt dieser Zustand nicht allzu lange an. Unglücklicherweise lag dies nur daran, dass das Wasser völlig ausfiel. Innerhalb einer Stunde wechselten wir von schlechter Wasserqualität über miserables Gebräu zu gar keinem fließenden Wasser mehr. Unserem Host kann daran allerdings nicht die geringste Schuld gegeben werden, denn wie sich herausstellte, fehlte dem gesamten Ort das lebensspendende Nass. Eine E-Mail informierte alle Einwohner darüber, dass 10 Liter / Sekunde in das den Ort speisende Wasserreservoir einflossen, während 13 Liter / Sekunde daraus geschöpft wurden. Man muss kein Genie sein, um sich die Folgen auszumalen. Kurz gesagt: Wir waren auf Grund gelaufen. Gleichzeitig hatte das dreckige Wasser die Filter der Wasserstation beschädigt, so dass diese ausgetauscht werden mussten. Dies ging nicht von hier auf jetzt, auch wenn die Behörden sich wirklich zügig an die Beseitigung dieser Unannehmlichkeit setzten.
Über mehrere Stunden zog sich dieser beklagenswerte Zustand dahin. Da wir nicht mit so einem Ausfall gerechnet hatten und bis dahin von Leitungswasser zu leben pflegten, saßen wir auf dem Trockenen, insbesondere weil der einzige Lebensmittelladen des Dorfes bereits geschlossen war. Unsere spärlichen Reserven mussten reichen; Körperpflege war nicht möglich, Küchen putzen ebenso wenig. Als das Wasser endlich wieder floss, war es immer noch nicht zum Trinken geeignet, da es sich um Rohwasser handelte. Dank der verstopften Filter befanden sich immer noch besorgniserregenden Schwebstoffe darin.
Ceasar sah sich gezwungen, Wasser für seine Gäste und Angestellten zu kaufen und kostenlos zur Verfügung zu stellen. Kaum dass der Supermarkt geöffnet hatte, holte er mehrere Kanister. Die Kommune reagierte, indem sie einen Tanklaster mit Trinkwasser auf die Straße stellte, der bis zur Behebung des Problems die Bevölkerung versorgen sollte. Es dauerte mehrere Tage, bis die Trinkwasserqualität wieder hergestellt werden konnte.
Danach fanden die Hotel-, Motel- und Was-auch-immer-Besitzer heraus, dass sie auch die Filter in ihren eigenen Gebäuden reinigen mussten, weil diese ebenfalls durch das Dreckwasser verstopft und verdreckt worden waren. Immerhin konnte Ceasar diese Schwierigkeit eigenständig aus dem Weg räumen.

Eines Tages brachen wir nach der Arbeit auf, um einen der zahlreichen Wanderwege dieses Tals in Angriff zu nehmen. Den Canavas Knob Walk, der etwas mehr als eine Stunde hin und zurück in Anspruch nahm. Das Wetter war gut, die Hubschrauberbelästigung dementsprechend hoch, aber es war nicht so drückend heiß, so dass wir uns einen kleinen Aufstieg zutrauten. Von einer Anhöhe aus sollte man einen phantastischen Ausblick auf den Gletscher genießen können, auch wenn man noch weit entfernt war. Zielstrebig stiefelten wir los, überquerten die abenteuerliche Brücke und wandten uns nach rechts, gen Norden, am Fluss entlang. Der Marsch über den Deich war recht angenehm, wir bekamen mal einen anderen Blickwinkel auf das mittlerweile so bekannte Dörfchen und die Bewegung tat gut. Als wir am Fuß des Hügels ankamen, informierte uns ein offizielles Schild darüber, dass dieser Wanderweg vorläufig gesperrt war.

Canvas Knob Walk

Unser Ausflug nahm ein jähes Ende. So stapften wir ein wenig geknickt wieder zurück. Stattdessen beschlossen wir uns den Hubschrauberlandeplatz anzusehen. Er war laut und stank nach Kerosin – aber so nah war ich bisher noch keinem Helikopter gewesen. Im Internet erfuhren wir später auf der offiziellen Seite, dass der Canavas Knob Walk bis mindestens Mitte 2015 gesperrt bleiben würde, da Steinfälle den Weg unpassierbar gemacht hatten. Enttäuschend.

Nachdem ich mich damit abgefunden hatte, dass ich in Anbetracht der gegebenen Umstände nicht dazu in der Lage sein würde die Probleme meines Laptops zu beheben, suchte ich nach Alternativen Dinge zu erledigen, für die man einen Rechner braucht. Franziska war so freundlich mir ihr Gerät zur Verfügung zu stellen, aber da sie es oft selbst brauchte, wollte ich es nicht dauernd in Beschlag nehmen. Zum Glück war es mir gelungen einige Dateien des täglichen Gebrauchs auf USB-Sticks zu sichern. Mit diesen kleinen Wunderpaketen gerüstet begab ich mir zum Hostel-eigenen Desktoprechner, um einige Dateien zu sortieren und ordentlich zu benennen – und handelte mir bei der Gelegenheit einen Virus ein. Franz Josef meinte es wirklich gar nicht gut mit mir oder meiner Elektronik. In Ermangelung fortgeschrittener Informatikkenntnisse, war ich gezwungen das Virus zu löschen, die Dateien zu sichern, den Stick zu formatieren und die Daten neu aufzuspielen. Meine Begeisterung war unermesslich.

Eines Nachts, es war drei Uhr morgens, hätte ich mir beinahe den Kopf am oberen Bett gestoßen, als ein ohrenbetäubender Lärm das ganze Dorf aus den Federn riss. Der Feuerwehralarm in Franz Josef (und anderen Städten Neuseelands) ist nicht mit dem in irgendeiner deutschen Stadt zu vergleichen. Es ist ein lautes Heulen, das im Bruchteil einer Sekunde seinen vollen Klang entfaltet und nur mit Sirenen zu vergleichen ist, die vor einem Luftangriff der Alliierten warnen. Selbst wenn man den Alarm abstellte, dauerte es eine Minute, bis der Lärm völlig abgeklungen war – von dem Dröhnen im eigenen Kopf ganz zu schweigen. Da die Feuerwehr nur 20 Meter Luftlinie vom Montrose entfernt stand, bekamen wir das unverfälschte Sinneserlebnis geboten. Die Feuerwehr in Franz Josef besteht aus nur fünf Mann, alle sind freiwillig dabei und die Sirene, die automatisch ausgelöst wird, sobald in einem Gebäude der Feuermelder anspring, wird vom ersten Mann vor Ort ausgeschaltet. In dieser Nacht wer es unser Gastgeber, Ceasar. Ein Café auf der Hauptstraße hatte Feuer gefangen und war völlig ausgebrannt. Niemand wurde verletzt und die Feuerwehrmänner konnten Verhindern, dass die Flammen weitere Gebäude beschädigten. Am nächsten Morgen sah man Ceasar allerdings an, dass er nicht viel geschlafen hatte.

All dies klingt, als wäre der Aufenthalt in Franz Josef nichts als eine endlose Tortur für mich gewesen. Dies trifft nicht so ganz zu, denn obwohl ich dem Ort in keiner Weise nachtrauere oder mich dort ansatzweise wohlfühlte, gab es einige schöne Momente.

Beispielsweise hatten wir das Vierbettzimmer, das anfangs so voll war, die meiste Zeit für uns alleine. Lisa zog, einige Tage nachdem wir angekommen waren, aus; Nicole folgte ihr in nicht weiten Abstand. Damit ließ es sich ganz gut leben.

Nachdem wir den Job im Motel sicher hatten, beschlossen wir uns einmal die Woche mit einem Essen auswärts zu belohnen.
Wir aßen Hamburger im KiwiKai, einer Art Grill-Bude, die Fastfood anbietet. Für 12 $ pro Burger hätte ich mehr erwartet; außerdem passte rote Beete nicht zu meinem Burger. Das Essen war fade und verdient keine Empfehlung.

Wir suchten mehrfach die Bäckerei Picnics auf, die damit warb europäisches Gebäck anzubieten – wir suchen immer noch danach. Die neuseeländischen Spezialitäten hingegen waren hervorragend. Einmal gab es Pie, ein anderes Mal nahmen wir Pasteten, beides Köstlichkeiten. Wir versuchten sogar ein Brot aus diesem Geschäft und ja, es verdiente diesen Namen: Es leistete Widerstand, wenn man draufdrückte oder darauf kaute, hatte eine Kruste und hielt länger als eine Stunde satt. Allerdings war es mit 4 $ / 500 g-Laib sehr teuer. Wir bekamen auch oft Doughnuts aus dieser Bäckerei, weil Ceasar damit seinen Dank gegenüber der Mannschaft ausdrückte. Allerdings waren es eher riesige Berlinerballen. Ein solcher Doughnut reicht meist für ein ganzes Lunch. Sie waren sehr lecker.

Unübertroffen an erster Stelle steht allerdings das King Tiger. Nachdem wir bei Nicoles Abschied einen ersten Eindruck von diesem Restaurant erhalten hatten, beschlossen wir eine vollwertige Mahlzeit dort einzunehmen. Zumal sowohl Wendy als auch Alex die Currys dort wärmstens empfahlen. Als wir dann aber an diesem viel zu kleinen Tisch saßen, nahm keine von uns beiden Curry. Stattdessen gab es andere Leckereien, die den Namen mehr als verdienen. Abgerundet wurde das vorzügliche Mahl durch 10% Rabatt, da wir dank unseres Jobs als Einheimische galten – diesen Hinweis hatten wir von unseren Kolleginnen bekommen.
Nicoles Wiederkehren und Wieder-Abschied-Nehmen gab uns die Gelegenheit für noch einen Besuch des King Tiger.

Bei einer anderen Gelegenheit kochten wir eine Mischung aus deutschen, neuseeländischen und chinesischen Gerichten. Durch die hohe Fluktuation an Helfern lernten wir immer wieder neue Leute kennen. Darunter waren auch zwei Chinesen: Becky und Three. Eines Nachmittags verabredeten wir uns zu einem gemeinsamen Essen, zu dem jede Partei einen kleinen Beitrag dazu steuerte. Zugegeben, die Idee war äußerst egoistisch geprägt, da wir beide ein original chinesisches Gericht probieren wollten, um es mit den in Deutschland üblichen Restaurants zu vergleichen. Es war ganz anders und richtig lecker. Wir steuerten Laugenstangen und Pavlova bei. Eine einmalige Kombination, die allen sehr gut schmeckte.

Wir kehrten für ein Lunch ins Full of Beans ein. Die Speisekarte war nicht sonderlich ausgearbeitet, da es sich um ein Café handelte, das eben von Getränken und Kuchen lebte. Aber das Müsli war einfach lecker. Es war auch auf eine ausgefallene Art angerichtet:

Muesli

Auch im The Landing gönnten wir uns eines Tages ein üppiges Lunch, das für mich wieder zu einem Frühstück wurde. Ich mag Frühstück in seinen vielen Farben und Formen einfach ungemein. Diesmal gab es poschierte Eier auf Toast mit Würstchen. Franziska hatte einen riesigen Burger, den man nur mit Messer und Gabel essen konnte, ohne die Hälfte der Mahlzeit auf sich selbst zu verteilen. Das Essen war sehr gut und handfest.

Ein Problem gibt es aber bei allen neuseeländischen Mahlzeiten: Sie sind nicht salzig. Der Staatsfeind Nr. 1 in Neuseeland ist das Salz, weil es ja so ungesund ist. In Anbetracht der Leute, die ich auf den Straßen Neuseelands sah, würde ich eher Fett und Zucker den Kampf ansagen, aber das ist nur meine Meinung. Vor allem alteingesessene Neuseeländer starrten uns mit Entsetzen auf den Gesichtern an, wenn wir – ordentlich – nachsalzten. Wie oft hörten wir den Ausdruck „But it’s bad for you!“ („Aber es ist schädlich!“)? Anstatt mitzuzählen starrte ich immer wieder verständnislos zurück.

Eines sonnigen Tages entschieden wir uns für einen Spaziergang. Die Arbeit war schnell erledigt, so dass wir noch vor der Mittagszeit zurück im Hostel waren. Da wir das unbeständige Wetter der Region mittlerweile kannten, wollten wir uns die Sonnenstunden nicht entgehen lassen. Ursprünglich war die Ideen den Lake Mapourika zu sehen, Ceasar hatte sich früher angeboten uns hinzufahren, nur um die Aussicht zu genießen, aber er war an diesem Vormittag nicht zur Hand. Laut Ceasar war der See circa fünf Kilometer von Franz Josef entfernt, so dass wir drei Stunden für den Hin- und Rückweg brauchen würden. Es schien uns ein bisschen viel für einen Tag, an dem wir schon gearbeitet hatten, also wollten wir uns in eine Richtung fahren lassen, um dann gemütlich zurück zu schlendern. Nächstes Mal. Also gingen wir stattdessen zum Peter’s Pool. Die Entfernung war nur geringfügig geringer, so dass wir insgesamt mehr als zwei Stunden unterwegs waren. Wir packten uns ein schnelles Lunch, zogen uns gemütliche Kleidung an und stiefelten in südliche Richtung davon.
Die Strecke war durchwachsen. Zuerst mussten wir den Fluss über die abenteuerliche Brücke überqueren,
Bruecke
dann einige Zeit dem Straßenverlauf folgen. Während links von uns der Fluss sanft rauschte, fuhren rechts in unregelmäßigen Abständen Autos vorbei. Untermalt wurde die akustische Kulisse von den allseits präsenten Helikoptern. Über uns ragten zu allen Seiten die Südlichen Alpen in die Höhe. Nach der Hälfte der Strecke trennte sich der Fußgängerweg vom Straßenverlauf und ein sanft gewundener Pfad für Fußgänger und Radfahrer gleichermaßen schlängelte sich durch das urwäldliche Dickicht.



Bäume und Farne umfingen uns, als wir zielstrebig über den Schotterweg stapften. Ab und zu kam man an einem Bächlein vorbei, das munter vor sich hin plätscherte. Klares Gebirgswasser tanzte um blankpolierte Steine. Verschiedene Vögel flogen von Ast zu Ast, von Baum zu Baum. Manchmal war ein fremdartiges Zwitschern oder Rufen zu hören. In den zwanzig zusammenhängenden Sekunden, in denen kein Hubschrauber vorbeiflog, konnte man den Weg mit seiner idyllischen Landschaft sogar genießen. (Ja, gut ich glaube, dass jeder jetzt verstanden hat, wie wenig ich diese Hubschrauber leiden konnte. Ich versuche mich in Zukunft zu zügeln.)
Am Parkplatz, von dem aus mehrere Routen mit verschiedenen Zielen begangen werden konnten, sahen wir uns nur kurz um, bevor wir den Schildern zum Peter’s Pool folgten. Dort wurde uns eine, ich zitiere, „spektakuläre“ Aussicht auf den Gletscher versprochen. Der Peter’s Pool ist ein Überbleibsel des Franz Josef Gletschers. In ferner Vergangenheit reichten die Eismassen bis an die Küste und ragten sogar bis ins Meer hinein. Als der Gletscher sich im Laufe der Jahrhunderte immer weiter zurückzog, hinterließ er mal hier, mal da einige gewaltige Eisklumpen, die tauten und auf diese Art kleine Seen formten. Dieser Teich war also nur ein kleiner Vertreter seiner Gattung.
Wieder ging es durch Wald und Buschwerk und nach kurzer Zeit waren wir an unserem Ziel angelangt. Sogleich nahmen wir eine der beiden Bänke in Beschlag und die Aussicht in uns auf.

Peters Pool

Einige Meter vor uns lag der Pool, umrankt von Gras, Schilf, Sträuchern, Büschen und Bäumen, am Horizont erstreckte sich die Bergkette mit dem Gletscher in der Mitte. Ein Entenpaar schwamm bedächtig vorbei. Links davon war der Berg grüngesäumt; rechts sah man die ersten Spuren einer rauen, kahlen Welt aus Stein und Geröll. Die Landschaft spiegelte sich im kristallklaren Wasser. Zugegeben, der Ausblick war schön, aber spektakulär ist anders. Wir hatten recht gutes Wetter, so dass man tatsächlich noch den Bergrücken sehen konnte. Also nahmen wir unser mitgebrachtes Lunch ein, machten einige schöne Fotos und stapften zurück zur Herberge.

Eines anderen Tages, als wir beide frei hatten und das Wetter herrlich war, beschlossen wir diese Gelegenheit zu nutzen, um der größten Touristenattraktion dieses Ortes mal ein bisschen näher zu kommen. Wir packten ein bisschen Proviant, berichteten unseren Gastgebern von unserem Aufbruch und marschierten los. Wie viel Glück wir an diesem Tag hatten, merkten wir erst auf dem Rückweg, als der Regen langsam einsetzte. Während unserer Wanderung hatten wir aber die ganze Zeit Sonnenschein und einen merklichen Wind. Bergwetter ist nun einmal äußerst unbeständig, besonders in Neuseeland. Es war für uns wirklich ein Tag, den wir sehr gut genießen konnten. Nach einer kurzen Rast am Parkplatz begaben wir uns also auf unbekanntes Terrain.
Die Information am Anfang des Pfades setzte uns darüber in Kenntnis, dass die Bedingungen unterwegs gut waren und man auf 500 Meter gefahrlos an den Gletscher herangehen konnte. Zu Beginn stapften wir noch durch den Regenwald, durch den eine breite Schneise geschlagen worden war, um einen vernünftigen Weg anzulegen. Mehrere Menschen fanden hier nebeneinander bequem Platz. Wie zuvor schlängelte der Pfad sich idyllisch durch das Unterholz, bis dieses ein abruptes Ende fand – zusammen mit dem schön gepflegten und ausgebauten Weg.

Auf dem Weg zum Franz Josef Gletscher 1

Was sich vor uns erstreckte war ein Hauch meiner Vorstellung von Neuseeland. Links und rechts von uns türmten sich die waldbewachsenen Berghänge auf; durchbrochen wurden sie mal hier, mal dort von scharfkantigen Felsen; der Weg, kaum mehr als ein unbeschlagener Trampelpfad, wurde nur noch durch brusthohe Poller markiert; Sturzbäche ergossen sich mal in tosenden Kaskaden, mal als dünne Rinnsale zwischen den immergrünen Bäumen. Nicht weit vom markierten Weg ergoss sich einer dieser Sturzbäche in einen Nebenarm des Gletscherflusses. Der relativ kleine Wasserfall, der die letzten Meter dieses Baches bildete, erzeugte ein hohes Zischen, das sich nahtlos in diese abstruse Kulisse einfügte.

Auf dem Weg zum Framz Josef Gletscher 2

Wir waren im Tal angekommen. Einen Steinwurf zu unserer linken lag das Flussbett, das unentwegt eiskaltes Gletscherwasser von der Spitze des Berges zum Meer hin führte. Obwohl es jetzt nur ein schmaler Bach war, zeugte die Landschaft um das breite Flussbett von den gewaltigen Wassermassen, die hier im Frühling über die Steine spülten. Die Ufer um das Flüsschen herum waren tief zerfurcht, Landspitzen zwangen dem Wasser einen neuen Lauf auf, während sie anderenorts vom nassen Element fortgeschwemmt worden waren. Es war eine Momentaufnahme des ewigen Kampfes zweier unerbittlicher Elemente. Um uns herum wuchsen nur noch einige Sträucher, die bald aber auch schwanden. Der tropische Regenwald wurde von einer unwirtlichen und unwirklichen Steinlandschaft abgelöst.

Auf dem Weg zum Franz Josef Gletscher 3

Erbarmungslos und ehrfurchtsgebietend türmten sich die Landmassen um uns herum auf, während wir den Weg immer weiter gingen. Anfangs noch eben und recht einfach zu bezwingen, begann der Pfad sich bald empor zu schlängeln, um dem ewigen Eis auf dem Bergrücken näher zu kommen. Die Steine auf dem Boden waren nur lose, so dass wir auf unsere Schritte achten mussten. Wahrscheinlich waren sie bei der letzten Überflutung der Strecke angeschwemmt worden und würden ebenso einfache bei der nächsten abgetragen werden. Und immer wieder ragten um uns herum imposant einige Felsen wie abgehackt aus dem Erdreich in die Höhe.
Je näher wir unserem Ziel kamen, umso mehr Absperrungen und Warnschilder fanden wir vor. Da der Gletscher sich immer weiter zurückzog, gab es keinen sicheren Weg mehr, ihn über den Landweg zu erreichen. An der letzten Absperrung blieben wir stehen und ließen diese natürliche Sehenswürdigkeit auf uns wirken. Obwohl es hier oben durch einen stetigen Wind sehr kalt war, ließen wie es uns nicht nehmen, ein kleines Picknick zu veranstalten. Allerdings war es schwierig, da uns die trockenen Corn Flakes wegflogen. Zudem gab es dort keine Sitzgelegenheit außer Steinen, von denen nur wenige eine brauchbare Form hatten, um uns dienlich zu sein.

Am Fuß des Franz Josef Gletschers

Ich war schlichtweg begeistert und genoss jeden Moment in dieser rauen Umgebung sehr.
Auf unserem Rückweg machten wir noch einen Abstecher zum Sentinel Walk. Von dort aus sollte man einen herrlichen Ausblick auf den Gletscher und seinen Fluss werfen können, und da es nur zwanzig Minuten hin und zurück dauerte, wollten wir es uns nicht nehmen lassen. Ein schmaler, gewundener Pfad führte zu einer Aussichtsplattform auf einer Hügelflanke. Die Aussicht war schön, ja, aber nach dem zuvor begangenen Weg fand ich sie zu idyllisch und ereignislos. Wir waren von immergrünem Wald umgeben, die Plattform war aus Holz, sehr gut befestig, und die Infotafeln wirkten steril. Es wurde dem Gletscher einfach nicht gerecht. Immerhin konnten wir so herausfinden, woher das Dorf Franz Josef seinen Namen hatte: Wie kaum anders zu erwarten war, bezog es sich auf einen Herrscher Österreich-Ungarns, einen der vielen Franz-Josefs. Der europäische Entdecker Julius von Haast gab dem Gletscher 1865 seinen heutigen Namen. Das Dorf im Tal kam erst später hinzu. Die Maori nannten den Gletscher Ka Roimata o Hine Hukatere, was zu Deutsch „Die Tränen von Hine Hukatere“ heißt. Mit diesem Wissen gewappnet, zogen wir zurück in die Herberge.

Es entstand auch mal eine Gelegenheit für einen Ausflug zum Mapourika See gefahren zu werden und zu Fuß wieder zurück zu marschieren. Der Arbeitstag war kurz, das Wetter hervorragend, Ceasar hatte Zeit, optimale Bedingungen. Nach dem Lunch brachen wir auf. Schon auf der Hinfahrt machten sich erste Zweifel breit, ob Ceasars Einschätzung von eineinhalb Stunden für den Weg zu Fuß stimmte. Immerhin fuhr er durchschnittlich 100 km/h über einen Zeitraum von ungefähr fünfzehn Minuten. Aber er bot uns an, dass er uns auch wieder abholen würde, wenn wir es wünschten. Da wir seinen Telefonnummer hatten (besser gesagt: die von Erika), machte ich mir keine Sorgen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich auch noch nicht, wie schlecht die Qualität des Empfangs unterwegs sein würde. Ceasar wollte aber nach uns suchen, wenn wir bis 20 Uhr nicht wieder bei ihm wären. Das war doch locker zu schaffen!
Nachdem wir also einige Tipps von unserem Gastgeber bekommen hatten, was wir uns hier am See sollten, ließ er uns einfach so zurück – auf eigenen Wunsch, versteht sich. Ein schmaler Pfad führte vom Campingplatz durch tief hängende Äste und dichtes Buschwerk zum See. Selbstverständlich war die Aussicht malerisch, ja, ein gefundenes Postkartenmotiv.
Lake Mapourika
Die Neuseeländer verstehen sich hervorragend darauf, ihre Landschaft in Szene zu setzen und sie einem möglichst großen Publikum zugänglich zu machen. Gleich am Ufer stand sogar ein Picknicktisch – bereit eifrigen Reisenden eine Verschnaufpause in idyllischer Umgebung zu gewähren.
Leider war das schon alles.
Obwohl der See sich weit erstreckte, gab es keine Wanderwege an seinem Ufer entlang. Nur die Straße in einigen Metern Entfernung. Wir betrachteten den See mit den Bergen im Hintergrund, machten Fotos (wie man sieht), gingen noch an einem nahe gelegenen Bach entlang und entschlossen uns dann für den Heimweg. Wie bereits erwähnt, gab es nur die Straße, die nicht einmal einen Streifen für Fußgänger aufwies. Neuseeländer bevorzugen selbst für kurze Strecken eine motorisierte Fortbewegung. So marschierten wir mit strammen Schritten am Fahrbahnrand entlang, wobei wir nur kurze Pausen für diverse Fotos derselben Sehenswürdigkeiten (Alpen mit Franz Josef-Gletscher) einlegten. Die Strecke wollte und wollte einfach nicht kürzer werden. Also beschloss Franziska unsere Fortschritte auf der nicht maßstabsgetreuen Karte, die wir bei Ankunft im Montrose Backpackers erhalten hatten, festzuhalten. Bei markanten Landmarken schrieb sie die Uhrzeit dazu und rechnete dann hoch, wie lange wir wohl für den Rückweg brauchen würden. Ihre Einschätzung traf erschreckend genau zu.
Nach eineinhalb Stunden Wanderung in einem Tempo, das alles andere als langsam war, befanden wir uns noch nicht einmal in der Nähe unseres vorübergehenden Heimatortes. Tatsächlich waren wir – gefühlt – näher am See als am heimischen Herd. Glücklicherweise hatten wir einige Knabbereien mitgenommen, so dass wir uns bei Kräften halten konnten. Es gilt zu bedenken, dass das Lunch schon mehrere Stunden zurücklag und wir fast die ganze Zeit zu Fuß unterwegs waren.
Unterwegs begegneten uns keine Fußgänger, bis wir an die Randbereiche von Franz Josef herankamen. Wir hätten mit Sicherheit per Anhalter mitfahren können, aber dann wären wir nicht in der Lage gewesen, Ceasar eine genaue Zeit für unsere Wegstrecke zu nennen. Unseren Gastgeber anzurufen war hingegen den größten Teil der Strecke schlichtweg unmöglich, weil wir keinen Empfang hatten. Es ist schließlich Neuseeland.
Dank unseres Durchhaltevermögens entdeckten wir die entlegensten Teile dieser touristischen Siedlung: Fachgeschäfte und Unterkünfte weit außerhalb des „Zentrums“ schmückten sich mit dem Namen des hiesigen Gletschers. Wir sahen die Dorfschule, eine Farm mit einem Emu, Schafe und europäische Bäume. Alles in allem war es eine angenehme Wanderung, nur mangelte es der Strecke an Abwechslung.
Endlich, nach 2 Stunden 45 Minuten, fielen wir in der Rezeption der Herberge ein und klärten Ceasar über seinen kleinen Irrtum auf. Er war ganz erstaunt – Erika nicht. Woher auch immer Ceasar seine Informationen bezogen hatte, sie waren schlicht falsch. Von nun an konnte er seinen Gästen mit realistischen Zeitspannen aufwarten.

tbc

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Sonntag, 21. Juni 2015
Franz Josef – März-Mai 2015 (Ankunft)
Will man das 300-Seelen-Dorf Franz Josef in einem Wort beschreiben, drängt sich einem geradezu das Adjektiv „laut“ auf. Zwei Worte? Unerträglich laut.
Um die majestätische Berglandschaft mit tropischem Regenwald und Gletscher vor der Haustür genießen zu können, muss man schon taub sein. Anders kann ich mir das Fortbestehen der Siedlung und seiner Einwohner nicht erklären, vom Zustrom der Touristen mal ganz zu schweigen.
Natürlich bin ich mir darüber im Klaren, dass mit wachsender Anzahl von Menschen auch der Lärmpegel steigt. Dementsprechend wusste ich, dass ich mich an Straßengeräusche, Technik und einige Leute mit musikalischen Eigenarten einstellen musste, als ich Martys beschauliches Heim am Privatstrand verließ. Aber hierauf hätte mich niemand vorbereiten können.
In Franz Josef könnte man meinen, man sei in einem Krisengebiet eingetroffen, und wundert sich dann, dass man keine Blauhelmsoldaten zu Gesicht bekommt. Die passenden Hubschrauber flogen schließlich ununterbrochen von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends über das Dorf hinweg. Hinzu gesellten sich noch kleine Propellerflugzeuge. Ich hätte nie gedacht, dass so wenig Menschen so viel Lärm erzeugen können.
Hinzu kommt, dass meine Ankunft in der Ortschaft von Anfang an unter keinem guten Stern stand. Gleich an unserem ersten Abend hatte sich ein Nachbar unserer Herberge zu einer akustisch überall wahrnehmbaren Party entschlossen, so dass mein Schlaf trotz Ohrstöpseln alles andere als geruhsam ausfiel. Nachträglich erfuhr ich, dass es sich um die Dorfbar mit integrierter Disko handelte.
Auch die olfaktorischen Eindrücke von Franz Josef waren alles andere als beschaulich. Von einer Bergregion am Meer erwartete ich frische, klare Luft. Als wir in dem Dörfchen ankamen, wurde gerade die Straße neu geteert. Dies war wirklich ein unvergessliches Erlebnis, das bis heute seine Spuren hinterlassen hat. Es fiel mir tatsächlich schwer vernünftig zu essen, weil ich dauernd die Befürchtung hegte, es nicht bei mir behalten zu können. Damit einher gingen pochende Kopfschmerzen, die nicht einmal durch Tabletteneinnahme gelindert werden konnten. Welch ein Paradies.
Ja, auf meiner 3-Sachen-die-ich-in-Neueseeland-machen-will-Liste stand „Franz Josef Gletscher sehen“. Das will ich auch nicht bestreiten. Allerdings stellte ich es mir ganz anders vor und so stellte ich fest, dass drei Tage dafür vollkommen ausgereicht hätten. Dennoch wollte ich diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen und mich in diesem Ferienort nach einer Arbeitsstelle umsehen, um meine bisherigen Ausgaben zumindest einzugrenzen. Darauf komme ich gleich noch zurück, vorerst möchte ich von der Reise nach Franz Josef berichten.

Ich denke, die Fahrt nach Franz Josef ganz gut zusammenfassen zu können, wenn ich in der Aussage des Busfahrers Zuflucht nehme, der seinen Fahrgästen – also uns – versicherte, dass die Strecke von Westport nach Fox zu den zehn malerischsten Fahrten Neuseelands zählt. Die Aussicht wurde außerdem von wunderschönem Wetter bereichert, das durch blauen Himmel, sommerlichen Sonnenschein und fluffige Schäfchenwölkchen überzeugte. So fuhren wir an diesem prächtigen – ja, ich wiederhole mich, aber mein Vokabular an Superlativen erschöpft sich langsam – Tag die Westküste Neuseelands gen Süden entlang. Stellenweise waren wir nur wenige Meter vom Strand entfernt, einzig durch die beachtlichen Höhenunterschiede getrennt. Steile Klippen wechselten sich mit feinen Sandstränden ab; die Wellen schäumten vergeblich gegen massige Felsen, die gelangweilt in der Brandung lagen; überall um uns herum war der tropische Regenwald mit seinen nicht enden wollenden Farnreihen.

Zwischen Westport und Punakaiki




Unsere erste Pause legten wir in Punakaiki ein, genauer gesagt an den Pancake Rocks von Punakaiki.
Die Pancake Rocks sind ein Mysterium der Natur, an dem Geologen sich bis heute die Zähne ausbeißen, weil sie zu erklären versuchen, wie diese Gebilde entstanden. Es handelt sich hierbei um Gesteinsformationen, deren Schichten wie säuberlich gestapelte Pfannkuchen wirken – daher der Name. Sie stehen gleichmütig in der Brandung und werden nur langsam von den Wellen verzehrt.



Es gab einen Pfad, der es den Besuchern erlaubt diese natürlichen Gebilde aus möglichst vielen Winkeln zu betrachten. An einigen Stellen hatten die Gezeiten bereits große Brocken abgetragen, so dass Höhlen und Löcher entstanden waren. Wenn hohe Wellen nun in dies Höhlungen spülten, spritzte das Wasser mehrere Meter hoch – bis zu den Plattformen mit Besuchern. Diese Löcher nannte man Blowholes.
An einer dieser Blowholes kamen wir gerade an, als eine große Welle hinein spülte und das Wasser bis zu uns hoch geschleudert wurde. Wie erwähnt war der Tag sonnig, so dass das Schauspiel uns erheiterte, obwohl wir nass wurden.



Alles in allem blieb uns allerdings nur wenig Zeit die Aussicht zu genießen, da die Begehung des Pfades rund zwanzig Minuten in Anspruch nahm, unsere Rast aber nur dreißig Minuten währte. Da der Verzehr von Lebensmitteln jeglicher Art – außer Wasser – in den Bussen auf der Südinsel gänzlich untersagt war, wollten wir noch etwas essen, bevor es weiter ging. So eilten wir an dieser natürlichen Attraktion vorbei, um zeitig wieder an unserem Gefährt zu sein.
Es ging weiter an der Westküste entlang. In Greymouth sahen wir den berühmten Bahnhof, an dem die Züge von und nach Christchurch ankamen und abfuhren. Wir mussten uns ob der schieren Größe dieses Bauwerks das Lachen mit größter Mühe verkneifen. Der Bahnhof war winzig, bestand praktisch nur aus einem Gleis. Da Greymouth auf unserer Karte so groß dargestellt war, überraschte es uns sehr zu erfahren, dass die Stadt gerade einmal 9.000 Einwohner zählte.
Die nächste Pause legte unser Busfahrer in Hokitika, einer ehemaligen Goldgräberstadt ein. Mehr weiß ich jetzt über diesen Ort auch nicht zu berichten. Außer vielleicht, dass Jade und Jadeschmuck hier einen großen Stellenwert hatten.
Auf dieser Fahrt lernten wir noch mehr Kleinigkeiten über Neuseeland. Zum einen fungierte hier der Intercity auch als Zeitungszusteller. In Hokitika hatte der Busfahrer mehrere Pakete mit den neusten Nachrichten aufgeladen und verteilte diese nun in verschiedenen Geschäften auf unserer Strecke.
Außerdem gibt es am anderen Ende der Welt ein Verkehrsphänomen, das in Deutschland nie funktionieren würde: einspurige Brücken.
Da gibt es einen Hinweis auf dem Asphalt gepinselt, ein Schild mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung (an die kein Neuseeländer sich hält) und eine einspurige Brücke. Ob Schlucht oder Fluss sich darunter befinden, spielt keine Rolle.

Nach weiteren, endlos scheinenden Stunden der Fahrt kündigte unsere Busfahrer endlich Franz Josef als nächsten Halt an. Unserer Recherche nach hatte das Dorf – wie bereits erwähnt – gerade einmal 300 Einwohner, aber trotzdem kündigte der Fahrer an, dass er an drei Haltestellen Fahrgäste aussteigen lassen würde. Das verwirrte uns. Des Rätsels Lösung war denkbar simpel: Der Bus hielt vor fast jedem Hotel, wenn Gäste dieses Hotels an Bord waren. Unsere Haltestelle war die letzte. Anscheinend wollte man die Gäste dieser Touristenhochburg verwöhnen, so dass sie mit ihren Koffern nicht allzu weit laufen mussten. (Als ob man sich hier verirren könnte.)
Also stiefelten wir nach sechs Stunden Fahrt – der bisher längsten Route – völlig erschöpft durch die Tür der Rezeption von Montrose Backpackers, um uns unserem Host vorzustellen.

Sein Name war Ceasar, er war Argentinier – oder ehemaliger Argentinier – und führte uns mit neuseeländischer Freundlichkeit zu unserem Zimmer. In einem separaten Häuschen teilten wir uns einen Raum mit Lisa und Nicole. So richtig wollte sich die Begeisterung ob der Änderung unserer Lebensumstände noch nicht bei mir einstellen.
Um das mal klar zu stellen: Ich mochte sowohl Lisa als auch Nicole; ich mochte meine Privatsspähre und Platz für mich selbst nur mehr.

Unsere neue Schlafstatt war kleiner als mein Zimmer im Studentenwohnheim und zu viert passten wir nur gestapelt hinein – wörtlich gesprochen. Zwei Hochbetten, ein Nachttisch, eine Kommode, ein bisschen Fußboden für die Rucksäcke und schon war der gesamte Platz in seinen drei Dimensionen ausgefüllt. Zum Glück gab es ein Fenster, sonst hätte die Luft für uns wohl nicht mehr gereicht.
An diesem, wenn auch noch frühem Abend, sah ich mich nicht mehr in der Lage viel Produktives zu leisten, zumal die widrigen Umstände schon weiter oben geschildert wurden. Essen zubereiten war die größte Anstrengung, die ich noch auf mich zu nehmen gedachte. Dummerweise mussten wir zu diesem Zweck auch noch einkaufen gehen. In dem ganzen Ort gab es genau einen Supermarkt, der auch noch zur gehobenen Preiskategorie zählte und einem das Geld nur so aus der Tasche zog. Als wesentlich unangenehmer empfand ich allerdings den inneren Aufbau des Geschäfts: Es war eng, stickig, viel zu warm und – wie überraschend – laut. Die Regal standen für meinen Geschmack viel zu nah beieinander; Leute drängten sich durch die schmalen Korridoren; drinnen war es wärmer als draußen. Es war fürchterlich.

Am nächsten Morgen weihte Cearsar uns in unsere Aufgaben ein: putzen. In den Bädern und Toiletten des Hostels hatten unzählige Insekten ihre letzte Ruhestätte an den Decken gefunden. Ob es an der Farbe oder der Beschichtung lag, vermag ich nicht zu sagen. Aber es klebten so viele tote Mücken, Fliegen und andere Viecher an den Decken, dass es schon an Absicht grenzte. Unsere Aufgabe bestand darin, diesen Zustand zu beheben. Zu diesem Zweck stattete Erika, Ceasars Frau, uns mit Lappen, verschiedenem Putzzeug, Bürsten und Leitern aus. So verging der Großteil unseres ersten Arbeitstages. Immerhin klebten die Insekten stellenweise sehr hartnäckig, so dass wir richtig schrubben mussten. Dann bezogen wir noch einige Betten und hatten zur Mittagszeit unseren Soll erfüllt. Tags darauf ging es ähnlich weiter, nur dass wir nicht länger auf Leitern klettern mussten. An diesem Tag beschlossen wir auch uns nach einem Job umzusehen, um unsere laufenden Kosten zu decken.

An dieser Stelle empfiehlt sich eine kurze Beschreibung der Ortschaft. Franz Josef besteht aus zwei parallel gelegenen Straßen, die durch drei Querstraßen miteinander verbunden sind. Die Hauptverkehrsstraße, der State Highway, ist von zwei Souvenirläden, einem Supermarkt, sechs Gaststätten (Cafés, Restaurants, Bars) und zahlreichen Touristenattraktionszentren gesäumt. Die östlich davon gelegene Parallelstraße hingegen bietet eine Auswahl an Hostels, Hotels und Motels; für jeden Geldbeutel ist etwas dabei. Dazwischen gibt es noch eine Tankstelle, ein Wildlife Centre, zwei Kirchen, Feuerwehr, Krankenhaus und irgendwo abgelegen auch eine Handvoll Wohnhäuser für die Einheimischen. Das war’s. Die einzige Daseinsberechtigung für dieses Dorf liegt in der touristischen Ausbeutung des Gletschers.

Wir gingen von Hotel zu Motel und fragten ganz unverblümt, ob man einen Job für Backpacker hätte. Da einige Leute selbst für die einfachsten Arbeiten einen Lebenslauf sehen wollten, beschlossen wir erst einmal unseren Gastgeber darum zu bitten uns einige Exemplare auszudrucken, bevor wir weitere Unterkunftsmöglichkeiten aufsuchten. Ceasar gewährte uns unseren Wunsch und empfahl uns sogar einige Geschäfte, in denen man oft Aushilfen suchte. Später fiel ihm sogar jemand ein, der explizit gefragt hatte, also vereinbarte er für uns einen Termin, so dass wir noch an demselben Tag in einem Motel vorsprachen. Erika hatte auch schon eine Lösung, wie es mit unseren Arbeitszeiten im Montrose aussehen sollte, weil sie sich mit denen des Motels überschnitten: Wir sollten die Spätschicht machen. Ceasar würde uns abends zeigen, wie genau sie sich das vorstellten.

An unserem zukünftigen Arbeitsort angekommen – das Motel befindet sich fünf Gehminuten die Straße runter – erklärte Anne, die Managerin, uns dann, wie es laufen würde. Es war ein seltsames „Vorstellungsgespräch“, da ich von Anfang an den Eindruck hatte, dass wir den Job schon bekommen hatten, ohne jemals dort gewesen zu sein, und uns nur noch Formalitäten erklärt wurden. Am nächsten Tag sollten wir zum Arbeiten vorbeikommen und dann würden wir weitersehen, ob uns das Housekeeping überhaupt lag.

Das Wichtigste war nun erst einmal unsere IRD-Nummer, die wir schon vor Wochen beantragt hatten, aber bisher keine Rückmeldung von der zuständigen Behörde erhalten hatten. Ein Anruf in der Herberge in Rotorua ergab, dass sie Post für uns erhalten hatten. Nun ging es darum, schnell an den Inhalt zu gelangen, weil ohne IRD-Nummer kein Geld von Arbeitgeber zu –nehmer fließen konnte. Es gab die Option, die Nummer per Telefon zu erfragen. Dafür brauchte man allerdings ein bisschen Geduld sowie einen Festnetzanschluss – die vorgegebene 0800-Telefonnummer galt nicht für Mobiltelefone. So rief ich von einer nahegelegenen Telefonzelle an, wurde von einer freundlichen Stimme auf Band begrüßt, musste mit einer Maschine reden, weil Tasteneingabe nicht möglich war, kam irgendwo am falschen Ende raus und wurde aus der Leitung geworfen. Beim zweiten Versuch kam ich weiter, in eine Warteschleife, aber die Bandansage teilte mir mit, dass es gerade einen regen Andrang gab und es ein bisschen länger dauern würde. Nach zehn Minuten legte ich auf und versuchte es erneut. Endlich, nach vielen Versuchen und viel zu viel Zeit in dieser Telefonbude, war auch diese Hürde genommen, womit wir tags darauf auch einen unterschriebenen Arbeitsvertrag mit allen erforderlichen Daten präsentieren konnten.

So begannen die Wochen der Monotonie. Morgens waren wir im Motel, wenn sie Bedarf hatten, abends arbeiteten wir im Montrose; die Zeit dazwischen stand zu unserer Disposition. Natürlich gab diese Tagesgestaltung uns einen gewissen Spielraum, aber im Gegensatz zum Montrose konnten wir im Motel keine freien Tage langfristig planen. Wir bekamen abends, manchmal nach 20 Uhr, eine SMS, wer von uns am folgenden Tag arbeiten würde. Darüber hinaus waren die Arbeitszeiten nicht zuverlässig, so dass wir manchmal nur für zwei, manchmal aber für mehr als vier Stunden hingingen.
Die Einarbeitung im Motel war denkbar einfach, da die meisten Sachen unter „common sense stuff“ fielen und ich mir durchaus zutraue, meinen gesunden Menschenverstand zu benutzen: Dreckiges Geschirr musste gewaschen werden; Flächen mussten abgewischt werden; Bad musste geputzt werden. Die größte Herausforderung bestand darin zu lerne, welchen Lappen man wofür verwendete. Da es ein Farbsystem gab, konnte man es sich in zwei Minuten merken.

Dieses Motel, dessen Namen ich bewusst ausspare, hatte sich das Motto der Umweltfreundlichkeit breit auf die imaginäre Flagge geschrieben, so dass es mit möglichst wenigen Chemikalien auskommen wollte. Tatsächlich benutzten wir nur Reinigungsmittel in der Toilette und Spülmittel beim Geschirr. Ich würde auch so weit gehen zu sagen, dass dies die einzigen beiden Bereiche in diesem Etablissement waren, die das Siegel „sauber“ verdienen. Die Wunderwaffe bei allen anderen Putzangelegenheiten waren die Lappen und Schwämme der Firma Einjo, die aus einer speziellen Mikrofaser bestanden, die, durch eine geringe Menge Wasser aktiviert, antibakteriell wirkte. Niemand bequemte sich dazu mir diese Funktionsweise genauer zu erklären und ich sah keine Notwendigkeit genauer nachzuforschen. Ob nun antibakteriell oder nicht, gegen Fettflecken vermochten diese Lappen nur wenig auszurichten.

Darüber hinaus hatten wir nicht die Möglichkeit oder die Anweisung die Lappen zwischendurch auszuspülen. Stattdessen sprühten wir jede zu behandelnde Fläche mit ein bisschen Wasser ein und wischten mit dem immer stärker gebrauchten Tuch ab. In meiner Vorstellung waren die zuerst geputzten Zimmer dadurch eher als sauber zu bewerten als die letzten. Natürlich sind das nur relative Größen, richtig sauber wurde so nichts. Zumal die Schwämme oftmals mit Haaren übersät waren, so dass man diese eher auf den Flächen verteilte als einsammelte. Die Dusche galt dann als sauber, wenn sie trocken war, so dass die Arbeitszeit an diesem Gebrauchsgegenstand oft davon abhing, wann der Gast geduscht hatte. Wenn es schnell gehen musste, reichte es aus nur mit dem Handtuch drüber zu wischen, um die überschüssige Feuchtigkeit aufzusaugen. Der Boden musste immer geschrubbt werden – mit Wasser. In Anbetracht der vielen Dinge, die sich beim Duschen so vom menschlichen Körper lösen, wäre es mir wirklich lieber gewesen, ein bisschen Chemie zu verwenden und wenn es nur Spülmittel gewesen wäre. Staub wischen war auch so eine Sache. Wir machten es nur auf den Flächen, die der Gast sah und eventuell benutzte. Der Boden in Bad und Küche wurde erst gewischt, dann gesaugt, so dass alle Lebensmittelreste die günstige Gelegenheit bekamen ordentlich festzukleben und sich dauerhaft einzurichten. Besonders schön fand ich aber, dass die Betten erst abgezogen wurden, die Decke und Tagesdecke auf den Boden geworfen wurde, man dann die Laken neu bezog und erst wenn das Bett wieder gemacht war, saugte man Staub. Auch hier waren Teppichböden in großem Stil verlegt, so dass ich mir nicht ausmalen möchte, was dort schon alles hauste, nachdem ich so oft mit nassen Schuhen dort umhergelaufen bin.

An dieser Stelle möchte ich einige Worte der Beschaffenheit neuseeländischer Betten widmen. Ob bequem oder nicht, ist immer eine Frage der persönlichen Vorlieben, weshalb ich darüber gar nicht urteilen will. Es geht mir viel mehr darum, wie Betten bezogen werden. Ich betrachte es als Selbstverständlichkeit, dass Hotels und Motels, die etwas auf sich halten, keine Spannbetttücher benutzen, daher ist dieser Punkt ebenso nicht erwähnenswert. Was mich aber immer wieder in Erstaunen versetzte, waren die unendlich vielen Lagen, die auf so ein neuseeländisches Bett gestapelt wurden. Es fing schon unter der Matratze an, da lag ein Stoff, der an allen Ecken herunterhing, um die Lücke zwischen Bett und Boden sowie die Beine des Betts zu verstecken. Auf der Matratze lagen noch Heizdecken, die von einer weiteren dünnen Decke mit Gummizug bedeckt wurden. Erst darauf kam das Bettlaken. Gefolgt von einem zweiten Bettlaken, das aber als Bettbezug diente. Denn die richtige Decke wurde nicht wie die Kissen in eine in sich geschlossene Hülle gewickelt, sondern nur über das zweite Bettlaken drüber gelegt. Darauf kam noch einen Tagesdecke. In das Kopfende der Tagesdecke wickelte man die Kissen ein. Es waren Decken über Decken über Decken, wohin das Auge reichte und ich frage mich bis heute, wozu. Die Heizdecke erklärt sich von selbst, denn die meisten neuseeländischen Häuser sind katastrophal isoliert, bestehen zumeist aus dünnen Holzplatten, haben nur einfache Verglasung, so dass sich im Winter morgens die Feuchtigkeit am Glas sammelt, und keine fest eingebauten Heizkörper. Oft gibt es nur elektrische Heizungen, die diese marode gezimmerten Bauten aber nur spärlich beheizen können. Ich vermute, dass die Häuser alle zehn Jahre neu gebaut werden müssen, weil sie von innen wegfaulen.

Mit der Zeit fand ich mich damit ab, dass es nur sauber aussehen musste, nicht jedoch zwangsläufig auch sauber sein sollte.
Dieser Eindruck wurde noch verstärkt, als unsere Chefin uns mehrfach darauf hinwies, dass wir pro Zimmer weniger als 30 Minuten Arbeitszeit einplanen sollten. Ich stellte fest, dass diese Obergrenze nur dann einzuhalten war, wenn es sich um ein kleines Zimmer handelte, in dem entweder Bad oder Küche überhaupt nicht benutzt worden waren. Es war allerdings völlig utopisch, wenn ein Haufen Geschirr benutzt in den Räumen verteilt stand. Einige Gäste machten sich sogar die Mühe ihr benutztes Geschirr halbwegs zu säubern, bevor sie es mit Kaffeeflecken, Fetträndern und Lippenstiftresten noch nass zurück ins Regal stellten. Das waren mir die Liebesten. (Ich hoffe, mein Sarkasmus wird an dieser Stelle deutlich genug.) In manchen Zimmern brauchte ich allein schon eine halbe Stunde für die Küche. Außerdem fiel der Chefin jede Woche noch etwas Neues ein, worauf wir in unserer Putzroutine ebenfalls achten sollten – ohne das vorgegebene Zeitfenster zu erweitern.
Dieses ach so freundliche Arbeitsklima motivierte rein gar nicht, sich auch nur irgendwie Mühe zu geben. Anne war einfach nur eine gierige, geizige Xanthippe, die keine Ahnung von ihrem Job oder der Leistung ihrer Angestellten hatte und für logische Argumente nicht zugänglich war. All ihre Freundlichkeiten waren nur aufgesetzte, neuseeländische Routine. Es wurde von ihr erwartet, also benahm sie sich so, gab uns Tee und Kekse, sagte bitte und danke. Das kleinste Problemchen brachte diese Fassade allerdings zum Bröckeln und ihr wahres Wesen kam zum Vorschein. Annes Falschheit trug nicht positiv zu meinem Gesamtbild von Franz Josef bei.
Ich bin ein Fan von hohen Ansprüchen, aber unmögliche Erwartungen und mangelnden gesunden Menschenverstand kann ich nicht ausstehen.
Da ich weiß, wie diese Räume „gesäubert“ wurden, rate ich jedem davon ab, in diesem Motel, das praktischerweise gegenüber der Hot Pools liegt, zu buchen.
Es hat mir richtig viel Freude bereitet meinem Arbeitgeber mitzuteilen, dass wir weiterzogen – also kündigten. Anscheinend passte unser Abreisetermin nicht so ganz in ihren Terminplan, aber da hatte sie kein Mitspracherecht.
Darüber hinaus ließ die Ausrüstung oftmals zu wünschen übrig: Da waren unsere Körbe mit den Putzsachen nicht vollständig; Sprühfalschen waren leer oder defekt; und die Staubsauger machten jede Menge Lärm, aber saugen konnten sie nicht. Diese veralteten Modelle hätten schon vor Jahren ausgemustert werden müsse, aber stattdessen kaufte man immer wieder Einzelteile nach und reparierte sie. Bei dem einen passten Rohr und Schlauch nicht so ganz zusammen, so dass die Teile immer wieder auseinanderfielen; bei dem anderen war ein großes Loch im Schlauch, so dass die Saugleistung praktisch nicht vorhanden war. Wie sollte man da den überall verlegten Teppichboden reinigen?

Wenigstens unsere Kollegen sowie die 11-Uhr-Teepause übten einen positiven Reiz auf die Arbeit aus. Dazu später mehr.

Ganz anders sah unser Putzverhalten im Montrose aus. Ceasar machte uns mit „2 way“ bekannt, einem Allesreiniger, den er in den Himmel lobte, von dem man allerdings bloß nichts einatmen sollte. Ich rede hier aus Erfahrung. Da wir dieses Zeug in mehr oder weniger praktischen Sprühflaschen serviert bekamen, war es mit dem Einatmen so eine Glückssache. Manche Flaschen verteilten das Mittel in einem gezielten Strahl, andere als feinen Nebel. Nein, wir konnten uns nicht immer selbst bestimmen, wie es sein sollte – es hing vom Flaschentyp ab. Hatte man es versehentlich eingeatmet, wurde man sogleich mit Hustenanfällen und rauem Rachen bestraft. So manche Scheinerkältung führe ich auf „2 way“ zurück.
Zurück zu Ceasar: 2 way war seine Lösung für (fast) jedes Schmutz betreffende Problem. Wenn es dann doch mal nicht weiter half, gab es noch Jif, eine Scheuermilch von zerstörerischer Kraft – bei Latexhandschuhen jedenfalls. Wir durften soviel 2 way verwenden, wie wir nur wollten; bloß nicht zu wenig, zu viel gab es im Grunde gar nicht. Hauptsache, die Küchen waren blitzblank sauber. Lappen standen uns auch en masse zur Verfügung. Später erfuhren wir, dass Ceasar mit einem schlechten Ruf zu kämpfen hatte, weil er das Hostel kein halbes Jahr zuvor in einem katastrophalen Zustand übernommen hatte. Er war ganz stolz darauf, dass er schon einige Pluspunkte bei einer Internetseite gut gemacht hatte und in der Gesamtbewertung gestiegen war. Sauberkeit war für ihn eine äußerst wichtige Angelegenheit. Staub saugen ging um die späte Uhrzeit natürlich nicht (unsere Schicht begann um 22 Uhr und sollte ca. 2 Stunden dauern), so dass wir nur putzten, fegten und wischten. Wenn viel los war und die Gäste einen Saustall hinterlassen hatten, waren wir bis Mitternacht mit dem einfachen Programm beschäftigt. Bei wenig Andrang und wenig Arbeit machten wir zusätzliche Aufgaben, wie beispielsweise Regale und Kühlschränke ausmisten und gründlich reinigen.
Da ich auch dort geputzt habe, kann ich das Montrose Backpackers nur weiterempfehlen. Es ist sauber.
Trotz des angenehmen Arbeitsklimas mochte ich den Job nicht. Nicht so sehr, weil er mit aufräumen und putzen zu tun hatte, sondern weil es die Spätschicht war und arg mit meinem gewohnten Tagesrhythmus kollidierte. Es störte mich sehr, dass ich nicht schlafen gehen konnte, wenn ich müde wurde, oder, wenn mir doch die Augen vor Arbeitsbeginn zufielen, ich wieder aufstehen musste. Außerdem zehrte das Warten auf die Spätschicht an meinen Nerven. Ich verherrlichte jeden freien Abend.

tbc...

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Montag, 4. Mai 2015
Westport / Waimangaroa - März 2015
Die Fahrt nach Westport lehrte mich wieder eine neue Lektion über neuseeländischen Straßenverkehr: Es gibt einspurige Brücken. Ob es der Platzmangel ist oder ob ihnen das Geld für mehr ausging, kann ich nicht sagen, diese Frage habe ich bisher auch nie gestellt. Aber es gibt sehr viele Streckenabschnitte, auf denen die Brücken nur einspurig sind. Es gibt auch keine Ampeln, sondern nur Straßenschilder, die entweder einem selbst oder dem Gegenverkehr die Vorfahrt erlauben.

Unser nächster Gastgeber in der Nähe von Westport war ein Milchkuhbauer. Wir dachten bis dahin, dass wir schon viel von Neuseeland und seiner Bevölkerung gesehen hätten, aber Marty war doch… anders. Als er auf uns zukam, war es eindeutig, dass er unseretwegen da war. Er war sehr einladend, offen, hilfs- und gesprächsbereit und überhaupt klasse. Dennoch passte er nicht so ganz in das Bild, das wir bisher von Neuseeland hatten. Schwarze Cappy, Sonnenbrille, Gummistiefel über verdreckter Jeans und ein wirklich gewaltiger Truck (nach eigenen Angaben der größte in der Gegend); dies alles schien doch wie aus einem anderen Film. Allerdings war Marty so freundlich uns von Westport nach Waimangaroa zu bringen, wo er mit seiner Familie auf seiner Farm wohnte. Er stellte uns sogar ein ganzes Haus zur Verfügung, in dem nur noch zwei weitere Backpacker eingekehrt waren. Seine Familie lebte zehn Minuten zu Fuß entfernt in einen wesentlich größeren Haus.

Zu unsere Unterkunft:
Sollte demnächst mal wieder ein Hitchcock-Film gedreht werden oder die Verfilmung eines Steven King Romans anstehen, hätte ich einen Vorschlag, wo man das machen könnte: Hinterm Busch Gleich Links. Auch unter dem Namen Waimangaroa bekannt, aber wir nennen es der Einfachheit halber Martys Farm.
Mit dem Begriff „rustikal“ kratzt man nur an der Oberfläche dessen, was uns erwartete. Das kleine Haus war sehr alt. Marty erzählte uns später, dass er darin aufgewachsen war, was für neuseeländische Verhältnisse an eine Ewigkeit grenzt. Es wundert mich, dass das Adjektiv „historisch“ in diesem Kontext kein einziges Mal fiel. Dementsprechend sah es leider auch aus, zumal sich wohl schon seit längerem niemand mehr um das Erscheinungsbild gekümmert hatte. Der Rasen im Vorgarten war noch sehr gut gemäht, aber ob die verrosteten Gegenstände nun zur Dekoration gehörten oder schlichtweg vergessen worden waren, bleibt mir ein Rätsel. Eine Schaukel quietschte bedächtig, wenn man sie anstubste. Es handelte sich hierbei um dieses typische Quietschen, das nur von verrosteten Scharnieren hervorgerufen werden kann, ein Quietschen, das den bevorstehenden Untergang des Protagonisten ankündigt. An den Fenstern hingen Spinnweben, die gut und gerne der dritten Spinnengeneration angehören konnten, wobei die ganze Familie noch in ihnen beheimatet war. Alles in allem roch es auch ein bisschen muffig.

Unser Haus bei Marty

Der innere Aufbau des Hauses war gewöhnungsbedürftig. Selbstverständlich waren fast alle Räumlichkeiten mit Teppichboden ausgelegt – wir sind hier schließlich in Neuseeland. Aber irgendwie schienen die Räume zwecklos oder zweckentfremdet gebaut worden zu sein. Es gab eine offene Küche, die ans Esszimmer grenzte, doch war letzteres so eng bemessen, dass der Esstisch im Weg stand, weil gegenüber auch noch ein Kamin eingebaut war, der den ganzen Platz beengte. Man musste aber am Esstisch vorbei, um in die restlichen Räumlichkeiten zu gelangen. Ein großer Raum war geteilt worden, aber Marty hatte vergessen, den Lichtschalter mit in das neue Zimmer zu verlegen. Leider gab es auch keine Verbindung zwischen diesen beiden Räumen, so dass man durch einen dritten Raum gehen musste, wenn man bei uns das Licht einschalten wollte. Insgesamt hatte das Haus drei Eingänge: einen ins Wohnzimmer, einen von der Garage in den Flur und einen in unserem Zimmer. In der Speisekammer war ein großes Loch, weil früher dort der Kühlschrank gestanden hatte, aber jetzt konnte man geradewegs in die Waschküche durchgehen. Auch im Wohnzimmer gab es einen Kamin, der aber notdürftig mit Sperrholzplatten zugebaut worden war. Weder Bad noch Toilette hatten irgendeine Vorrichtung, mit der man die Türen hätte abschließen können. Das ist ja schön und gut, wenn eine Familie darin wohnt, wenn man allerdings einige Fremde zusammenpackt, könnten selbst einfache Schlösser von großem Vorteil sein.
Wir bekamen das Zimmer am Ende des Flur-Esszimmers. Darin stand eine kuriose Mischung aus Doppel- und Hochbett: Unten war es ein großes Bett, auf dem locker zwei Personen Platz gefunden hätten, doch es gab noch eine zweite Etage mit Einzelmatratze. Da bei den Abbauarbeiten irgendwann einmal ein Bolzen verloren gegangen war, hatten die Jungs sich mit Panzerband geholfen, damit der obere Teil auch oben blieb. Wir blieben skeptisch, hatten aber kaum eine Wahl, als es auszuprobieren. Wir hätten auch auf dem Boden schlafen könne, aber bei Teppichböden weiß man nie so recht, was darin herumkrabbelt – und bei Marty war es besonders abenteuerlich.
Franziska machte von Anfang an deutlich, dass ihr die gegebenen Zustände überhaupt nicht zusagten. Ehrlich gesagt wunderte es mich ein bisschen, weil Susannes Wohnung – insbesondere das Badezimmer – in Petone nicht wirklich sauberer war. Es roch nicht so komisch, das stimmt, aber das ist auch schon der einzige Unterschied, den ich sah. Ich mochte es bei Marty. Das breite Grinsen wollte und wollte nicht aus meinem Gesicht schwinden.

Das Leben mit Marty erwies sich als äußerst entspannt. Als wir ihn fragten, was wir an unserem ersten Tag machen würden, meinte er nur, wir sollten uns entspannen. „Just relax“, war seine Anweisung. Obwohl wir noch vor der Mittagszeit angekommen waren, erwartete er von uns keine Arbeit an diesem Tag. Im Grunde hatte Marty einige Ideen, was er gerne erledigt haben würde, aber ihm fehlte es an einem konkreten Plan oder einem roten Faden in seiner Denkweise. Er wollte den Garten umgestalten, weil ihm das Unkraut langsam zu schaffen machte (das habe ich doch schon einmal irgendwo gehört). Dafür wollte er erst das Unkraut los werden, dann großflächig große Steine verteilen. Auf lange Sicht sah der Plan so aus, noch mehr Flächen mit Asphalt auszulegen. Außerdem braucht er noch ein bisschen Unterstützung beim Melken der Kühe, weil sein Hilfsarbeiter vor kurzem gekündigt hatte. Da die Melksaison sich dem Ende nähert, wollte er keinen neuen einstellen, sondern versuchte es mal mit Helpx. Das klang doch alles überschaubar.

Zur gleichen Zeit waren noch zwei Jungs bei ihm als Helpxer angestellt: Alexis, Franzose, und Jonas, Däne. Sie hatten bereits einige Zeit bei Marty zugebracht und kannten den Tagesablauf, wenn man es so nennen möchte. Die beiden waren hauptsächlich für das Melken zuständig, da sie auch schon eingearbeitet waren. Nachdem die Kühe versorgt waren, blieb nicht mehr so viel zu tun, so dass Jonas und Alexis sich die Zeit mit Lesen, Fernsehen, Musik hören und Schwimmen vertrieben. Tatsächlich hatte der kilometerlange Privatsandstrand in Martys Profilbeschreibung keinerlei Erwähnung gefunden. Er dachte, dass es den Leuten zu abgelegen sein würde und sich dann niemand auf seine Anzeige melden würde. Wir legten ihm nahe, den Strand, der gerade einmal 500 Meter vom Haus entfernt war, doch noch seinem Profil hinzuzufügen.



Wir ergriffen die Gelegenheit beim Schopfe und zogen sogleich los, um uns den Privatstrand mal näher anzusehen. Ozean, soweit das Auge reichte; feinste Sandkörnchen; keine weitere Menschenseele weit und breit. Es war herrlich. Zudem ging der Sommer gerade erst zu Ende, so dass das Wasser die perfekte Badetemperatur hatte. An diesem ersten Nachmittag benetzten wir nur unsere Füße in den Weiten des Pazifiks, aber wir gelobten wiederzukehren, um uns ganz dem salzigen Nass zu ergeben. Immerhin muss man so etwas ausnutzen.

Tags darauf stiefelten wir zu Marty hinüber, um uns zu erkundigen, welche Aufgaben er für uns hätte. Auf diese Weise lernten wir auch Martys Frau kennen (deren Namen ich mir einfach nicht merken konnte), die uns sofort Tee und Plätzchen anbot, als wir auf der Türschwelle standen. Das ist anscheinend typisch für Neuseeländer. Außerdem wurden uns Mac und Bliss, die Hunde der Familie vorgestellt. (Es gab noch Beast, die Großmutter der beiden, aber sie war komisch.) Die drei Kinder waren zu diesem Zeitpunkt alle in der Schule.

Marty, nachdem man ihn gefunden hatte, musste erst einmal einen Job für uns suchen, da er die Steine, die er im Garten verteilen wollte, verlegt hatte. Ja, unser Gastgeber hatte es geschafft, einen Haufen großer, grauer, schwerer Steine irgendwo auf seinem Grundstück zu verlegen. Sie waren irgendwo, er wusste nur nicht, wo genau. Er würde sie suchen gehen. Später. Jetzt sollten wir uns erst einmal ums Unkraut kümmern. In seiner Verzweiflung ob des wuchernden Grüns griff er auf die chemische Lösung zurück: Pflanzengift. Wir bekamen Handschuhe und einen Behälter mit Sprühaufsatz und durften uns an den Rändern des gesamten Grundstücks zu schaffen machen. Nun ja, es war bei weitem nicht das ganze Grundstück; nur der Teil, auf dem das Haus stand und die Familie lebte. Schutzmasken bekamen wir allerdings nicht. Marty hielt dies für übertrieben, immerhin kannte er sich mit dem Zeug aus, benutzte es seit Jahren und es ging im gut. Außerdem wehte gerade kein Wind, so dass uns keine Gefahr drohte. Ich blieb skeptisch. Nichtsdestotrotz hielten wir den Schlauch niedrig und machten uns an die Arbeit. Es ging alles recht zügig, so dass wir uns bald schon am Internet zu schaffen machen konnten, das auf der Terrasse zu finden war, selbst wenn man nicht ins Haus rein kam.

Nach getaner Arbeit schlossen wir uns Alexis und Jonas beim Lümmeln an. Wir machten, wonach uns gerade der Sinn stand, und genossen den strahlenden Sonnenschein. Für den Abend hatte Marty ein Barbecue geplant, so dass wir nicht allzu viel essen sollten. Hier möchte ich erwähnen, dass dies eine besondere Herausforderung war, da Marty von den Leuten zu erwarten schien, dass sie 8000 kcal pro Tag essen. Er brauchte uns einige Eier (30 Stück), ein bisschen Rindfleisch (2,5 kg), ein bisschen Milch (2 Liter), Frühstück (Großpackung Weet-Bix), und, und, und vorbei. Das alles war für vier Personen mit je zwei Mahlzeiten bestimmt. Wir würden definitiv nicht hungern.
Für den Grillabend hatte er aber etwas – für uns – ganz Besonders geplant: frisch geangelten Fisch. Zu diesem Zweck hatte Marty seinen Predator herausgeholt. Der Predator ist ein torpedoartiges, batteriebetriebenes Gerät, an das man eine mehrere Kilometer lange Angelschnur hängt, bevor man es ins offene Meer hinausschickt. An die Angelschnur werden in regelmäßigen Abständen Köder gehangen, so dass man gemütlich zurück ans Lagerfeuer schlendern kann, während der Fisch „sich selbst fängt“. Ein Muss für jeden richtigen neuseeländischen Angler! So zumindest die Radiowerbung.
Während der Predator in die Weiten des Ozeans hinausschwamm, machten die Jungs sich an die Errichtung eines Lagerfeuers. Beim ersten Blick darauf, war ich skeptisch, ob dieses Gebilde aus wild aufeinander geworfenen Holzstücken (Treibholz, das sie vom Strand aufgesammelt hatten) überhaupt brennen würde. Immerhin waren die dünnsten Stücke so dick wie mein Oberarm. Auch die Konstruktion war nicht vielversprechend, da alles wild übereinanderlag. Ich fragte die Jungs, ob sie wüssten, was sie taten. Jonas erzählte mir die lustige Geschichte, wie er das erste Mal versucht hatte, ein normales Lagerfeuer aufzubauen. Marty hatte ihm gezeigt, wie „es richtig geht“, also so, wie Jonas und Alexis es jetzt machten. Erst alles Holz auf einem Stapel auftürmen, dann Benzin drüber gießen, dann ein Streichholz reinwerfen. Funktioniert. Wir hatten ein Freudenfeuer, auf dem problemlos eine Hexe verbrannt wäre, für zwölf Würstchen angezündet. Dazu gab es jede Menge Bier und einige Scheiben Toastbrot. Marty schien äußerst zufrieden mit sich und der Welt. Langsam wurde uns deutlich, worauf es hier tatsächlich ankam: Unser Gastgeber brauchte Gesellschaft, vor allem einige Leute, mit denen er abends ein Bierchen trinken konnte. Das hatte er auf jeden Fall bekommen, denn Alexis und Jonas machten gerne bei diesem Vorhaben mit.
Dann war es an der Zeit den Predator mit unserem Fang wieder einzuholen. Die Jungs schlossen Wetten darauf ab, wie viele Fische sie dieses Mal wohl gefangen hatten. Immerhin war der Ozean, Predator hin, Predator her, ein recht launisches Geschöpf, das sich seine Zöglinge nicht immer so einfach entlocken ließ, und man hat nicht immer Glück. Dieses Mal allerdings gab es einen riesigen Fang. Nicht nur, dass wir acht Fische an der Leine hatten, wovon wir vier behalten konnten, weil sie sehr gut schmeckten. Nein, sie waren auch noch groß. Es handelte sich bei diesen Tierchen um Sandhaie, die in Neuseeland problemlos verspeist werden dürfen. Die anderen silbernen Fische waren zwar essbar, aber man verzichtete gerne auf sie, wenn man einen anderen Fang an der Leine hatte. Also wurden sie wieder dem salzigen Nass übergeben.
Es überraschte mich zu sehen, dass die Fische sich immer noch bewegten, obwohl sie definitiv tot waren. Alexis hatte ihnen das Rückgrat durchtrennt, aber trotzdem reagierten die Körper auf Reize von außen. Sie zuckten und wanden sich, als wollten sie zurück ins Wasser. Schlimmer als Hühnchen. Erstaunlich. Marty nahm die Fische gekonnt aus und filetierte sie vor Ort, wobei sich mit jedem zusätzlichen Tier der Schwierigkeitsgrad erhöhte. Der Sand machte die Messer schnell stumpf. Als er endlich mit allem fertig war, überschlug unser Gastgeber den heutigen Fang, nur um festzustellen, dass er Fisch im Wert von rund 150 NZ$ gefangen hatte. Einen beachtlichen Teil davon stellte er uns kostenlos zur Verfügung. Es war das Abendessen für den nächsten Tag, da es an diesem Abend schon zu spät für die Zubereitung war.
Außerdem hatte sich eine Muschel an unseren Ködern zu schaffen gemacht. Sie stand nicht auf der Speisekarte.
Mittlerweile war es dunkel geworden, so dass wir in weiter Ferne die Lichter von Westport bewundern konnten. Als wir Marty fragten, ob wir das Lagerfeuer löschen sollten, verneinte er. „Wenn es sich ausbreitet, seid ihr die ersten, die es merken“, waren seine weisen Worte. Bisher hatte er damit nie Schwierigkeiten gehabt, und dies war nicht das erste Feuer dieser Art. Wir verließen uns auf die Expertise unseres Gastgebers.
Auf dem Rückweg – Marty scheint nur den Weg von der Haustür zum Auto zu Fuß zurückzulegen – stiegen wir in seinen Truck, um uns vor unsere Haustür kutschieren zu lassen. Wir hätten hinten in den Wagen steigen können, doch wir entschieden uns zu einer verwegeneren Fortbewegungsart: hinten auf der Ladefläche. Da Marty vorsichtig über die holprige Straße fuhr, hatten wir nicht viel zu befürchten.

Tags darauf gab es Fisch zum Abendessen. Die Jungs fühlten sich zuständig, das Kochen zu übernehmen – sie hatten schon Erfahrung damit, denn es war nicht der erste Fang dieser Art. Fachmännisch schnitten sie die Filets in kleinere Teile, bereiteten einen recht flüssigen Teig zu, panierten die Fischstücke ordentlich, legten sie in den Teig, um sie dann in heißem Öl auszubacken. Dazu gab es Kartoffeln und Möhren. Was für ein Schmaus! Es war himmlisch.

Leckeres Abendessen

Es war immer wieder lustig mit anzusehen, wie die Hunde Marty verfolgten. Vor allem Mac war ein Energiebündel ohne Gleichen. Wann immer sich die Gelegenheit bot, riss er aus und lief jemandem hinterher. Einen besonders engen Bezug hatte er zu seinem Herrchen. Ob dieser nun mit Truck oder Motorrad unterwegs war, Mac lief hinterher. Bliss war auch oft mit von der Partie, aber sie war ein bisschen pummeliger und wesentlich fauler. Sie brauchte mehr Zeit, um irgendwo anzukommen. Mac hingegen begleitete uns oft von Martys Haus zum Helpx-er Haus, einfach nur um sich zu bewegen und um zu prüfen, ob alle noch da waren. Natürlich wollte er für seine Mühen auch einige Streicheleinheiten.

Wir nutzten auch die ein oder andere Gelegenheit, um uns mit Marty und seinen Familienmitgliedern zu unterhalten. Seine Frau war komisch, aber die Kinder waren klasse. Tessa tanzte seit Jahren Ballett und war richtig gut. Sie drehte sich hier mal durchs Wohnzimmer, dann lief sie auf den Zehenspitzen, alles einfach so in den Alltag eingebaut, also ob es nicht die geringste Herausforderung wäre. Sehr beeindruckend. Richtig knuffig war Martys jüngste Tochter, Allie, die sich über einige neue Leute in der Gegend besonders zu freuen schien. Sie unterhielt sich gerne mit uns, war sehr offen und plapperte einfach drauf los. Als wir ihr eröffneten, dass wir demnächst abreisen würden, war sie sehr bestürzt darüber, dass wir nicht zu ihrem Geburtstag anwesend sein würden – sie hat im September Geburtstag. Stattdessen versprachen wir ihr eine Postkarte aus Deutschland, was sie in eine helle Aufregung versetzte. In Windeseile zückte sie Papier und Stift, um ihre Adresse zu notieren, stellte dann aber fest, dass sie Papa um Hilfe bitten musste, da sie die postalische Adresse nicht kannte. Goldig. Martys Sohn war nicht ganz so offen, taute aber mit der Zeit auf, vor allem als Allie mehr und mehr mit uns redete.
Aber wir unterhielten uns auch gerne mit dem Familienvater. Eines Tages fragten wir ihn, wie viele Fahrzeuge er hatte. Er wusste es nicht mit Sicherheit zu sagen. Zwölf, vielleicht fünfzehn. Immerhin waren die Autos seiner Eltern auch auf ihn zugelassen. Dann gab es noch die Traktoren, den Bagger, das Motorrad, Auto seiner Frau, und einige mehr. Ebenso unsicher war er, was seine Ländereien betraf. Vielleicht hatte er 600 Hektar, vielleicht mehr. Er wollte auf jeden Fall noch ein bisschen Land kaufen. Die gewünschten Parzellen hatte er auf einer Karte markiert.

Franziska bemühte sich sichtlich einen neuen Host zu finden und ihr war Erfolg beschienen. In Franz Josef suchte ein Hostel neue Helpx-er, die für eine Unterkunft einige Stunden am Tag arbeiten sollten. Wir einigten uns mit dem Host, dass wir in einigen Tagen da sein würden. Immerhin wollten wir Marty nicht vor den Kopf stoßen und so schnell abreisen, obwohl wir kaum etwas für ihn gemacht hatten. Wir informierten unseren derzeitigen Gastgeber über unsere Pläne und buchten die Tickets. Dann mussten wir Marty noch davon überzeugen, dass er uns etwas zu tun gab, weil er tatsächlich nicht erwartete, dass wir am Wochenende arbeiten würden. Wochenende war frei. Auf unser Drängen hin gab er allerdings nach und wies uns an, die Garage durchzufegen. Wir handelten es auf ein "Garage aufräumen" hoch.

In Anbetracht der Leistungen, die Marty brachte (vor allem, was Essen betrifft), klingt "Garage aufräumen" nach nicht allzu viel. Das kann man allerdings nur sagen, wenn man Martys Garage nicht vorher gesehen hat. Marty - und seine Frau - stand an der Schwelle zum Messiedasein. Er war chaotisch im Kopf - das ist hoffentlich schon vorher deutlich geworden - aber auch seine materiellen Güter kannten das Wort "Ordnung" nicht. Bei der Unkrautbekämpfung hatten wir im Garten schon diverse Gegenstände gefunden, die andere Leute vermisst hätten. Wäscheklammern, beispielsweise, lagen halb verbuddelt neben einen Beet - in ihrer Originalverpackung. Dementsprechend sah auch seine Garage aus. Wir waren froh, dass die Familie an diesem Tag unterwegs war, weil wir so unsere Ruhe hatten. Nach wenigen Minuten war klar, dass wir bei null anfangen mussten. Also trugen wir erst einmal alles aus der Garage, trennten Müll von Vielleicht-Müll und brauchbaren Gütern, fegten alles mehrfach gründlich durch, wunderten uns, wie der Stapel Socken es unter den Trockner geschafft hatte, so dass letzterer einige Zentimeter vom Boden abgehoben hatte, packten alle weiterhin verwertbaren Gegenstände auf thematisch gegliederte Haufen, machten zwischendurch Teepausen, fanden Geld und stellten schließlich all das zurück, was zweifelsohne kein Müll war. Den Rest ließen wir vor der Garage stehen. Zwischendurch kam sogar Martys Mutter vorbei, um die Wäsche abzuholen. Wir bescheinigten ihr, dass es jetzt besser aussehen würde als zuvor, obwohl wir noch mitten in den Reinigungsarbeiten waren: "It looks better than before" ("Es sieht besser als zuvor aus"). Sie erwiderte trocken: "I'm sure it bloody does" ("Ich bin sicher, dass es das verdammt noch einmal tut"). Tatsächlich war sie der Ansicht, dass wir alles wegschmeißen sollten. Ein gewisser Widerwille gegen den Ordnungssinn ihres Sohnes schwang in ihren Aussagen mit.

Nach diesem schweißtreibenden Erlebnis hatten wir uns ein Bad im Pazifik mehr als verdient. Zurück zum Haus, Badeklamotten angezogen, Handtuch und ein bisschen Proviant mitgenommen, Jungs eingesteckt und auf ins Wasser. Es war schon sehr lange her, dass ich schwimmen gewesen war, noch länger her war das Schwimmen in einem Ozean. Somit bekam ich die volle Ladung dieser Freizeitbeschäftigung ab: Salz in den Augen, Salz in der Nase und im Mund, plötzlich habe ich den Boden unter den Füßen verloren, Wellen wurden übersehen und rissen mich mit. Es war perfekt. Das Wasser hatte, musste ich dann leider feststellen, nicht mehr so ganz die richtige Badetemperatur, denn nach einiger Zeit wurde mir trotz viel Bewegung kühl. Bevor ich mir also etwas einfing, stapfte ich zurück zum Strand, ließ mich von der brennenden Sonne trocknen, wickelte mich in mein Handtuch, trank ein bisschen, um dann wieder ins Wasser zu springen. Immerhin war dies hier der Pazifik, das musste ich ausnutzen. Aber irgendwann kam dann doch der Abschied, so dass ich wehmütig unserer Hütte entgegen schlenderte.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass Meeresrauschen sich kaum von einer Autobahn unterscheidet. Die lustigen Szenen in diversen Filmen, wenn man die Wellen brechen hört, es kracht und schäumt, sind ja schön und gut, treffen aber leider nicht ganz zu. Denn dieses Krachen und Schäumen findet die ganze Zeit statt, an mehreren Orten gleichzeitig, viele Wellen, viel Wasser, so dass das Brechen einer einzigen Welle meistens untergeht. Es rauscht die ganze Zeit, denn irgendwo bricht immer eine Welle. Trotzdem ist es irgendwie beruhigender, was vielleicht an der Kontinuität des Geräuschpegels liegt.

Es war an eben diesem Abend als Martys Familie in alle vier Winde zerstreut war, dass wir beschlossen, nachts einen Ausflug an den Strand zu machen. Zuvor mussten wir allerdings einige Dinge im Internet erledigen, so dass wir uns in völliger Finsternis zum großen Haus begaben. Die Hunde begrüßten uns mit aggressivem Knurren und lautstarkem Bellen, bis wir sie mit Namen riefen und kraulten. Das nenne ich gute Wachhunde: lieb und freundlich, wenn Herrschen da ist oder sie die Besucher kennen; zähnefletschend, wenn es Fremde sind.
Mac war so freundlich uns zur Veranda zu geleiten, wo wir immer noch Internetempfang hatten. Als ich meinen Laptop schon heruntergefahren hatte, saß ich Franziska gegenüber im Dunkeln und besah mir die Sterne. Sie wollte etwas sagen, hielt aber mitten im Satz inne, um mich zu fragen, wo ich denn war. Ich hatte mich nicht von Ort und Stelle gerührt, doch das Licht ihres Bildschirms blendete sie, woraufhin sie mich nicht sehen konnte. Es war ein zu komisches Bild als sie den Kopf von links nach rechts drehte und verwirrt um sich schaute.
Nachdem alles erledigt war, gingen wir zurück zu unserer Hütte. Die Ausfahrt bei Martys Haus war von dichtem Buschwerk gesäumt, das hoch genug wuchs, um des spärliche Licht der Sterne abzuschirmen. Ich wäre die Strecke gerne ohne Hilfsmittel gegangen, doch Franziska bangte um ihren Laptop, so dass ich doch eine Taschenlampe zückte und diesem Weg das abenteuerliche Element stahl.
In unserer Hütte, die ohnehin auf dem Weg zum Strand lag, legten wir unsere Elektronik ab und gingen weiter. Am Meer angekommen begrüßte uns ein traumhaftes Schauspiel.

So viele Sterne hatte ich zu Lebzeiten noch nicht gesehen. Orion, sonst im städtischen Nachthimmel ein unverkennbares Muster aus wenigen Punkten, mehr als deutlich zu erkennen, verschwand beinahe in den Myriaden von winzigen funkelnden Körnern, die nun so deutlich zu sehen waren. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass er da war und wo er am Himmel stand, hätte ich ihn vermutlich nie gefunden.
Die Milchstraße zog sich wie ein silbern glitzerndes Band über unsere Köpfe hinweg. Stern neben Stern neben Sternchen. Der Himmel glitzerte und funkelte vor sich hin, wie ich es mir nicht einmal hätte ausmalen können. Es war einfach nur zauberhaft. Kein Foto der Welt kann diesem Anblick gerecht werden. Auf diese Art werde ich das Kreuz des Südens nie ausfindig machen können – jedenfalls nicht ohne Hilfe.
Untermalt wurde die ganze Szenerie vom betäubenden Meeresrauschen, das von den Wellen hinter uns verursacht wurde.

Als Marty am nächsten Tag wieder ins Haus trudelte, erklärten wir ihm, welcher Stapel welcher war. Leider hatte er vergessen uns zu sagen, was wir mit dem Müll machen sollten. So musste er ihn selbst wegräumen. Er fragte tatsächlich, ob er das jetzt machen solle. Da lässt man zwei deutsche Mädels mal für einen Tag alleine in Neuseeland und schon wird ihnen das Zepter in die Hand gedrückt. Wir erlaubten ihm also, seinen Rausch erst einmal auszuschlafen und sich darum zu kümmern, wenn es ihm wieder besser ging, was er freudig zur Kenntnis nahm. An diesem Tag war er wirklich nicht ansprechbar. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob seine Frau mit unserer Aufräumaktion einverstanden war. Ihre Freude schien sich eher in Grenzen zu halten.

An unserem letzten Tag wollten wir einen kleinen Ausflug machen, um uns die Gegend ein bisschen näher anzusehen. Marty hatte uns einen Wanderweg empfohlen. Da Jonas im Besitz eines Autos war, fuhren wir mit ihm bis zum Beginn des Weges. Es ist in Neuseeland ganz normal, dass Wanderwege ab einem gewissen Parkplatz ausgeschildert sind. So kann jeder Tourist hinfahren, spazieren gehen und wieder nach Hause fahren. Leider war eben dieser Wanderweg – der einzige in der Region – gesperrt, weil es kurz zuvor heftige Regenfälle gegeben hatte und der Weg derzeit wegen Erdrutschgefahr nicht begehbar war. Wir ließen es uns dann aber nicht nehmen zum nahe gelegenen Aussichtspunkt zu fahren, um die Küstenregion mal von oben zu sehen. Immerhin war das auch ein sehr schöner Anblick, den wir in vollen Zügen genießen konnten.

Martys Land

Ich wäre gerne länger geblieben, aber Franziska fühlte sich nicht wohl, also mussten wir abreisen. Marty war auch der erste Host, der sich keinen Deut darum scherte, wie viel Englisch wir tatsächlich verstanden. Er redete einfach so mit uns, wie mit jedem anderen auch. Seine Aussprache war nicht deutlicher, wenn er mit uns sprach, er benutzte die gleichen Wörter wie mit anderen Kiwis und er blieb sich selbst treu, wenn es um blöde Sprüche ging. Allein die Aussage: "Wenn du ein Ei im Kühlschrank hast, hast du eine ganze Mahlzeit." Ich schätzte diese Aufrichtigkeit sehr und vermisse sie.

Wir warten immer noch darauf, dass Marty mit einer stumpfen Axt hinter uns her rennt. Es würde zu seinem Auftritt passen. Mittlerweile sind wir aber ziemlich sicher, dass er uns bei seinem Orientierungssinn nicht findet, auch wenn wir ihm unseren nächsten Aufenthaltsort nannten. Wahrscheinlich hat er sogar schon vergessen, wohin wir fahren wollten.

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Samstag, 18. April 2015
Nelson – März 2015
Unser nächstes Ziel war die auf der Südinsel gelegene Stadt Nelson. Das hieß für uns, dass wir die Fähre nehmen mussten, um von Wellington dorthin zu kommen. Für die Strecke hätte sich nicht einmal dann ein Flug gelohnt, wenn es in Nelson einen Flughafen gegeben hätte. Leider hatten wir keinen Host in Nelson oder Umgebung gefunden, weshalb wir nur einige wenige Tage verweilen wollten, bevor wir weiterzogen. Es war ein tatsächlicher Urlaub mit ungeregelten Tagesabläufen und viel laissez-faire.

Interislander Kaitaki

Die Fähre brachte uns nach Picton, von wo aus wir dann den Bus nach Nelson nahmen. Die Überfahrt mit der Fähre von Wellington nach Picton dauert ungefähr drei Stunden, allerdings muss man hier anmerken, dass man die letzte Stunde praktisch schleicht, weil man die Meerenge durchqueren muss. Unser letzter Gastgeber empfahl uns zu dieser Zeit aufs Deck zu gehen, weil man mit Glück Delphine sehen kann. Wir hatten leider kein Glück. Aber auch so war die Landschaft einfach nur traumhaft: grüne Berge, die ins Meer eintauchen; weiße Sandstrände mit abgeschottet liegenden Einfamilienhäusern; Inselchen, Küstenstriche, blauer Himmel.

Erste Eindruecke von der Suedinsel

Die Fahrt hingegen war durchwachsen. Franziska mochte sie nicht, ich war schnell gelangweilt, obwohl einem reichlich Abwechslung geboten wurde, ja, es gab sogar ein Kino an Bord. Als wir bei der Abfahrt allerdings oben auf dem Deck saßen, uns gebührlich von Wellington verabschiedeten, fragten wir uns wieder, wo wir eigentlich waren. Links, vorne, hinten, überall um uns herum saßen Leute aus Deutschland. Man sollte meinen, dass ich mich langsam daran gewöhnte, aber weit gefehlt. Es kommt mir immer noch seltsam vor; es war viel einfacher sich an den Linksverkehr zu gewöhnen. Immer noch erwarte ich, dass ich irgendwo um die Ecke komme, einer Gruppe von sich unterhaltenden Geschäftsleuten über den Weg laufe und kein Wort verstehe, weil sie eine Fremdsprache sprechen. Ja, ich finde es auch ein bisschen seltsam, dass Englisch die Amtssprache Neuseelands ist, weil es einfach zu weit weg ist, um so familiär zu sein. Egal, ich schweife ab.

Der Aufenthalt in Picton beschränkte sich auf das Entgegennehmen unseres Gepäcks. Keine halbe Stunde später ging es im Intercitybus weiter. Der Busfahrer war äußerst redselig, tatsächlich quasselte er die gesamte Strecke von Picton nach Nelson durch. Ich wunderte mich stellenweise, wann er Luft dafür holte. Es gab einige interessante Informationen, aber das meiste beschränkte sich auf Kleinigkeiten, weshalb ich mich nach einiger Zeit zurückzog und das ganze Geplapper ausblendete. Die wichtigste Information kam kurz vor unserer Ankunft in Nelson: Es gab hier viele Hotels und Hostels, die einen Shuttleservice von der und zur Bushaltestelle anboten.

Da wir nicht genau wussten, wo unsere Herberge lag (Straßenschilder helfen einem sich zurechtzufinden, wenn keine vorhanden sind, wird es schwierig), riefen wir kurzerhand an und erkundigten uns, wie wir am besten zum Bug Backpackers käme. Die Antwort war schlicht phantastisch. Sie würden uns abholen. Keine zehn Minuten später saßen wir bei Richard im Auto, der zwischendurch noch ein Mädel einsammelte, und unterhielten uns mit dem lustigen Kerl. Das Bug Backpackers lag ein wenig außerhalb des Zentrums und es gab nur wenige Leute, die die lange Straße mit Gepäck beladen hinunter gingen, so dass die meisten davon tatsächlich zum Hostel wollten. Richard neigte dazu, zwischendurch immer wieder anzuhalten, wenn er eine solche Gestalt sah, und die Leute anzusprechen, ob sie zu seiner Herberge gingen. So manches Mal erntete er komische Blicke für sein Verhalten. Wer sonst hält mal eben am Straßenrand, um fremde Leute anzusprechen? Sein schwarzes Vehikel und der kahlrasierte Kopf halfen ihm nicht sonderlich bei der Zerstreuung von mütterlichen Ängsten.

Im Büro von Bug Backpackers wurden wir von Rachael begrüßt. Nun ja, wir mussten einige Minuten auf sie warten, aber das war kaum der Rede wert, immerhin herrschte gerade reger Andrang und sie nahm sich für jeden Gast viel Zeit. Wir erhielten einen Schlüssel für unser Zimmer, stellten dann aber fest, dass auch hier die Schlüssel nur der Zierde dienten. Die Tür konnte abgeschlossen werden, ja, aber was nützte es, wenn dafür die Terrassentür sperrangelweit offen stand? Es gab keine Schränke, nicht einmal einen Spind. Das schien alle anderen Leute mit ihren i-Phones, i-Pads oder i-Sachen nicht zu stören, also beruhigten wir uns damit, dass es in Neuseeland eben so war.

Unsere vorhergehenden Gastgeber hatten uns vor Picton und Nelson „gewarnt“. Anscheinend hatten sich dort die ganzen komischen Gestalten der Weltgeschichte versammelt, so dass die Hippieszene noch immer in voller Blüte war. Tatsächlich habe ich in sonst keiner Stadt so viele Leute gesehen, die barfuß durch die Gegend liefen. Eine amerikanische Mitbewohnerin unseres Zimmers passte hervorragend in das bunte Stadtbild. Abends saß sie mit ihrer Ukulele und arbeitete an ihrem nächsten Hit. Sie hätte noch ein bisschen Geld in Gesangstunden investieren sollen.

Bei unserer Ankunft empfahl Rachael uns eine Wanderroute, die zum geographischen Mittelpunkt Neuseelands führte. Es war klasse, dass Bug Backpackers seinen Gästen kostenlose Fahrräder zur Verfügung stellte, weil wir auf diese Art schnell ins Zentrum und an jeden beliebigen Ort kamen. Vorher musste man nur ein kleines Rätsel lösen: Welches Schloss hatte welche Zahlenkombination? Man hatte uns eine Liste mit Möglichkeiten gegeben, passend zur Anzahl der Fahrräder, aber wir mussten selbst herausfinden, welches Schloss zu welchem Rad gehörte. Es dauerte nicht lange, denn so viele waren es nun auch wieder nicht. Tatsache ist, dass man Fahrradfahren nie verlernt. Dies merkte ich sogleich, als ich mich auf den nächstbesten Drahtesel schwang und daran zurückdachte, wie lange die letzte Spazierfahrt her war. Tatsache ist auch, dass man nach so langer Zeit Muskelkater bekommt.
An diesem Tag beschloss ich, Franziska niemals an das Steuer eines Automobils zu lassen. Zumindest nicht in Ländern mit Linksverkehr, nicht wenn ich mitfahren muss und nicht wenn es noch weitere Verkehrsteilnehmer gibt. Sie hatte sich immer noch nicht so ganz an die Umstände gewöhnt. Ich hoffe, das kommt noch.

Erst einmal mussten wir mit den hiesigen Verkehrsregeln zurechtkommen. Es besteht Helmpflicht für Radfahrer und jedes Vergehen wird mit 55 NZ$ Bußgeld bestraft. Selbstverständlich herrscht auf der Straße Linksverkehr. Aber wo Radfahrer nun hin gehören, ob auf Straßen, Radwege oder Bürgersteige, schien mir recht willkürlich. Jeder schien das zu machen, wonach ihm oder ihr gerade der Sinn stand. Wir versuchten uns mit deutschen Regeln, was uns nicht in den Mittelpunkt der polizeilichen Aufmerksamkeit führte. Es schien also zu funktionieren. Zumindest begingen wir keine so groben Verstöße, dass es irgendjemand für nennenswert hielt.

Auf unserem Weg zum Mittelpunkt von Neuseeland kamen wir an einigen Stationen vorbei, die wir uns auch noch ansehen wollten. Wir verschoben es auf den Rückweg, da wir unsere Pläne nicht völlig über Bord werfen wollten und zudem einen Aufstieg in der Mittagshitze zu meiden versuchten. Am Park am Fuß des Bergs packten wir unser Mittagessen raus, das wir genüsslich verspeisten. Es gab ein buntes Bento, das schon als Kunstwerk gewertet werden kann, wenn man die Umstände der Zubereitung in einer rudimentär eingerichteten Küche bedenkt. Dennoch war es vorzüglich.

Der geographische Mittelpunkt Neuseelands war genauso protzig gekennzeichnet, wie ich es mir vorgestellt und erhofft hatte. Ein kleines Schild reicht nicht aus – die Neuseeländer mögen es nun einmal ein bisschen größer –, nein, man stellte gleich eine Statue auf, die auch von der nächsten Stadt noch zu sehen ist. Wir genossen die Aussicht ein bisschen, machten Pause, knipsten Fotos und gingen wieder gemächlich den Berg hinunter.

Das geographische Zentrum Neuseelands

Auf unserem Rückweg kamen wir am Queen’s Garden vorbei, den wir schon zuvor als Ausflugsziel anvisiert hatten. Also gingen wir hinein, um uns von der Dekadenz der englischen Gartenkunst beeindrucken zu lassen. Im Garten gab es noch einen Chinesischen Garten. Alles war schön gepflegt, es gab einen Teich, Rosenbeete, Brücken, Statuen, Wasserrad, Pavillons, was eben dazu gehört.

Chinesischer Garten im Queensgarden

Dann kamen wir an der Kathedrale dieses Ortes vorbei. Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob ich sie hier erwähnen soll, weil sie wirklich nicht schön oder interessant war. Das Beste an ihr war immer noch der Sonnencremespender, der an einer Laterne am Eingang zu dem Gebäude befestigt war. Darüber hinaus war sie grau – die Kathedrale, nicht die Laterne.

Sonnencremespender vor der Kathedrale

Erst am nächsten Tag unternahmen wir einen Ausflug zum Meer, der recht unspektakulär ausfiel. Da eine große Sandbank den Hafen von Nelson belagerte, gab es keinen Badestrand. Man hätte viel zu weit durch flaches Wasser waten müssen, bevor man eine akzeptable Schwimmtiefe erreichte. An der Küste waren aber zwei Parks gelegen, die wir uns bei der Gelegenheit auch noch ansehen wollten. Leider stellte sich heraus, dass sie unbefriedigend ungrün waren, sondern stattdessen von Stadions eingenommen wurden. Die wenigen Pflanzen in diesen „Parks“ waren klein, vielleicht gerade erst vor dem Sommer gepflanzt.
Wir radelten noch ein bisschen durch die Stadt, nur um uns umzusehen, bevor wir wieder ins Hostel einkehrten und unsere Sachen für den bevorstehenden Aufbruch packten. Am Morgen darauf fuhr unser Bus sehr früh ab.

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Montag, 23. März 2015
Auf Wiedersehen
Dies wird vorerst der letzte Beitrag sein. Mein Laptop hat sich verabschiedet und mir damit die Möglichkeit zu weiteren Erzählungen verbaut. Vielleicht schaffe ich es noch irgendwie einige Bilder und einen weiteren Text hochzuladen (Sicherungen machen es möglich), aber ich möchte keine Stunden an einem öffentlich zugänglichen Rechner mit englischer Tastatur zubringen. Mal sehen, wie es weiter geht.
Bis dahin: Alles Gute.

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Samstag, 21. März 2015
Petone / Wellington – März 2015
Sonnenstrahlen ueber Wellington

Der Umzug von Hastings nach Petone kam einer Hochgeschwindigkeitsfahrt mit Bremsung in einer Betonwand gleich. Kleine Anmerkung: Petone liegt 12 Minuten Bahnfahrt von Wellington entfernt. Auf der Farm irgendwo im Nirgendwo hatten wir uns gerade an die Ruhe und Abschottung gewöhnt, die nur regelmäßig durch Robert gestört wurde, als wir dieses gemütliche Nest verließen, um unserem Ziel, so viel von Neuseeland zu sehen, wie nur irgend möglich, einige Kilometer näher zu kommen. Natürlich war die Fahrt mal wieder malerisch, kurvenreich ebenfalls. Bei dieser Gelegenheit passierten wir Dannevirke, ein verschlafenes Örtchen, an dessen Einfahrt uns ein dänischer Wikinger begrüßte. Allgemein schien diese Stadt viel mit Dänemark zu tun zu haben, so dass die Farben rot und weiß oft zu sehen waren. Ich erkundigte mich aber nicht weiter, was es damit auf sich hatte. Außerdem führte uns unsere Reise durch Palmerston North. Ebenfalls klein, ebenfalls pittoresk. Da wir dort eine kleine Mittagspause einlegten, hatten wir Gelegenheit, uns einige Ecken des Zentrums anzusehen. Mit Ankunft in Wellington hatten wir die 800-Kilometermarke erreicht, wenn nicht gar überschritten. Es war ein Tag, der Seinesgleichen suchte. Nicht nur, dass die Busfahrt fünf Stunden lang war und uns quer durchs Land von der West- an die Ostküste beförderte, nein, das wäre ja schon anstrengend genug, aber um dem ganzen Tag noch eins drauf zu setzen, gingen wir von zwei Personen in Rufweite zu zwanzig Geburtstagsgästen in einem Raum über. Geht es noch ein bisschen extremer? Aber sicher, sonst würde es sich nicht lohnen: Auf dieser Feier waren zudem noch vier Kinder im Alter von 2 Monaten bis 6 Jahren anwesend. Es war ein heftiger Aufprall, der seine Spuren hinterließ.

Unsere nächsten Gastgeber waren ein englisch-deutsches Pärchen mit einer sechsjährigen Tochter und einem Labrador namens Daisy. Joe, der englische Ehemann, war so freundlich uns am Bahnsteig abzuholen, während Susanne sich für die Feier anzog. Sie hatte uns schon in einer Mail mitgeteilt, dass wir eingeladen waren, sie zu begleiten, und auch wenn wir dies ein bisschen seltsam fanden, willigten wir ein. Auf der Feier lernten wir, dass es in Petone und Umgebung viele Einwanderer deutschen Ursprungs gibt, und unterhielten uns unverfänglich mit Gastgebern und Gästen. Es gab reichlich zu essen, auch wenn der Braten auf sich warten ließ, weil die Flamme immer wieder erlosch, was mir recht wenig ausmachte, da ich mich an Salaten, Kuchen und Muffins gütlich tat. Als wir am frühen Abend endlich in unser Zimmer einkehren durften, schafften wir es gerade noch das Bett zu beziehen und zu duschen, bevor wir beide recht erschöpft in die Federn sanken und viele Stunden durchschliefen. Glücklicherweise war der folgende Tag ein Sonntag, so dass wir nicht früh aufstehen mussten und auch nicht durch den berufstätigen und schulpflichtigen Haushalt geweckt wurden. Tatsächlich waren wir vor allen anderen wach.

Die Arbeit an diesem Sonntag beschränkte sich auf Babysitten und Küche aufräumen, wenn auch unterbrochen von einem präpubertären Tobsuchtsanfall eines Prinzessinnenverschnitts. Dies führte dazu, dass wir nicht auf Katrina aufpassen mussten, sondern den Disney-Film Frozen ganz alleine sahen. Ursprünglich war es die Idee der Tochter, den Film mal wieder zu sehen, weil Franziska ihn nicht kannte. Sie wollte dann doch lieber die Freunde ihrer Eltern besuchen, ganz einfach um die Mama nicht verlassen zu müssen. Außer uns beiden war noch ein italienischer Backpacker bei der Familie eingekehrt, Zac genannt, der schon ein bisschen länger im Haushalt verweilte und uns das eine oder andere von der Gegend erzählen konnte. Ansonsten hatte Susanne uns darum gebeten, die Fenster mal ordentlich sauber zu bekommen. In Anbetracht der Fensterart und des Hausbaus war das schon eine Herausforderung, die vor allem sicherheitstechnisch ihres Gleichen suchte. Sie gab uns einige hilfreiche Werkzeuge zur Hand, aber streifenfrei wurden die Fenster damit nicht immer. Außerdem schien die Mutter des Hauses sehr froh darüber, wenn sich ab und zu jemand anderes um ihren Nachwuchs kümmerte. Da Katrina an Franziska einen Narren gefressen hatte, schien es ganz gut zu klappen. Zumindest war ich so aus dem Schneider und beschäftigte mich mit anderen, eher häuslichen Pflichten.

Was die Ernährung betraf, teilte ich leider nicht den Geschmack der Familie, so dass die Mahlzeiten nicht zu meiner guten Stimmung beitrugen. Macht nichts, man kann nicht alles haben. Wir boten uns an, auch mal die eine oder andere Speise zuzubereiten, was von der Familie dankend angenommen wurde. So bekam ich mein vor Gemüse überquellendes Curry und Susanne ihre Spätzle – nach Franziskas Rezept und von ihr hergestellt. Darüber hinaus gab es Waffeln, Apple Crumble und Pfannkuchen. So lässt es sich schon eher aushalten. Das mit dem Grillen sollte Joe nächstes Mal doch einem Deutschen überlassen.

Wir unternahmen viele Ausflüge nach Wellington; es lief darauf hinaus, dass wir fast jeden Tag in die Hauptstadt fuhren. Wer auch immer behauptet hat, Auckland sei die lebenswerteste Stadt Neuseelands, hat die Welt nicht gesehen, ja nicht einmal sein eigenes Land. Auckland, Schmauckland, an der Stadt ist nichts dran. Sie ist groß, überfüllt, schmucklos, weitläufig, einfach nicht schön. Jede Stadt, jedes Örtchen, das wir nach Auckland sahen, hatte mehr Reiz. Wellington hingegen ist eine sehr schöne Stadt, in der es auch viel auf engem Raum zu sehen gab. Da die Gegend von Bergen umgeben ist, werden der Stadt natürliche Grenzen gesetzt. Mit rund 380.000 Einwohnern im Verwaltungsgebiet ist sie winzig, und doch kann man sehr viele unterschiedliche Dinge erleben. Erstaunlicherweise gibt es nur sehr wenige Attraktionen, die auf Adrenalinjunkies abzielen. Uns sollte es recht sein, denn wir sahen uns den kulturellen Teil ein bisschen näher an.

Bucht von Wellington

Wir begannen mit dem Parlament, auch Beehive (also Bienenstock) genannt. Der Spitzname der exekutiven Flügels bezieht sich auf die Architektur des Gebäudes, die eben einem traditionellen Bienenstock ähnelt. Trotzdem ist es ein Bau aus den 70er Jahren, so dass die massive Verwendung von Beton nicht zur Attraktivität des Hauses beiträgt.

Das Parlament Beehive

Das Regierungsgebäude direkt daneben hat schon mehr Charme. Wir nahmen nur zu gerne an der kostenlosen Führung teil, die uns weniger durch den Beehive und mehr durch die anderen Räumlichkeiten des Parlaments führte. Tatsächlich sahen wir nur einen Raum der Exekutiven von innen, den größten, der auch prächtig eingerichtet war: Parkettböden, hohe Decken, Rednerpult. Leider waren gar keine Fotos innerhalb der Regierungsgebäude erlaubt; wir mussten am Eingang unsere elektronischen Geräte abgeben. Allerdings lernten wir viel über die Regierungsgeschäfte und –abläufe in Neuseeland, auch wenn unser Guide keine begabte Rednerin war. Sie machte Pausen an ungeeigneten Stellen und schien immer wieder darüber nachdenken zu müssen, was als nächstes kam oder ob sie alles erzählt hatte. Wiederholungen von bereits Gesagtem waren auch an der Tagesordnung. Eine sehr eigenartige Sprechweise. Damit sie auch reden konnte, wenn nicht alle Leute im Raum waren oder der Raum akustisch nicht für größere Gruppen geeignet war, hatten wir am Anfang Empfangsgeräte mit Kopfhörern erhalten. Es war ein bisschen komisch, sie einerseits live, andererseits über den Knopf im Ohr zu hören. Dennoch erfüllten die Geräte ihren Zweck, so dass ich nicht direkt neben ihr stehen musste, um ihren Erläuterungen zuzuhören. Dies erwies sich als äußerst praktisch, da ich gerne mal ein bisschen durch die Räume schlenderte, um mir interessante Objekte näher anzusehen.
Nach diesem lehrreichen Vortrag machten wir uns zu weiteren Sehenswürdigkeiten auf und zogen Zac gleich mit. (Natürlich hatten wir ihn vorher gefragt.) Wenn man schon mal in der Hauptstadt ist, kann man sich auch das Archiv ansehen. Es war kein richtiger Rundgang; wir sahen uns nur das Gebäude von außen und den Eingangsbereich an. Selbstverständlich nahmen wir einen Flyer mit, schließlich kann man nie wissen, wann die Kontaktdaten von Vorteil sein könnten. Der Eingangsbereich des Archivs war richtig gemütlich eingerichtet: Man hatte ein Café eingebaut, in dem einige Leute saßen und ihre Getränke sichtlich genossen.
Außerdem nahmen wir an diesem Tag noch die Old St. Paul’s Cathedral mit.

Kathedrale St Pauls

Ja, dieses winzige Holzhäuschen bezeichnet sich selbst tatsächlich als Kathedrale. Unserer Ansicht nach war es einfach nur putzig. Einige Minuten und Fotos später entschieden wir uns für die Rückfahrt, da alle schon langsam hungrig wurden und wir uns unser Essen noch verdienen mussten.

Meine Rückkehr in die Zivilisation hat mich einiges gelehrt. Allem voran habe ich feststellen müssen, dass es die Stadtgeräusche um mich herum sind, die mich im Alltag äußerst stören. Daher rührt mein Bedürfnis ständig Musik in den Ohren zu haben: Sie soll diesen Lärm ausblenden – es ist eindeutig keine herzergreifende Liebe zur Musik. Auf der Farm irgendwo im Nirgendwo war mein Wunsch nach Musik viel geringer; tatsächlich empfand ich sie so manches Mal als störend und bevorzugte das Grillenzirpen.
Grillen sind aber allgemein in Neuseeland eine ganz schön große Plage, wenn man sie nicht mag. Nicht nur, dass es die Viecher zuhauf gibt, sie sind auch unheimlich laut. Wenn so ein Schwarm in einem Baum sitzt, kann er gut und gerne den Straßenlärm übertönen.

Das Nationalmuseum Neuseelands: Te Papa
Kommen wir noch einmal zu dem Fun-Park-Aspekt zurück.

Im Nationalmuseum

Da dachten wir unschuldigen deutschen Mädels uns, dass wir uns kulturell bereichern sollten, indem wir das Nationalmuseum Neuseelands aufsuchen – immerhin wurde es uns sowohl von unserer Gastmutter als auch von Zac wärmstens empfohlen –, nur um dann festzustellen, dass es sich bei dem Museum um einen Ereignisparcours handelt. Susanne hatte uns versichert, dass sie noch keinen Helfer hatte, dem das Museum nicht gefallen hätte, auch wenn es viele unter ihnen gab, die sich nicht für Geschichte interessierten. Ja, natürlich hätte es besonders solchen Leuten gefallen, weil sie darin eher bespaßt als gelehrt wurden. Es tat mir ein wenig leid, ihren Rekord zu brechen. Nur ein bisschen.

Te Papa erstreckt sich über sechs Etagen, wobei die letzte nur eine Aussichtsplattform ist, von der aus man Wellington ganz gut sehen kann. (Das konnten wir nicht, weil die Plattform an dem Tag zusammen mit Ebene 5 für Instandsetzungsarbeiten geschlossen war.) Erstaunlicherweise fängt das Museum – oder zumindest der Teil, den ich guten Gewissens als Museum bezeichnen kann – erst auf der dritten Ebene an. Alles darunter ist ein Abenteuerspielplatz für Kinder bis zehn Jahren.

Bush City, so nennt man hier den Garten außerhalb des Museums, stellt verschiedene einheimische Pflanzen aus, die kinderfreundlich erklärt werden. Darüber hinaus findet sich im Unterholz so die ein oder andere Überraschung: In einem eigens präparierten Sandbecken kann man fossile Knochen ausgraben; in einer Höhle findet man Knochen flugunfähiger Vögel, denen ein Loch im Boden zum Verhängnis wurde; dieselbe Höhle – nur ein anderer Teil davon – beherbergt künstliche Glühwürmchen, deren Lichter prompt ausgehen, wenn man mal laut schreit; verschiedene Felsen liegen mit Erklärungen zu ihrer Entstehung und Textur neben dem Wasserbecken. Bush City erstreckt sich über zwei Level, das Erdgeschoss und den ersten Stock, so dass man die Pflanzen, Steine und Höhlen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten kann. Außerdem mögen Kinder Hängebrücken.

In dem Teil, der das Leben in den Weiten und Tiefen der Ozeane beschreibt, (wir befinden uns wieder im Gebäude) findet man einen Kurzfilm über die kuriosen Kreaturen weit unterhalb des Meeresspiegels. Um möglichst viele Besucher anzuziehen, ist der Film in 3D. Da Fische nicht sprechen können, gibt es nur eine atmosphärische Hintergrundmusik. Den Kindern soll schon früh beigebracht werden, dass das Leben als Tier eine reine Glückssache ist und man jederzeit von einem größeren Raubtier gefressen werden kann, wodurch auch solche Aufnahmen des ewigen Kreislaufs gezeigt werden. Immer noch in 3D. Ich war mir nicht sicher, was ich davon halten sollte, dass die Kinder im schulpflichtigen Alter immer noch nach diesen frisch geschlüpften Quallen griffen, obwohl sie sich darüber im Klaren waren, dass sie nicht in der Lage sein würden sie zu ergreifen. Das krönende Finale war aber der animierte Koloss-Kalmar. Dieser feuerrote, 490 kg schwere Kopffüßler war nicht nur als dreidimensionales Filmmonster in dem Museum anzutreffen, sondern auch als ehemals lebendes Exemplar, heute in Formaldehyd eingelegt, um den Verwesungsprozess zu unterbinden. Ein weiterer Kurzfilm – diesmal nur zweidimensional – erklärte, wie es dazu kam, dass dieses Exemplar in Te Papa anzutreffen war.
Wie so oft im Leben war es eine Verstrickung verschiedener Umstände: Im Jahre 2007 zog ein neuseeländisches Fischerschiff gerade seinen Fang ein. Das Besondere an diesem Schiff war, dass nicht nur Fischer an Bord waren, sondern gleichzeitig auch Forscher zur Besatzung gehörten. Bei jedem Fang wurden verschiedene Proben zu verschiedenen Zwecken gesammelt. Die Biologen interessierten sich für seltene oder gar unbekannte Fischarten, aber sie prüften gleichzeitig auch die Schadstoffwerte der gefangenen Fische, um festzustellen, ob diese für den Verzehr geeignet waren. Bei positivem Befund durften die anderen Besatzungsmitglieder die Tiere weiterverarbeiten. Dieser eine Fang wies aber eine Eigenart auf: Eine Koloss-Kalmar hatte sich am Köder festgefressen und wollte nicht mehr loslassen. Da diese possierlichen Tierchen sonst nur in der Tiefe leben, brach der Kopffüßler unter seinem eigenen Gewicht zusammen. An Rettung war nicht mehr zu denken; die Haut brach an einigen Stellen auf, bevor man es aus dem Wasser gefischt hatte. Also entschloss man sich kurzerhand, das Tier zu bergen und der Wissenschaft zu überlassen. Gleichzeitig war aber auch die neuseeländische Regierung an dem Schiff beteiligt, so dass sie das Tier gerne ausgestellt sehen würde, weil es ja eine Attraktion ohne Gleichen war. Also durften die Wissenschaftler das Tier nicht aufschneiden, sondern nur mit solchen Instrumenten betrachten, die es intakt ließen. Jetzt liegt das Tier in Te Papa für jeden Besucher zugänglich. (Ich hoffe, ich konnte die dramatische Stimmung, die der Film vermittelte, gut widergeben.)

Der Übergang von Seevögeln zu Fischen ist in Te Papa irgendwie fließend. Da hängen erst einmal einige fliegende Vögel von Seilen runter, die nächsten sollen im Sturzflug gezeigt werden, die darauf sind wohl schon im Wasser und fischen nach Beute, und daneben ist ein weißer Hai. Ich hatte den Eindruck, dass der Hai fliegt. Irgendwie ist da etwas schief gelaufen.

Dies alles findet in einem großen Raum statt und die Geräuschkulisse ist unerträglich laut. Im Hintergrund hört man die verschiedenen Vogelstimmen, es laufen verschiedene Filme parallel, man kann Knöpfe drücken, um sich Ausstellungsstücke von Kindern erklären zu lassen, und dann gibt es noch den üblichen Besucherlärm.

Im Raum nebenan ist es nicht besser: Es gibt einen großen Bereich, der sich mit dem Thema Erdbeben beschäftigt. In einer Region, die praktisch täglich ein Erdbeben erlebt, weil sie auf der Kante von zwei geotektonischen Platten gebildet ist, ist das ein zugegeben wichtiger und nützlicher Aspekt. Allerdings erinnert auch hier viel an einen Vergnügungspark, anstatt objektiv-informativ zu sein. Es gibt dort ein kleines Haus, das das Erdbeben von 19hundertschmeißmichtot simulieren soll. Drinnen ist das Wohnzimmer so eingerichtet, wie es zu der Zeit eben war; der Fernseher läuft, das Radio gibt die Nachrichten wider, als plötzlich alles abbricht und das Haus zu rütteln anfängt. Die Kinder und Jugendlichen, die mit uns drin waren, lachten und betrachteten alles wie eine Achterbahnfahrt. Ich war über ihr Verhalten verstört.

Auf Bildschirmen konnte man sich ansehen, welche Schäden ein Erdbeben in einer durchschnittlichen neuseeländischen Wohnung anrichtet, wenn man die Gegenstände nicht fachmännisch sichert. Man wurde dazu aufgefordert, die richtigen Sicherheitsmaßnahmen (für Schränke, Fernseher, Bilder, etc.) in diesem interaktiven Programm zu treffen und einzusetzen. Es war aber wie ein Spiel aufgebaut, so dass man innerhalb einer bestimmten Zeitspanne alles arrangiert haben musste, bevor das Beben ausbrach. Schaffte man es nicht, gingen die Sachen zu Bruch.

Darüber hinaus gibt es zwar viele Informationen darüber, wie ein Erdbeben entsteht, welche Schäden es hinterlassen kann, wieso Neuseeland besonders anfällig dafür ist, wie man sein Haus erdbebensicherer machen kann, etc. Aber die Ecke mit den Infos dazu, wie man sich als Person bei einem Erdbeben verhält, fanden wir nicht – obwohl Susanne uns im Nachhinein versicherte, dass es sie gab. Da Kindern das richtige Verhalten vom ersten Tag an eingeimpft wird und es regelmäßige Übungen dazu gibt, müssen sie es natürlich nicht noch einmal lesen. Für Touristen wäre das aber interessant. Auch hier war alles laut, von überall her drangen unterschiedliche Geräusche auf einen ein, Konzentration war kaum möglich.
Spielend lernen stelle ich mir doch anders vor.

Was überhaupt fehlt ist die Beziehung der Maori zu den britischen Kolonisten. Es gibt kein Gemälde darüber, keine offen gelegten Quellen, keine Geschichten. Als ob dieses Ereignis nie stattgefunden hätte. Überhaupt wird alles so dargestellt, als hätten die Maori und die Einwanderer schon ewig parallel zueinander existiert. Informationen darüber, wie die Maori in die allgemeine Gesellschaft passen, wie sie sich integriert haben oder nicht, sucht man vergeblich. Auch in den Nachrichten findet es keinerlei Erwähnung. Es wird völlig darauf verzichtet, irgendeinen Konflikt mit den Maori zu beschreiben, was mir suspekt vorkommt, weil die Stämme als sehr kriegerisch gelten. Ebenso werden zwar immer wieder am Rande unterschiedliche Stämme der Maori erwähnt, es fehlt aber eine Erklärung dazu, was sie ausmachte, wie sie zueinander standen, welche Art von Beziehungen sie pflegten, etc. Es hängt wohl damit zusammen, dass die Angelegenheiten mit den Maori bis heute nicht geregelt sind und Prozesse um Gelder sowie Grundstücke immer noch vor neuseeländischen Gerichten geführt werden. Dass dieser Umstand eine Erwähnung im Nationalmuseum verhindert, ist noch verständlich. Dass die Einwohner Neuseelands sich deshalb den Australiern überlegen fühlen, weil sie die Ureinwohner nicht in Reservate gesperrt haben, nein, eher nicht.
Der Zweite Weltkrieg ist hier eher das große Thema. In jeder Stadt, egal wie klein sie sein mag, gibt es mindestens ein Kriegsdenkmal. Es wirkt doch sehr pathetisch.
Diese so junge und ungefestigte Nation hat einen unsäglich starken Drang sich selbst und ihre Existenz zu rechtfertigen.

Zurück zum Erlebnispark, Entschuldigung: Nationalmuseum, Te Papa.
Auf der dritten Ebene fanden wir dann etwas zu dem Thema, wie die Landschaft Neuseelands sich im Laufe der Zeit, vor allem seitdem die Maori eingetroffen waren, verändert hatte. Der Titel „Blood, Earth, Fire“ („Blut, Erde, Feuer“) erschien mir dann doch zu dramatisch für einen Vorgang, der schon auf jedem Kontinent stattgefunden hatte. Man fing zeitlich bei den Maori an, die ja auch schon eigene Tiere und Pflanzen eingeführt hatten, erzählte einiges zu ihrem Glauben und ihren Weltvorstellungen (ließ aber dezent aus, ob das heute noch irgendwo Anwendung findet) und ging über zu ihrer Lebensweise vor einigen Jahrhunderten.

Cut.

Daneben gab es die Möglichkeit, etwas über die europäischen Immigranten ab dem 19. Jahrhundert zu erfahren. Es war interessant zu sehen, wie viele Wälder für die Nutztierhaltung gerodet worden waren, aber welchen Sinn es hatte, das Leben aus der Sicht eines Schafes zu zeigen, bleibt mir bis heute schleierhaft. Hier wurde auch erklärt, warum kleine Schädlinge, die in Europa zuhauf vorkommen, in Neuseeland als so große Bedrohung wahrgenommen werden. Sie gehören einfach nicht ins Ökosystem und haben hier keine natürlichen Feinde. (In dem Zusammenhang ist auch die Quarantäne in Auckland zu sehen, als eine bestimmte Art der Fruchtfliege entdeckt worden war.) Es überraschte mich allerdings kaum noch, dass im Museum so viel Tamtam zu dem Thema gemacht wurde. Selbstverständlich musste auch so etwas inszeniert werden. Da ging man durch einen Raum voller Kisten und Güter und durfte hierhin, dorthin schauen, um zu sehen, wo „illegale Einwanderer“ à la Spinne, Termiten und Furchtfliege sich überall verstecken können.

Wir näherten uns langsam dem historischen Teil des Museums, also dem Teil, der von Geschichte handelte und Geschichte verarbeitete. Auf Level 4 waren wir dann vollends in der Historie dieses Inselstaates angekommen.

Vertrag von Waitanga

Der Vertrag von Waitangi wurde demonstrativ und in Übergröße zur Begrüßung vorgestreckt, die Teilung zwischen Maori und Europäern war deutlich, das Ausstellungsangebot faszinierte durch seine abwechslungsreiche Darstellung. Es gab Filmchen, Tonaufnahmen, Bilder, Ausstellungsstücke, eben alles was man von einem Museum erwartet.

Wie bereits erwähnt, waren Level 5 und 6 an dem Tag geschlossen.
Besonders auffällig war die Zweisprachigkeit des Museums. Da Englisch die Amtssprache ist und Touristen aus aller Welt Neuseeland aufsuchen, ist es schwierig sich für eine weitere Sprache zu entscheiden, wenn es um die Beschriftung der Ausstellungsstücke geht. Sollte man die größte ausländische Minderheit nehmen oder sich an den Muttersprachen der Touristen orientieren? Wäre in dem Fall dann nur die Menge an Touristen eines bestimmten Landes entscheidend oder auch die politische Größe dieses Landes? Hätte man dann nicht mehrere Sprachen nehmen müssen? Man hatte sich dafür entschieden, Maori als Zweitsprache zu nehmen. Es wirkte plakativ. Einerseits erfährt man kaum etwas über die Maori oder ihren heutigen Stellenwert in der Gesellschaft; andererseits wird dieses Volk als Beispiel kultureller Vielfalt in Neuseeland vorne an den Karren gebunden. Bezeichnend war, dass in den Räumen mit vorwiegend Maori-Sachen (Geschichte, Kunst, etc.) die Beschriftungen zuerst auf Maori waren, dann auf Englisch. In allen anderen Räumen war es umgekehrt.

Damit waren wir durch und machten uns mit rauchenden Köpfen auf den Weg zu Susanne und Familie. Im Haus angekommen, teilten wir ihr und Zac unsere Eindrücke dann auch mit, was auf wenig Gegenliebe stieß. Beide waren von dem „Museum“ angetan und vor allem Susanne schwang sich zum eifernden Verfechter dieser Institution auf. Wir nickten nur noch, als wir merkten, dass sie für unsere Argumente gar nicht zugänglich war.

Überhaupt war Susanne ein komisches Exemplar Einwanderer: Sie schien niemals richtig in Neuseeland angekommen zu sein. Mit uns sprach sie die ganze Zeit Deutsch, ihre erste Mail an uns war auf Deutsch, als sie erfuhr, dass wir aus ihrem Heimatland kommen, (es ist schwierig sich in der Fremde zu fühlen, wenn man dauernd Deutsch spricht) und sie trug an einem Tag sogar ein T-Shirt mit der Aufschirft: „I might live in New Zealand, but I will always be a German girl.“ („Zwar lebe ich in Neuseeland, aber ich werde immer ein Deutsches Mädel bleiben.“). Auch die Begründung dafür, dass sie den Job hatte, den sie hatte, fand ich für mich unbefriedigend. Das nur als Anmerkung am Rande. Als Gastgeberin war sie sehr freundlich und hilfreich. Sie gab uns viele Tipps und zeigte uns viel von der Gegend.

Am Dienstagabend machte ich mir den Spaß an einer Trainingseinheit mit Mark teilzunehmen. Mark trainiert seit Jahren Bujinkan, war schon oft in Japan und lernte von einigen namenhaften Trainern. Davon abgesehen ist er richtig sympathisch und versteht, was er macht.
Franziska wollte ursprünglich mitkommen, um sich das ganze Schauspiel anzusehen, doch sie änderte ihre Meinung. Also zog ich alleine los. Da es niemanden gab, der mich in die Stadt mitnehmen würde, was nicht weiter verwundert, weil hier jeder seinen eigenen Tagesplan hat, ging ich also zu Fuß zur Bahnhaltestelle. Die Sache ist nur, dass das Haus unserer Gastfamilie auf einem Berg liegt. Mit dem Auto ist man schnell oben oder unten; zu Fuß hingegen braucht man schon ein bisschen mehr Zeit. Es sind rund 20 Minuten nach unten, wenn man geübt ist, braucht man auch die gleiche Zeit hoch. Für Fußgänger gibt es einen „historischen“ Wanderpfad, der abseits der Straßen schneller nach unten führt. Mit schneller meint man auch steiler. Es war sehr anstrengend der Schwerkraft entgegen zu wirken, während ich trotzdem versuchte meinen Zug zu bekommen. Runter rollen oder laufen wollte ich dann doch nicht. (In Anbetracht der Tatsache, dass wir diesen Weg in den kommenden Tagen noch häufiger gingen, kann es aber nicht so schlimm gewesen sein.) Auch in Wellington angekommen, ging ich vom Hauptbahnhof zum Dojo zu Fuß. Auf dem Stadtplan sah die Strecke allerdings viel kürzer aus, so dass ich mit meiner Schätzung, wie lange ich dafür brauchen würde, ein bisschen daneben lag. Dennoch kam ich zeitig an; Verspätungen waren immerhin einkalkuliert.
Nach einigen ausgetauschten E-Mails stand ich auf der Matte, stellte mich höflich vor und wurde freundlich in der Gruppe aufgenommen. Für den Abend hatten einige Leute abgesagt, erklärte Mark mir, so dass nicht ganz so viele da sein würden, aber man käme auf fünf bis sechs. Es war eine süße, kleine Gruppe; fünf Kerle, alle sehr freundlich und zuvorkommend, wie man es in der Szene nun mal oft erlebt. Ich habe sehr viel lernen können und hoffe, dass ich es mitnehmen kann. Wir machten nur wenige Techniken an sich, doch Mark achtet auf Details. Außerdem war die Stunde gut strukturiert, so dass ich den Eindruck hatte, dass ein Thema einen roten Faden bildet.
Besonders lustig fand ich seine Einschätzung meines Trainers, wenn es um die Shihanwahl in Japan ging. Ich erzählte nur am Rande, wie unser Training gestaltet ist, und er zählte auf, bei welchen Lehrern mein Trainer wohl ist: viel Nagato und Noguchi, Shiraishi, wenig bei Ishizuka. Wie gesagt: Mark hat Ahnung.

Am Donnerstag nahmen wir uns viel in Wellington vor, zu viel, wie sich später herausstellte. Auf dem Plan standen eigentlich nur drei Dinge, von denen wir dachten, dass wir sie schnell abarbeiten können: mit dem Cable Car (oder der Zahnradbahn) fahren, das Carter Observatorium besuchen und den botanischen Garten sehen. Das Cable Car fährt in den botanischen Garten, in dem das Observatorium steht. Dieser Plan klang perfekt. Es fing auch alles wie geplant an, als wir nach einem frühen Lunch das Haus verließen, um uns in die Stadt zu begeben. Wir mussten früh wieder zu Hause sein, weil wir vorgeschlagen hatten, für die ganze Familie zu kochen. Das Cable Car war schnell gefunden, eine Bahn fuhr alle zehn Minuten und kam gerade an, als wir unser Ticket gekauft hatten. Perfekt.
Die ganze Kabine war auf die Fahrt mit Steigung ausgelegt, indem sie schräg angelegt war. Die Gäste saßen also immer gerade, egal wo sie sich in der Bahn aufhielten. Allgemein war das Gefährt recht kurz, es passten vielleicht gerade mal 50 Leute hinein. Auch war die Fahrt sehr kurz. Insgesamt waren es fünf Haltestellen, an denen die sich gegenüber liegenden Bahnen gleichzeitig halten mussten. Ein definitiv lustiges Schauspiel, das uns zudem vor die Tür des Cable Car Museum brachte. Da der Eintritt kostenlos war, entschlossen wir uns kurzerhand für eine Besichtigung.

Welch Unterschied zum Fun-Park Te Papa! Es war ein tatsächliches Museum. Klein, definitiv, aber auch sehr informativ. Man durfte sogar in einem historischen Cable Car sitzen.

An dieser Stelle möchte ich einen kleinen Ausflug in den Umgang der Neuseeländer zu ihrer Geschichte machen. Da das Land ein sehr junges ist, muss es sich wirklich an vielen Stellen für seine Existenz rechtfertigen – oder es fühlt zumindest den Drang dazu. Aus diesem Grund machen wir uns einen Spaß daraus, weil überall irgendetwas Historisches zu finden ist. Historische Pfade, historische Flaggen, historische Bauten, historische Steine, etc. Mittlerweile sind wir davon überzeugt, dass etwas als „historisch“ angesehen wird, wenn es seine Volljährigkeit erreicht hat.

Weiter zum Cable Car Museum.
Wir waren wirklich schnell durch, weil es nur drei Räume gab, in denen Ausstellungsstücke standen, und diese zudem sehr klein waren. Es gab zwei alte Cable Cars und einen alten Getrieberaum. Beides sehr interessant, gut beschrieben und nicht übertrieben modern. Natürlich gab es den obligatorischen Souvenirshop, aber er bot auch Erinnerungsstücke an den botanischen Garten und allgemein Neuseeland an.

Es ging weiter zum Observatorium. Anfangs machten wir uns Sorgen, dass wir lange Wegstrecken zu Fuß würden zurücklegen müssen, aber es stellte sich heraus, dass die Wege auf der Karte länger aussahen, als sie tatsächlich waren. Ein immer wieder erstaunliches Phänomen. Als wir überraschenderweise nach drei Minuten vor dem Observatorium standen, gingen wir erst einmal um das Gebäude herum, um uns die Sonnenuhr auf der Nordseite des Gebäudes anzusehen. Das Lustige an diesem Gebilde war, dass man sich selbst auf das passende Datum stellen musste, um zum Zeiger zu werden.




Carter Observatorium

Im Observatorium war es – oh Wunder, oh Staunen – stockfinster. Wir hatten die Wahl zwischen einer einfachen Besichtigung oder Besichtigung mit einem Film dazu. Da der Film uns nicht interessierte, kauften wir eine einfache Karte.
Ja, das sah auch schon wieder viel besser als Te Papa aus. Es gab auch hier viele interaktive Darstellungsweisen: Man konnte zwischen verschiedenen Kurzfilmen wählen; man konnte die Sonne bezwingen; man konnte die Vibrationen beim Start verschiedener Raketentypen spüren; man konnte echte Meteoriten hochheben.



Daneben gab es viele, sehr gute Beschreibungen, Ausstellungsstücke, einen Kinderraum, in dem die Raumfahrt zum Greifen nah war, Sternenkonstellationen, Mythologie der Maori und vieles mehr. Dennoch war es informativer und schöner gemacht als das Nationalmuseum.
Wir lernten neben vielen physikalischen und astronomischen Aspekten auch den eigenen Humor von Physikern kennen: Die Auswirkungen eines schwarzen Lochs auf den menschlichen Körper beschrieben sie auf einem Schild mit „instant spaghettification“ („sofortige Spaghettisierung“).

Der hier kurz umschrieben Rundgang nahm wesentlich mehr Zeit in Anspruch, als es den Anschein erweckt. Nach mehr als zwei Stunden stellten wir fest, dass wir keine Zeit mehr hatten. Unser Rundgang durch den botanischen Garten, obwohl er sich bei diesem wunderschönen Wetter angeboten hätte, musste sehr kurz ausfallen, wenn wir ihn nicht gar verschieben wollten. Wir drehten eine sehr kleine, sehr schnelle Runde, sahen uns fix einen Aussichtspunkt an und kehrten zum Cable Car zurück. Ohne Umwege fuhren wir nach Petone, um uns ans Abendessen zu machen. Es gab Curry.

An einem verregneten Mittag waren wir mit Joe unterwegs, um unser Lunch, Sushi, abzuholen. Das Sushi war recht gut, nicht ausschließlich auf den neuseeländischen Gaumen abgestimmt, sondern nah am Original. Bei der Gelegenheit ließ Joe es sich nicht nehmen, einen Kommentar über das Wetter zu machen. Es gibt in Neuseeland wohl den Spruch: „Wenn du das Wetter in Wellington nicht magst, warte eine Stunde.“ Wie schon bei Auckland erwähnt, ist das Wetter in Wellington ebenfalls highly unpredictable. An diesem Tag regnete es aber mehrere Stunden.

Ganz unerwartet und unplanmäßig schlug Susanne uns einen Ausflug nach Rivendell vor. Der Drehort war nicht weit (45 Minuten mit dem Auto) von Petone entfernt und es gab eine kleine Feier zur Einweihung des Tores, durch das Frodo bei seiner Abreise aus der Elfenstadt gegangen war. Susanne war sich die ganze Zeit nicht sicher, ob die Feier tatsächlich aus diesem Anlass stattfand, weil das Tor mittlerweile seit ungefähr zwei Jahren an Ort und Stelle stand. Es stellte sich allerdings heraus: Ja, das Tor war der Grund.

Oh, richtig: SPOILER ALARM.
Schon auf dem Weg dorthin kamen wir an einigen Schauplätzen vorbei, an denen die ein oder andere Szene aus dem Herrn der Ringe oder dem Hobbit gedreht wurde. Da war der Fluss, an dem Arawen die Nazguls ertränkte. Im Film sah das schon episch aus, aber wenn man daran vorbei fährt, ist es nur ein flacher Fluss. Zumal Wohnhäuser direkt danebenliegen.
Vor Ort angekommen gab es eine kurze Ansprache, die wir verpassten. Viele Gäste waren kostümiert erschienen. Dann gab es eine Führung durch Rivendell, die erstaunlich kurz war, weil das Gelände nun wirklich nicht der Rede wert ist. Natürlich durften wir alle durch das Tor hindurch gehen. Es stand genau an dem Ort, an dem es für den Dreh aufgebaut worden war. Zum Schluss gab es Kuchen, Muffins und warme Getränke für lau. Wir bedienten uns nach Herzenslust, da die Veranstalter offensichtlich mit mehr Gästen gerechnet hatten und ihre Waren loswerden wollten. Außerdem erfuhren wir, dass die Movie Sets Tours für die Aufstellung sowie die Feierlichkeiten verantwortlich waren. Sie stellten auch die meisten Gäste. Darüber hinaus stand auf einem der Schilder, welche die einzelnen Teile von Rivendell beschrieben, dass das Rivendell aus den Filmen niemals so existierte. Es ist eine schöne Kollage verschiedener Teile von Neuseeland. Hier ein bisschen aus Wellington, dort ein bisschen aus den Fjordlands und hier noch mit einem anderen Teil abstimmen, voilà! Ein fiktiver Ort von traumhaftem Ausmaß.

An Rivendell schließt sich ein wunderschöner Park an, in dem die meisten Bäume uralt sind, weil sie seit langer Zeit nicht mehr gefällt werden dürfen. Wahrscheinlich war das mitunter einer der Gründe, sich für diesen Drehort zu entscheiden. Nachdem wir unseren Kuchen verspreist hatten, gingen wir also noch die kleine Runde im Park ab, um uns von der heimischen Pflanzenwelt ganz einlullen zu lassen. Es war genau so, wie man sich Neuseeland vorstellt. An dieses Spektakel im urwäldlichen Zwielicht schloss sich ein Fußgeplätscher im naheliegenden Fluss an. Wir stapften zum Flussufer, zogen die Schuhe aus, krempelten die Hosenbeine hoch und ließen das kühle Nass um unsere Zehen spielen. Die Enten um uns herum meckerten uns an, was uns aber recht egal war. Einige Leute gingen sogar so weit in dem Fluss zu baden. Leider waren wir nicht dafür ausgerüstet, sonst hätten wir dies auch in Erwägung gezogen, aber wir hatten eh noch weitere Ziele auf unserer Strecke heim.

Muffins und Kuchen sind zwar schön und lecker, aber sie reichten auch Susanne nicht als Lunch. Daher führte sie uns in ein Lokal, das sogar unter Einheimischen der Region als Geheimtipp gilt.

Tolles Cafe mit Scones

Wie der Laden heißt, weiß ich immer noch nicht, aber die Scones sind einfach nur himmlisch. Die ganze Scheune, in der der Laden gebaut war, war einfach nur genial. Es war wie ein Landhaus aus dem Bilderbuch. Der Besitzer war zudem neuseeländisch freundlich, sehr gesprächig und neugierig. Jeder von uns bekam einen anderen Scone mit Marmelade und Schlagsahne – es sei denn, man hatte den herzhaften gewählt, dann gab es irgendetwas Eingelegtes – und ein warmes Getränk dazu. Die Portion war massig, köstlich, sättigend, in einem Wort: perfekt. Zum Schluss durften wir uns noch ins Gästebuch eintragen. Leider weiß ich nicht, wo genau der Laden war, sonst würde ich ihn jedem Reisenden wärmstens empfehlen. Upper Hut ist der beste Hinweis, den ich an dieser Stelle geben kann.

Wir nahmen uns an einem Tag Zeit, die Stadt Wellington in Ruhe anzusehen. Da wir schon viele Sehenswürdigkeiten mitgenommen hatten, blieb nicht mehr ganz so viel übrig. Der Sinn dahinter war, sich einfach mal von der Stadt leiten zu lassen und sich die Fußgängerzonen anzugucken. Wir schlenderten hierhin, dann dorthin, machten Mittagspause im Rosengarten, um dann zufrieden – und ohne Postkarten – nach Petone zurück zu kehren. Diese Stadt ist wirklich lebens- und sehenswert.

Joe war so freundlich uns am Morgen unserer Abreise zur Bahnhaltestelle zu bringen, weil wir es mit unserem Gepäck nicht so einfach den Berg runter geschafft hätten. Dafür ging er sogar früher als üblich zur Arbeit. Im Zug nach Wellington erklärte er uns, dass jeder Schaffner einen eigenen Entwerter für die Fahrkarten hatte, so dass jede Stanze unterschiedlich aussah. Es war uns vorher schon aufgefallen, dass wir bei jeder Fahrt ein anderes Loch in der Zehnerfahrkarte hatten. Für Touristen ist es ein lustiges Sammlerstück.

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Kleinigkeiten, Teil I
• In jeder Stadt gibt es eine I-Site. Das ist ein Touristeninformationsbüro, in dem sehr viele Prospekte ausliegen, die man einfach so mitnehmen kann. Oftmals gibt es noch die Möglichkeit, dort Bustickets und / oder Souvenirs zu kaufen. Das beste an diesen I-Sites ist allerdings, dass man immer kostenlose Stadtpläne bekommt. Zwar sind sie nicht immer bis ins kleinste Detail ausgearbeitet, selten maßstabsgetreu und oft sind es nur Ausschnitte der Innenstadt, aber für unsere touristischen Belange reichen sie allemal.
• Die Türgriffe in Neuseeland sind verwirrend. Es sind diese runden Knaufe, die ich bisweilen nur aus amerikanischen Filmen kannte. Als wir das erste Mal versuchten eine Tür mit dieser Art Griff abzuschließen, waren wir davon überzeugt, dass etwas kaputt war – oder wir zu dumm, sie zu bedienen. Ein deutsches Mädel in einem Hostel erklärte uns, dass letzteres der Fall war. Man muss den Knopf im Griff auf der Innenseite der Tür reindrücken und die Tür hinter sich zu ziehen, um abzuschließen. Von innen kann man den Knauf drehen und die Tür öffnet; von außen braucht man einen Schlüssel, kann dann aber in jede beliebige Richtung drehen.
• Fast jede Stadt hat ein eigenes Museum. Woher nehmen sie so viele Ausstellungsstücke?
• Neuseeländer lieben Kreisverkehre. Oder das neuseeländische Verkehrsministerium. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit, wird einer gebaut. Es ist schlimmer als bei den Polen. Natürlich spart das Ampeln und damit Strom, aber man kann es auch übertreiben. Zumal die Verkehrsregeln hier gewaltig von denen in Deutschland abweichen. Ein Kreisverkehr in Neuseeland verhält sich genauso wie eine Kreuzung: Biegt man ab, setzt man einen Blinker in die gewünschte Richtung; fährt man geradeaus, ist kein Blinken notwendig.
• Überhaupt richtet sich der Verkehr hauptsächlich nach den Autos. Sie geben den Ton an, und als Fußgänger muss man aufpassen, was man macht. Anfangs erzählte uns irgendjemand, dass die Neuseeländer sehr sportlich seien. Wir sahen auch viele Leute renne, aber anders als bei den Schweden machten sie es nicht aus Vergnügen und in ihrer Freizeit, sondern beim Überqueren der Straße. Die Autofahrer machen keine Anstalten langsamer zu fahren, Ampeln sind rar und wenn man über eine mehrspurige Straße will, muss man kreativ sein. Nur der Zebrastreifen scheint noch einigermaßen sicher.



• Die meisten Einkaufsstraßen sind überdacht. Nicht die Straßen an sich, aber die Gehwege vor den Geschäften. Es ist auch nicht so, dass jedes Geschäft eine eigene Markise hätte, nein, die Häuser sind schon so gebaut, damit die Kunden bei starkem Regen trockenen Fußes durch die Innenstädte flanieren können. Es könnte auch ein Schutz gegen den ständigen Sonnenschein sein. Wir haben nicht gefragt.
• Während unseres Aufenthaltes haben wir erlebt, wie in der kleinen Studentenstadt Dunedin (weniger als 120.000 Einwohner) die schnellste Internetverbindung auf der Südhalbkugel verlegt wurde. Wir lachten uns scheckig, als ein Student begeistert erzählte, dass er endlich skypen könne, während sein Mitbewohner einen Film aus dem Internet streamte. Vorher sei die Verbindung dafür nicht schnell genug gewesen.
• Außerhalb von Auckland schmeckt das Wasser überall gut. Chlor scheint nur in der Großstadt ein Problem zu sein. Selbst in Nelson war der Geschmack nicht so aufdringlich, obwohl dort auch Chlor ins Wasser gemischt wurde.
• Langnese heißt hier Streets.
• Neuseeländer haben einen komischen Bezug zu „made in New Zealand“. Ich bin mir ja darüber im Klaren, dass „Made in Germany“ ein Qualitätssiegel ist, und ich könnte mich damit abfinden, dass Neuseeländer genau so über ihre Waren denken. Aber Dienstleistungen? Es gibt genug Betriebe, die Werbung damit machen, dass sie von Kiwis (den Menschen) besessen und geführt sind. Eine gewisse Ausländerfeindlichkeit kommt mir in den Sinn.

Made in New Zealand

• Umweltschutz ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits rühmen sich die Neuseeländer damit, dass sie nur „einen kleinen Fußabdruck auf unserem Planeten“ hinterlassen. Andererseits ist die Mülltrennung bizarr, aus allem wird eine Touristenhochburg gemacht und die Häuser sehen aus, als würden sie beim nächsten Sturm auseinanderbrechen. Bei jedem Einkauf bekommt man haufenweise Plastiktüten hinterhergeworfen, die so dünn sind, dass man sie nicht einmal ein zweites Mal verwenden kann. Papier wird nicht recycelt. Mein persönlicher Eindruck war, dass Umweltschutz der Gesellschaft zugeschrieben wird, die Einzelperson sich aber wenig darum kümmert. Nur alle anderen scheinen dafür verantwortlich zu sein.

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Samstag, 7. März 2015
Hastings – Februar 2015
Die Fahrt von Taupo nach Hastings war ein Abenteuer für sich. Die Strecke ist wirklich sehr schön, zur richtigen Jahreszeit wahrscheinlich malerisch. Man fährt durch Berge, Täler, an Flüssen entlang, sieht Bergketten im Hintergrund. Herrlich.

Taupo nach Hastings

Allerdings hat der Busfahrer einen Fahrplan einzuhalten und lässt nur wenige Sachen zu, die ihn davon abhalten könnten. Da es allerdings einige Tagesbaustellen auf der Strecke gab, musste unser Fahrer die Zeit irgendwie aufholen. Dementsprechend zügig war seine Fahrweise, so manches Mal dachte ich an das Wort „rasant“. Trotzdem hatten wir ungefähr dreißig Minuten Verspätung, was nicht zuletzt daran lag, dass der entgegenkommende Bus auch zu spät am vereinbarten Rastplatz angekommen war. Die Fahrer wechselten dort die Fahrzeuge, nur deshalb ist es erwähnenswert.

Nach und nach gewöhne ich mich an den Linksverkehr in Neuseeland. In der ersten Woche lernte ich zuerst nach rechts zu sehen, wenn ich die Straße überquere. Seit der zweiten Woche gewöhnte ich mich daran, dass die Leute links fahren, auch wenn es mich immer noch erstaunt, dass die Straßenschilder auf der linken Seite stehen. Aber dass der Fahrer auf der rechten Seite des Fahrzeugs sitzt, erscheint mir immer noch seltsam, obwohl ich schon mit einigen Leuten mitgefahren bin.

Am Busbahnhof Hastings wurden wir von Brendon abgeholt, weil weder Bus noch Zug vor der Tür, nicht einmal in der Nähe vom Haus der Thoms hielt. Tatsächlich waren wir noch ungefähr zwanzig Minuten vom Anwesen entfernt, das sich irgendwo im Nirgendwo befand. Sogar bis zum nächsten Nachbarn muss man mit rund 15 Minuten Fußweg rechnen. Mal davon abgesehen, dass man alle Häuser in der Nähe an einer Hand abzählen kann. Damit einher geht eine gewisse Unzulänglichkeit, was Telekommunikationsverbindungen angeht, so dass wir für fast zwei Wochen gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten waren. Es war wirklich lustig dabei zuzusehen, wie mein Handyempfang immer weniger wurde und der Winkel, wie ich das Gerät hielt, darüber entscheiden konnte, ob dieser eine, klitzekleine Balken noch vorhanden war oder nicht. Ich drehte mich einfach nur nach links oder rechts und es ging nichts mehr. Ähnlich war es mit dem Internet: Zwar hatten unsere Gastgeber eine Verbindung, aber sie lief über Satellit und hatte ein beschränktes Volumen, so dass wir gebeten wurden, nicht allzu viel in den Weiten der Virtualität anzustellen. Um ihren Wünschen Folge zu leisten, beschränkte ich mich auf die Planung unserer weiteren Stationen.

Sonnenuntergang in Hastings

Auf dem Grundstück mit dem pittoresk klingenden Namen Te Kahu angekommen, wurden wir von Cherie – Brendons Frau – und Poppy – dem Haushund – begrüßt. Hierbei möchte ich erwähnen, dass Poppy zwar wesentlich mehr Begeisterung an den Tag legte, als wir aus dem Auto stiegen, Cherie dafür aber wesentlich hilfreicher war. Ohne Umschweife führte Cherie uns durch die verschiedenen Teile des Hauses: im Gästehaus sollten wir wohnen, das war der Weg zur Garage, hier fanden wir Essen, da gab es Hühner, dort den Teich, hier drüben Himbeeren, Salat, Mais, Tomaten, etc… und vieles mehr. Tatsächlich machte sie es sehr zielstrebig und professionell. Für uns war es mehr ein unaufhörlicher Strom an Informationen. Wir verstanden vieles, bekamen aber nicht alles mit.

Den Abend durften wir uns selbstverständlich frei nehmen, um unsere Sachen zu sortieren und anzukommen. Für das Abendessen drückte Cherie uns noch eine Schüssel mit verschiedenen Lebensmitteln in die Hand und schickte uns zurück in unsere kleine Hütte, wobei sie anmerkte, dass sie uns am nächsten Tag um 8:30 Uhr fertig vor dem Haus sehen wolle. Sie ist sehr direkt, dabei aber nie unhöflich – beides sehr gute Eigenschaften. Spätestens an diesem Punkt waren wir erst einmal baff. Wir hatten tatsächlich ein eigenes kleines Ferienhaus zur freien Verfügung. Es gab hier alles, was man brauchte, und noch mehr: Schlafzimmer mit Doppelbett, Kommode und Waschbecken; Bad mit Dusche; Wohnküche mit Esszimmertisch, Fernseher, Bücherregal und jeglicher Ausstattung, die nötig werden könnte. Wo waren wir hier gelandet? Und würden wir hier überhaupt weg wollen? Franziska mahnte, den Tag nicht vor dem Abend zu loben.

Um den Tag richtig beginnen zu können, fingen wir mit einen ordentlichen English Breakfast an: Würstchen, Ei, Baked Beans und Tee.
English Breakfast
Da das Wetter sich hervorragend dafür eignete, saßen wir bei der Mahlzeit auf unserer eigenen Terrasse. An diesem Morgen waren wir pünktlich, wie nur Deutsche es sein können, und standen um 8:25 Uhr vor der Tür. Poppy war überglücklich uns zu sehen, aber das ist keine Herausforderung, weshalb wir uns nichts darauf einbildeten. Cherie begrüßte uns mit der Frage, ob wir für die langweiligste Aufgabe auf der Welt bereit wären. Zu diesem Zeitpunkt dachten wir noch, sie würde übertreiben, doch wir sollten ihr in den nächsten Tagen dankbar für diese Warnung sein.

Cherie und Brendon bauen sehr viel Obst und Gemüse für den Eigenbedarf an. Wie bereits oben erwähnt gibt es unter anderem Himbeersträucher, Tomatenpflanzen, Mais und vieles mehr. Zu diesem Mehr zählen auch dreizehn Reihen mit Weintrauben. Gerade als wir angekommen waren, begannen diese Trauben zu reifen und ihre schöne, tief dunkle Farbe anzunehmen. Natürlich freute Brendon sich sehr darüber, weil er daraus einen eigenen Wein herstellt. Dummerweise freuten sich auch die Vögel sehr darüber, weil sie sich ordentlich die Bäuche vollschlagen konnten. Das wiederum gefiel Brandon gar nicht, denn immerhin ging es um Wein, und da hörte der Spaß auf. Ergo hatten die Thoms die Gewohnheit angenommen, Netze über die reifenden Weinstöcke zu legen – besser gesagt: legen zu lassen. Cherie erklärte uns, dass eben dies unsere Aufgabe für die nächsten Tage sein würde.

So begannen einige Tage des Hockens, Kniens, Rutschens und Krabbelns. Es war keine schwere Arbeit, ebenso wenig braucht man eine fundierte Ausbildung dafür, zumal niemand von uns Akkordarbeit oder ein gewisses Pensum pro Tag erwartet. Nun gut, wir sollten vier Stunden unserer Zeit opfern, um dafür das tolle Ferienhaus und reichlich Essen – zumeist aus dem eigenen Garten – zu bekommen. Das war auch schon alles. Aber Cherie hatte recht: Interessant ist anders. Nichtsdestotrotz folgten wir ihren Anweisungen und arbeiteten die Reihen immer weiter ab, wobei wir täglich dabei zusehen konnten, wie die Früchte mehr und mehr Farbe bekamen.

Als wir am ersten Tag mit der ersten und längsten Reihe fertig waren, gingen wir zurück zum Haus, weil wir einige Fragen hatten. Doch Cherie ließ uns nicht einmal die Gelegenheit, diese zu stellen, da sie uns bekanntgab, dass es eine gute und eine schlechte Nachricht gab. (Ich weiß bis heute nicht, welche welche war.) Sie hatte für das bevorstehende Wochenende eine Buchungsanfrage für die Ferienwohnung bekommen, so dass wir zu ihr und Brendon ins Haus würden ziehen müssen. Dort gab es ein kleines Gästezimmer mit zwei Betten und gerade genug Platz für unser Gepäck. Also durften wir jetzt das Bett im Ferienhaus abziehen, neu beziehen, umziehen, das Häuschen reinigen und ihr dann beim Hausputz helfen. Es war doch recht überschaubar. Der Abend gehört uns, wobei sie nicht vergaß uns ein einfaches, doch sehr leckeres Essen zu bereiten.

So zogen sich die Arbeitstage hin, wir schafften eine Reihe nach der anderen und verlagerten einige Arbeitsstunden in die Nachmittagszeit, weil die gnadenlose Sonne mittags einfach nur zu heiß war, um auch nur einen Finger krumm zu machen, geschweige denn die Knie. Daher beschwerte sich auch niemand, wenn wir eine Siesta einlegten. Ganz im Gegenteil: Wir wurden mit einem satten Lunch belohnt. Cherie beklagte sich sogar, dass sie uns nicht aus dem Bett werfen müsse, wie es bei manch anderen Helfern schon der Fall gewesen ist, weil wir immer vor ihr wach wären.

Bereits nach kurzer Zeit hatten wir uns an die Umgebung gewöhnt. Wir standen morgens auf, erledigten unsere Aufgaben gemächlich und in aller Ruhe, klaubten uns an Essen zusammen, worauf wir gerade Lust hatten (die Himbeerbüsche sahen jeden Tag kahler aus), und setzten uns zu den großen Mahlzeiten zusammen. Abends wurden Franziska diverse Liköre zur Verkostung angeboten – alle aus eigener Produktion, versteht sich. Einige Sachen davon wird sie bestimmt nicht vergessen. Derweil gab ich mich mit dem zahlreichen Angebot an Marmeladen, Obst und Honig zufrieden.

Dann, eines verhängnisvollen Samstages, als die Sonne erbarmungslos auf die Erde niederbrannte, kein Wölkchen den Himmel trübte, erschienen zwei mysteriöse Gestalten, ganz in Weiß. Sie stapften die Auffahrt herunter, dünne Rauchwolken krochen vor ihnen her, und schienen nur ein Ziel zu haben: die Bienenstöcke!
Bienenschau
Brendon hatte es mir gestattet, ihn bei seiner Prüfung der Bestände zu begleiten. Bereits beim Lunch erzählte er mir einiges über Bienen im Allgemeinen und seine Bienenvölker im Speziellen, so dass ich mit den wichtigsten Informationen versehen war, bevor ich in diesen astronautenähnlichen Anzug gesteckt wurde. Das Anlegen dauerte genau so lange wie das Finden passender Schuhe für mich, doch als auch dieses Hindernis überwunden war, stand dem Spaziergang nichts mehr im Wege. Ich war für das Beräuchern – oder puff-puff, wie Brendon es auf Englisch nannte – der Bienen zuständig, während er den schwierigen Part übernahm, die Stöcke öffnete und die einzelnen Rahmen herausnahm, um zu sehen, wie viel Honig sie angesammelt hatten und wie viele der einzelnen Waben mit Nachwuchs gefüllt waren. Viele Bienen schwirrten um uns herum, es brummte und summte; auf den Rahmen tummelten sich die Arbeiterinnen; alles war sehr geschäftig. Die Königin haben wir nicht gesehen, was nicht nur daran lag, das sie nicht markiert ist, sondern auch daran, dass wir nicht nach ihr suchten. Brendon war mit dem Fortschritt in den drei Stöcken zufrieden und ließ die kleinen Tierchen in Ruhe. Seiner Meinung nach könnte er Ende März wieder Honig ernten. Er arbeitete zügig und zielsicher, woraufhin ich ihn fragte, ob er keine Angst hätte, eine der Bienen zu zerquetschen. Darauf antwortete er lapidar: „Nein, hier gibt es rund 60.000 von ihnen.“ Wir sprachen nur von einem Volk. Leider stellte sich heraus, dass ich keine natürliche Begabung für das Räuchergerät habe, weil es unter meine Aufsicht mehrmals aus ging. Ich habe noch viel zu lernen. Nichtsdestotrotz fand ich den Ausflug phantastisch und bin immer noch begeistert, wenn ich daran zurückdenke. Danach hatte ich mir die Dusche redlich verdient.

Danach bekam Franziska eine Anleitung, wie man Alkohol selbst herstellt. Besser gesagt: Brendon erklärte ihr, wie er seine Weine und Liköre macht. Um dem ganzen noch einen drauf zu setzen, setzten wir tags darauf gleich einen Pflaumenlikör an. Brendon und Cherie pflückten die Pflaumen, während wir noch mit den Weinreben beschäftigt waren. Nach der Mittagspause durften wir dann mit anpacken. Brendon bereitete den Alkohol vor, stopfte Pflaumen in Gläser, schüttete Zucker hinzu und ließ uns schütteln. Dabei erklärte er, wie das Verhältnis von Alkohol zu Pflaumen zu Zucker sein sollte, wieso er ausgerechnet diese Art Pflaumen nahm und was für Liköre er auf diese oder ähnliche Weise bereits hergestellt hatte. Franziska schien so begeistert wie ich mit den Bienen. Darüber hinaus empfahlen Brendon und Cherie uns das Edmond’s Cookery Book. Es ist schlichtweg DAS Kochbuch, wenn es um neuseeländische Gerichte geht. Natürlich müssen wir es haben.

Besonders lustig waren die Unterhaltungen mit Cherie und Brendon. Nicht nur, dass sie uns gerne jede Frage beantworten, auf die sie eine Antwort wussten, sie haben auch einen hervorragenden, dunklen Sinn für Humor. Vor allem bei Cherie muss man darauf achten, was sie sagt, weil man sonst einen Spaß zu ernst nehmen könnte. Sie drohte uns bereits mit beidem: Adoption und Entführung. Wenn es allerdings so weiter geht, wird keins von beidem nötig sein, weil wir hier freiwillig bleiben werden, um weiterhin so gefüttert zu werden. Bestechung ist hier der treffende Ausdruck. Himbeeren für mich, himmlische Pflaumen für Franziska, dann noch Äpfel, Pfirsiche, Zucchini, Tomaten, Mais und ich weiß gar nicht, wo aufhören soll. Darüber hinaus ist Brendon ein begeisterter Koch, der noch dazu sein Handwerk versteht und sich gerne international orientiert. Wir bekamen ein so zartes Hammelgericht vorgesetzt, dass das Fleisch im Mund zerfiel. Würstchen aus Schwein und Geflügel mit einer selbstgemachten Tomatensauce auf Nudeln. Eines Tages gab es Pie, eine Pastete im Blätterteigmantel. Gegrilltes Gemüse mit gekochten Maiskolben. Einfach nur köstlich.
Was ich an dieser Stelle auf gar keinen Fall vergessen darf, ist die selbstgemachte Pavlova von Cherie. Über die Pavlova gibt es seit Jahren Streit zwischen Australien und Neuseeland, wer sie denn als erstes gemacht hat, woher sie also stammt. Irgendwann hatte irgendjemand entschieden, dass dieser Verdienst den Neuseeländern zusteht. In dem Moment war es uns relativ egal, da wir sie einfach nur probieren wollten. Eine Pavlova ist ein Dessert. Man kann sie keinesfalls als Kuchen bezeichnen, da jeglicher Teig fehlt. Es ist gebackener Eischnee mit einer Schicht aus steif geschlagener Sahne, die dann mit Obst bedeckt wird. Deliziös! (Das Rezept dafür steht im Edmond‘s Kochbuch.)

All dies Geschreibe klingt so, als würden wir hier nichts anderes machen als essen. Tatsächlich fehlt hier irgendwo im Nirgendwo ein bisschen Abwechslung, und die Mahlzeiten strukturieren den Tag besser als das Fernsehprogramm. Darüber hinaus ist es allerdings auch so, dass die Arbeit an der frischen Luft ihren Tribut fordert und Franziska mittlerweile so viel essen kann wie ich. Es kam schon mehr als einmal vor, dass sie sich nach der Mahlzeit im großen Haus ein weiteres Toast schmierte. Wenn man allerdings den Nahrungsgehalt neuseeländischer Lebensmittel bedenkt, wundert man sich eh, wie die Leute von nur drei Mahlzeiten leben können. Die Milch hat 0,2% Fett, der Schinken 50% Fleisch, das Salz nur 33% Salz und das Brot ist Low Carb. Anscheinend leben die Einheimischen von Luft und Sonnenschein, denn sogar ihr Wasser verkauft die Regierung jetzt an China, wodurch vielen Landbesitzern und Farmern der Wasserhahn für die Bewässerung der Pflanzen abgedreht wurde.

In dieser Zeit wurde Franziska der Kontakt zu ihrer neuen Lieblingsserie, Neighbours, sichtlich erschwert, weil die Sendezeit sich mit unserem Dinner überschnitt. Die Trauer darum hielt sich in Grenzen, so lange Brendon kochte; bei Cheries Künsten war es schon anders. Sie kocht nicht schlecht, das möchte ich damit nicht zum Ausdruck bringen. Aber sie sagt auch von sich selbst, dass sie sich keine Gedanken übers Essen macht, bis ihr Magen knurrt. Brendon hingegen plant schon tags zuvor, was er kochen wird, und richtet den Tag danach aus. Dementsprechend sind die Unterschied in ihren Fähigkeiten. Doch Franziska fand eine neue Passion, die sie sehr gut mit den Thoms und deren Essgewohnheiten unter einen Hut bekommen konnte: Cricket.

Dieses in Deutschland doch sehr unbekannte Spiel zählt hier am anderen Ende der Welt zu den wichtigsten Sportarten überhaupt. In Australien ist es Nationalsport, in Neuseeland steht nur Rugby drüber. Franziska hatte es sich zur Aufgabe gesetzt, dieses Spiel zu verstehen. Cherie wünschte ihr viel Glück dabei, meinte aber im zweiten Satz, dass wir, selbst wenn wir jetzt nach Neuseeland ziehen und uns nur noch mit den Cricket-Regeln beschäftigen würde, keine Chance hätten, die Sportart zu verinnerlichen. Man hat Bowler, Schläger, Feldleute, ein großes Feld, einen Ball, einige Stäbe – man merkt schon, dass ich mich nur am Rande damit befasste – und zwei Teams. Die Schiedsrichter sehen mit ihren Hüten und roten Hemden wie Kanadische Mounties aus. Es geht darum, mehr Punkte als der Gegner in einer bestimmten Anzahl von Runden zu bekommen. Natürlich gibt es Unterbrechungen für Lunch, Tee und Abendessen, weil das Spiel sich über ungefähr acht Stunden zieht – und das ist nur die Kurzversion. Das lange Spiel dauert fünf Tage und wird nicht im Fernsehen übertragen. Während wir auf der Nordinsel verweilten, fand gerade die internationale Meisterschaft statt, deren Abschluss in Wellington stattfinden würde.

Natürlich ließen wir es uns auch nicht nehmen, den kleinen Pool auszuprobieren, der vor dem Haus der Thoms steht. Es ist ein überdimensioniertes Planschbecken, aber es reicht vollkommen aus, um sich bei 32° abzukühlen.

Eines Abends ließ ich es mir nicht nehmen nach draußen zu gehen, um mir den Sternenhimmel anzusehen. Ich stellte mir einen Haufen Sterne vor, von denen ich nicht einen benennen konnte. Welch Aufregung, welch Neuerungen. Welcher Unglaube muss auf meinem Gesicht gestanden haben, als ich in dem Meer an Punkten Orion erkannte! Ich stockte. Bildete ich mir etwas ein oder war die Konstellation wirklich von der Südhalbkugel aus zu sehen? (Ich erfuhr, dass letzteres der Fall war und Orion für ca. einen Monat hier nicht sichtbar war. Meine Enttäuschung war groß.) Das Kreuz des Südens habe ich bis heute nicht gefunden, weil mir niemand erklären konnte, wo ich suchen sollte.

Wir hatten sporadischen Kontakt zur Zivilisation: Manchmal kam ein Nachbar herüber, um einige Neuigkeiten auszutauschen. Natürlich wurden wir allen vorgestellt, es wurden Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht, Fragen gestellt und dergleichen. Dabei lernten wir auch, dass unsere Gastgeber uns gegenüber sehr höflich waren: Sie sprachen ein wesentlich deutlicheres Englisch als mit Ihresgleichen. Es ging so weit, dass wir nur Fetzen von Gesprächen verstanden und uns einen Teil zusammenreimen mussten. Doch die beiden bereiteten uns bestens auf die neuseeländische Umgangssprache vor, indem sie uns mit einigen Vokabeln vertraut machten, die man in anderen Teilen der Welt nicht findet. Hier auf dem Lande gehört es außerdem zum guten Ton, alle Leute durchzufüttern, selbst wenn es sich nur um die Handwerker handelt. Meine Großmutter könnte sich hier nahtlos einfügen.
Am Freitag nahm Cherie uns in die Stadt mit, weil sie einige Besorgungen zu tätigen hatte. Wir besuchten ein Geschäft, das sich auf Bienen spezialisiert hatte. Es vertrieb verschiedene Gerätschaften, die ein angehender Imker benötigt, klärte über Verhaltensweisen von Bienen, ihre natürlichen Feinde und Honigherstellung auf und gewährte Besuchern sogar Einblicke in ein arbeitendes Bienenvolk. Hinter Glasscheiben tummelten sich tausende von diesen fleißigen Insekten; die Königin wurde durch einen farbigen Punkt auf dem Rücken markiert, so dass man ihr beim Legen der Eier zusehen konnte. Als Cherie all ihre Besorgungen erledigt hatte, fuhren wir auf den Te Puka Peek, den höchsten Gipfel in der Nähe. Es ging mal wieder eine schmale, gewundene Straße hinauf, so dass wir uns weit über dem Meeresspiegel wähnten. Die Inschrift auf dem Gipfel brachte uns auf den Boden der Tatsachen zurück: es waren gerade einmal 399 Meter über NN. Dennoch war die Aussicht herrlich.
Cherie erzählte uns einiges zu der Gegend, die sich vor uns ausbreitete: Vor dem großen Erdbeben in den 1930er Jahren, gab es das Land schlichtweg nicht. Hinter der Hügelkette, auf deren Gipfel wir gerade standen, hatte sich ein großes Moor befunden; davor: Meer. Das Beben hatte die Erde so weit angehoben, dass eine neue Landfläche aus dem Meer getragen worden war. Nach dem Beben hatte man sich die Landmasse nutzbar gemacht, das Moor trocken gelegt und auch dort Häuser gebaut. Viele Häuser in Napier und Hastings waren zerstört worden, was die Architekten der damaligen Zeit dafür genutzt hatten, eine neue Stilrichtung einzubringen: Art Déco. Dieser Nachfolger des Jugendstils war in den 1920er und 30er Jahren sehr in Mode und drückte sich durch geometrische Formen sowie klare Linien aus. In Napier gibt es heutzutage ganze Paraden eingedenk dieser Periode. Eine wahre Touristenattraktion.
Nachdem wir vom Te Puka wieder heruntergefahren waren, kam endlich die Zeit des Essens. Zum Mittagessen gab es Quiche und Kuchen, doch es war das Abendessen, worauf wir uns besonders freuten: Pie. Wir hatten Cherie und Brendon gefragt, was typisch neuseeländische Gerichte waren, und es stellte sich heraus, dass diese Frage gar nicht so einfach zu beantworten war. Inzwischen ist die neuseeländische Küche von so vielen Seiten und Ethnien beeinflusst worden, dass man gar nicht sagen kann, was typisch neuseeländisch ist. Hinzu kommt, dass das Land erst sehr spät besiedelt worden war, so dass die englische Küche kaum Gelegenheit hatte, sich in eine eigene Richtung zu entwickeln. Pie scheint aber etwas zu sein, das mit Neuseeland in Verbindung gebracht wird, auch wenn die Einwanderer das Gericht aus England mit sich brachten. Wir entschieden uns für vier verschiedene Varianten. Meine Pie bestand aus Gehacktem und Käse, wobei ich mir bis heute nicht sicher bin, wo der Käse darin war. Nichtsdestotrotz war sie einfach nur köstlich.

Es dauerte seine Zeit, doch begannen wir allmählich uns an das Leben in Abgeschiedenheit zu gewöhnen. Besonders die Ruhe und Dunkelheit in der Nacht sind nicht mit dem Stadtleben zu vergleichen. Der größte Störenfried dieser idyllischen Lebensweise war Robert, der hauseigene Hahn. Man hätte sich ja damit abfinden können, dass er morgens den Tag einläutete und den Haushalt weckte, ohne dass es in geringster Weise notwendig gewesen wäre. Leider machte er dies über eineinhalb Stunden. Ununterbrochen. Obwohl er mittlerweile wissen müsste, dass ihn sein Verhalten seinem Frühstück keinen Schritt näher brachte, krähte er einfach munter drauf los, bis ihm langweilig wurde. Ebenso wenig hatte er ein Problem damit, mitten am Tag damit anzufangen, als gäbe es zu späterer Uhrzeit mehr Leute, die seinem Stimmenspiel lauschen wollten. Es ging so weit, dass sogar Cherie ihm den Schnabel verbot: „Oh, Robert, shut up!“ – mit bemerkenswert geringem Erfolg. Trotzdem ließen wir es uns nicht nehmen, unsere Siesta zur Mittagszeit zu genießen. Mit den verstreichenden Tagen gelang es mir sogar, gar nichts zu tun, ohne eine schlechtes Gewissen zu haben. Nachdem ich meinen Tagesplan erledigt hatte, las ich ein Buch oder unternahm einen kleinen Spaziergang übers Gelände oder ich pflückte Obst, wobei davon für gewöhnlich mehr in meinem Magen als in der Schüssel landete.

Für einige Tage mit ein bisschen mehr Arbeit bekamen wir einen freien, den wir wieder in der Zivilisation verbringen durften. Das bisschen Zeit am Nachmittag machte uns eh nicht sonderlich viel aus, da wir uns stellenweise langweilten und freiwillig halfen, um dieses Problem zu lösen. Am Dienstagmorgen fuhren wir zusammen mit Brendon nach Napier, weil er dort zur Arbeit musste. Wir hingegen konnten uns die Stadt ansehen, wie Touristen es eben machen, um ihn dann später in Hastings zu treffen. Von dort würde er uns wieder mitnehmen.
Bevor Brendon uns aus dem Auto aussteigen ließ, zeigte er uns einige Häuser im Art Déco-Stil, die wir uns unbedingt näher ansehen mussten. Da wir sehr früh – vor 8 Uhr morgens – ankamen, hatten die meisten Geschäfte noch nicht geöffnet. Wir schlenderten also die Uferpromenade und den Strand entlang (ich habe noch nie so grobe Steine an einem Strand gesehen, nicht einmal in Spanien), besahen uns die leere Fußgängerzone, kehrten in einen Supermarkt ein, um dann doch nichts zu holen (hier stellten wir fest, dass zwei Countdowns sich an einer Kreuzung gegenüber standen und bisher konnte uns kein Einheimischer dieses Phänomen erklären), und waren gerade rechtzeitig an der I-Site zurück, als sie öffnete. Dort versorgten wir uns mit unserem kostenlosen Stadtplan und holten Informationen zu Busverbindungen von Napier nach Hastings ein. Mit diesem Wissen gewappnet, waren wir bereit uns die Sehenswürdigkeiten dieser Agglomeration anzusehen, wobei wir schnell feststellten, dass wir bereits einiges abgegangen waren, ohne uns darüber im Klaren zu sein. So machten wir uns auf den Weg gen Norden, wo ein Hügel ins Meer reichte und eine wunderschöne Aussicht versprach. Wir kraxelten und kletterten, Stufe um Stufe, Steigungen und Ecken entlang, bis wir einen Blick auf die Uhr warfen und uns enttäuscht eingestehen mussten, dass wir es niemals schaffen würden, diesen Berg zu Fuß zu bezwingen, noch einen Spaziergang durch bestimmte Geschäfte der Fußgängerzone zu machen und rechtzeitig am Bussteig zu sein. Die Aktion wurde abgebrochen; wir machten einige Fotos unterwegs; die Aussicht war trotzdem sehr schön.
Zu dieser Zeit sah der Stadtkern schon ganz anders aus: Menschen flanierten durch die Fußgängerzone, saßen in Straßencafés, gingen geschäftig ihrem Tagwerk nach, unterhielten sich, kurz: die Stadt war erwacht.
Napier Promenade
Doch schneller als erwartet kam der Zeitpunkt des Abschieds, so dass wir in den Bus stiegen, um nach Hastings zu gelangen. Während der Fahrt ließ ich es mir nicht nehmen, ein Nickerchen zu machen.
Hastings hingegen war eine Enttäuschung, auf die Cherie und Brendon uns allerdings vorbereitet hatten. Innerhalb von fünfzehn Minuten hatten wir das sehenswerte Zentrum – natürlich im Gitterraster – durchschritten und fragten uns, was wir mit unserer Zeit anfangen sollten. Fish’n’Chips war die Antwort. Allerdings stellte sich das Finden eines geeigneten Geschäftes als Herausforderung heraus, so dass wir letzten Endes dazu gezwungen waren, Einheimische um Rat zu fragen. Sie verwiesen uns an den nächstbesten Laden, der von einem Chinesen geführt wurde und an dessen Fenstern Smorgasbord prangerte. Dementsprechend waren auch die Fish’n’Chips: zwar ganz gut frittiert, aber schlichtweg langweilig, als wüsste der Koch nicht so genau, was wir von ihm wollten.
Noch einige interessanten Fakten zu den beiden Städten: Während des Zweiten Weltkriegs erlebte Hastings einen Wirtschaftsboom ohne gleichen, weil in der Region viel Wolle produziert wurde, welche die Stadt gewinnbringend an die USA verkaufte. Napier hatte diesen Luxus nicht. Dies führte dazu, dass Hastings die meisten seiner Häuser im Art Déco-Stil abriss und durch moderne Gebäude ersetzte. Heute reisen Touristen aus ganz Neuseeland nach Napier, um sich die alten Gebäude anzusehen, und im Februar gibt es jedes Jahr ein Art Déco-Wochenende, das für volle Hotels sorgt. Tja, das haben sie nun davon. Es gibt noch andere Gründe für kleine Feindschaften zwischen Hastings und Napier, aber diese niederzuschreiben würde zu weit gehen.
Unsere Langeweile in Hastings trieb uns so weit, dass wir uns in einen Park setzten, um dort ein Buch zu lesen, weil wir sonst nichts mit unserer Zeit anzufangen wussten. Wären wir doch länger in Napier geblieben und auf den Berg geklettert. Endlich war es wieder so weit uns mit Cherie und Brandon zu treffen. Sie hatten Einkäufe erledigt und warteten vor einem Supermarkt auf uns. Kaum saßen wir im Auto und waren auf dem Heimweg, als Cherie von Brendon an etwas erinnert wurde, was zu kaufen sie vergessen hatte, so dass wir schnell umkehrten und Brendon noch einmal in den Laden schickten. Er war nicht erfreut; tatsächlich hörte ich ihn das erste Mal fluchen.
An dieser Stelle möchte ich noch ein interessantes Phänomen erwähnen: Die Leute erkannten uns als Deutsche. Ob sie nun einige Wörter verstanden, wenn wir uns miteinander unterhielten, oder es uns an der Nasenspitze ansahen, fällt mir schwer zu sagen. Jedenfalls lud ein Herr uns in Napier auf Deutsch ein, in das Art Déco-Geschäft hinein zu gehen, das wir gerade passierten. Vor dem Supermarkt fragte uns ein Kunde, ob wir aus Deutschland wären. Cherie und Brendon bestätigten uns aber auch, dass man Touristen erkennt, doch keiner von ihnen konnte genau erklären, woran genau. Vorerst bleibt es ein Mysterium.

Unsere wohl größte Überraschung erlebten wir, als plötzlich der Strom in Te Kahu ausfiel. Es war mitten am Tag, die Sonne brutzelte munter alles und jeden, ich wollte mir gerade einen Tee machen, als das Wasser aufhörte zu fließen und der Teekocher mir seine Dienste versagte. Cherie prüfte die Sicherungen, doch alles war in Ordnung. Irgendwie gelangte sie an die Nachricht, dass ein Stromkabel abgerissen worden war und wir einige Zeit ohne Elektrizität auskommen müssten. Da das Wasser aus einer Quelle hochgepumpt wurde, waren auch die Hähne trocken, doch glücklicherweise gab es auch ein Regenwasserreservoir, das oben auf dem Hügel stand. Die Schwerkraft funktionierte einwandfrei, so dass wir weiterhin notdürftig versorgt waren und zumindest unser Lunch zu Ende zubereiten konnten. Nach weniger als zwei Stunden war der Spuk auch schon vorbei.

An unserem letzten Arbeitstag bei den Thoms wurde mir das Vergnügen zuteil, einmal mit dem Traktor fahren zu dürfen. Es handelte sich dabei um ein kleines, älteres Modell, das wahrscheinlich mehr Lärm machte, als es sollte. Geduldig wartete ich, bis Cherie mir die Funktionsweisen dieses neuen Vehikels erklärt hatte, um dann voller Elan die krumme Strecke entlang zu tuckern. Während ich also die Baumreihen entlang fuhr, machte Cherie das, was sie Helpxern nicht zumuten wollte: Sie versprühte irgendeinen Unkrautvernichter. Auf dem Rückweg - die Strecke war nicht sonderlich lang - fasste ich den Mut, mal ein bisschen mit der Gangschaltung zu spielen, und legte sogleich den Rückwärtsgang ein, ohne dies zu planen. Anscheinend hilft es doch weiter, wenn man die Gänge beschriftet. Nach diesem Erlebnis begnügte ich mich mit dem vorsichtigen und langsamen Gang, den ich kannte.

Bis zu unserer Abreise hatte Cherie uns mit diversen Kosenamen versehen, zu denen Honey, Sweetheart, Darling, Dear, Pumpkin und Possum zählten. Es war erstaunlich, wie leicht es ihr fiel und wie unbeschwert sie die Wörter in ihre Sätze einbaute. Sie hatte uns auch schnell durchschaut: Franziska war die Frierende, ich war die Hungrige. Als dann der Tag der Abreise kam, war es Cherie, die uns zu unserem Bus fuhr. Kaum hatten wir die Grenzen von Te Kahu verlassen, sprach sie auch schon aus, was wir alle dachten: "Bye you stupid cattle beasts with your strange noises. Bye you crazy sheep - we won't miss you." ("Tschüss, ihr dummen Rindviecher mit euren komischen Geräuschen. Tschüss, ihr verrückten Schafe - wir werden euch nicht vermissen.")

Hier nun völlig aus dem Zusammenhang gerissen und nur für Franziska: Brendon: „Oh, you never know when you need to say: ‚Aha! I see you happen to have a refractometer. Are you going to measure the Brix.?“ ("Oh, du weißt nie, wann du sagen musst: 'Aha! Ich sehe, sie haben ein Refraktometer. Werden Sie jetzt die Brix messen?'")

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