Sonntag, 28. Juni 2015
Franz Josef – März-Mai 2015 (Abschied)
Franz Josef im Regen

Fortsetzung:
An einem Tag, an dem nichts besonders war, beschlossen wir die zweite Attraktion unseres Touristendörfchens aufzusuchen: die Hot Pools. In Anbetracht immer kälter werdender Tage sowie Nächte schien diese Möglichkeit der externen Ganzkörperbeheizung doch eine vielversprechende Alternative zu Heizung, Decken und heißen Getränken. Dank unseres Jobs erhielten wir auch hier den Rabatt für Einheimische und durften so für gerade einmal 8 $ pro Person (zzgl. Spind für zwei Stunden) in dieses paradiesisch in Szene gesetzte Planschbecken. Tatsächlich gab es drei Becken: 36°, 38° und 40°. Wir fingen in der Mitte an, fanden aber bald heraus, dass sich jemand mit den Temperaturanzeigen für 36° und 38° vertan haben musste, denn die beiden waren auf jeden Fall vertauscht. Aufgrund der geringen Besucherzahlen ließen wir es uns nicht nehmen ein bisschen zu planschen und zu schwimmen, obwohl die Sitzgelegenheiten überall am Rand dezent darauf hindeuteten, dass Schwimmen nicht der primäre Zweck dieser Badeanstalt war. Um uns herum waren Farne und Sträucher, das Gelände um die Becken herum war mit Holz ausgelegt und überall dampfte es.

Hot Pools

Der perfekte Ort für dieses Wetter. Die Krönung dieses entspannenden Tages bildete das Becken mit 40° Wassertemperatur. Schon bei den ersten Schritten die kleine Treppe hinunter umfing mich die wohlige Wärme, umspülte mich und ließ mich die Welt drum herum vergessen. Hier war nichts mit Tollen und Schwimmen, denn allein der Gang zur nächsten Sitzgelegenheit verlangte mir all meine Konzentration ab. Einen solchen Grad an Entspannung hatte ich seit Jahren nicht mehr erreicht. Leider sind diesem Becken natürliche Grenzen gesetzt, wenn es um die Länge eines Aufenthalts darin geht. Irgendwann macht der Kreislauf einfach nicht mehr mit. Zudem verstanden die Neuseeländer noch nicht so ganz, dass man auch Liegen mit Massagedüsen unter Wasser einbauen kann. Bei den vorhandenen Sitzgelegenheiten bestand immer das Problem, dass ein wesentlicher Teil des Oberkörpers nicht vom nassen Element bedeckt und somit der Witterung ausgesetzt war. (Im 40°-Becken spielte das keine Rolle mehr, in den anderen schon.) Nach einiger Zeit – mehr als eineinhalb Stunden – verließen wir die Hot Pools wieder. Ich hatte noch nie so viel Zeit für den Rückweg gebraucht, aber just in diesem Moment ging ich so schnell wie eine Schnecke rückwärts. Tatsächlich fand ich Franziskas Tempo viel zu schnell. Nieselregen setzte ein – es kümmerte mich nicht. Die 40° hatten mir eine hummerrote Farbe ins Gesicht gezaubert und wärmten mich weiterhin. Das war ein guter Tag. Für einen Moment erwog ich sogar meine Meinung über Franz Josef zu revidieren.

Mein erstes bewusst erlebtes Erdbeben hier in Neuseeland fiel unspektakulär aus. Tatsächlich musste ich die Leute um mich herum fragen, ob es tatsächlich eins war. Bei der Bauweise der hiesigen Häuser hätte es genauso gut Olaf sein können, der einmal quer durchs Gebäude rennt. Es wackelte ein bisschen nach links und nach rechts, damit hatte es sich. Trotzdem beunruhigend in Anbetracht der Erzählungen von Cesar, obwohl dieser meinte, dass es ganz gut war, denn auf die Weise entlud sich ein bisschen Energie, anstatt sich weiter aufzustauen. Er grinste sogar, als er mir erzählte, wie die Balken in der Rezeption gequietscht hatten. Allerdings erzählte er uns bei anderer Gelegenheit auch, dass Franz Josef praktisch nur auf ein richtig großes Erdbeben von der Stärke 7,5 oder mehr wartete, weil es eben immer wieder mal passiert und wir in Neuseeland waren. Aber dazu später mehr.

In mancherlei Hinsicht war Anne eine sehr gute und freundliche Chefin, die einfach nur mit ihrer beruflichen Position sowie der Nähe ihrer Wohnung zu ihrem Arbeitsort überfordert war. So lud sie die ganze Belegschaft eines Abends zum Essen ein, weil sie eine bestimmte Anzahl exzellenter Bewertungen auf einer neuseeländischen Plattform bekommen hatte. Wir gingen ins Alice May, ein Lokal, das Franziska und ich bis dahin nicht kannten und das sich einer leckeren gutbürgerlichen neuseeländischen Küche rühmt. Es gab nun keine riesige Auswahl an Gerichten, aber es war vollkommen ausreichend für ein Restaurant dieser Größe. Die Kellnerin stellte uns die Tagesgerichte vor und empfahl uns den Käsekuchen, der nur heute da war – selbstgemacht, versteht sich – und nicht auf der Karte stand. Außerdem war das Essen vorzüglich, was ich hier betonen möchte. Wir durften uns von allem so viel bestellen, wie wir wollten, inklusive alkoholischer Getränke (die in diesem Land wirklich sehr teuer sind), Vorspeisen und Nachtische. Bei dieser Gelegenheit probierte ich die Kiwi-Spezialität „Whitebait“. Dies sind, einfach ausgedrückt, junge Fische. Sie sind sehr klein, werden ganz – mit Innereien und Gräten – verspeist und gelten als Delikatesse. Im Alice May servierte man sie auf Omelette, wodurch ihr Eigengeschmack kaum zu merken war. Ich fand es ganz lecker, bevorzuge aber richtigen Fisch, an dem auch etwas dran ist, denn diese kleinen Biester sind irgendwie witzlos. Whitebait gehört keiner bestimmten Fischgattung an, so dass verschiedene Länder verschiedene Auflagen haben, was den Fang der Tierchen angeht, weil auch bedrohte Arten darunter fallen könnten. Das nur am Rande. Außerdem bestellte ich ein wirklich leckeres Stückchen Schweinebraten auf Gemüse der Saison (Kürbis) mit Kartoffeln, Apfelmus und einer dicken Sauce. Hervorragend zubereitet! Zum Nachtisch gab es Apfel-Rhabarber-Kuchen. Außerdem hatte das Alice May ein warmes Getränk, das sie Hot Tottie nannten. Es beinhaltete Inger, Zitrone, Honig und normalerweise einen Schuss Whiskey, auf den ich allerdings dankend verzichtete. Alles in allem war es ein sehr angenehmer Abend, an dem wir uns lässig mit allen Kollegen und Chefs unterhalten konnten.

Kurz bevor sich unsere Zeit im Montrose Backpackers ihrem Ende zuneigte, fiel eine Reisegruppe von rund vierzig Schülerinnen und ihren Lehrern ein. Wir erfuhren, dass sie aus Christchurch kamen, zur Abteilung der Geologie gehörten und Franz Josef zu wissenschaftlichen Zwecken aufsuchten, wobei der Spaß auch nicht zu kurz kommen sollte. Neben Quad-Bike-Ausflügen und Heli-Hikes gab es auch Wanderungen, um bestimmte Gesteinsformationen zu betrachten oder Sedimentablagerungen zu untersuchen. Alles in allem war die Gruppe hervorragend organisiert und sehr ordentlich, was unsere Arbeit nachts in der Küche um ein vielfaches vereinfachte. Wie es für neuseeländische Verhältnisse so üblich ist, kamen wir auch schnell und unverfänglich mit verschiedenen Mitgliedern dieser Reisegesellschaft ins Gespräch.
Was wir von einem der Lehrer erfuhren, war allerdings alles andere als beruhigend. Anscheinend war das Erdbeben, von dem Cesar kurze Zeit zuvor gesprochen hatte, nur eine der zahlreichen Naturkatastrophen, die nur darauf warteten, Franz Josef vom Angesicht der Erde zu tilgen. Uns wurde mitgeteilt, dass wir letzte Woche nur knapp einer Überschwemmung entkommen waren, die Chancen aber gut standen, dass sich die Hauptstraße bei anhaltenden Regenfällen zu einem neuen Flussbett verwandeln würde. Der Lehrer klärte uns auf, dass die Brücke über den Fluss immer wieder höher gesetzt werden musste, um nicht von den Wassermassen weggespült zu werden. Alternativ rückte in unregelmäßigen Abständen ein Bagger an, der die Geröllmengen, die immer wieder von den Bergen heruntergetragen wurden, aus dem Fluss fischte und so Platz für neue Stein- und Wassermassen schuf. Regen war auch das Stichwort für die mehr als wahrscheinlichen Erdrutsche rund um das Touristendörfchen. Auch Lawinen waren – Dank Gletscher – nicht ausgeschlossen, auch wenn sie aller Voraussicht nach nicht bis zum Dorf vordringen würden. Die Tatsache, dass wir auf der Verwerfung zweier tektonischer Platten saßen und jederzeit mit einem Erdbeben der Stärke 7-9 rechnen sollten, ging in all den Katastrophendrohungen doch beinahe schon unter. Immerhin wären wir in dem errechneten Zeitraum von 230-340 Jahren Abstand zum vorhergehenden großen Beben. Sollte dieses Beben in Franz Josef oder in unmittelbarer Nähe dazu stattfinden, rechneten Geologen mit einer Erdbewegung von 8 Metern horizontal und 4 Metern vertikal. Die Tankstelle war da besonders ungünstig platziert, da unter ihr eine Spalte aufklaffen könnte, die alles in ihrer Umgebung verschlucken würde. Unglücklicherweise lag der Sammelplatz, den man im Falle eines solchen Erdbebens aufsuchen sollte, hinter der Tankstelle. Es grenzte an ein Wunder, dass Franz Josef überhaupt noch stand! Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass das Bett mich nachts wachhielt, nicht die abenteuerlichen Berichte neuseeländischer Geologen. Tatsächlich fand ich die ruhige Art des Mannes sehr ansteckend und freute mich darüber, von ihm aus der Ungewissheit gefischt zu werden. Allerdings verriet auch er uns nicht, wie wir uns bei einem Erdbeben richtig zu verhalten hätten. Stattdessen plauderte er über die Arbeit und Fortschritte seiner Schüler, warf die Frage in den Raum, ob man Touristen mit solchen Warnungen belästigen sollte, und erkundigte sich auch über unseren Heimatort. Es war ein äußerst erquickendes Gespräch.

Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, ist das Formular, das im Supermarkt auslag, doch ganz anders zu lesen. Es trug die Überschrift: Get thru! Ziel dieses Dokuments war es, die Bevölkerung auf Katastrophen jeglicher Art vorzubereiten. Es stand darauf, wie viele Lebensmittel man für wen packen und an einem gut zugänglichen Ort im Haus aufbewahren sollte (Haustieren eingeschlossen); wie viel Wasser man pro Tag brauchte und wann die Vorräte kontrolliert werden mussten. Auch Notfallnummern konnten auf dem Formular vermerkt werden. Als wir uns die wenigen Zeilen durchlasen, stellten wir fest, dass es keinen Unterschied machte, ob nun ein Erdbeben das Dorf heimsuchte oder eine Zombi-Apokalypse; wenn man die Anweisungen befolgte, war man für jede Eventualität gerüstet. Wir waren nicht gerüstet, stellten wir fest.

Bei einem Grillabend gaben Timo und Franziska der ganzen Runde viel zu lachen. Es fing alles ganz harmlos mit einfachen Fragen an. Wie so viele von Ceasars Helfern war auch Timo ein Deutscher, so dass früher oder später die Frage aufkommen musste, woher er denn kommt. Franziska umschrieb ihren Herkunftsort dezent, weil sie davon ausging, dass niemand ihn kannte – ein Vorurteil, das auf jahrelanger Erfahrung basiert. Sie fing bei der größten Stadt in der Umgebung an und arbeitete sich immer näher zu ihrem Wohnort. Je mehr sie sprach, umso mehr Fragen wurden aufgeworfen. Als sie dann endlich das Kind beim Namen nannte, folgten einige Minuten, in denen Franziska und Timo sich gegenseitig „Nein“ an den Kopf warfen, weil sie nicht glauben konnten, dass sie zwei Straßen voneinander entfernt wohnten und sich nie zu Gesicht bekommen hatten. Viel lustiger wurde es, als Franziska erfuhr, dass sie mit einem von Timos Brüdern auf dieselbe Schule, ja, sogar dieselbe Stufe, gegangen war. Wir alle fanden das äußerst amüsant.

Ein gutes hatte die kälter werdende Jahreszeit: Die Menge an Sandflies ward drastisch reduziert. Vor allem Franziska freute das besonders, weil die kleinen, blutsaugenden Biester sie besonders gern hatten. Neuseeländische Sandflies sind nicht mit Mücken zu vergleichen, nein, sie ähneln in ihrer Grausamkeit eher den Bremsen, sind aber entschieden kleiner, kaum zwei Millimeter lang. Ihr Biss ist wesentlich schmerzhafter als der einer Mücke und erzeugt fühlbare Knubbel unter der Haut, die tagelang bleiben und fürchterlich jucken – zumindest die meisten Menschen, denn mir machte es nichts aus. Wir hatten schon einige bei Marty auf der Farm angetroffen, doch waren sie denen in Franz Josef zahlenmäßig weit unterlegen. Die Sandflies in Waimangaroa hatten es auch eher auf mich abgesehen, doch hier war Franziska definitiv ihr bevorzugtes Ziel. Wir werden sie bestimmt nicht vermissen.

Wir unternahmen auch eine Wanderung zum Lake Wombat, der wahrscheinlich nichts mit den australischen Beuteltieren zu tun hat. Nein, er ist nach Jack Irwin benannt, der auch Wombat Jack gerufen wurde und in der Nähe nach Gold suchte. Es ging wieder Richtung Parkplatz, doch bevor wir diesen erreichten, bogen wir rechts ab auf einen Pfad, der in einen verwunschenen Märchenwald zu führen schien, in dem blaue Pilze wuchsen.
Blaue Pilze
Die Zeitangaben bei diesem Pfad waren ebenso abwegig wie Cesars Einschätzungen zum Lake Mapourika, doch dieses Mal in die andere Richtung. Anstatt der angegebenen eineinhalb Stunden, waren wir in vierzig Minuten zurück am Ausgangspunkt. Der Weg war gewunden, ging hinauf und hinunter, vorbei am Alex Knop Walk, weiter durch regenwäldliches Buschwerk, in den See hinein.

Lake Wombat

Wir standen so abrupt vor der Wasseransammlung, dass wir beinahe hineingelaufen wären. Es gab keinen Weg um den See herum, nur eine einsame Bank am Ufer. Zwar war es dort sehr schön, aber doch ein bisschen ernüchternd in Anbetracht der wenigen Möglichkeiten, die einem geboten wurden. Nach einer kurzen Pause und ein bisschen Small Talk mit neuseeländischen Touristen, die es ebenfalls hierher verschlagen hatte, stapften wir wieder zurück. Immerhin mussten wir pünktlich wieder im Montrose sein, weil Ceasar uns einen Pizzaabend versprochen hatte. So etwas darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Wir gingen in die Blue Ice Bar, ein Etablissement, das im Erdgeschoss ein Restaurant und im ersten Stock eine Diskobar beherbergt. Unser Platz war oben, so dass Cesar uns zielstrebig die Treppen hinauf scheuchte. Es war keine große Bar/Disko. Ein Raum, an dessen Ende eine Theke war, ein langer Tisch, einige kleine Stehtische, ein Billardtisch und eine Tanzfläche. Alle Helfer waren mitgekommen, so dass insgesamt zwölf Leute an dem großen Tisch platznahmen. Ceasar bestellte für alle, gab sogar ein Bier aus und wir versuchten uns zu unterhalten. Ich fand es schon schwierig genug, als wir noch die einzigen Gäste darstellten, da die Musik für meinen Geschmack entschieden zu laut – und zu schlecht – war. Als dann aber noch eine große Gruppe an Partygängern dazu stieß, war ich bedient. Musik, Gelächter, Unterhaltungen von duzenden Menschen, Billardkugeln, etc. Mein Hals kratzte vom vielen Schreien und ich verstand kaum die Erwiderungen meiner Gesprächspartner. Auf diese Art von Stress konnte ich sehr gut verzichten, und zum ersten Mal, seitdem wir bei Ceasar angefangen hatten, war ich froh, dass ich an diesem Abend noch arbeiten gehen musste. Ich hatte einen guten Grund diese lärmende Folterbank zu verlassen, ohne mich lästigen Fragen nach dem Wieso und Warum aussetzen zu müssen.
Die Pizza hingegen war recht gut. Unser Gastgeber hatte einige Pizzen mit verschiedenen Belägen bestellt und die Anzahl an Stücken stimmte mit der der Gäste überein, so dass jeder einmal jede probieren konnte.

Franziskas Geburtstag fiel auf einen Sonntag, an dem wir in Franz Josef waren. Es war ihr Tag, also durfte sie auch bestimmen, was gemacht wurde. Sie wünschte sich einen Lümmeltag, weshalb wir um die Wette lümmelten. Alles begann mit ausschlafen, einem richtig großen und opulenten Frühstück, gefolgt von einigen Stunden Aufenthalt vor dem Fernseher, der nur durch einen Besuch der Hot Pools unterbrochen wurde. Wir sahen uns die erste Staffel von Standard Action an. Für all jene, die diese Miniserie nicht kennen: Es ist eine non-budget Internet-Produktion, die einen humoristischen Blick auf Pen und Paper Rollenspiele wirft. Die Charaktere sind bunt, die Schauspieler sind phantastisch. Daraufhin folgte eine Folge einer koreanischen Dramaserie, deren Titel ich bis heute nicht richtig ausspreche, geschweige denn schreiben kann. Franziska wird mich auslachen, wenn sie das hier liest. Gekrönt wurde der Abend von einem weiteren Grillfest, das unsere Gastgeber zu Ehren des Geburtstagskindes veranstalteten.

Zu der Zeit war auch Nicole wieder anwesend. Die junge Dame hatte ihr Herz an dieses turbulente Dorf verloren und sehnte sich schon bei ihrer Abreise danach zurück. Sie kam wieder, hatte versprochen, wiederzukommen, doch dieses Mal blieb sie nur eine Woche, legte hier eine kurze Rast auf ihren ermüdenden Reisen quer durch Neuseeland ein, bevor sie weiterzog. Sie versprach aber, noch einmal wiederzukommen. Es war schön, sie wiederzusehen und sich mit ihr zu unterhalten.

An unserem letzten Tag in Franz Josef beschlossen wir unseren Beitrag zur allgemeinen Lärmbelästigung zu leisten und einen Heli-Hike zu machen. Moment, das ist jetzt falsch ausgedrückt und lässt die Sache viel einfacher erscheinen, als sie tatsächlich war. Noch ein Versuch: An unserem letzten Tag in Franz Josef ergab sich _endlich_ die Möglichkeit für einen Heli-Hike.
Ein Heli-Hike ist eine Wanderung auf dem Gletscher, zu dem man mit einem Hubschrauber geflogen wird. Es gibt mehrere Unternehmen in Franz Josef, die diesen Service anbieten, und sie unterscheiden sich nur geringfügig voneinander. Auch der Preis ist mehr oder weniger der gleiche, so dass man nicht lange überlegen muss, mit wem man fliegt. Allerdings ist der Preis mit über 400 NZ$ (ungefähr 266€) doch recht happig, weshalb ich lange mit mir haderte, ob ich das überhaupt machen soll. Als ich mich endlich dazu durchrang, begann eine Odyssee des Bangens.
Das Unternehmen, für das wir uns entschieden, zeichnete sich durch seine Einwohnerfreundlichkeit aus. Unsere Mitarbeiterinnen im Motel hatten uns erzählt, dass man bei einer bestimmten Gesellschaft einen Rundflug mit dem Helikopter um die Gletscher für einen Kasten Bier bekommt, wenn man längere Zeit in Franz Josef arbeitet. Also warteten wir eines Tages mit unserer Anfrage auf, um dort zu erfahren, dass wir auch einen Heli-Hike zum selben Preis bekommen könnten – vorausgesetzt, es war noch Platz in einem Hubschrauber. Natürlich war ich sofort Feuer und Flamme für diesen Vorschlag. Es war ein Angebot, das ich niemals abgeschlagen hätte, da es eines meiner erklärten Ziele hier in Neuseeland war. Allerdings war das Wetter in letzter Zeit nicht sonderlich hubschrauberfreundlich, wodurch der Regen und tief hängende Wolken mir viele Male ein Strich durch die Rechnung machten. Wie sagte Marty so treffend: „Es gibt keinen Regenwald ohne Regen.“ Das sehe ich durchaus ein, dennoch hätte der Niederschlag in so heftiger Form noch einige Zeit auf sich warten lassen können. Wenn ich frei hatte, war das Wetter nicht für fliegende Maschinen geeignet; wenn ich arbeitete, erfreuten sich die Besucher es Motels verschiedener Rundflüge (inkl. Heli-Hikes). Es war zum Verzweifeln. Selbst an einem strahlend blauen Spätsommertag sagte die Fluggesellschaft alle Flüge ab, weil der Wind in den höheren Regionen den Piloten zu schaffen machte. Aber Gletscherwanderungen fanden nur dann statt, wenn sowohl Piloten als auch Gletscherguides glücklich waren. Hinzu kam, dass die Sonnenstunden immer weniger wurden und man die Anzahl der Heli-Hikes von drei auf zwei reduzierte.
Drei Wochen lang stand ich fast jeden Tag auf der Matte und fragte das Personal nach einer Möglichkeit der Gletscherbesteigung. Wenn ich selbst schon die Wahrscheinlichkeit eines Flugs auf null schätzte, machte ich mir nicht einmal die Mühe dort vorbei zu gehen. Am Ende kannte ich jeden Mitarbeiter – und sie erkannten mich. Zwei Tage bevor wir fuhren, wurden wieder alle Flüge gestrichen, doch ich gab noch nicht auf. Wir buchten den frühen Flug am darauffolgenden Tag. An diesem Morgen begrüßte mich Vogelgezwitscher; der Himmel war hell und versprach viel Sonnenschein; es wehte eine sanfte Brise; die Mitarbeiter bestätigten mir, dass es das perfekte Wetter für einen Heli-Hike war. Es konnte losgehen! Meine Aufregung wuchs und wuchs, mit jeder Minute, die verging, konnte ich es weniger erwarten. Es gab noch so viel, das schiefgehen konnte. Aber dann waren wir am Checkin, dann führten sie uns in die Umkleiden, es ging voran.
In der Umkleide bekamen wir große, dicke Stiefel, dazu flauschige, dicke Socken. Wir konnten uns bedienen, wenn es um Fäustlinge sowie wasserdichte Hosen und Jacken ging. Außerdem gab es zu jedem Stiefelpaar eine Umhängetasche, in der Steigeisen waren, die wir später auf dem Eis anziehen würden. Außerdem konnten wir darin unsere Snacks, Kameras und Getränke verstauen. Rucksäcke waren schließlich nicht erlaubt.
Als nächstes versammelten wir uns vor einem Schild mit Sicherheitshinweisen und wurden in Gruppen eingeteilt. Dann führte Bruce (der Inhaber der Fluggesellschaft, der uns beide wiedererkannte und uns mitteilte, dass es gut war, dass wir gebucht hatten, weil wir sonst keine Plätze bekommen hätten) uns zum Hubschrauberlandeplatz, wo wir brav auf unseren Flug warten mussten. Da wir beide der Gruppe drei angehörten, dauerte es ein bisschen, bis wir in diese Maschine stiegen.
Aber dann landete endlich ein Hubschrauber mit unseren Namen drauf – im übertragenen Sinn natürlich, denn sie pinselten die Fluggeräte nicht jedes Mal aufs Neue an. Dies war auch mein erster Hubschrauberflug also war ich ganz aufgeregt. Ich merkte sofort, dass Helikopter in ihren Dimensionen äußerst eingeschränkt sind und dem Piloten der meiste Platz eingeräumt wird. Die sechs Passagiere hingegen sitzen wie Sardinen in dieser mobilen Blechbüchse, die einen ohrenbetäubenden Lärm verursacht. Bruce hatte, wie alle anderen Mitarbeiter, die diesem Spektakel täglich ausgesetzt waren, dicke Kopfhörer, als er uns zu den Türen der Maschine begleitete. Wir mussten uns mit Händen behelfen oder das Knattern ertragen. Kaum saßen wir auf unseren Plätzen, mussten wir uns ordentlich anschnallen und die bereitgestellten Kopfhörer anziehen. Auf diese Art war dem Lärm zumindest ein Dämpfer versetzt. Der Flug und insbesondere die Landung waren sehr sanft, auch wenn man in jeder Kurve die Fliehkräfte deutlich merkte. Es ruckelte allerdings wesentlich weniger als in einem Flugzeuge. Außerdem war es beachtlich zu sehen, welche Windgeschwindigkeiten von dem oberen Rotor erzeugt wurden. Beim Einsteigen nach der Wanderung stand einer der Guides zu nah am Hubschrauber, so dass er vom Wind rückwärts übers Eis geschoben wurde.
Die Aussicht, selbst bei mittigem Sitzplatz in der hinteren Reihe, war spektakulär. Ja, dieses Mal ist dieser Superlativ angebracht. Die Berge, der Gletscher, Franz Josef, der Fluss.

Der Weg zum Gletscher von oben


Der Gletscher aus der Luft betrachtet

Franz Josef aus der Luft

Es war einfach nur genial, das Dörfchen, in dem wir zwei Monate gehaust hatten, von oben zu sehen. Auf dem Rückflug konnte man sogar das Meer in der Ferne erblicken, und er da erkannten wir, wie nah wir doch dran waren. Trotzdem hätte es einen ganzen Tag gekostet, zu Fuß dorthin zu gelangen.
Als wir ausstiegen, setzten unsere Füße direkt auf dem Eis auf. Vorsicht war geboten, denn mit jedem Schritt hätte man rutschen und stürzen können, da wir noch keine Steigeisen angezogen hatten. Wir warteten noch auf den zweiten Teil unserer Gruppe, bevor wir diese Aufgabe auf uns nahmen.

Auf dem Gletscher

Unsere Gletscherführerin hieß Kate, kam aus dem französischen Teil Kanadas und war explizit für diesen Job nach Neuseeland gezogen. Sie war sehr freundlich, für alle Eventualitäten gerüstet und redselig, so dass sie uns die eine oder andere Geschichte über den Gletscher und die Berge erzählte, aber auch Fragen beantwortete, die ihr schon oft gestellt worden waren. Nachdem sie uns erklärt hatte, wie wir die Steigeisen korrekt anziehen und gebrauchen (fest auftreten, Füße recht weit auseinander), ging es auch los. Es krachte und knirschte unter unseren Füßen, als wir die ersten Schritte den sanften Hang hinauf machten.
Nach einiger Zeit auf einer recht flachen Eisebene näherten wir uns den hoch aufragenden, zerklüfteten Eisskulpturen, die wir schon aus dem Hubschrauber gesehen hatten – und wir gingen hindurch.
Meterhoch türmten sich die Eismassen um uns herum auf, gewaltige Schluchten zogen sich durch diese wüste Landschaft, Eis in verschiedenen Farben und Formen umgab uns von allen Seiten, abstrakte Formationen standen inmitten einer absonderlichen Landschaft.
Gletscherlandschaft
Unscheinbare Spalten im gefrorenen Element konnten, bei genauerer Betrachtung, einen ganzen Menschen fassen. Manchmal hörte sich das Eis unter unseren Füßen hohl an und man konnte davon ausgehen, dass es das auch war. Irgendwo unter der Oberfläche lauerte eine Luftblase; vielleicht war sie klein, vielleicht war es eine große Höhle. Je nachdem, wie der Untergrund beschaffen war, knirschte er auf verschiedene Weisen. Man hörte deutlich, ob man auf festem Eis, abgeschlagenen Eissplittern oder nur einer dünnen Schicht stand. Dann gab es noch die zahlreichen Bächlein und Flüsse, die sich unter den Eismassen durchschlängelten, immer wieder an verschiedenen Stellen durchbrachen, um in der nächsten Spalte zu verschwinden. Sie speisten den Fluss, der durch das Gletschertal verlief. Pfützen lagen mal offen dar, mal waren sie von einer dünnen Eisschicht bedeckt. Die ständige Bewegung des Gletschers hatte Höhlen und Falten im Eis geformt; einige konnte man begehen, andere sollte man auf jeden Fall meiden. In einer dieser sicheren Höhlen hatte man ein Seil angebracht, so dass wir daran hochklettern durften. Gefahren lauerten hinter jeder Biegung, bei jedem Schritt, doch unsere erfahrene Reisebegleitung führte uns zielsicher und sicher durch diese exotische Landschaft. Diese abenteuerliche Welt war es wirklich wert, persönlich erkundet zu werden. Ich war dermaßen begeistert. Leider hatte auch dieses Erlebnis ein Ende, das mit jedem Schritt näher kam. Franziska sagte sogar, dass sie auf eben dieses Grinsen in meinem Gesicht (sehr lange) gewartet hatte.

Während wir auf unseren Abtransport warteten, hörten wir gerne einige Geschichtchen der alteingesessenen Eisführer. Der Guide erzählte uns, wie lächerlich es war, dass in Filmen Leute aus fliegenden Helikoptern sprangen. Der Pilot könnte niemals so schnell das entstandene Ungleichgewicht ausbalancieren, so dass das Fluggerät außer Kontrolle geraten würde und erst einmal eine Rolle seitwärts vollführte. Bei Militärhubschraubern mit kontrolliertem Abwurf sähe es wiederum ganz anders aus. Trotzdem war es lustig, das mal aus einer realistischen Perspektive zu betrachten.

Eine letzte lustige Begebenheit gab es, als wir unser Busticket nach Greymouth buchten. Zwar tingelte unser Gastgeber immer wieder mal in die „Metropole an der Westküste“, hatte aber gerade an diesem Tag keine Möglichkeit hinzufahren. So blieb uns nichts anders übrig, als wieder mit dem Intercity zu fahren. Wir hatten noch einige Zeit auf unserem Ticket gut, die wir selbstverständlich nutzen wollten, aber sie brachte uns nicht so weit, wie wir kommen mussten. Also gingen wir zum Intercity-Schalter, der im YHA-Hostel war, und versuchten das ganze über diese Zweigstelle zu buchen. Leichter gesagt, als getan, denn die Leute dort konnten auch nur einige Klicks auf der Website machen. Immerhin hatten sie eine Telefon sowie eine Nummer und stellten uns beides zur Verfügung. Kaum hatte ich einige Worte mit dem Kerl am anderen Ende der Leitung gewechselt, sprach er mich auf einmal in fließendem Deutsch an. Meine Verwirrung währte nicht halb so lang wie die der Umstehenden Leute: Franziska und die Dame am Schalter schienen sich mit Blicken zu frage, ob ich den Verstand verloren hätte. Erst nachdem alles geklärt war, wir unsere Fahrkarten gebucht hatten und das Flexipass-Konto leer war, klärte ich die Situation auf. Der Anblick war Gold wert.

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