Sonntag, 19. Juli 2015
Arthur’s Pass – Mai 2015
Als wir auszogen, das andere Ende der Welt zu sehen und Bayern vorfanden.

Hütte wie in Bayern

Die Fahrt nach Arthur’s Pass war mehr als abenteuerlich. Da wir nicht die ganze Strecke zurück nach Greymouth oder zu Kumara Junction fahren wollten, beschlossen wir eine frühere Abzweigung zu nehmen, die uns über eine Hauptverbindungsstraße auf den State Highway 73 bringen würde. Was vor uns lag, kam ganz unerwartet. Plötzlich kündigte ein Schild das Ende der asphaltierten Straße an und es ging über eine Geröllpiste weiter. Ich verstehe so etwas, wenn man auf einen Parkplatz fährt oder sich einer entlegenen, natürlichen Attraktion näher. Aber dass ein beliebiges Stück Straße, auf der man 100 km/h fahren darf, nicht befestig ist, sah ich zum ersten Mal.
Als wir dann endlich auf dem Highway waren, setzte ein so starker Regen ein, dass ich erst einmal eine Pause machte. Auch die Höchstgeschwindigkeit fand ich für die Beschaffenheit der Straße und ihren Verlauf viel zu hoch angebracht, so dass ich nur auf kurzen Abschnitten an ihr kratzte. Da gab es hier enge Kurven, dort einspurige Brücken (ich betone noch einmal: State Highway), gefolgt von Steigungen und Gefällen. Manchmal schaffte das Auto nicht mehr als 40 km/h. Alles in allem hatte ich wenig Gelegenheit diese bestimmt sehenswerte Strecke in Augenschein zu nehmen, was nicht nur an den schlechten Sichtverhältnissen und der Dunkelheit lag. Tatsächlich war ich froh, als wir in Arthur’s Pass ankamen und unsere Herberge auf mehr als 700 Metern über NN fanden.

Das… mir fehlt ein passender Begriff für diese Ansammlung von Gebäuden am Straßenrand … Die Siedlung Arthur’s Pass liegt im gleichnamigen Nationalpark Neuseelands, beherbergt – laut Wikipedia – 29 Einwohner und zwingt den Autofahrern eine Höchstgeschwindigkeit von gerade einmal 50 km/h auf, da das Ortszentrum sich direkt an den State Highway 73 schmiegt. Auch der Zug von Greymouth nach Christchurch findet hier einen schnuckeligen Bahnhof, an dem die Menschenmassen hinaus- und wieder hineinströmen können. Alles in allem liegt das Dörfchen sehr idyllisch und hat mit Sicherheit nicht die Probleme einer Großstadt. Leider fehlt es der Siedlung aber auch ein bisschen an Charme. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber wenn man schon in einem Nationalpark sein Heim erbaut, sollte es doch diesen Stolz und die Verbundenheit mit der Natur widerspiegeln – meiner Meinung nach jedenfalls. Arthur’s Pass hingegen schien seinen Frohmut aus Greymouth zu importieren. Ein grobschlächtiger Fehler, der noch korrigiert werden muss.

Es gibt wahrscheinlich keine Häuseransammlung in Neuseeland, die, wenn sie aus mindestens zwei Gebäuden besteht, nicht mindestens ein Hotel, Hostel oder Motel zu bieten hat. Sogar in Arthur’s Pass finden sich drei Unterkunftsmöglichkeiten (eine vierte Stand verlassen am Wegesrand; siehe Foto oben). Wir bezogen Quartier im Mountain House, einer Mischung aus Herberge und Motel. Im Gegensatz zur Behausung in Greymouth war es hier richtig warm, da Heizungen und Klimaanlagen ihr Möglichstes taten, um der nächtlichen Kälte dieser Gegend Einhalt zu gebieten. Tags darauf stellten wir fest, dass die Sonne in dieser Höhe auch nicht mehr so viel Wärme spendete, was wohl auch daran gelegen haben könnte, dass sie die meiste Zeit des Tages hinter Bergen her kroch.

Die Herberge war gemütlich, die Küche geräumig, der Manager freundlich sowie hilfsbereit und es gab nur gewisse Beanstandungen bezüglich der Reinlichkeit. Im oberen Stockwerk gab es eine gemütlich Lounge mit vielen Sofas, Sesseln, Kaffeetischen und einer kleinen Teeküche.
Allerdings möchte ich an einigen Dingen Kritik üben: Zwar haben die neuseeländischen Behörden den Sinn sanitärer Einrichtungen verstanden, aber in manchen Gegenden ist das Prinzip von Duschen und Waschbecken noch nicht ganz angekommen. Wenn ich mit meiner deutschen Durchschnittsgröße kaum Platz habe, um mich um die eigene Achse zu drehen und darauf achten muss, wie ich die Arme bewege, ohne mich an der nächsten Wand zu stoßen, möchte ich nicht wissen, wie zwei-Meter-Menschen in diesen engen Verhältnissen zurechtkommen. Darüber hinaus finde ich es im 21. Jahrhundert in einem Industrieland unangebracht separate Wasserhähne für kaltes und heißes Wasser zu haben, auch wenn es nur das Waschbecken ist. Es gibt ein Spektrum zwischen kochendheiß und eiskalt, das ich sehr gerne bei meiner täglichen Zahnpflege ausnutze. Ebenso sollte der Abstand der Wasserhähne zum Waschbecken so bemessen sein, dass beide Hände gemütlich Platz darunter finden, nicht nur die Fingerspitzen. Kein Wunder, dass das Bad jeden Tag unter Wasser stand. Man konnte sich nicht das Gesicht waschen, ohne zu kleckern.
Ein ganz anderes Thema ist das Wlan in diesem Hostel: Es ist unverschämt teuer. Da verlangte der Empfangsmensch doch tatsächlich 5 $ für einen halben Tag! Wir verzichteten dankend, zumal ich hervorragenden Empfang mit meinem Smartphone hatte.
In einem Achtbettzimmer nur eine Steckdose zu montieren ist aus meiner Perspektive hirnrissig. Selbst für eine Person ist eine Steckdose in einem Raum zu wenig, es sei denn, es handelt sich um eine winzige Abstellkammer. In Anbetracht der elektrischen Geräte, die ein Durchschnittsmensch heutzutage mit sich führt, war auch der Mehrfachstecker mit vier Plätzen nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ein bisschen mehr Verständnis für junge Leute hätte ich in einem Land voller Backpacker erwartet.

An unserem ersten Tag in diesem Hostel legten wir eine Pause von all den Aufregungen der letzten Zeit ein. Wir spazierten durch den Ort, ohne eine richtige Wanderroute einzuschlagen, folgten dann einem historischen Pfad durch die Siedlung, aber es stellte sich heraus, dass dies einer Schnitzeljagd ohne ausreichende Hinweise gleichkam. Wir fanden die Plaketten 9, 10, 11, gefolgt von 8 und 1, dann fanden wir durch Zufall 4, 3, 2,7. Um den Highway 73 nicht noch einmal rauf und runter zu stolpern, fragten wir an der Rezeption, wo die Informationsschilder 5 und 6 waren. Vermutlich hätten wir sie ohne Hilfe nie aufgespürt. Als wir dann an einem frostigen Morgen den Beschreibungen des Hostelmitarbeiters folgten, fanden wir eine herrliche Landschaft vor, die selbst mit einfachen Schuhen und nicht-alpiner Ausrüstung hätte bewandert werden können. Leider drängte unser Zeitplan und wir mussten darauf verzichten. Trotzdem hatten wir alle Plaketten der historischen Stadtführung gefunden, womit wir sehr zufrieden waren.

Der „Millennium Walk“ war äußerst enttäuschend. Wir folgten den Schildern, entdeckten einen kleinen, schmalen Pfad zu einer Aussichtsplattform, von der aus man einen phantastischen Blick auf den kleinen Wasserfall hatte, gingen zurück, über die Brücke einen Pfad entlang, vorbei am Startpunkt zum Avalanche Peak, um dann wieder an einem Schild anzukommen, das uns zurückschickte, wenn wir den Millennium Walk machen wollten. Ein Blick auf die Karte im DOC-Gebäude ließ uns darauf schließen, dass der Aussichtspunkt am Wasserfall dieser Millennium Walk sein sollte. Er dauerte zwei Minuten.

Wasserfall am Millennium Walk

Abenteuerlich war besonders die Polizeistation dieses Ortes. Polizei
Mehr muss ich dazu wohl nicht sagen.

An diesem Abend sah ich zum ersten Mal einen Kea. Der Vogel saß auf dem Dach des Arthur’s Pass Store / Café und krächzte munter vor sich hin. Leider waren die Lichtverhältnisse nicht mehr gut genug für ein Foto und das Tierchen wollte partout nicht näher kommen. Dennoch war ich von seiner Größe überrascht, weil ich erwartete hätte, dass er kleiner wäre. Meine zweite Begegnung mit diesen possierlichen Tierchen verlief ähnlich, so dass ich nicht viel zu der Gattung schreiben kann. Es kann sogar sein, dass es ein und derselbe Vogel war. Trotzdem bin ich froh, ihn mal live gesehen zu haben.

Franziska wünschte sich einen Ausflug nach Shantytown, einer Erlebnisstätte für die ganze Familie, die einem Freilichtmuseum wohl am nächsten kommt.
Shantytown liegt ca. 35 km nördlich von Hokitika, aber wir waren bereits in unserer Herberge am Arthur’s Pass, so dass wir ungefähr eineinhalb Stunden Fahrt über einen äußerst gewundenen und abenteuerlichen State Highway auf uns nehmen mussten. Dieses Mal fuhr Franziska und es amüsierte uns beide, dass sie diesen ach so viel befahrenen Highway zur perfekten Gelegenheit für erste Fahrversuche mit einem Automatikfahrzeug erklärte. Sie meisterte ihre Aufgabe gut, so dass sie nach kurzer Zeit nur die üblichen Problemchen mit Blinker und Scheibenwischer hatte. Verständlich, wie ich finde. Wir kamen jedenfalls sicher und ohne Zwischenfälle, aber auch zügig an unserem Ziel an. Zwischendurch bleiben wir noch zweimal stehen, um an ausgeschilderten Plätzen die wunderschöne Landschaft in uns aufzunehmen. Leider mussten wir feststellen, dass tiefhängende Wolken die Sicht doch beachtlich trübten. Auf dem Rückweg hingegen stellten wir fest, dass diese Aussichtspunkte weniger der Natur als viel mehr neuseeländischer Ingenieurskunst huldigten.
Brücke State Highway 73
Von ihnen aus sollte man die technischen Wunderbauten bestaunen, die eine Fahrt durch den Arthur’s Pass überhaupt erst ermöglichten. Die Neuseeländer sollten mal von ihrer kleinen Insel runter kommen und quer durch Österreich und die Schweiz fahren, um zu lernen, wie man anderenorts mit einigen kleinen Bergen umgeht.

Zurück zu Shantytown.
Vorab: Shantytown ist in puncto Information und medialer Darstellung wesentlich besser als Te Papa. Auch wenn Franziska anfangs skeptisch war, weil der Flyer Entertainment und lebende Geschichte versprach, so überzeugte das Gesamtkonzept doch allemal. Die Mischung aus Wissen, Hintergrundinformationen, verschiedenen Medien und Spaßelementen war hervorragend abgestimmt. Ich entschuldige mich im Voraus dafür, dass ich immer wieder Bezug zu Te Papa nehmen werde, zumal dieser selten ein gutes Haar an dem Nationalmuseum lassen wird. Allerdings finde ich, dass man diese beiden Museen nicht separat betrachten kann, wenn man sie sah. Insbesondere dann nicht, wenn man mit hohen Erwartungen in Te Papa rein ging und Shantytown erst skeptisch betrachtete.

Aber ich sollte am Anfang anfangen.
An der Rezeption begrüßte uns eine freundliche Dame, die uns sogleich deutschsprachige Infoflyer mit Karten des Geländes aushändigte. Diese waren bewusst auf alt getrimmt, auf braunem Papier gedruckt und allgemein sehr schön gemacht. Die Dame sagte uns zudem, wann der nächste Zug abfahren würde und dass wir ihn so oft benutzen konnten, wie wir es nur wollten. (Da wir laut Flyer mindestens 90 Minuten für das Museum einplanen sollten, gingen wir davon aus, dass wir nur eine Gelegenheit für die Zugfahrt haben würden.) Unseren Rabattcoupon von 20% nahm die Dame auch freundlich entgegen. Dann ging es auch schon los.
Der erste Eindruck von Shantytown erinnerte ein bisschen an eine Wildweststadt.

Es verwundert kaum, da die Stadt das Leben zu Zeiten des neuseeländischen Goldrausches darstellen sollte, aber die Kulisse, also der Regenwald an der Westküste, war ganz anders. Von dem nicht sonderlich linearen, stilistisch aber besonders schönem Aufbau erst einmal erschlagen, beschlossen wir einfach bei 1 auf unserer Karte anzufangen und uns der Reihe nach bis 40 durchzuarbeiten. Einige Ausstellungsstücke nahmen nur wenige Augenblicke in Anspruch (das riesige Wasserrad beispielsweise); für andere brauchten wir allerdings geraume Zeit, weil so viele Informationen auf engem Raum präsentiert wurden (Chinatown zählte zu letzterem Chinatown in Shantytown). Te Papa verlor kein Wort über chinesische – oder allgemein nicht europäische – Einwanderer. Hier konnte man die Behausungen chinesischer Goldgräber betreten – Nachbauten versteht sich – und einige persönliche Schicksale nachverfolgen. Ebenso war ein Spaziergang durch eine Goldmine möglich. Beachtlich war, dass die meisten Chinesen nur nach Neuseeland kamen, um nach Jahren harter Arbeit als reiche Männer zurück ins Heimatland zu gehen. Selbstverständlich gelang es nicht allen, aber dies zeigte uns, wo von Anfang an die Prioritäten vieler Einwanderer lagen – damals wie heute. Dementsprechend sahen die Behausungen dieser Einwanderer auch aus: Sie waren funktional und spartanisch, bereit jeder Zeit abgerissen zu werden. Bis heute sehen viele Städte in Neuseeland, insbesondere an der Westküste, so aus, als ob die Einwohner nur auf ein Zeichen warten würden, um ihre Siebensachen zu packen und weiter zu ziehen, dem Glück hinterher. Manchmal scheint es, als wären sie nie richtig angekommen – wie die Unmengen an jährlichen Backpackern. Ein relativ kleiner Abschnitt dieses Freilichtmuseums vermochte die Mentalität der heutigen Neuseeländer tiefergreifend zu erklären als ihr gesamtes Nationalmuseum.

Ich schweife ab. Entschuldigung.
Nach Chinatown war es Zeit für die Zugfahrt. Ich war ganz ergriffen von der Vorstellung mit einer historischen Dampflokomotive zu fahren. Natürlich standen wir wie für Deutsche üblich viel zu früh am Bahnhof und warteten ungeduldig auf den Zug. Als die Lok einfuhr, machte sie erst einmal eine große Show: Dampf quoll in dicken Schwaden aus dem Schornstein vorne und zwischen den Rädern hervor; die Lok blieb stehen, um von jedem bestaunt und fotografiert werden zu können; die Lokführerin betätigte die laute Pfeife, so dass man den Zug noch im nächsten Ort hörte. Perfekte Inszenierung. Als die Lok endlich an den Wagen angedockt hatte, durften wir Passagiere einsteigen.
Einfahrt der Lok
Während der Fahrt gab es eine automatische Durchsage zu den verschiedenen Stationen, der Strecke und dem Zug, aber es war so laut im Wagon, dass ich kaum etwas verstand. Als die Lok den Wagon anschob, bildete sich eine enorme Dampfwolke um das Fahrzeug, so dass wir es gar nicht mehr sehen konnten. Ich verstand, warum die Lokomotive den Wagon anschob, anstatt ihn zu ziehen. Hinter uns war nur noch eine weiße Wand zu sehen.
Es ging quer durch den Regenwald an einigen Ausstellungshäusern (Sägemühle, Goldauswaschbecken) vorbei zum Ende der Strecke, wo wir eine kurze Rast einlegten, uns Informationen über die Arbeitsbedingungen der Arbeiter vor 150 Jahren durchlesen konnte, etwas über den hiesigen Regenwald erfuhren und uns die Lok aus der Nähe ansehen durften. Die Lokführerin beantwortete sogar freudig jede Frage und plauschte gerne mit ihren Fahrgästen.
Dann ging es wieder zurück, wobei der Großteil der Gruppe an der Sägemühle ausstieg, um von dort zu Fuß ins „Zentrum“ von Shantytown zurückzukehren, natürlich nicht ohne vorher ein bisschen Gold auszuwaschen. Wir fuhren einfach mit dem Zug weiter. Immerhin war es Zeit für Lunch und wir wollten kein Gold schürfen.

King Dicks Cafe

Zum Lunch begaben wir uns ins King Dick’s Café, das, da es sich auf dem Gelände befand und zu den Ausstellungsstücken gehörte, ebenfalls die damalige Atmosphäre durch eine stilistisch angeknackste Einrichtung widerspiegelte. Das meine ich mit einer großen Portion Humor, denn die Stilbrüche waren teilweise notwendig. Kaffeeautomaten und Energiesparglühbirnen waren nur zwei Beispiele davon. Außerdem versuchte man altes Dekor mit modernen Gesundheitsbestimmungen zu kombinieren, was nicht immer gelang.
Unser Gutschein über einen kostenlosen Kaffee / Tee konnten wir hier problemlos einlösen, auch wenn es sich um große Portionen handelte, die sonst 5 NZ$ oder mehr gekostet hätten. Dazu nahmen wir Pie. Es war schließlich Lunchtime und wir wollten auch unseren Hunger stillen. Nach der Pause ging es weiter.

Als wir erfuhren, dass man Postkarten mit dem Stempel von Shantytown verschicken konnte, kaufte Franziska sogleich eine. Briefmarken und Karten gab es an der Rezeption und im Café. Dafür hat Shantytown auch ein eigenes Postamt (nachgebautes Austellungsstück) und einen Briefkasten (aktueller Gebrauchsgegenstand).

Post

Wir liefen der Reihe nach die weiteren Stationen ab, lasen uns Informationstafeln durch und bestaunten den gekonnten aufbau. Zu vielen Häusern gab es auch eine passende akustische Untermalung, was mir sehr gut gefiel. Im Saloon spielte jemand ein Klavier; entlang des alten Goldgräberpfades waren einige Figuren aufgestellt, die ihre Lebensgeschichten erzählten, wenn man an ihnen vorbeiging (leider funktionierten einige nicht); in der Gießerei erzählten drei Brüder, wie sie ihre Unternehmen gegründet hatten; in der Druckerei entstand gerade eine neue Ausgabe der Zeitung. Doch das Beeindruckendes war das Sägewerk. Es stellte deutlich dar, wie laut und unangenehm die Arbeitsbedingungen gewesen sein müssen. Ein Mann erzählte davon, wie er einen Finger verlor, während im Hintergrund eine Kreissäge einen zwei Meter dicken Baumstamm zerteilte. Es gab das Hacken von Äxten auf Holz, das Knirschen beim Fallen eins Baums, die riesigen Maschinen, die pochend und hämmernd das Holz durch die Mühle zogen, und, und, und. Einfach überwältigend – und sehr anschaulich.

Das Theater – oder in unserem Fall Kino mit holographischer Projektion – war phantastisch. Nicht nur, dass die Tapete opulent war und einen mit ihren ineinander gewundenen Mustern schon fast zu verschlingen drohte, die Stühle in den Reihen keiner anständigen Nummerierung folgten (da man keinen festen Sitzplatz zugewiesen bekam, war es auch nicht nötig), nein, der kurze Film über das Leben an der Westküste und den Entdecker George Dobson war einfach köstlich! Die zwei Schauspieler konnten mit wenigen Requisiten ein wirklich fesselndes Stück zaubern, das uns nicht nur laut auflachen ließ, sondern auch noch seinen didaktischen Charakter beibehielt. Es war humoristisch und lehrreich zugleich. So ein Kunstgriff gelang Te Papa nicht.

Im Saloon wurde den Besuchern die einzigartige Möglichkeit geboten, Kleidung im Stil des 19. Jahrhunderts anzulegen und ein Foto in Sepia-Optik zu schießen. Da für ein Foto 25 NZ$ berechnet wurden, verzichteten wir auf den Spaß. Auch so war der Saloon klasse.

Einige Gebäude – sie waren auf der Karte mit einem Stern versehen – hatten die Jahrzehnte überstanden und waren Originale aus der Zeit, als Shantytown noch eine blühende Goldgräberstadt darstellte. Damit waren sie älter als das Parlament! Aber das verraten wir den Neuseeländern besser nicht.

In der Edelstein- und Mineralienhalle gab es jede Menge Exemplare für Freunde der Geologie. Aber auch dem Laien wurde etwas Tolles geboten. Ein abgedunkelter Raum beinhaltet einen Schaukasten mit besonderen Steinen, die zuerst mit normalem Licht bestrahlt wurden, um dann Schwarzlicht ausgesetzt zu werden. Einige Steine fluoreszierten im Dunkeln, andere bekamen eine ganz andere Farbe – es war ein farbenprächtiges, kunterbuntes Spektakel. Ich kann mir vorstellen, dass ich wie ein Kleinkind aufquiekte, als die Steine ihr buntes Geheimnis preisgaben.

Nach fünf Stunden waren wir endlich mit Shantytown durch und durften unseren rauchenden Köpfen endlich ein bisschen Ruhe gönnen. Es gab viel, das erst einmal verarbeitet werden musste.

Fazit: Shantytown ist den Eintritt allemal wert. Es gibt für jede Altersgruppe etwas zu tun und es wird eine Vielzahl von Interessengebieten abgedeckt. Im Gegensatz zu Te Papa kombiniert es verschiedene Medien (begehbare Häuser, Audio- und Videomaterial, Holographietechnik, Schilder) gekonnt mit der Vermittlung von Wissen und grundlegenden Informationen. Es gibt eine schöne Balance aus allgemeinen Fakten und persönlichen Schicksalen. Darüber hinaus kommt der Event-Teil dank Lokfahrt, Goldschürfen und Kino nicht zu kurz.

Auf unserem Rückweg kamen wir an einer Jade-Werkstatt vorbei, die Franziska sich gerne näher ansehen wollte. Sie wünschte sich ein Armband mit einem Jade-Stein, war aus verschiedenen Gründen aber nicht von der Ware in Hokitika überzeugt. Da wir eh daran vorbeifuhren, war es nun wirklich kein Problem anzuhalten. Die Werkstatt wurde von einem Ehepaar betrieben, das nur neuseeländische Jade verarbeitete. Die Frau erzählte uns gerne etwas über diesen Stein, der härter als Stahl ist und mit einer Diamantfeile bearbeitet werden muss. Zwar interessierte ich mich nicht sonderlich für Schmuck, das war dann aber doch sehr lehrreich. Für Maori gehörte Jade früher zum Alltag und wurde zu Werkzeugen sowie Waffen verarbeitet – nebst Schmuckgegenständen. Verschiedene, weit verbreitete Formen hatten eine tiefere Symbolik für dieses Volk. Heutzutage haben nur zwei Stämme die Rechte für die Abbaugebiete, aber wenn man als Otto Normalverbraucher ein Stückchen Jade am Flussufer findet, darf man es behalten.
Franziska erklärte der Verkäuferin, was sie sich vorstellte, und beide kamen zu einer zufriedenstellenden Übereinkunft. Dann fuhren wir weiter. Immerhin wurde es langsam spät, der Weg war noch weit und wir mussten noch tanken.

Die Tankstelle in Kumara war ein weiteres Abenteuer, das wir zu bewältigen hatten, wenn wir nicht in Arthur’s Pass zu überhöhten Preisen tanken wollten. Es handelte sich hierbei um eine automatische Tankstelle mit Kartenzahlung. Leider musste man vorher wissen, für wie viel man tanken wollte, den Betrag eingeben, Kreditkarte durchziehen, dann tanken. Wir konnten nicht mit Sicherheit sagen, wie groß der Tank unseres Mietwagens war, geschweige denn, wie viel noch hinein passte, also schätzten wir grob. Es sollte ja nur genug sein, um durch den Pass zu kommen. Nach einigem hin und her und kurzem Argumentieren mit der Tanksäule klappte dann auch alles.

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