Dienstag, 24. Februar 2015
Taupo – Februar 2015
Mal ehrlich: Hat es alle Deutschen nach Neuseeland verschlagen? Egal, wohin man geht, überall reden die Leute Deutsch. Im Bus, auf der Straße, auf einem Wanderpfad in der Wildnis, in der Eisdiele. Da war das Franzosenhostel eine einsame Burg im Niemandsland. Mittlerweile kommt es mir so vor, dass ich selbst ohne Englischkenntnisse sehr weit gekommen wäre.

Da wir auf unserer Reise endlich mal ein bisschen Geld einsparen wollten, beschlossen wir unsere Kosten niedrig zu halten, indem wir für unsere Unterkunft und das Essen arbeiten. Dabei half uns die Seite http://helpx.net besonders. (Eine weitere hilfreiche Seite, die wir von einigen Deutschen im Rock Solid Backpackers bekommen hatten.) HelpX steht natürlich für Help Exchange. Hier kann man Dienstleistungen austauschen, die meistens so aussehen, dass einige Backpacker bei einem Neuseeländer unterkommen, um für ihn einige unliebsame Arbeiten zu verrichten, woraufhin sie wiederum für lau wohnen und essen dürfen. Klingt nach Sklavenarbeit, ist es auch. Nichtsdestotrotz ist es eine hervorragende Möglichkeit, die tatsächlichen Ausgaben gering zu halten, da die größten Kostenpunkte damit abgedeckt werden. Wer noch Souvenirs, Kleidung oder Extras möchte, muss sie sich selbst besorgen; wer das nicht braucht, kann damit sehr weit kommen.
Darüber hinaus ist es die ideale Gelegenheit, mal die Einheimischen kennenzulernen und tatsächlich mal Englisch zu sprechen. Auch wenn viele Leute, die Hilfe suchen, aus verschiedenen Teilen der Welt kommen.

Für unsere erste Helpx-Erfahrung hatten wir eine ältere Dame ausfindig gemacht, die einige Arbeiten im Garten erledigt haben wollte. Sie wohnte in Taupo und brauchte Leute für nur wenige Tage; wir wollten nur wenige Tage in Taupo bleiben, also war der Deal perfekt.
Lake Taupo

Wir kamen am Samstagmittag an. Da Jacqui allerdings noch an ihrem Markstand war, konnte sie sich nicht direkt um uns kümmern. Sie war allerdings so freundlich uns anzubieten unser Gepäck bei ihr zu lassen, während wir uns den Wochenmarkt und die Umgebung ansahen. Nachdem wir uns unserer großen Rucksäcke also entledigt hatten, drehten wir eine Runde über den wirklich kleinen Markt. Es gab verschiedene Stände, einige mit Lebensmitteln, andere mit handwerklichen Produkten. Der Markt lag auf einer Grünfläche nahe an einem der Flüsse, die aus dem großen See in Taupo fließen. Als wir uns dem Wasser näherten, konnte ich nicht glauben, wie klar und blau das Wasser war. Ich hatte den Eindruck durch einen Saphir hindurch das Flussbett zu sehen.
Waikato River Taupo

Nachdem der Markt zu Ende gegangen war, halfen wir Jacqui beim Abbau. Jacqui verkaufte ein Balsam aus der Kawakawa-Pflanze. Diese scheint seit Langem von den Maori eingesetzt worden zu sein, um allerlei Arten von Beschwerden zu heilen. Ein kleines Wundermittelchen. Daneben fanden sich noch Pülverchen und andere Balsame. Außerdem erblickten wir einige kleine Andeutungen einer esoterisch inspirierten Persönlichkeit. Für so einen kleinen Stand, hatte Jacqui ziemlich viel Equipment dabei. Neben Tisch und Stuhl gab es noch einen Sonnenschirm, einige Kästen mit ihren Gütern, Werbekartons und Steine zum Beschweren des Schirms. Als wir das alles in ihr Auto gepackt hatten, blieb nicht mehr genug Platz für uns und unser Gepäck, so dass sie sich anbot, erst die Sachen, inklusive unserer schweren Taschen, nach Hause zu fahren und uns dann wieder abzuholen, wenn der Kofferraum wieder leer wäre. In der Zwischenzeit sollten wir uns die Stadt ansehen. So war es vereinbart, also haben wir es auch gemacht. Also ließ sie uns zweieinhalb Stunden, um die schöne Stadt Taupo zu erkunden. Wir nahmen einfach unsere kleinen Rucksäcke und zogen in Richtung See, weil dies immer ein guter Anfang ist. Unterwegs schnappten wir uns noch einen kostenlosen Stadtplan, erkannten das Gittermuster der Straßen und stellten fest, dass es sehr gut war, nur wenige Tage für Taupo einzuplanen.

Diese Stadt ist winzig. Das Zentrum kann man in einer Stunde durchlaufen, ohne etwas zu verpassen, selbst wenn man sehr langsam geht. Ein Spaziergang um den See hingegen ist eine ganz andere Sache. Immerhin handelt es sich um den größten See Neuseelands, der eine Küstenlänge von 193 km besitzt. An dieses Abenteuer haben wir uns nicht gewagt, da unsere Pläne ein bisschen anders aussahen. Stattdessen schlenderten wir an der Uferpromenade entlang, gingen die Haupteinkaufsstraße runter und spazierten zum Museum sowie Park am Busbahnhof. Damit hatten wir genug Zeit totgeschlagen, um auf unsere Gastgeberin zu warten.

Als Jacqui am vereinbarten Treffpunkt ankam, setzte sie uns darüber in Kenntnis, dass wir noch einkaufen fahren müssten, weil sie nichts für uns im Haus hätte. Zudem informierte sie uns darüber, dass sie im Moment krankheitsbedingt auf einer Diät sei und wir deshalb – glücklicherweise – nicht das gleiche wie sie essen müssten. Stattdessen wollte sie uns alles kaufen, was wir gerne kochen würden, aber sie bat darum, dass wir uns die Speisen selbst zubereiteten. Was hätten wir dem entgegensetzen wollen? Wir waren zufrieden und willigten selbstverständlich ein. Also fuhren wir in einen Supermarkt und kauften, was wir so gerne hätten. Die Fahrt mit Jacquis Auto erwies sich als interessant. Wegen ihres Marktstandes hatte sie die Sitze der Rückbank runter geklappt. Das war für viel Gepäck ganz hilfreich, für zwei Beifahrer allerdings nicht. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich an das Gitter, das Vorder- und Rückbank trennte, zu krallen und zu hoffen, dass alles gut gehen würde – sowohl was Unfälle betraf als auch Polizeikontrollen. Im Supermarkt angekommen kauften wir nicht viel, auch nichts besonders Teures, doch für uns gerade genug. Bei dieser Gelegenheit bekamen wir eine weitere Kostprobe von Jacquis Eigenheiten: Sie bediente sich eines Pendels, um zu entscheiden, ob sie etwas kaufen sollte oder nicht. Es sollte nicht das einzige Erlebnis dieser Art bleiben.

Bei ihr zu Hause angekommen, zeigte sie uns unser Zimmer, das zwar klein, aber ausreichend eingerichtet war. Besonders das große Bett sprach unsere Sprache, da der Tag doch seinen Tribut zu fordern begann. Wir kochten noch etwas Leckeres, bevor wir auch diesen Tag in Ruhe zu Ende kommen ließen. Bei dieser Gelegenheit stellten wir ersten Kontakt mit dem neuseeländischen Fernsehen her.

Franziska fing an, sich für die Serie Neighbours zu begeistern. (Besonders lustig wurde es, als wir irgendwann anfingen die Dialoge umzuschreiben und für die Figuren zu sprechen.) Erstaunlich waren aber andere Eigenheiten: Es gibt viel mehr Werbung als in Deutschland. Innerhalb von dreißig Minuten Sendezeit gab es vier Werbeunterbrechungen. Darüber hinaus sind die Nachrichten äußerst gewalttätig. Während man in Deutschland über bestimmte Ereignisse berichtet, werden sie hier plakativ gezeigt. Da werden Spurensicherungteams bei ihrer Arbeit nach einem Mord gezeigt, wie die Reporter in der Ukraine beschossen werden und weglaufen müssen, oder wie Geiseln zu ihrer Hinrichtung geführt werden. Wer soll sich da noch wundern, dass Menschen abstumpfen? Es war wirklich nicht schön mit anzusehen. Wir, total unvorbereitet, starrten schockiert auf den Bildschirm. Unsere Gastgeberin aber hörte kaum noch hin, sondern wartete nur auf die Wettervorhersage.

Am nächsten Morgen wurden uns dann unsere Aufgaben erklärt. Jacqui wollte ihren Rasen in weitere Eckchen des Gartens lassen, weil es ihr mit der Pflege, insbesondere dem Unkrautrupfen, zu viel wurde. Wir sollten einen Pfad mit Steinen auslegen, die Dellen im Boden begradigen, einige Pflanzen umpflanzen, Gras säen und wofür wir sonst noch Zeit hätten. Das Wichtigste war den Rasen flott zu bekommen.
Franziska sah sich das an und meinte: „Ist in drei Tagen zu schaffen.“ Es war wirklich nicht die Welt, und obwohl wir uns Zeit ließen, waren wir am zweiten Tag praktisch schon durch. Unsere Arbeitszeit beschränkte sich auf vier Stunden pro Tag. Allerdings hatte Jacqui die Angewohnheit, einfache Dinge kompliziert zu machen. So war es nicht genug, dass wir die Erde umgruben, nein, wir mussten sie auch durchsieben, um alte Wurzeln zu entfernen und „das Schlechte“ aus dem Bodenreich zu holen, damit mehr Platz für „das Gute“ blieb. Letztlich bestand sie darauf, dass wir mit einem Bindfaden prüfen sollten, ob die Erde für den Rasen gerade war, und wir die Grassamen mit Erde bedeckten. Leider war sie auch nicht im Besitz einer Schubkarre, die für viele Arbeiten äußerst hilfreich und nützlich gewesen wäre.

Ein solches Beispiel sinnvoller Anwendung für diese Gerätschaft war das Tragen einige Flusssteine vom vorderen in den hinteren Teil des Gartens. Doch in Ermangelung sinnvoller Werkzeuge und Hilfsmittel waren wir auf unsere Muskelkraft angewiesen. Jacqui wäre aber nicht sie selbst, wenn sie nicht auch das komplizierter gestalten könnte. Ihr gefiel der Dreck, der unter den Steinen lag, nicht, also wollte sie, dass jeder Stein abgeklopft wurde, bevor man ihn wegtrug. Sie ging sogar so weit, den Boden unter den Steinen zu fegen, nachdem sie gesehen hatte, dass sich einiger Staub zwischen ihnen angesammelt hatte. Hier möchte ich anmerken, dass der hintere Teil des Gartens mit einer Plastikfolie ausgelegt war, auf die noch Erde kommen sollte. Aber das war nicht mehr Teil unserer Aufgabe. Dass das Unkraut es irgendwie durch zwei Lagen Plastikfolie im Vordergarten geschafft hatte, spielte für sie anscheinend keine Rolle.

Auch ihre Heilmethoden waren mit zweifelhaftem Halbwissen belastet, so dass sie mit ihren Problemen nicht zum Arzt ging, sondern lieber einen Heiler von dubiosem Ruf aufsuchte, der ihre Vermutungen nur bestätigte und ihr irgendwelche Pillen verschrieb, mit denen es besser werden sollte. Da es nicht mein Problem war, wollte ich mich nicht einmischen. Sie versuchte auch uns davon zu überzeugen, dass Gluten für gesunde Menschen schädlich ist, ohne irgendwelche nachvollziehbaren Argumente anzubringen. Es ist schlecht für vollkommen gesunde Menschen. Punkt. An dieser Stelle entschieden wir uns dafür, diese Diskussion nicht weiter zu vertiefen. Allerdings steht Jacqui mit ihrer Meinung in Neuseeland nicht alleine da. Es gibt viele Leute, die Gluten für einen Schadstoff mit ähnlich fatalen Langzeitwirkungen wie Blei halten, und Supermärkte passen sich diesem Trend natürlich an, indem sie ein immer größeres Angebot an glutenfreien Produkten anbieten. Auch die Fernsehwerbung richtet sich darauf aus.
Jacqui hatte auch andere Überzeugungen, über die ich mit ihr nicht diskutieren wollte, weil ich wiederum davon überzeugt war, kein Gespräch auf einer rationalen Basis aufbauen zu können.

Die größte Sehenswürdigkeit, die wir uns in Taupo ansehen wollten, waren die Huka Falls. (Es wird genau so wie das englische Wort hooker ausgesprochen.) Dies ist ein kleiner Wasserfall, der gerade einmal elf Meter hoch ist und deren Wassermassen aus dem Lake Taupo gespeist werden. Es stellte sich heraus, dass wir auf diese doch etwas längere Wanderung nur halbherzig vorbereitet hatten, wenn es um den moralischen oder motivatorischen Aspekt geht. Auf halber Strecke hatte Franziska keine Lust mehr, was nicht zuletzt daran lag, dass wir den Tag über körperlich hart geschuftet hatten und der mehr als einstündige Spaziergang in eine Richtung uns doch einiges abverlangte. Nichtsdestotrotz kamen wir zu dem Entschluss, den Weg bis zum Ende zu gehen. Immerhin garantierte uns niemand, dass der nächste Tag weniger harte Arbeit mit sich bringen würde oder wir uns in irgendeiner Weise fitter fühlen würden. Also stapften wir munter weiter, aßen unsere leckere Wassermelone und kamen schließlich erschöpft an diesem Naturschauspiel an. Meiner Meinung nach war es das wert. Schon von weitem hörte man das Rauschen, als die Wassermassen durch immer engere Steinkorridore gedrängt wurden, um sich schließlich in einem breiten Becken zu ergießen. Als wir schließlich angekommen waren, genossen wir die Aussicht für einige Minuten, machten Fotos und zogen wieder von dannen. Schließlich hatte der Park, in dem der Wasserfall lag, auch seine Öffnungszeiten und wir mussten noch ein ordentliches Stück Wegstrecke hinter uns bringen, um wieder zum Ausgang zu kommen.
Huka Falls

An unserem letzten Nachmittag in Taupo begaben wir uns nach getaner Arbeit in die Stadt, um ein Eis zu essen. Es stellte sich heraus, dass die Besitzer der kleinen Eisdiele aus Österreich und Deutschland stammen und in Neuseeland Eis nach italienischem Rezept machten. Das Eis war vorzüglich, die Unterhaltung mit der Verkäuferin amüsant, zumal sich noch weitere Kunden zu uns gesellten, die ebenfalls der deutschen Sprache mächtig waren.
Nach einem sehr kurzen Rundgang durch die Innenstadt beschlossen wir, unser Eis am See zu essen. Die Aussicht war auch viel schöner als die geradlinigen Straßen des Zentrums. Außerdem war es für uns Ausländer schwierig, einen Unterschied zwischen den Innenstädten von Rotorua und Taupo zu sehen. Beide sind gitterförmig aufgebaut, beide haben die gleichen Geschäfte, beide liegen direkt am See. Wir entschlossen uns also einen Spaziergang zum botanischen Garten zu machen, um ein bisschen mehr als Quadrate zu betrachten. Der Garten war eine gute halbe Stunde zu Fuß entfernt, doch wir genossen das Wetter sowie die Aussicht. Als wird dort angelangt waren, wurden wird doch arg enttäuscht. Dieser botanische Garten hatte nicht die erwarteten Beschriftungen vieler verschiedener Pflanzenarten, sondern war einfach nur eine Ansammlung von Grünpflanzen, die sich um eine Straße wanden. Denn durch das abgegrenzte Gelände führte rundum eine Straße, so dass man sich als Besucher alles ansehen konnte, ohne aus dem Auto auszusteigen. Nach wenigen Minuten zogen wir wieder in Richtung Haus, um uns mit dem Abendessen zu beschäftigen.

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Rotorua – Februar 2015
Dann war es an der Zeit unseren französischen Vermieter seinen französischen Mietern zu überlassen und erneut aufzubrechen, um die Weiten dieses Landes zu ergründen. Wir hatten noch sehr viel vor und nicht so sehr viel Zeit. Es gibt verschiedene Mittel und Wege um hier von A nach B zu gelangen und sie unterscheiden sich nur unwesentlich vom Verkehr in Deutschland. Ein eigenes Auto wollten wir uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht anschaffen – wer weiß, was die Zukunft bringt? Die Zugverbindungen sind nur sehr sporadisch gesät, Flughäfen gibt es viele, für kurze Strecken sind sie aber lästig, weil die Flughäfen oftmals außerhalb der Stadt liegen und man länger unterwegs ist als mit einem Reisebus. Der Reisebus war unsere Wahl, nicht zuletzt, weil es den Flexipass von InterCity gibt. Damit kostet die Überfahrt mit der Fähre von Wellington nach Picton ungefähr die Hälfte. Zwischendurch kann man sich noch andere Teile des Landes ansehen. Anstatt jede Fahrt einzeln zu buchen, kauft man eine gewisse Anzahl von Stunden, die man mit verschiedenen Verkehrsmitteln abfahren kann.

Unser nächstes Ziel auf unserem weiten Weg nach Süden war Rotorua. Dieses Städtchen – nach Auckland ist jede Siedlung Neuseelands klein – liegt sehr zentral auf der Nordinsel und ist nur vier Stunden mit dem Reisebus von Auckland entfernt. Nur ist eine absurde Formulierung. Ich weiß gar nicht, wie viele Kilometer wir bereits zurücklegten, seitdem wir neuseeländischen Boden betraten.

Bahnhof Rotorua

Man sollte auf jeden Fall mindestens eine Fahrt mit dem Reisebus in Neuseeland machen; es ist ein unvergesslicher und lustiger Ausflug. Nicht nur, dass der Busfahrer sehr freundlich war – wie alle Neuseeländer, mit denen ich bisher zu tun hatte –, er unterhielt sein Publikum während der Fahrt auch noch mit kleinen Anekdoten und erzählte etwas zu den Landschaften. Außerdem hatte er immer ein offenes Ohr für Fragen und Wünsche. Allerdings ist die Ausstattung der Busse nicht gerade das, was ich erwartet hätte, als ich die Beschreibung las: „Moderne Busse. Wir verfügen über eine Flotte moderner, emissionsarmer Fahrzeuge, die speziell auf neuseeländische Bedingungen zugeschnitten sind.“ Zwar gibt es auf den meisten Linien freies W-Lan, man macht genug Pausen zwischendurch und kann jede Menge Gepäck mitführen, aber das war auch schon alles. Es gibt keine Sicherheitsgurte, außer in der ersten Reihe, die Klimaanlage wird nicht immer eingeschaltet und stellenweise sind die Griffe am Vordersitz abgerissen. Ebenso wenig hat man mehr Beinfreiheit als in Deutschland. Dafür ist die Fahrweise der Busfahrer umso zackiger. Wenn 100km/h erlaubt sind, fährt man sie auch, egal wie hügelig oder kurvenreich die Straße ist. Daran erkennt man, wo Neuseeländer ihre Prioritäten setzen. Dies soll allerdings keine Klage sein, denn wir sind sicher und pünktlich angekommen.

Rotorua ist ein Kurort, der dank seiner schwefelhaltigen heißen Quellen und thermalen Bäder über die Grenzen Neuseelands hinaus bekannt ist. So das Prospekt. Die Stadt ist bis ins letzte Detail konstruiert und streng unterteilt. Da gibt es das Viertel mit den Supermärkten, die fußgängerfreundliche Innenstadt mit den Geschäften (an jeder Ecke prangern mehrere Souvenirläden) und abschließend, ganz nah beim See idyllisch gelegen, das Restaurantviertel. Im Zentrum sind alle Straßen gitterförmig angelegt, so dass man sich manchmal wie auf einem Schachbrett vorkommt. Es gibt unzählige Hotels, Motels und Hostels, um Reisende jeglicher Art und Finanzstärke bedienen zu können. Darüber hinaus sind Touristenattraktionen für jedes denkbare Klientel nicht fern. Einige Reiseunternehmer holen einen sogar vor der Tür des Hotels ab, bevor es dann zu einer Sehenswürdigkeit nicht weit weg von hier geht.

Im Hostel Rock Solid Backpackers (grenzenlose Empfehlung dafür, es ist phantastisch) lernten wir andere Deutsche kennen, die uns Tipps mit auf den Weg gaben. Es ist schwierig, sich daran zu gewöhnen, dass man in Neuseeland ist, wenn alle um einen herum nur Deutsch sprechen. Aber ich möchte noch einige Worte zur Herberge los werden: Sie ist einfach nur genial. Man bekommt unbegrenztes und freies W-Lan, das Personal ist äußerst freundlich – sogar das Housekeeping-Team –, man hat einige Freizeitaktivitäten in der Lounge stehen (Billard, Tischtennis, etc.), in einer geräumigen Küche können mehrere Leute auf einmal kochen, ohne sich im Weg zu stehen, die Zimmer sind relativ klein (das größte war mit acht Betten bestückt) und es ist alles sehr sauber und gepflegt. In Rotorua ist das Hostel die erste Wahl.

Unser Aufenthalt in Rotorua war davon geprägt, dass wir viel unterwegs waren. Wir erledigten den Bürokram, reisten zu Sehenswürdigkeiten und liefen uns die Füße wund. Dies alles in einer Stadt, die man an einem Tag von Nord nach Süd und von Ost nach West durchqueren könnte. Spätestens am zweiten Tag war kein Stadtplan mehr notwendig, denn man findet alles wieder.

Die Bürokratie in Neuseeland scheint auf das Nötigste beschränkt zu sein: Um eine IRD-Nummer zu bekommen, muss man ein Formular ausfüllen und einige Dokumente kopieren. Während die nette Dame bei der Post prüfte, ob alles vorhanden war, unterhielt sie sich mit uns über das Wetter, unseren Aufenthalt, unser Herkunftsland und weitere unverfängliche Themen. Alle Leute waren immer sehr freundlich, überschlugen sich mit Superlativen und lächelten bis über beide Ohren. Natürlich entschuldigten sie sich für Kleinigkeiten, die in Deutschland niemand beachtet hätte: dass ein Kunde länger als dreißig Sekunden warten musste, um bedient zu werden, beispielsweise.
Trotzdem bekamen wir die Unterlagen nicht sofort; dafür ist eine Behörde irgendwo im Nirgendwo zuständig. Diese ominösen Gebilde, die irgendwo im Hintergrund arbeiten und immer dann auftauchen, wenn man nicht mit ihnen rechnet.
Ähnlich verlief unser Termin in der Bank. Da die neuseeländischen Bankangestellten grundsätzlich und immer „äußerst beschäftigt“ sind und „sehr viel“ zu tun haben, kamen wir um einen persönlichen Termin bei Jo nicht herum. Es ging dennoch sehr schnell, da wir schon am nächsten Tag um 14 Uhr bei ihr aufschlagen durften. Wir hatten uns für die ANZ Bank entschieden, da sie keinen Mindestaufenthalt von zwölf Monaten verlangte und eher mit den Konditionen rausrückte als anderer Vertreter ihrer Gattung. Jos Nervosität hinderte sie nicht daran, unsere Fragen zu beantworten, ein bisschen Small Talk mit uns zu betreiben und die ganze Angelegenheit – für zwei Leute wohlgemerkt – innerhalb von 45 Minuten über die Bühne zu bringen. Zwar hatten wir hier sofortigen Zugriff auf unser Bankkonto, konnten aber nicht sofort Geld abheben, da uns die Karte zugeschickt werden würde. Durch zahlreiche Backpacker ständig wechselnde Adressen gewohnt, war es weder für Post noch für Bank ein Problem, dass wir nächste Woche schon nicht mehr in Rotorua sein wollten. Wir sollten dem Hostel unsere nächste Adresse hinterlassen und im schlimmsten Fall wäre es möglich unsere Bankkarten in einer anderen Filiale abzuholen. Erstaunlich ist ebenfalls die legere Kleidung der Bankangestellten. Wo in Deutschland strenge Frisuren und Anzüge das Bild beherrschen, tragen Neuseeländer T-Shirts mit dem Banklogo drauf. Genauso gut hätte ich bei Aral am Tresen stehen können.

SIM-Karten zu bekommen, war noch einfacher: Wir fragten unseren Gastgeber im Aucklander Hostel. Die Karte gab es um sonst, den Tarif mussten wir uns kaufen, was nun wirklich keine Herausforderung war. Eine freundliche Bandansage lotste uns durch alle möglichen Menüpunkte, bis wir das erreicht hatten, was wir wollten.

Nach einer Woche Neuseeland sagte Franzi: „Das ganze Land ist ein riesiger Fun-Park.“ Dies ist nicht übertrieben. In jeder Stadt, jedem Ort und Dorf wird eine Reihe von Attraktionen angeboten, die mit Bewunderung der Natur, Adrenalin oder Spa zu tun haben. Ob Skydiving, White Water Rafting, Base Jumping, Extreme-Mountain Biking oder sonst etwas anderes, das auf –ing endet: Überall findet man dieses einmalige Erlebnis, das man sich nicht entgehen lassen darf. Für kulturell interessierte hat jede Stadt ein eigenes Museum, es gibt Skulpturen auf der Straße und Galerien an verschiedenen Ecken. Selbstverständlich wird es nur hier, nur in diesem Ort und bei diesem Unternehmer, zu einem Spottpreis angeboten. Wer’s glaubt! Rabatte für diverse Events bekommt man direkt bei der Ankunft am Flughafen, wo ein Heft mit dem Titel „Arrival“ die wichtigsten Informationen und Rabattgutscheine für den neugierigen Touristen zusammenfasst. Sollte man dieses Heftchen verpassen, stellt es noch lange kein Hindernis dar. Spätestens wenn man an der Rezeption des Hostels fragt, findet sich ein Gutschein für den jeweiligen Zweck.
Die richtigen Angebote gibt es allerdings bei www.bookme.co.nz. Dies ist eine Internetseite, die tatsächliche Sonderangebote ab 1 NZD bietet. Ob es nun Touren auf dem Land, Wasser oder in der Luft sind, man findet dort so ziemlich alles, was das Abenteurerherz begehrt – wenn man Glück hat. Es versteht sich von selbst, dass diese Angebote nur in begrenzter Anzahl auf den Markt geworfen werden und man zur richtigen Zeit buchen muss, um so ein Schnäppchen zu ergattern. Es ist jedenfalls einen Blick wert.

Straßen- und Ortsnamen in Neuseeland bestehen aus einer kuriosen Mischung aus Englisch und Maori. Da grenzt gerne mal die Victoria Street an die Amohia Street und die Union Street ist nicht weit der Te Ngae Road. Ob es nun an der englischen Aussprache, der englischen Orthographie oder der Maori-Sprache liegt, die Schreibweise der Straßennamen verrät nicht immer, wie sie tatsächlich ausgesprochen werden. In dem Ortsnamen Rotorua, beispielsweise, verschluckt man gerne das zweite O, so dass man eher nach Rotrua fährt. Umgekehrt gibt es verschiedene Aussprachemöglichkeiten für die Stadt Taupo. Während die einen es auf deutsche Art aussprechen würden, bestehen andere darauf, dass es aus ausgesprochen werden sollte, wie die englischen Wörter toe und paw. Bezeichnenderweise sind es die Briten, die letzteres wollen und langsam durchzusetzen versuchen.

Wenn es um Merchandising geht, scheinen die Neuseeländer sich in ihrem Einfallsreichtum zu überschlagen. Wer würde in Deutschland auf die Idee kommen, Zucker mit folgenden Worten zu bewerben?: „Der pure Geschmack hoher Qualität, kristallisierter Weißer Zucker von weltweit ausgewählten Lieferanden. Cane Fields, die natürlich Wahl, wenn man ein Süßungsmittel braucht.“
Dieses unverhältnismäßige Werbegehabe drückt sich auch im mittlerweile nationalträchtigen Symbol des silbernen Farns aus. Wie es dazu kam, dass ein Farn Neuseeland repräsentieren sollte, konnte ich nicht herausfinden, aber er hat eindeutig einen Werbezweck. Es geht so weit, dass dieser Farn mittlerweile auf den Shirts des nationalen Rugby-Teams, heimischer Gütesiegel und den Geldscheinen zu finden ist. Überall stolpert man über das Symbol, selbst wenn man die Augen davon verschließen möchte. Es wird rücksichtslos ausgenutzt, ausgebeutet und ausgeblutet.

Te Puia
Bevor wir unsere Reise nach Neuseeland angetreten hatten, legten wir erst einmal fest, wer was erledigen oder sehen wollte. Jede von uns durfte sich drei Ziele setzen, weil wir davon ausgingen, dass mehr pro Person zu Stress führen würde. Es standen uns immerhin nur vier Monate zur Verfügung. Einer meiner Wünsche war das Maori-Dorf zu sehen.
Das Maori-Dorf klang in meinen Ohren wie die Attraktion schlechthin. Echte Einheimische in ihren traditionellen Hütten bei ihrer traditionellen Arbeit zu sehen und ein traditionelles Essen mit ihnen zu teilen. Wer will das nicht, wenn er nach Neuseeland fliegt? Ein einmaliges Erlebnis.
Bereits in Auckland lernte ich, dass es nicht „das“ Maori-Dorf gab, sondern die Maori-Dörfer. Sowohl Nord- als auch Südinsel bieten dieses Erlebnis an. Allein in Rotorua gibt es vier verschiedene Maori-Dörfer, die man sich zu Gemüte führen kann. Erst war ich überrascht, dann enttäuscht, letztlich überfordert. Was unterschied sie und wo sollte ich nun hingehen? Preislich war kaum ein Unterschied zu merken; alle drehten sich um die 100 Dollar. (Das war, bevor wir einen Rabattgutschein bekamen.) Auch das Programm wies Ähnlichkeiten auf, so dass es schwierig war eine Entscheidung zu treffen.
Nach langer Recherche und ständigem Hin und Her entschied ich mich für Te Puia. Der Name ist ein bisschen irreführend, da es sich dabei nicht um den tatsächlichen Namen des Dorfes handelt. Richtig heißt es: Te Whakerewarewatangaoteopetauaawahiao. Ja, der Reiseführer konnte es problemlos und ohne Zungendreher aussprechen. Neben der Touristenattraktion war das Dorf Teil eines Forschungszentrums. Es lag in der Nähe der Herberge, in der wir untergekommen waren, man konnte sich ein Programm aus verschiedenen Punkten zusammenstellen, es gab ein Kiwi-Haus und Geysire. Auf das traditionelle Essen, Hangi genannt, verzichteten wir. Wir zahlten also nur für den Tagespass, mit dem wir uns das Dorf ansehen konnte – eine Führung war schon inbegriffen – und die kulturelle Darbietung der Maori mit Begrüßungszeremonie, Gesängen und obligatorischem Haka. Es war genau das, was ich mir vorgestellt hatte, und hat mich bestens unterhalten.
Am Anfang der Begrüßungszeremonie kam ein junger Krieger aus dem Haupthaus, vollführte wilde Tänze, schwang einen Speer von links nach rechts und verzog das Gesicht in grotesken Grimassen. Mit diesem Ritual sollte der junge Mann die – hoffentlich friedlichen – Absichten der Neuankömmlinge prüfen und die Stärke seines Stammes darbieten. Nachdem der Stammeshäuptling unserer Truppe – ein männliches Exemplar unserer Touristengruppe – die friedfertigen Absichten seines Stammes bewiesen hatte, durften wir durch den Haupteingang in das Gebäude treten. Unser Häuptling hieß Jim und kam aus China.
Auch hier tauchte der sagenumwobene Farn auf, als der Maorikrieger ihn Jim als Friedensangebot zu Füßen legte. Ich weigere mich standhaft nachzuschlagen, ob die Maori dies schon immer so gemacht haben und der Farn deshalb zum Symbol Neuseelands wurde, oder ob es umgekehrt der Fall ist und die Maori erst den Farn nehmen, nachdem er zu Marketingzwecken eingeführt wurde. Mir ist meine Illusion lieber und ich wünsche keine Aufklärung.
Dann durften wir alle durch den Haupteingang in das Versammlungsgebäude, wo gemütliche Stühle schon darauf warteten, von uns besetzt zu werden.
Die Show der Maori war wirklich herrlich inszeniert. Vor allem ein Herr mittleren Alters vermittelte den Eindruck, sehr viel Spaß bei der Sache zu haben und vollen Herzens dabei zu sein. Er machte seine Späßchen, scherzte mit den Kunden und hatte seine Choreographie hervorragend einstudiert. Auch gesanglich waren die Leute top. Sie trafen die Töne besser als mancher Popsänger, der Platinalben rausbringt. Alles in allem gab es Gesänge, Musik auf traditionellen Instrumenten, Tanzeinlagen und viele große Bewegungen.
Zum Schluss durfte eine Gruppe von Frauen und Mädchen einige Schritte eines traditionellen Tanzes lernen. Ihnen wurden grundlegende Bewegungen beigebracht, simple Instrumente in die Hände gelegt und sie sollten den Anweisungen der Maori-Frau folgen.
Danach waren die Männer dran, die einen Haka aufführen sollten. Unter Anleitung des älteren Maori rackerten sich „unsere“ Krieger ab, während der Maori dem Publikum sein Beileid aussprach und sich bekreuzigte. Es war sehr amüsant inszeniert.
Schön war auch, dass ein kleiner Junge zu Anfang aus dem Publikum gefischt worden war und die ganze Show über auf der Bühne neben den Maori miterleben durfte. Er bekam Instrumente und Waffen in die Hand und machte mit, so gut er konnte.

Um 11 Uhr nahmen wir an der Führung teil.
Ein Museumsangestellter – auch Maori – erklärte uns vieles über die Lebensweise der ersten Siedler Neuseelands, erzählte über alte Schnitzereien, Kanus, die Überfahrt, Theorien, woher die Maori abstammten, und warf immer wieder einen prüfenden Blick zum Geysir, damit wir den Ausbruch auf keinen Fall verpassen würden. Da dies hier ein natürliches Schauspiel war, konnten die Museumsangestellten es auch nicht beeinflussen. Allerdings konnten sie die Zeichen lesen und eine Gruppe über Abkürzungen zu den Feldern führen, damit jeder das Spektakel hautnah erleben konnte. Da die Geysire, drei an der Zahl, sich gerade ruhig verhielten, nahmen wir die lange Route, hielten oft an und ließen uns mit Informationen einrieseln. Es gab ein nachgebautes Dorf, das die Lebensweise der Maori von vor einigen Jahrhunderten nachstellte. Die Hütten waren sehr klein, die Eingänge winzig. Es war alles aus den Materialen hergestellt worden, die auch die Maori damals benutzt hatten. Zwar standen nur wenige fertige Hütten, aber sie vermittelten uns einen prägnanten Eindruck von den damaligen Verhältnissen.
Als nächstes stand das Kiwi-Haus auf dem Programm. Ich war überrascht zu hören, dass der Kiwi-Vogel ein sehr faules Tier ist und 18 bis 20 Stunden pro Tag schläft. Den Rest der Zeit verbringt er mit Futtersuche. Da der Kiwi nicht mehr überall in Neuseeland verbreitet ist und außerdem so viel Zeit mit Schlafen verbringen, wurden wir in ein Gehege eingelassen, um mit ein bisschen Glück ein lebendes Exemplar live zu sehen. Im Kiwi-Haus waren Fotos nicht erlaubt. Außerdem war es darin sehr dunkel, so dass meine Kamera eh kein vernünftiges Bild zustande gebracht hätte. Wir hatten so wie so kein Glück; die Kiwis schliefen. Aber auch dafür hatten die Veranstalter einen Notfallplan: Stuffy. Ein ausgestopfter Kiwi, den eine Angestellte demonstrativ für Fotos hochhielt.
Stuffy
Darauf führte uns unser Guide zu den Schlammbädern, die ihrem Namen, Frog Ponds, nur gerecht wurden: Die Schlammspritzer, die von der Hitze hochgespuckt wurden, erweckten tatsächlich den Eindruck springender Frösche. Der Schlamm dieser Quellen wird heute in der Kosmetik verwendet und soll sehr gut für die Haut sein. Dennoch riet unser Guide uns davon ab, rein zu springen, weil die 90-100° doch ein bisschen heiß sein könnten.

Dann näherten wir uns den Geysiren, die inzwischen begonnen hatten, sich in Bewegung zu setzen. Die Führung kam hier zu einem längeren Halt, da uns erklärt wurde, dass wir uns auf dem Gelände noch ungefähr fünfzehn Minuten aufzuhalten hätten, um den Ausbruch zu sehen. Natürlich wollten wir das Schauspiel nicht verpassen, so dass wir uns noch ein bisschen umsahen, Fotos knipsten, immer wieder mal zu den dampfenden Kratern schielten und dann zurück auf die Brücke gingen, um dem Geysir ganz nah zu sein.
An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass ich so einem Schauspiel noch nie beigewohnt hatte, so dass ich ganz nervös war, weil ich es verpassen könnte. Immerhin wusste ich nicht, wie lange es dauern oder wie weit es sichtbar sein würde oder woran man den tatsächlichen Ausbruch erkannte.
Es stellte sich heraus, dass meine Sorgen völlig unnötig waren. Nicht nur, dass der Geysir nach fünfzehn Minuten Wasserspeierei immer noch nicht fertig war und weiter vor sich hin sprudelte, es war auch mehr als offensichtlich, wann der Ausbruch so richtig begann. Das kleine Blubbern und Plätschern am Anfang entwickelte sich zu meterhohen Fontänen, deren Wassermassen über die umliegenden Steinflächen hinweg spülten. Es brodelte, gluckerte und dampfte. Wasser mischte sich mit Wasserdampf, der Wind trug verschiedene Gerüche von den umliegenden Schwefelfeldern her, das Publikum starrte gebannt auf die Wassersäule, die immer wieder gen Himmel schoss. Ich war begeistert.
Geysirausbruch
Bevor der Geysir wieder zur vollkommenen Ruhe kam, zogen wir weiter. Es gab noch einige Pfade, die wir in Te Puia begehen wollten, also mussten wir ihn verlassen. Da war der Wanderpfad, der durch das Tal führte und einen Blick auf die herrlichen Landschaften zuließ. An einigen Stellen standen Lautsprecher, die in verschiedenen Sprachen (Englisch, Chinesisch, Japanisch, Koreanisch und Deutsch) etwas über die Besonderheiten dieser Stelle erzählten. Die deutsche Sprecherin klang wie eine Aufnahme aus den 50er Jahren. So deutlich habe ich seit Jan Hofer keinen Deutschen mehr sprechen hören. Durch die Sprechweise abgelenkt, weiß ich nicht mehr genau, was die Dame von sich gab, außer dass es um einen bestimmten Baum ging, der in der Gegend gut wachsen konnte, weil er keine tiefen, sondern breit gefächerte Wurzeln schlug, und auf diese Weise nicht so viele Gifte aufnahm. Allgemein waren die Pflanzen im Tal wohl sehr widerstandsfähig.
Nach diesem sehr erholsamen und schönen Rundgang kamen wir ins Dorf zurück, wo noch die Holzschnitzer und Weber auf unsere Besichtigung warteten. Beides war schnell erledigt und so zogen wir weiter, nach Hause. Immerhin war es Zeit für das nächste Essen.
Zwar hatten wir den Bus genommen, um nach Te Puia zu kommen, aber den Rückweg traten wir zu Fuß an. Es war nicht so weit weg. Unterwegs trafen wir noch eines der Mädel, mit dem wir das Zimmer in der Herberge teilten und versuchten sie zur nächsten Bushaltestelle zu lotsen – leider ohne Erfolg, wie wir später erfahren mussten. Sorry.


Hobbiton
Auf Franziskas Wunschliste stand Hobbiton – das Auenland, in dem Herr der Ringe und der Hobbit gedreht wurden. Für all jene, die sich weiterhin den Illusionen der Filmindustrie hingeben möchten, spreche ich hiermit eine Warnung aus: SPOILER ALARM.

Hobbiton

Glücklicherweise konnten wir die Reise nach Hobbiton in unserer Herberge buchen. Es war nur eine kleine Anzahlung nötig, den Rest bezahlten wir dann vor Ort. Der Bus fuhr dort ab, wo wir angekommen waren, an der I-Site in Rotorua, und war einfach nicht zu übersehen. Die Info sagte uns, dass ein grüner Bus uns abholen würde. So grün und deutlich hätte ich es jetzt nicht erwartet, zumal in goldenen Lettern „Hobbiton“ darauf prangerte. Davon abgesehen war jeder Bus nach einer der Figuren in den Filmen benannt. Wir fuhren mit Balin.
Der Busfahrer war unterhaltsam, wie man es von den Neuseeländern mittlerweile erwartet, erzählte Geschichtchen, teilte Infos zu Hobbiton, inklusive Karte, aus und war die ganze Zeit sehr freundlich. Nach ungefähr einer Stunde waren wir an unserem Ziel angekommen, wurden kurz in den Souvenirshop gelassen, um dann mit einem exklusiven Guide die Pforten zum malerischen Dörfchen der Hobbits zu durchschreiten.

Unser Fremdenführer, James, enttäuschte uns schon von Anfang, als er die Katze aus dem Sack ließ: Es gibt keine Hobbits. Natürlich waren wir alle sehr geknickt, dies zu hören, aber da keine Kleinkinder in der Gruppe waren, hielten sich die Tobsuchtsanfälle in Grenzen. Jedem in unserer Reisegruppe fiel sofort die Tatsache ins Auge, dass die Türen zu den Hobbithäusern unterschiedliche Größen aufwiesen. Auch das klärte James sofort auf: Wie bei allem im Film ging es hier um die Perspektive. Aufnahmen mit Gandalf wurden vor anderen Hobbittüren gedreht als solche mit Bilbo / Frodo. Die kleinste Tür war 60% groß, die größte 100%. Dazwischen packte man, was gerade benötig wurde. (Frodos und Bilbos Höhle war 100% groß, während man Sam nur 80% gewährte.) Hier warf James noch schnell ein, dass in diesem Hobbiton niemals der Herr der Ringe gedreht worden war. Tatsächlich war das gesamte Set aus nicht sonderlich widerstandsfähigen Materialien gebaut und nach dem Dreh wieder abgerissen worden. Erst als feststand, dass der Hobbit gedreht werden würde, überlegte man sich eine permanente Lösung, um begeisterten Fans einen Zugang zu diesem einzigartigen Set zu ermöglichen.
Außerdem hatten die Bühnenbildner sich größte Mühe gegeben, dieses neue Dorf so alt wie nötig aussehen zu lassen. Da wurde bewusst Farbe abgekratzt, Joghurt aufgetragen (um einen Nährboden für Flächten und Bakterien auf einem Zaun zu kreieren) und Holzstücke schräg abgesägt. Um den einzelnen Häusern noch mehr Leben einzuhauchen, gab es thematische Schwerpunkte: Man traf auf Fischräucherer, Käsemacher, Imker, Bäcker, Schnitzer und viele mehr. Kleine Details schafften eine einzigartig realistische Atmosphäre.
Das Ganze wurde durch den Bau der Schenke Zum Grünen Drachen abgerundet. Sie stand idyllisch am See und war so stimmig eingerichtet, dass sogar die Toiletten an Hobbiton erinnerten. Ein Innenarchitekt hatte dort offensichtlich die Möglichkeit gefunden, sich ungestört auszutoben. Es gab für alle ein Freigetränk; wer mehr wollte, musste dafür bezahlen.
James erklärte uns, dass Jackson bei seiner Standortauswahl nach drei Kriterien gesucht hatte: Hügel, See, Baum. Als er dies auf der Farm der Alexanders gefunden hatte, unterbreitete er ihnen die Geschäftsidee und stellte ihre gesamte Scharffarm auf den Kopf. Unser Guide erklärte uns auch ausführlich, wer wie und wodurch an dem Kuchen beteiligt und wofür zuständig war. Dass hier mehrere Gärtner und Sprinkleranlagen in Betrieb waren, wurde mehr als deutlich. Laut Wetterbericht war dieser Februar einer der trockensten seit Jahren, so dass alle Felder in ganz Neuseeland er golden als grün waren. Außer Hobbiton.
Hobbiton sollte immer und ungeachtet der Witterungsbedingungen den Eindruck erwecken, dass hier das paradiesische Set soeben erst abgebrochen worden war und die Stars noch irgendwo in ihren Campingwagen zu finden waren.

Der Hammer in dieser Konstruktion waren die Pflaumenbäume. Da man festgestellt hatte, dass Pflaumenbäume im Verhältnis zu Hobbits zu groß sein würden, musste ein Ersatz her. Man entschied sich für Apfel- und Birnenbäume einer bestimmten Gattung, weil diese nicht so hoch wuchsen. Natürlich kann man Äpfel und Birnen nicht mit Pflaumen vergleichen, also beschäftigten sich viele Leute damit alle Früchte und Blätter von den Bäumen zu zupfen und diese durch künstliche Pflaumenblätter sowie –früchte zu ersetzen, indem sie sie mit Drähten festbanden. Voilà! Auf diese Art hatte man eine neue Gattung geschaffen.
Genauso falsch waren die Hobbithöhlen. Man bot den Besuchern die Möglichkeit, solch ein Haus von innen zu sehen, doch alle Erwartungen wurden dabei unterboten, denn die Höhlen sind praktisch leer. Es ist gerade einmal genug Platz für die Crew da, um die Fenster von innen schön zu schmücken und einige weitere Details, die nach außen durchscheinen sollen, anzubringen. Ansonsten ist da nichts. Ein bisschen Erde wurde weggeschlagen, ein bisschen Platz ausgeräumt. Die größte Höhle ist immer noch die von Bilbo, was aber den einfachen Grund hat, dass es einige Aufnahmen gibt, in denen Bilbo die Tür aufmacht und man aus dem Haus nach draußen schaut. Es ist gerade einmal genug Platz für Kameramänner, Tontechniker und weitere Mitglieder des Teams. Daher ist Bilbos Haus auch das einzige, in dem der Flur noch so wirkt, als würde tatsächlich jemand darin wohnen. Man sieht den Eingangsbereich, wenn die Kamera von innen auf die Tür hält. Alle Szenen, die in Hobbithöhlen spielen (Küche, Wohnzimmer, Esszimmer, etc.), wurden im Studio in Wellington gedreht.
Hobbiton ist nichts weiter als die Verkörperung einer riesigen Illusion.

Enttäuschend war allerdings, dass man keinen Schritt alleine machen konnte. Zwar ließ James uns ab und zu Zeit, damit unsere Gruppe sich an einer Hobbithöhle umsah, aber es waren immer nur wenige Minuten, bevor er eilig zum nächsten Haltepunkt weiterzog. Nach der Führung durften wir nicht alleine zurück, um in Ruhe Fotos zu machen oder einige Häuser näher zu betrachten. Unter so viel Zeitdruck und mit alle den Menschen um einen herum war es ein großer Abstrich, den wir in Kauf nehmen mussten. Somit war es nur begrenzt Möglich, Fotos aufzunehmen, ohne irgendwelche Fremden vor der Linse zu haben.

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Sonntag, 15. Februar 2015
Auckland - Februar 2015
Mit vierunddreißig Stunden Flug war ich bedient. Dass Neuseeland nicht um die Ecke liegt, war mir von Anfang an klar. Immerhin war dies mitunter ein Grund, die ganze Reise anzutreten. Dem entsprechend braucht man auch mehr Zeit, um von Deutschland dorthin zu kommen. Weiter weg geht es auf diesem Planeten nicht mehr. Mit einem Flug von Emirates kann man sich nicht einmal über den Service beklagen: Insgesamt ca. 4000 Kanälen für Filme, Serien, Musik und Spiele machen die Dauer erträglich.
Emirates
Die Mahlzeiten waren gut, zeitlich abgestimmt und genügend. Dennoch langweilte der Flug nach wenigen Stunden bereits. Es waren die Kleinigkeiten, die ich vermisste. Bewegung. Erstaunlich, wie viel so ein bisschen Platz mehr oder weniger doch ausmacht. Ob es nun um Bein- oder Ellbogenfreiheit geht, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, weil man von bedemi einfach nicht genug hat. Nicht einmal der Gang bot genug Platz, um dem Abhilfe zu verschaffen – es sei denn man ist vier Jahre alt. Das Mädchen, das immer wieder hin und her rannte, veranschaulichte es eindringlich.
Natürlich freuten wir uns auf die zehnstündige Pause in Dubai, obwohl sie nachts eingeplant war und wir nicht die geringste Ahnung hatten, wie wir die Zeit verbringen sollten. Anfangs stand noch die Überlegung im Raum, einen Ausflug in die Stadt zu unternehmen, um einen weiteren Stempel im Pass zu haben, doch den Gedanken verwarfen wir schnell wieder. Zu viele Ungewissheiten. Stattdessen folgten wir dem Rat anderer Backpacker, suchten uns eine der zahlreichen Liegen, kuschelten uns an unser Handgepäck und schliefen erst einmal einige unruhige Stunden. Nach einem Frühstück zu Flughafenpreisen ging es dann weiter mit dem A380 Richtung Sydney / Auckland.
Viel Unterschied zum vorhergehenden Flugzeug gab es in der unteren Etage allerdings nicht. Die Reihen waren ebenso aufgeteilt wie in der Boeing 777, zusätzliche Freiheiten gab es nicht, die Ausstattung war ähnlich, die Programme gleich.

Mein Beileid gilt den Passagieren, die sich in der Duty Free-Zone mit Flüssigkeiten eingedeckt hatten, denn man durfte sie nicht mit an Bord nehmen. Verständnis habe ich dafür nicht, auch wenn ich selbst mir nichts dergleichen gekauft hatte.

Kurz vor Sydney überraschte uns der Pilot mit der Durchsage, dass wir doch bitte alle am Flughafen aussteigen müssten. Von einem weiteren Flugzeugwechsel war vorher nicht die Rede gewesen, nur das Auftanken fand in unseren Dokumenten Erwähnung. Die Aussage wurde nochmals bestätigt. Also blieb uns nichts anders übrig, als den Anweisungen des Personals Folge zu leisten, unsere Sachen zu packen und den Flieger zu verlassen. Wir stolperten durch den nächsten Flughafen, durch das nächste Gate, durch die nächste Sicherheitskontrolle (nach dem dritten Mal in einer so kurzen Zeit hat man doch Übung darin), um uns dann wieder in demselben Flugzeug wiederzufinden. Sogar das Spiel, Alchemy, war noch auf dem Stand, an dem ich es verlassen hatte. Es gab allerdings neue Kissen, neue Kopfhörer und einen sauberen Boden. Die Umstände, die uns bereitet wurden, sind nur deshalb nachvollziehbar, weil einige Passagiere die Maschine in Sydney verließen und durch andere ersetzt wurden. Natürlich kann man diese nicht dem Müll der Vorgänger aussetzen. Während des Fluges wurde mir mein drittes Frühstück an diesem Tag serviert, das ich dennoch dankend entgegen nahm.

Dann, endlich, um 14:06 Uhr Ortszeit setzte der Flieger auf neuseeländischem Boden auf. Jetzt stellte sich die alles entscheidende Frage: Würden sie uns in das Land einreisen lassen? Die Geschichten, in die wir uns vor Abflug eingelesen hatten, ließen uns zittern. Wanderschuhe, die weggeworfen wurden, weil sie zu dreckig waren; Fehler im Visum; illegal mitgeführte Produkte. Doch alles ging: problemlos. Viele der Dokumente, die wir mit uns führten, wollten sie an der viel zu freundliche Kontrolle gar nicht sehen. Das Visum war ordnungsgemäß im Rechner des Zollbeamten vermerkt, unsere Pässe gültig, das Gepäck in Ordnung und damit waren wir am anderen Ende der Welt angekommen. Völlig erschöpft, müde und orientierungslos.

Eine herbe Enttäuschung stellte allerdings der Einreisestempel dar: Im Gegensatz zum koreanischen Visum (dazu später mehr) war er schmucklos, trist, klein, unbedeutend, einfach nur langweilig schwarz. Und das, obwohl das Land sich größentechnisch wie folgt beschreibt: größer als das Vereinigte Königreich, kleiner als Japan (von der Fläche her ist Südkorea kleiner als England). Nicht einmal herrliche Herrschaftssymbole, die einem entgegen prangerten, keine Verweise auf die stolze Tradition, die lange Geschichte des Landes, die authentische Maori-Kultur, nichts dergleichen. Nur der Farn links unten lässt einen Bezug zum restlichen Symbolismus Neuseelands erkennen. Ansonsten war das Datum in dem schwarzen Rechteck sehr offensichtlich.

Selbstverständlich hatte ich mich erkundigt, wo die Herberge, in der wir die ersten Nächte verbringen wollten, lag, wie man dorthin kam und wie lange es dauern würde. Mit all diesen Daten gingen wir zum Infostand, kauften uns eine Fahrkarte und stiefelten zum nächstbesten blauen Bus. Blaue Busse sind Airport Shuttle. Sie fahren ohne Umwege oder nutzlose Zwischenhalte vom Flughafen in die Innenstadt. Aussteigen kann man auch zwischendurch, einsteigen hingegen nicht. Glücklicherweise findet man am Flughafen Auckland auch kostenlose Reiseführer, die eine Karte der Innenstadt und interessante Tipps für Neulinge enthalten. Mit dieser Karte – und einiger Hilfe von Einheimischen, weil nicht alle Straßennamen aufgedruckt waren und wir zu früh ausstiegen – fanden wir unseren Weg ins Hostel, wo wir den Tag für beendet erklärten. Es war zwar erst 17 Uhr, aber das reichte vollkommen.

Es ist schwierig sich daran zu gewöhnen in Neuseeland zu sein, wenn alle Leute um einen herum nur Französisch sprechen. Der Besitzer der Herberge – auch ausgewanderter Franzose – hatte uns bei der Ankunft darauf vorbereitet, dass momentan 90% der Gäste aus Frankreich stammten und dass wir unsere Französischkenntnisse hier aufbessern könnten. Es führte kaum ein Weg daran vorbei, da die Sprache die ganze Zeit präsent war. An sich war die Jugendherberge sehr gemütlich. Die Duschen waren sauber, die Küche manchmal auch (wenn nicht gerade eine Meute hungriger Wölfe durchgestürmte), die Zimmer waren klein, aber mit dem Nötigsten eingerichtet, das Leitungswasser konnte getrunken werden, obwohl es mit einer deutlichen Spur Chlor versetzt ist, die Leute waren alle offen und hilfsbereit und im Gemeinschaftsraum fand sich immer etwas zu tun. Für 50 Cent bekam man 6 Minuten lang warmes Wasser, doch bei den Temperaturen war es nicht einmal notwendig. Die Küche war voll ausgestattet, so dass man im nächsten Supermarkt relativ günstig einkaufen und sich selbst etwas zubereiten konnte. Ein bisschen Nachsicht sollte man dann allerdings doch haben, denn obwohl alles vorhanden war, ließ die Qualität manchmal zu wünschen übrig. Pfannen waren verkrümmt und verbeult, es fehlten Deckel zu Töpfen, die Messer waren nicht scharf und manchmal wurde alles Geschirr gerade gleichzeitig benutzt. Vom Internetanschluss fange ich gar nicht erst an.

Das Wetter in Auckland ist in einem Wort beschrieben: unbeständig. Oder wie es das Prospekt ausdrückt: highly unpredictable. Vor allem war es aber windig. Ob die Sonne ungebremst vom Himmel brannte oder Dauerregen angesagt war, ständig wehte ein Wind von der Küste her, der nur in seiner Intensität und Richtung Abwechslung zeigte. Trotzdem darf man selbst bei tagelanger Bewölkung die Sonnencreme nicht vergessen, denn die Sonnenstrahlen sind dann noch immer stark genug, um einen bösen Sonnenbrand zu verursachen. Man konnte die Neuankömmlinge problemlos an der Gesichtsfarbe von den Alteingesessenen unterscheiden. Besonders windig war unser Ausflug auf den Mount Eden, den höchsten Vulkan in der Region Auckland. Da er derzeit ruht, konnten wir den Ausblick über die Stadt ohne große Sorgen genießen. Es war so windig, dass ich mich gezwungen fühlte den Sportmodus meiner Kamera zu aktivieren, damit die Bilder nicht verwackelt aufgenommen wurden. Notwendig war es alle Mal. Immerhin sieht man von dort oben, wie eng die Landbrücke ist, auf der die Stadt erbaut wurde, so dass der Wind mehr als genug Schwung sammeln kann, während er über den Pazifik fegt. Wir kraxelten und stiefelten die Hänge dieses Vulkans herauf, umgeben von weiteren Freizeitwanderern, und genossen die Aussicht auf die Region Auckland. Viel zu genießen gibt es da zwar nicht, da es sich um viele schmucklose Häuschen handelt, die von Küste zu Küste nebeneinander stehen, stellenweise unterbrochen von der bekannten Skyline, aber wenn man einmal über dieses Manko hinweggeblickt hat, sieht man das Meer, die Berge, weitere Vulkanhänge und die natürliche Schönheit, die dieses Land wahrscheinlich außerhalb dieser Metropole zu bieten hat.

Gipfel von Mt Eden

Die Neuseeländer mögen es gerne ein bisschen größer – mit Ausnahme der Hostelzimmer. Da darf die Butter mal ein Pfund wiegen, der Saft drei Liter haben, der Käse in einem Kilogramm serviert werden und der Baum so dick wie ein Elefant sein. Kleine Portionen waren deutlich teurer und einige Produkte bekamen so etwas wie einen „Raritätszuschlag“. Dazu zählen vor allem Milchprodukte. An dieser Stelle möchte ich doch erwähnen, dass die Lebensmittel in Neuseeland entschieden mehr als in Deutschland kosten, überraschenderweise auch, wenn sie aus dem eigenen Land stammen. Trotzdem blieb kochen günstiger als auswärts essen. Die ersten Tage verlangten uns essenstechnisch einiges ab, da wir einerseits möglichst wenig Geld ausgeben wollten, bevor wir einen Job sicher hatten, andererseits aber auch nicht zu viel auf einmal kaufen wollten, um es nicht überall hin tragen zu müssen. Immerhin wussten wir die ersten Tage nicht, wo wir eine Woche später sein würden. Mal davon abgesehen, dass wir uns erst an die einheimischen Produkte gewöhnen mussten.
Aufschnitt ist hierzulande eine Herausforderung neuer Größenordnung. Wir wollten einfachen Kochschinken kaufen und dachten uns, dass wir durch die deutsche Industrie schon so einiges gewohnt sind. Ob es nun Geschmacksverstärker oder Konservierungsstoffe sind, man hatte es schon alles gelesen. Hefe, Lactose, Glukose, altbekannt. Auf gerade einmal 50% Fleisch im Schinken waren wir jetzt aber nicht vorbereitet. Der Schinken blieb im Regal, wir blieben bei Marmelade.

Zuvor dachte ich, dass manche Haltestellennamen in Düsseldorf ein bisschen ungünstig gewählt worden waren und besonders bei nicht Ortskundigen und Touristen zu Verwirrung führen könnten. Da liegt die Lindemannstraße direkt hinter der Lindenstraße, es gibt eine Heinrichstraße, Heinrich-Heine-Allee, Heinrich-Könn-Straße. Aber Auckland zeigt mir, dass es noch viel verwirrender und kundenunfreundlicher geht: Die Mt Eden St hat sechs Haltestellen, die sich nur durch Zusätze unterscheiden. Beispielsweise: Mt Eden St und Mt Eden St Near Newton St. Solch ein verwirrendes System ist mir bisher nicht untergekommen.

Wenn Historiker auf Reisen sind, kommen sie nicht darum herum, sich mal das ein oder andere Museum anzusehen. Also brachen wir eines Mittags erneut auf, um Auckland unsicher zu machen und uns das Maritime Museum zu Gemüte zu führen. Da es intelligenterweise direkt am Meer liegt, war damit ein Wunsch von mir – den Pazifik sehen – gleichzeitig mit abgehakt.
Hafen Auckland
Es war ein lehrreicher Ausflug mit vielen Daten, Fakten, Zahlen und Kuriositäten. Wir lernten nicht nur, dass Neuseeland erst sehr spät besiedelt worden war – auch von den Maori –, sondern uns wurde auch das „schlimmste Schiffsunglück Neuseelands“ vor Augen geführt: die Orpheus.

Die HMS Orpheus war das Flaggschiff des australischen Geschwaders. Eine Verkettung unglücklicher Umstände führte dazu, dass es 1863 auf eine Sandbank lief, kenterte und fast 190 von 260 Mann Besatzung in den Tod riss. So viele Leute sind noch nie – und seit dem nie wieder – vor der Küste Neuseelands ums Leben gekommen. Wer mehr dazu lesen möchte, sollte das Internet konsultieren, weil ich hier nur Beiträge hinein kopieren würde, die ich eben dort finde. Viel mehr gab das Museum nämlich auch nicht her.
Denn leider waren die Beschriftungen im Museum nicht sonderlich hilfreich. Manchmal fehlten wichtige Informationen, anderenorts wurde gewisses Wissen vorausgesetzt (in Anbetracht der politischen und historischen Bedeutung Neuseelands auf der Weltkarte, sollte man den Touristen doch mehr Informationen geben). Alles in allem warfen die Kurzbeschreibungen mehr Fragen auf als sie beantworteten. Zudem war der Eingangsbereich zwar von den Ausstellungsstücken sehr interessant, aber man durfte nichts anfassen und allgemein gab es wenig Hilfestellung, um möglichst viel in Erinnerung behalten zu können. Gucken und Beschriftungen allein hinterlassen selten einen bleibenden Eindruck. Erst später wurde es interessant, als man in den Nachbau eines Schiffsinneren, der hin und her schwankte, klettern durfte. Auf diese Weise sollte man einen Eindruck von den Lebensverhältnissen bekommen, denen Auswanderer im 19. Jahrhundert ausgesetzt waren. Es war sehr schön inszeniert: das Abteil wackelte, die Dielen knirschten, das Wasser plätscherte, Kleinkinder schrien. Am Eingang zum Abteil konnte man eine Karte ziehen, auf der ein Name draufstand, um am Ende herauszufinden, was aus der Person in Neuseeland geworden ist. An solche Erlebnisse werde ich mich besser erinnern. Wir blieben sehr lange im Museum, bis uns ein freundlicher Mitarbeiter darauf hinwies, dass man jetzt schließen würde. Den Rest mit modernen Booten mussten wir im Eiltempo hinter uns bringen.


Kleinigkeiten zu Auckland
• Man muss einen Knopf für die Fußgängerampeln drücken, damit diese überhaupt erst angeschaltet werden. Bei Grün ertönt ein Geräusch, das an eine abfeuernde Laserwaffe erinnert.
• Die Grünphase einer Fußgängerampel dauert 8 Schritte. Es gab bisher nur eine Ampel, über die ich es bei Grün auf die andere Straßenseite schaffte. Dafür ist Blinkend-Rot sehr lang.
• Die Straßen sind sehr sauber. Äußerst sauber.
• Es gibt erstaunlich wenige Fußgänger.
• Feiertage scheinen bedeutungslos zu sein. Es gibt keinen Unterschied zu anderen Wochentagen, außer dass manche Behörden geschlossen sind.
• Es ist hügelig.
• Man kann die Strecke von der West- zur Ostküste zu Fuß zurücklegen.
• Es ist mit mehr als 1,4 Millionen Einwohnern mit Abstand die größte Stadt Neuseelands.
• In der Innenstadt ist das Trinken von Alkohol auf der Straße untersagt.
• Die Skyline besteht fast ausschließlich aus Wohngebäuden.
• Die meisten Fast-Food-Restaurants sind asiatisch (koreanisch, japanisch, chinesisch).
• Die Internetverbindung in unserem Hostel war katastrophal.

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