Sonntag, 12. Juli 2015
Hokitika – Mai 2015
Nicht eine Nacht verbrachten wir in Hokitika, aber es gab genug Sehenswürdigkeiten in und um diese Cool Little Town (wie sie sich selbst nennt; hier die Webadresse: http://www.hokitika.org/thecoollittletown), dass ich ihr einen eigenen Beitrag widme.

Eingang zur Strandprommenade

Unsere erste Anlaufstelle war ein Café, Stella, das uns von Erika wärmstens empfohlen worden war. Da wir noch ein gutes Lunch für den Tag suchten, entschieden wir uns der Empfehlung Folge zu leisten. Immerhin mussten wir auf jeden Fall durch Hokitika hindurch fahren, um von Greymouth zum Treetop Walk – einem Spaziergang durch die Baumwipfel der Westküste – zu gelangen, und da die Uhrzeit günstig war, kehrten wir fürs Lunch in besagtes Café ein.

Bei dieser Gelegenheit lernten wir auch etwas über die ungewöhnlichen Parkgewohnheiten der Neuseeländer. Es gibt verschiedene Parkzonen, in denen man eine bestimmte Zeit kostenlos parken kann. Wie lange diese Dauer ist, erkennt man an den Schildern am Straßenrand, die dann einen beliebigen Wert zwischen 5 und 120 (Minuten) haben. In diesen Zonen gibt es auch keine Parkautomaten – zumindest habe ich keine gesehen. Allerdings hatte unser Fahrzeug keine Parkscheibe, und auch in den Vehikeln anderer Fahrer sah ich keinerlei Anzeichen für ihren Parkbeginn. Um kein Knöllchen am ersten Tag zu bekommen, entschlossen wir uns sogleich eine Polizeiwache aufzusuchen (sie war gleich neben unserem Parkplatz), um nachzufragen, wie das überhaupt funktioniert. Die Dame am Schalter war äußerst freundlich, doch was sie uns erzählte, war … ungewöhnlich: Die Polizei sei nicht für die Kontrolle zuständig; das machten spezielle Ordnungskräfte. Die Dame selbst wusste nicht, woher diese Kräfte wussten, wie lange ein Fahrzeug an ein und derselben Stelle stand, aber sie wussten es irgendwie. Man brauchte nichts weiter tun, als sich hinzustellen und wieder abzufahren, bevor die angegebene Zeit abgelaufen war. Aber in Hokitika gab es vielleicht auch gar keine zuständigen Parkkontrolleure, so die Dame. Es war ein Gespräch, das mit jeder geklärten Frage zwei neue aufwarf. Zumindest konnten wir uns sicher sein, wie wir zu verfahren hatten.

Mit dieser Antwort gaben wir uns zufrieden und zogen los, das Café Stella zu suchen. Es lag auf einer Straße, die parallel zum Strand verläuft, und wir erreichten es einige Minuten, bevor der große Ansturm an Mittagsbesuchern eintrudelte. Die Einrichtung war bodenständig sowie robust, aber schön, das Personal freundlich, das Essen gut. Nach dieser kurzen Pause zogen wir auch schon weiter, da wir für diesen Tag ein strammes Programm zu absolvieren hatten.

Fünfzehn Minuten südlich von Hokitika gibt eine Konstruktion, die es ihren Besuchern erlaubt durch die Baumkronen zu spazieren – oder so ähnlich. Der Treetop Walk. Dieses Stahlgerüst prangert in 20 Metern Höhe und ist für Leute aller Altersgruppen und Gehgeschwindigkeiten zugänglich, da es völlige Barrierefreiheit garantiert (mit Ausnahme des 40 Meter hohen Aussichtsturms). Als riesiger Fan schwindelerregender Höhen spielte ich mit dem Gedanken einer Besichtigung, seitdem wir mit dem InterCity nach Franz Josef am ersten Werbeschild vorbeigefahren waren. Es bedurfte nur weniger Argumente, um mich endgültig von einem Ausflug zu überzeugen.
So nutzen wir unsere frisch erlangte Mobilität und fuhren erneut an der Küste entlang gen Süden, gen Glacier Country, gen Franz Josef, bogen vorher aber links ab. Bei der Autovermietungsstelle hatten wir – mal wieder – einen Rabattcoupon bekommen, der uns 10% Nachlass gewährte. Da wir darüber hinaus beide als Studenten gewertet wurden, will ich mich nicht beklagen. Wir bekamen eine kurze Einweisung und ein Faltblatt mit Informationen zu den verschiedenen Stationen und machten uns gut gerüstet auf den Weg. Schon zu Beginn liefen uns einige einheimische Vögel über den Weg. Sie waren putzig, aber ängstlich. (Nein, es waren keine Kiwis, obwohl sie ihnen ähnlich sehen, sondern Wekas.)



Viele Schilder am Wegesrand informierten über die hiesige Flora und Fauna, so dass wir mehr über dieses einzigartige Ökosystem erfuhren.
Dann standen wir an der Schwelle zum Stahlgerüst, das uns einen völlig neuen Blick auf die sonst majestätisch in den Himmel ragenden Bäume geben sollte. Nur ein Schritt … und wir befanden uns auf der leicht im Wind schwankenden Konstruktion (das war so beabsichtigt).
Der Eingang der Stahlkonstruktion
Ein Schild mahnte zu gehen, nicht zu rennen. Also gingen wir weiter eine sanfte Steigung hinauf, bis wir in 20 Metern Höhe von oben auf voll ausgewachsene Bäume, Farne und Sträucher sehen konnten. Und doch gab es um uns herum Giganten, die uns mit bis zu 60 Metern noch immer weit überragten. Ich sah den plätschernden, rot-bräunlich gefärbten Bach zwischen dem Dickicht am Waldboden; ich bekam Baumkronen zu sehen, die oft viel zu hoch waren, um sie überhaupt zu erkennen; leider gab es gerade keinen Orchideen an den Ästen; ich sah die aufgefalteten Kronen vieler Farne von oben.
Größenvergleich
Eine sanfte Brise gab dem ganzen Schauspiel eine charmante Note. Da störte der einsetzende Regen gar nicht mehr.
Selbstverständlich kletterte ich die 106 Stufen empor, um auf den Aussichtsturm zu gelangen und nicht nur auf Augenhöhe mit den höchsten Baumarten zu sein, sondern auch den See Mahinapua und weit am Horizont sogar das Meer zu sehen.
Aussicht vom Turm
Bei klarem Wetter muss die Aussicht beeindruckend sein, aber auch so war ich hingerissen.
Dann gab es noch die frei hängende Plattform, die entschieden mehr als die Gesamtkonstruktion schwankte. Es war ein Spaß darüber zu stolpern und sich hin und her tragen zu lassen.
Als wir am Ende ankamen, drehten wir uns um und gingen die Strecke noch einmal.

Der nächste Punkt unserer Freifahrt durch Neuseeland war die Hokitika Schlucht, die selbst bei regnerischem Wetter atemberaubend sein sollte. Die Hängebrücke darüber war nur ein zusätzliches Extra. Auf ging es über neuseeländische Straßen, die in ihrer Breite polnischen Konkurrenz machen wollten. Fahrbahnmarkierungen waren optional. Wir sollten durch das Örtchen Woodstock fahren und freuten uns schon richtig darauf, weil wir dann ein lustiges Foto hätten machen können. Leider fanden wir Woodstock aber nur auf der Karte, nicht auf unserer Strecke.
Ab einem gewissen Punkt folgten wir nur noch kleinen gelben Pfeilen, die die Schlucht ausschilderten. Doch je weiter wir in das Land vordrangen, desto mehr erinnerte die Umgebung an einen amerikanischen Roadmovie, in dem ein einsames Haus irgendwo verlassen am Straßenrand steht. Eine letzte Biegung, eine letzte einspurige Brücke und schon waren wir auf einem unbefestigten und gleichzeitig sehr strukturierten Parkplatz mit Umgebungskarte und Toilettenhäuschen. Nur 650 Meter trennten uns noch von unserem Ziel.
Auf ging’s!
Es war mal wieder ein kunstvoll angelegter Weg, sanfte Biegungen, gefolgt von leichten Steigungen und Gefällen.
Die Schlucht von oben
Wir kamen auf der Hängebrücke an, die bei jedem Schritt schaukelte. Ich fand die Aussicht, direkt über dem Wasser stehend, einfach toll. Allerdings gab die Plakette an jedem Ende der Brücke uns zu denken, da dort stand: max. 6 Leute oder 1000 kg. Wie viel wiegt ein durchschnittlicher Neuseeländer?
Leider war die Beschreibung in der Broschüre in gewisser Weise wetterabhängig: „Sometimes you see a photo of a tourist spot and think yeah, right, it can’t look as good as that in real life. Hokitika Gorge is one of those places. The vivid turquoise water surrounded by lush native bush looks too good to be true but trust us, it is well worth a visit.” („Manchmal sieht man ein Foto eines Touristenortes und denkt sich Ja, klar, es kann nicht tatsächlich so gut aussehen. Die Hokitika-Schlucht ist ein solcher Ort. Das intensive türkisfarbene Wasser, umgeben von üppigem Regenwald, sieht zu gut aus, um wahr zu sein, aber vertraue uns, es ist einen Besuch sehr wohl wert.“)
Der Regen der vergangenen Tage hatte Unmengen an Schlamm und Geröll in das sonst leuchtend blaue Wasser gespült, so dass im Moment eher grünlich-braun die vorherrschende Farben waren.

Die Schlucht von unten

Was dieser natürlichen Sehenswürdigkeit heute aber an Farbenpracht fehlte, machte sie durch ihre Akustik wett. Es war beeindruckend still. Die Unmengen an Wassermassen, die hier pro Minute vorbeiströmten, hätte ich nicht einmal erahnen können. Viele Strudel zeugten allerdings von starken Strömungen unter der Wasseroberfläche. Doch es gluckste nur ein bisschen hier, zischte leise dort und allgemein strahlte diese Umgebung Ruhe und Gleichmut aus. Selbst bei schlechtem Wetter bleibt es eine Sehenswürdigkeit ohne Gleichen.

Nach einiger Zeit brachen wir zu unserer neuen Herberge in Arthur’s Pass auf.

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