Sonntag, 5. Juli 2015
Greymouth – Mai 2015
Nach unserem Aufbruch aus Franz Josef begann ein Abenteuer einer neuen Größenordnung für uns: mit dem Auto durch Neuseeland tingeln. Zu diesem Zweck begaben wir uns zurück nach Greymouth (wir hatten diese Stadt bereits bei unserer Hinreise passiert), um dort eine Nacht zu verbringen und dann unser bereits reserviertes Vehikel abzuholen. Alles war im Voraus arrangiert, und obwohl der Aufenthalt in dieser Stadt, die ihren Namen mehr als verdiente, nur sehr kurz war, gibt es einige berichtenswerte Begebenheiten. Aus einer wohlverdienten Verschnaufpause wurde gar nichts, denn es ergaben sich Gelegenheiten, die unseren Tag nur umso mehr ausfüllten.

Es war komisch, wieder in einer Stadt zu sein, die diesen Namen beinahe schon verdient. Immerhin sind neuntausend Einwohner noch nicht die Welt, aber im Vergleich zu dreihundert ein erheblicher Zuwachs. Es gab so viele Autos, Passanten, verschiedene Geschäfte, mehrstöckige Gebäude, sogar eine Eisenbahnstrecke. Trotzdem war es leiser als Franz Josef. Man musste beim Überqueren der Straße tatsächlich darauf achten, ob ein Auto kam, und das ein oder andere Mal innehalten. Ich würde aber noch nicht so weit gehen, von einem ganz neuen Lebensgefühl zu reden.

Unsere Jugendherberge, Duke, war bunt. Einfach nur bunt. Von außen war das Haus lila mit orangefarbenen Fensterrahmen, innen entfaltete sich das Spektrum der Regenbogenfarben, die einmal den Schleudergang der Waschmaschine miterlebt hatten.

Duke von außen

Unser Zimmer

Flur

Ob das Gebäude ein lautstark protestierender Aufschrei gegen das allgegenwärtige Grau der Stadt darstellte oder nur den Geschmack des Besitzers widerspiegelte, bleibt mir bis heute ein Rätsel. Wichtig für uns war nur, dass es keine Löcher im Dach gab, frisch bezogene Betten für uns bereit standen und es tatsächlich sauber war. Immerhin wollten wir dort nicht einziehen, sondern nur eine kleine Verschnaufpause einlegen, bevor wir weitere Teile dieses fremden Landes besichtigten.

Dass es sauber und ordentlich war, heißt aber nicht, dass ihm der neuseeländische Abenteuercharakter abhanden gekommen war. Es fing schon damit an, dass wir im Zimmer Nummer 14 waren, es aber keine Tür mit dieser Nummer gab. Die Managerin tröstete uns, dass unser Raum der einzige nicht nummerierte war, wir ihn somit also einfach wiederfinden würden. Außerdem konnte man auf dem oberen Stockwerk, wo alle Zimmer waren, einmal im Kreis laufen, da es einen Innenhof gab, um den herum das Haus gebaut worden war. Sich zu verlaufen stellte damit eine gewisse Herausforderung dar.

Vermutlich hätte mich die Feuerleiter, die direkt vor dem Fenster unseres Zimmers angebracht war, beruhigen sollen, doch bewirkte sie aufgrund ihrer Konstruktion eher das Gegenteil. Mein Vertrauen in die hiesigen Feuerwehrleute war entschieden größer als das Vertrauen, das ich diesem abenteuerlichen Sammelsurium an Baumarkteinzelteilen entgegenbrachte.

Ich bin mir nicht sicher, was genau es mit Kiwis und dem Winter auf sich hat, aber irgendwie scheinen sie die kalte Jahreszeit und Kälte nicht so ganz in Einklang bringen zu können. Heizungen gehören einfach nicht zur Standardausstattung eines Gebäudes dazu – obwohl die Wände aus Rigips- oder Sperrholzplatten bestehen. Unsere „Heizung“ war ein Gegenstand aus einem modernen Kuriositätenkabinett. Er hing zwei Handbreit unter der Decke, hatte eine Zeitschaltuhr, so dass er nach einer Stunde automatisch wieder aus ging, war ungefähr so groß wie ein Ringblock Größe A4 und hatte es sich zum Ziel gesetzt einem Heißlufthaartrockner Konkurrenz zu machen – mit genau demselben Geräuschpegel und Erfolg. In Anbetracht seiner Leistung dauerte es mehr als drei Stunden, bis das Zimmer erträglich warm war. Dank des Timers musste sich nach Ablauf der Stunde immer wieder jemand aus dem schützenden Umhang aus Bettdecken quälen, um dem Gerät auf die Sprünge zu helfen.

Als wir eincheckten, erklärte uns die Managerin, dass es nicht nur kostenlosen Tee, Kaffee, Zucker und Gewürze gab, sondern auch Frühstück morgens und Suppe abends zur freien Verfügung der Gäste standen. Aus reiner Neugier wagte ich es, diese Suppe zu probieren, und bin davon überzeugt, dass ihr einziger Zweck darin bestand, die Gäste vor dem Erfrierungstod zu bewahren, denn geschmacklich war dieses Gebräu eine Beleidigung für jede noch so abgebrühte Zunge. Ich weiß nicht, wie sie es schafften, so ein einfaches Gericht derart zu ruinieren, aber es war ungenießbar.

Zu unserer großen Überraschung befand sich im Gebäude direkt neben unserem Hostel die Inland Revenue. Da wir von unserer Chefin sowie anderen Backpackern gehört hatten, dass man eventuell zu viel gezahlte Steuern zurückerstattet bekommt, wenn man die richtigen Formulare ausfüllt, wollten wir gleich mal fragen, welche das denn wären. Das Internet gab da nicht wirklich gute Auskunft und telefonisch nannte man uns zwar ein Formular, ausfüllen müssten wir es aber selbst. Da es sich hierbei um Beamtenenglisch handelte, wollten wir keine unnötigen Risiken eingehen, also stolperten wir einfach in die Filiale und stellten uns dumm. Als Belohnung erhielten wir einen Termin am nächsten Tag. Die Dame, die unsere Formulare für uns ausfüllte, war hilfsbereit, freundlich und fix, so dass wir nach weniger als einer halben Stunde fertig waren und nun auf einen Check aus Neuseeland warten. In Deutschland hätte ich für diese Dienste einen Steuerberater bezahlen müssen, doch hier war alles kostenfrei.

Danach checkten wir aus und stolperten quer durch die Stadt, um unser bereitstehendes Vehikel abzuholen. Wir hatten uns für die Autovermietung ACE entschieden, die nicht nur durch gute Preise, sondern auch durch Flexibilität überzeugte. Wir wollten keine Rundtour durch Neuseeland machen und von Punkt A über diverse Abschnitte wieder zurück zum Ausgangspunkt fahren. Was uns vorschwebte, war eine genau definierte Strecke durch den Arthur’s Pass und noch irgendetwas auf der anderen Seite der Alpen. ACE erhob – im Gegensatz zu anderen Firmen – keine Überführungskosten. Bei einem anderen Anbieter hätten wir bis zu 500 NZ$ allein dafür zahlen müssen. Nein danke.

Unser fahrbare Untersatz war ein schnuckeliger Daihatsu Sirion, Automatik, der schon jede Menge Kilometer hinter sich gebracht hatte und einige deutliche Gebrauchsspuren aufwies.

Unser Mietwagen

Da waren einige Kratzer an jedem erdenklichen Kotflügel, auf der Motorhaube und an den Felgen. Warren, der Mann der uns den Wagen übergab, zeichnete jede Macke großzügig auf dem dafür vorgesehenen Formular auf, zeigte uns alle Eigenheiten diese Autos, prüfte, ob die Schneeketten drin waren (nur für alle Fälle), und übergab uns das Vehikel anstandslos. Versicherung war abgeschlossen, wir beide waren berechtig zur Fahrt, alles war an seinem Platz, es konnte also losgehen. Schon beim Rausfahren aus dieser kleinen Seitenstraße wurde mir deutlich, dass es einige gehörige Unterschiede zu deutschen Fahrzeugen gibt. An die Tatsache, dass ich als Fahrer rechts saß, konnte ich mich sehr schnell gewöhnen – schließlich waren wir seit einiger Zeit in Neuseeland unterwegs und waren schon oft Passagiere in verschiedenen Verkehrsmitteln gewesen. Worauf mich aber niemand vorbereitet hatte, war, dass die Hebel für Blinker und Scheibenwischer vertauscht waren. Bis zum Ende der Fahrt unterlief mir immer wieder mal derselbe Fehler, nämlich dass ich bei schnellen Reaktionen den Scheibenwischer einschaltete. Wir schafften es aber immer unfallfrei an unser Ziel.
Wir fuhren vorsichtig zum Hostel zurück, packten unsere Siebensachen und zogen in die große weite Welt. Bevor wir den Arthur’s Pass bezwingen konnten, mussten wir noch einige Sachen an der Westküste erledigen.

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