Dienstag, 24. Februar 2015
Taupo – Februar 2015
atimos, 09:27h
Mal ehrlich: Hat es alle Deutschen nach Neuseeland verschlagen? Egal, wohin man geht, überall reden die Leute Deutsch. Im Bus, auf der Straße, auf einem Wanderpfad in der Wildnis, in der Eisdiele. Da war das Franzosenhostel eine einsame Burg im Niemandsland. Mittlerweile kommt es mir so vor, dass ich selbst ohne Englischkenntnisse sehr weit gekommen wäre.
Da wir auf unserer Reise endlich mal ein bisschen Geld einsparen wollten, beschlossen wir unsere Kosten niedrig zu halten, indem wir für unsere Unterkunft und das Essen arbeiten. Dabei half uns die Seite http://helpx.net besonders. (Eine weitere hilfreiche Seite, die wir von einigen Deutschen im Rock Solid Backpackers bekommen hatten.) HelpX steht natürlich für Help Exchange. Hier kann man Dienstleistungen austauschen, die meistens so aussehen, dass einige Backpacker bei einem Neuseeländer unterkommen, um für ihn einige unliebsame Arbeiten zu verrichten, woraufhin sie wiederum für lau wohnen und essen dürfen. Klingt nach Sklavenarbeit, ist es auch. Nichtsdestotrotz ist es eine hervorragende Möglichkeit, die tatsächlichen Ausgaben gering zu halten, da die größten Kostenpunkte damit abgedeckt werden. Wer noch Souvenirs, Kleidung oder Extras möchte, muss sie sich selbst besorgen; wer das nicht braucht, kann damit sehr weit kommen.
Darüber hinaus ist es die ideale Gelegenheit, mal die Einheimischen kennenzulernen und tatsächlich mal Englisch zu sprechen. Auch wenn viele Leute, die Hilfe suchen, aus verschiedenen Teilen der Welt kommen.
Für unsere erste Helpx-Erfahrung hatten wir eine ältere Dame ausfindig gemacht, die einige Arbeiten im Garten erledigt haben wollte. Sie wohnte in Taupo und brauchte Leute für nur wenige Tage; wir wollten nur wenige Tage in Taupo bleiben, also war der Deal perfekt.

Wir kamen am Samstagmittag an. Da Jacqui allerdings noch an ihrem Markstand war, konnte sie sich nicht direkt um uns kümmern. Sie war allerdings so freundlich uns anzubieten unser Gepäck bei ihr zu lassen, während wir uns den Wochenmarkt und die Umgebung ansahen. Nachdem wir uns unserer großen Rucksäcke also entledigt hatten, drehten wir eine Runde über den wirklich kleinen Markt. Es gab verschiedene Stände, einige mit Lebensmitteln, andere mit handwerklichen Produkten. Der Markt lag auf einer Grünfläche nahe an einem der Flüsse, die aus dem großen See in Taupo fließen. Als wir uns dem Wasser näherten, konnte ich nicht glauben, wie klar und blau das Wasser war. Ich hatte den Eindruck durch einen Saphir hindurch das Flussbett zu sehen.

Nachdem der Markt zu Ende gegangen war, halfen wir Jacqui beim Abbau. Jacqui verkaufte ein Balsam aus der Kawakawa-Pflanze. Diese scheint seit Langem von den Maori eingesetzt worden zu sein, um allerlei Arten von Beschwerden zu heilen. Ein kleines Wundermittelchen. Daneben fanden sich noch Pülverchen und andere Balsame. Außerdem erblickten wir einige kleine Andeutungen einer esoterisch inspirierten Persönlichkeit. Für so einen kleinen Stand, hatte Jacqui ziemlich viel Equipment dabei. Neben Tisch und Stuhl gab es noch einen Sonnenschirm, einige Kästen mit ihren Gütern, Werbekartons und Steine zum Beschweren des Schirms. Als wir das alles in ihr Auto gepackt hatten, blieb nicht mehr genug Platz für uns und unser Gepäck, so dass sie sich anbot, erst die Sachen, inklusive unserer schweren Taschen, nach Hause zu fahren und uns dann wieder abzuholen, wenn der Kofferraum wieder leer wäre. In der Zwischenzeit sollten wir uns die Stadt ansehen. So war es vereinbart, also haben wir es auch gemacht. Also ließ sie uns zweieinhalb Stunden, um die schöne Stadt Taupo zu erkunden. Wir nahmen einfach unsere kleinen Rucksäcke und zogen in Richtung See, weil dies immer ein guter Anfang ist. Unterwegs schnappten wir uns noch einen kostenlosen Stadtplan, erkannten das Gittermuster der Straßen und stellten fest, dass es sehr gut war, nur wenige Tage für Taupo einzuplanen.
Diese Stadt ist winzig. Das Zentrum kann man in einer Stunde durchlaufen, ohne etwas zu verpassen, selbst wenn man sehr langsam geht. Ein Spaziergang um den See hingegen ist eine ganz andere Sache. Immerhin handelt es sich um den größten See Neuseelands, der eine Küstenlänge von 193 km besitzt. An dieses Abenteuer haben wir uns nicht gewagt, da unsere Pläne ein bisschen anders aussahen. Stattdessen schlenderten wir an der Uferpromenade entlang, gingen die Haupteinkaufsstraße runter und spazierten zum Museum sowie Park am Busbahnhof. Damit hatten wir genug Zeit totgeschlagen, um auf unsere Gastgeberin zu warten.
Als Jacqui am vereinbarten Treffpunkt ankam, setzte sie uns darüber in Kenntnis, dass wir noch einkaufen fahren müssten, weil sie nichts für uns im Haus hätte. Zudem informierte sie uns darüber, dass sie im Moment krankheitsbedingt auf einer Diät sei und wir deshalb – glücklicherweise – nicht das gleiche wie sie essen müssten. Stattdessen wollte sie uns alles kaufen, was wir gerne kochen würden, aber sie bat darum, dass wir uns die Speisen selbst zubereiteten. Was hätten wir dem entgegensetzen wollen? Wir waren zufrieden und willigten selbstverständlich ein. Also fuhren wir in einen Supermarkt und kauften, was wir so gerne hätten. Die Fahrt mit Jacquis Auto erwies sich als interessant. Wegen ihres Marktstandes hatte sie die Sitze der Rückbank runter geklappt. Das war für viel Gepäck ganz hilfreich, für zwei Beifahrer allerdings nicht. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich an das Gitter, das Vorder- und Rückbank trennte, zu krallen und zu hoffen, dass alles gut gehen würde – sowohl was Unfälle betraf als auch Polizeikontrollen. Im Supermarkt angekommen kauften wir nicht viel, auch nichts besonders Teures, doch für uns gerade genug. Bei dieser Gelegenheit bekamen wir eine weitere Kostprobe von Jacquis Eigenheiten: Sie bediente sich eines Pendels, um zu entscheiden, ob sie etwas kaufen sollte oder nicht. Es sollte nicht das einzige Erlebnis dieser Art bleiben.
Bei ihr zu Hause angekommen, zeigte sie uns unser Zimmer, das zwar klein, aber ausreichend eingerichtet war. Besonders das große Bett sprach unsere Sprache, da der Tag doch seinen Tribut zu fordern begann. Wir kochten noch etwas Leckeres, bevor wir auch diesen Tag in Ruhe zu Ende kommen ließen. Bei dieser Gelegenheit stellten wir ersten Kontakt mit dem neuseeländischen Fernsehen her.
Franziska fing an, sich für die Serie Neighbours zu begeistern. (Besonders lustig wurde es, als wir irgendwann anfingen die Dialoge umzuschreiben und für die Figuren zu sprechen.) Erstaunlich waren aber andere Eigenheiten: Es gibt viel mehr Werbung als in Deutschland. Innerhalb von dreißig Minuten Sendezeit gab es vier Werbeunterbrechungen. Darüber hinaus sind die Nachrichten äußerst gewalttätig. Während man in Deutschland über bestimmte Ereignisse berichtet, werden sie hier plakativ gezeigt. Da werden Spurensicherungteams bei ihrer Arbeit nach einem Mord gezeigt, wie die Reporter in der Ukraine beschossen werden und weglaufen müssen, oder wie Geiseln zu ihrer Hinrichtung geführt werden. Wer soll sich da noch wundern, dass Menschen abstumpfen? Es war wirklich nicht schön mit anzusehen. Wir, total unvorbereitet, starrten schockiert auf den Bildschirm. Unsere Gastgeberin aber hörte kaum noch hin, sondern wartete nur auf die Wettervorhersage.
Am nächsten Morgen wurden uns dann unsere Aufgaben erklärt. Jacqui wollte ihren Rasen in weitere Eckchen des Gartens lassen, weil es ihr mit der Pflege, insbesondere dem Unkrautrupfen, zu viel wurde. Wir sollten einen Pfad mit Steinen auslegen, die Dellen im Boden begradigen, einige Pflanzen umpflanzen, Gras säen und wofür wir sonst noch Zeit hätten. Das Wichtigste war den Rasen flott zu bekommen.
Franziska sah sich das an und meinte: „Ist in drei Tagen zu schaffen.“ Es war wirklich nicht die Welt, und obwohl wir uns Zeit ließen, waren wir am zweiten Tag praktisch schon durch. Unsere Arbeitszeit beschränkte sich auf vier Stunden pro Tag. Allerdings hatte Jacqui die Angewohnheit, einfache Dinge kompliziert zu machen. So war es nicht genug, dass wir die Erde umgruben, nein, wir mussten sie auch durchsieben, um alte Wurzeln zu entfernen und „das Schlechte“ aus dem Bodenreich zu holen, damit mehr Platz für „das Gute“ blieb. Letztlich bestand sie darauf, dass wir mit einem Bindfaden prüfen sollten, ob die Erde für den Rasen gerade war, und wir die Grassamen mit Erde bedeckten. Leider war sie auch nicht im Besitz einer Schubkarre, die für viele Arbeiten äußerst hilfreich und nützlich gewesen wäre.
Ein solches Beispiel sinnvoller Anwendung für diese Gerätschaft war das Tragen einige Flusssteine vom vorderen in den hinteren Teil des Gartens. Doch in Ermangelung sinnvoller Werkzeuge und Hilfsmittel waren wir auf unsere Muskelkraft angewiesen. Jacqui wäre aber nicht sie selbst, wenn sie nicht auch das komplizierter gestalten könnte. Ihr gefiel der Dreck, der unter den Steinen lag, nicht, also wollte sie, dass jeder Stein abgeklopft wurde, bevor man ihn wegtrug. Sie ging sogar so weit, den Boden unter den Steinen zu fegen, nachdem sie gesehen hatte, dass sich einiger Staub zwischen ihnen angesammelt hatte. Hier möchte ich anmerken, dass der hintere Teil des Gartens mit einer Plastikfolie ausgelegt war, auf die noch Erde kommen sollte. Aber das war nicht mehr Teil unserer Aufgabe. Dass das Unkraut es irgendwie durch zwei Lagen Plastikfolie im Vordergarten geschafft hatte, spielte für sie anscheinend keine Rolle.
Auch ihre Heilmethoden waren mit zweifelhaftem Halbwissen belastet, so dass sie mit ihren Problemen nicht zum Arzt ging, sondern lieber einen Heiler von dubiosem Ruf aufsuchte, der ihre Vermutungen nur bestätigte und ihr irgendwelche Pillen verschrieb, mit denen es besser werden sollte. Da es nicht mein Problem war, wollte ich mich nicht einmischen. Sie versuchte auch uns davon zu überzeugen, dass Gluten für gesunde Menschen schädlich ist, ohne irgendwelche nachvollziehbaren Argumente anzubringen. Es ist schlecht für vollkommen gesunde Menschen. Punkt. An dieser Stelle entschieden wir uns dafür, diese Diskussion nicht weiter zu vertiefen. Allerdings steht Jacqui mit ihrer Meinung in Neuseeland nicht alleine da. Es gibt viele Leute, die Gluten für einen Schadstoff mit ähnlich fatalen Langzeitwirkungen wie Blei halten, und Supermärkte passen sich diesem Trend natürlich an, indem sie ein immer größeres Angebot an glutenfreien Produkten anbieten. Auch die Fernsehwerbung richtet sich darauf aus.
Jacqui hatte auch andere Überzeugungen, über die ich mit ihr nicht diskutieren wollte, weil ich wiederum davon überzeugt war, kein Gespräch auf einer rationalen Basis aufbauen zu können.
Die größte Sehenswürdigkeit, die wir uns in Taupo ansehen wollten, waren die Huka Falls. (Es wird genau so wie das englische Wort hooker ausgesprochen.) Dies ist ein kleiner Wasserfall, der gerade einmal elf Meter hoch ist und deren Wassermassen aus dem Lake Taupo gespeist werden. Es stellte sich heraus, dass wir auf diese doch etwas längere Wanderung nur halbherzig vorbereitet hatten, wenn es um den moralischen oder motivatorischen Aspekt geht. Auf halber Strecke hatte Franziska keine Lust mehr, was nicht zuletzt daran lag, dass wir den Tag über körperlich hart geschuftet hatten und der mehr als einstündige Spaziergang in eine Richtung uns doch einiges abverlangte. Nichtsdestotrotz kamen wir zu dem Entschluss, den Weg bis zum Ende zu gehen. Immerhin garantierte uns niemand, dass der nächste Tag weniger harte Arbeit mit sich bringen würde oder wir uns in irgendeiner Weise fitter fühlen würden. Also stapften wir munter weiter, aßen unsere leckere Wassermelone und kamen schließlich erschöpft an diesem Naturschauspiel an. Meiner Meinung nach war es das wert. Schon von weitem hörte man das Rauschen, als die Wassermassen durch immer engere Steinkorridore gedrängt wurden, um sich schließlich in einem breiten Becken zu ergießen. Als wir schließlich angekommen waren, genossen wir die Aussicht für einige Minuten, machten Fotos und zogen wieder von dannen. Schließlich hatte der Park, in dem der Wasserfall lag, auch seine Öffnungszeiten und wir mussten noch ein ordentliches Stück Wegstrecke hinter uns bringen, um wieder zum Ausgang zu kommen.
An unserem letzten Nachmittag in Taupo begaben wir uns nach getaner Arbeit in die Stadt, um ein Eis zu essen. Es stellte sich heraus, dass die Besitzer der kleinen Eisdiele aus Österreich und Deutschland stammen und in Neuseeland Eis nach italienischem Rezept machten. Das Eis war vorzüglich, die Unterhaltung mit der Verkäuferin amüsant, zumal sich noch weitere Kunden zu uns gesellten, die ebenfalls der deutschen Sprache mächtig waren.
Nach einem sehr kurzen Rundgang durch die Innenstadt beschlossen wir, unser Eis am See zu essen. Die Aussicht war auch viel schöner als die geradlinigen Straßen des Zentrums. Außerdem war es für uns Ausländer schwierig, einen Unterschied zwischen den Innenstädten von Rotorua und Taupo zu sehen. Beide sind gitterförmig aufgebaut, beide haben die gleichen Geschäfte, beide liegen direkt am See. Wir entschlossen uns also einen Spaziergang zum botanischen Garten zu machen, um ein bisschen mehr als Quadrate zu betrachten. Der Garten war eine gute halbe Stunde zu Fuß entfernt, doch wir genossen das Wetter sowie die Aussicht. Als wird dort angelangt waren, wurden wird doch arg enttäuscht. Dieser botanische Garten hatte nicht die erwarteten Beschriftungen vieler verschiedener Pflanzenarten, sondern war einfach nur eine Ansammlung von Grünpflanzen, die sich um eine Straße wanden. Denn durch das abgegrenzte Gelände führte rundum eine Straße, so dass man sich als Besucher alles ansehen konnte, ohne aus dem Auto auszusteigen. Nach wenigen Minuten zogen wir wieder in Richtung Haus, um uns mit dem Abendessen zu beschäftigen.
Da wir auf unserer Reise endlich mal ein bisschen Geld einsparen wollten, beschlossen wir unsere Kosten niedrig zu halten, indem wir für unsere Unterkunft und das Essen arbeiten. Dabei half uns die Seite http://helpx.net besonders. (Eine weitere hilfreiche Seite, die wir von einigen Deutschen im Rock Solid Backpackers bekommen hatten.) HelpX steht natürlich für Help Exchange. Hier kann man Dienstleistungen austauschen, die meistens so aussehen, dass einige Backpacker bei einem Neuseeländer unterkommen, um für ihn einige unliebsame Arbeiten zu verrichten, woraufhin sie wiederum für lau wohnen und essen dürfen. Klingt nach Sklavenarbeit, ist es auch. Nichtsdestotrotz ist es eine hervorragende Möglichkeit, die tatsächlichen Ausgaben gering zu halten, da die größten Kostenpunkte damit abgedeckt werden. Wer noch Souvenirs, Kleidung oder Extras möchte, muss sie sich selbst besorgen; wer das nicht braucht, kann damit sehr weit kommen.
Darüber hinaus ist es die ideale Gelegenheit, mal die Einheimischen kennenzulernen und tatsächlich mal Englisch zu sprechen. Auch wenn viele Leute, die Hilfe suchen, aus verschiedenen Teilen der Welt kommen.
Für unsere erste Helpx-Erfahrung hatten wir eine ältere Dame ausfindig gemacht, die einige Arbeiten im Garten erledigt haben wollte. Sie wohnte in Taupo und brauchte Leute für nur wenige Tage; wir wollten nur wenige Tage in Taupo bleiben, also war der Deal perfekt.

Wir kamen am Samstagmittag an. Da Jacqui allerdings noch an ihrem Markstand war, konnte sie sich nicht direkt um uns kümmern. Sie war allerdings so freundlich uns anzubieten unser Gepäck bei ihr zu lassen, während wir uns den Wochenmarkt und die Umgebung ansahen. Nachdem wir uns unserer großen Rucksäcke also entledigt hatten, drehten wir eine Runde über den wirklich kleinen Markt. Es gab verschiedene Stände, einige mit Lebensmitteln, andere mit handwerklichen Produkten. Der Markt lag auf einer Grünfläche nahe an einem der Flüsse, die aus dem großen See in Taupo fließen. Als wir uns dem Wasser näherten, konnte ich nicht glauben, wie klar und blau das Wasser war. Ich hatte den Eindruck durch einen Saphir hindurch das Flussbett zu sehen.

Nachdem der Markt zu Ende gegangen war, halfen wir Jacqui beim Abbau. Jacqui verkaufte ein Balsam aus der Kawakawa-Pflanze. Diese scheint seit Langem von den Maori eingesetzt worden zu sein, um allerlei Arten von Beschwerden zu heilen. Ein kleines Wundermittelchen. Daneben fanden sich noch Pülverchen und andere Balsame. Außerdem erblickten wir einige kleine Andeutungen einer esoterisch inspirierten Persönlichkeit. Für so einen kleinen Stand, hatte Jacqui ziemlich viel Equipment dabei. Neben Tisch und Stuhl gab es noch einen Sonnenschirm, einige Kästen mit ihren Gütern, Werbekartons und Steine zum Beschweren des Schirms. Als wir das alles in ihr Auto gepackt hatten, blieb nicht mehr genug Platz für uns und unser Gepäck, so dass sie sich anbot, erst die Sachen, inklusive unserer schweren Taschen, nach Hause zu fahren und uns dann wieder abzuholen, wenn der Kofferraum wieder leer wäre. In der Zwischenzeit sollten wir uns die Stadt ansehen. So war es vereinbart, also haben wir es auch gemacht. Also ließ sie uns zweieinhalb Stunden, um die schöne Stadt Taupo zu erkunden. Wir nahmen einfach unsere kleinen Rucksäcke und zogen in Richtung See, weil dies immer ein guter Anfang ist. Unterwegs schnappten wir uns noch einen kostenlosen Stadtplan, erkannten das Gittermuster der Straßen und stellten fest, dass es sehr gut war, nur wenige Tage für Taupo einzuplanen.
Diese Stadt ist winzig. Das Zentrum kann man in einer Stunde durchlaufen, ohne etwas zu verpassen, selbst wenn man sehr langsam geht. Ein Spaziergang um den See hingegen ist eine ganz andere Sache. Immerhin handelt es sich um den größten See Neuseelands, der eine Küstenlänge von 193 km besitzt. An dieses Abenteuer haben wir uns nicht gewagt, da unsere Pläne ein bisschen anders aussahen. Stattdessen schlenderten wir an der Uferpromenade entlang, gingen die Haupteinkaufsstraße runter und spazierten zum Museum sowie Park am Busbahnhof. Damit hatten wir genug Zeit totgeschlagen, um auf unsere Gastgeberin zu warten.
Als Jacqui am vereinbarten Treffpunkt ankam, setzte sie uns darüber in Kenntnis, dass wir noch einkaufen fahren müssten, weil sie nichts für uns im Haus hätte. Zudem informierte sie uns darüber, dass sie im Moment krankheitsbedingt auf einer Diät sei und wir deshalb – glücklicherweise – nicht das gleiche wie sie essen müssten. Stattdessen wollte sie uns alles kaufen, was wir gerne kochen würden, aber sie bat darum, dass wir uns die Speisen selbst zubereiteten. Was hätten wir dem entgegensetzen wollen? Wir waren zufrieden und willigten selbstverständlich ein. Also fuhren wir in einen Supermarkt und kauften, was wir so gerne hätten. Die Fahrt mit Jacquis Auto erwies sich als interessant. Wegen ihres Marktstandes hatte sie die Sitze der Rückbank runter geklappt. Das war für viel Gepäck ganz hilfreich, für zwei Beifahrer allerdings nicht. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich an das Gitter, das Vorder- und Rückbank trennte, zu krallen und zu hoffen, dass alles gut gehen würde – sowohl was Unfälle betraf als auch Polizeikontrollen. Im Supermarkt angekommen kauften wir nicht viel, auch nichts besonders Teures, doch für uns gerade genug. Bei dieser Gelegenheit bekamen wir eine weitere Kostprobe von Jacquis Eigenheiten: Sie bediente sich eines Pendels, um zu entscheiden, ob sie etwas kaufen sollte oder nicht. Es sollte nicht das einzige Erlebnis dieser Art bleiben.
Bei ihr zu Hause angekommen, zeigte sie uns unser Zimmer, das zwar klein, aber ausreichend eingerichtet war. Besonders das große Bett sprach unsere Sprache, da der Tag doch seinen Tribut zu fordern begann. Wir kochten noch etwas Leckeres, bevor wir auch diesen Tag in Ruhe zu Ende kommen ließen. Bei dieser Gelegenheit stellten wir ersten Kontakt mit dem neuseeländischen Fernsehen her.
Franziska fing an, sich für die Serie Neighbours zu begeistern. (Besonders lustig wurde es, als wir irgendwann anfingen die Dialoge umzuschreiben und für die Figuren zu sprechen.) Erstaunlich waren aber andere Eigenheiten: Es gibt viel mehr Werbung als in Deutschland. Innerhalb von dreißig Minuten Sendezeit gab es vier Werbeunterbrechungen. Darüber hinaus sind die Nachrichten äußerst gewalttätig. Während man in Deutschland über bestimmte Ereignisse berichtet, werden sie hier plakativ gezeigt. Da werden Spurensicherungteams bei ihrer Arbeit nach einem Mord gezeigt, wie die Reporter in der Ukraine beschossen werden und weglaufen müssen, oder wie Geiseln zu ihrer Hinrichtung geführt werden. Wer soll sich da noch wundern, dass Menschen abstumpfen? Es war wirklich nicht schön mit anzusehen. Wir, total unvorbereitet, starrten schockiert auf den Bildschirm. Unsere Gastgeberin aber hörte kaum noch hin, sondern wartete nur auf die Wettervorhersage.
Am nächsten Morgen wurden uns dann unsere Aufgaben erklärt. Jacqui wollte ihren Rasen in weitere Eckchen des Gartens lassen, weil es ihr mit der Pflege, insbesondere dem Unkrautrupfen, zu viel wurde. Wir sollten einen Pfad mit Steinen auslegen, die Dellen im Boden begradigen, einige Pflanzen umpflanzen, Gras säen und wofür wir sonst noch Zeit hätten. Das Wichtigste war den Rasen flott zu bekommen.
Franziska sah sich das an und meinte: „Ist in drei Tagen zu schaffen.“ Es war wirklich nicht die Welt, und obwohl wir uns Zeit ließen, waren wir am zweiten Tag praktisch schon durch. Unsere Arbeitszeit beschränkte sich auf vier Stunden pro Tag. Allerdings hatte Jacqui die Angewohnheit, einfache Dinge kompliziert zu machen. So war es nicht genug, dass wir die Erde umgruben, nein, wir mussten sie auch durchsieben, um alte Wurzeln zu entfernen und „das Schlechte“ aus dem Bodenreich zu holen, damit mehr Platz für „das Gute“ blieb. Letztlich bestand sie darauf, dass wir mit einem Bindfaden prüfen sollten, ob die Erde für den Rasen gerade war, und wir die Grassamen mit Erde bedeckten. Leider war sie auch nicht im Besitz einer Schubkarre, die für viele Arbeiten äußerst hilfreich und nützlich gewesen wäre.
Ein solches Beispiel sinnvoller Anwendung für diese Gerätschaft war das Tragen einige Flusssteine vom vorderen in den hinteren Teil des Gartens. Doch in Ermangelung sinnvoller Werkzeuge und Hilfsmittel waren wir auf unsere Muskelkraft angewiesen. Jacqui wäre aber nicht sie selbst, wenn sie nicht auch das komplizierter gestalten könnte. Ihr gefiel der Dreck, der unter den Steinen lag, nicht, also wollte sie, dass jeder Stein abgeklopft wurde, bevor man ihn wegtrug. Sie ging sogar so weit, den Boden unter den Steinen zu fegen, nachdem sie gesehen hatte, dass sich einiger Staub zwischen ihnen angesammelt hatte. Hier möchte ich anmerken, dass der hintere Teil des Gartens mit einer Plastikfolie ausgelegt war, auf die noch Erde kommen sollte. Aber das war nicht mehr Teil unserer Aufgabe. Dass das Unkraut es irgendwie durch zwei Lagen Plastikfolie im Vordergarten geschafft hatte, spielte für sie anscheinend keine Rolle.
Auch ihre Heilmethoden waren mit zweifelhaftem Halbwissen belastet, so dass sie mit ihren Problemen nicht zum Arzt ging, sondern lieber einen Heiler von dubiosem Ruf aufsuchte, der ihre Vermutungen nur bestätigte und ihr irgendwelche Pillen verschrieb, mit denen es besser werden sollte. Da es nicht mein Problem war, wollte ich mich nicht einmischen. Sie versuchte auch uns davon zu überzeugen, dass Gluten für gesunde Menschen schädlich ist, ohne irgendwelche nachvollziehbaren Argumente anzubringen. Es ist schlecht für vollkommen gesunde Menschen. Punkt. An dieser Stelle entschieden wir uns dafür, diese Diskussion nicht weiter zu vertiefen. Allerdings steht Jacqui mit ihrer Meinung in Neuseeland nicht alleine da. Es gibt viele Leute, die Gluten für einen Schadstoff mit ähnlich fatalen Langzeitwirkungen wie Blei halten, und Supermärkte passen sich diesem Trend natürlich an, indem sie ein immer größeres Angebot an glutenfreien Produkten anbieten. Auch die Fernsehwerbung richtet sich darauf aus.
Jacqui hatte auch andere Überzeugungen, über die ich mit ihr nicht diskutieren wollte, weil ich wiederum davon überzeugt war, kein Gespräch auf einer rationalen Basis aufbauen zu können.
Die größte Sehenswürdigkeit, die wir uns in Taupo ansehen wollten, waren die Huka Falls. (Es wird genau so wie das englische Wort hooker ausgesprochen.) Dies ist ein kleiner Wasserfall, der gerade einmal elf Meter hoch ist und deren Wassermassen aus dem Lake Taupo gespeist werden. Es stellte sich heraus, dass wir auf diese doch etwas längere Wanderung nur halbherzig vorbereitet hatten, wenn es um den moralischen oder motivatorischen Aspekt geht. Auf halber Strecke hatte Franziska keine Lust mehr, was nicht zuletzt daran lag, dass wir den Tag über körperlich hart geschuftet hatten und der mehr als einstündige Spaziergang in eine Richtung uns doch einiges abverlangte. Nichtsdestotrotz kamen wir zu dem Entschluss, den Weg bis zum Ende zu gehen. Immerhin garantierte uns niemand, dass der nächste Tag weniger harte Arbeit mit sich bringen würde oder wir uns in irgendeiner Weise fitter fühlen würden. Also stapften wir munter weiter, aßen unsere leckere Wassermelone und kamen schließlich erschöpft an diesem Naturschauspiel an. Meiner Meinung nach war es das wert. Schon von weitem hörte man das Rauschen, als die Wassermassen durch immer engere Steinkorridore gedrängt wurden, um sich schließlich in einem breiten Becken zu ergießen. Als wir schließlich angekommen waren, genossen wir die Aussicht für einige Minuten, machten Fotos und zogen wieder von dannen. Schließlich hatte der Park, in dem der Wasserfall lag, auch seine Öffnungszeiten und wir mussten noch ein ordentliches Stück Wegstrecke hinter uns bringen, um wieder zum Ausgang zu kommen.
An unserem letzten Nachmittag in Taupo begaben wir uns nach getaner Arbeit in die Stadt, um ein Eis zu essen. Es stellte sich heraus, dass die Besitzer der kleinen Eisdiele aus Österreich und Deutschland stammen und in Neuseeland Eis nach italienischem Rezept machten. Das Eis war vorzüglich, die Unterhaltung mit der Verkäuferin amüsant, zumal sich noch weitere Kunden zu uns gesellten, die ebenfalls der deutschen Sprache mächtig waren.
Nach einem sehr kurzen Rundgang durch die Innenstadt beschlossen wir, unser Eis am See zu essen. Die Aussicht war auch viel schöner als die geradlinigen Straßen des Zentrums. Außerdem war es für uns Ausländer schwierig, einen Unterschied zwischen den Innenstädten von Rotorua und Taupo zu sehen. Beide sind gitterförmig aufgebaut, beide haben die gleichen Geschäfte, beide liegen direkt am See. Wir entschlossen uns also einen Spaziergang zum botanischen Garten zu machen, um ein bisschen mehr als Quadrate zu betrachten. Der Garten war eine gute halbe Stunde zu Fuß entfernt, doch wir genossen das Wetter sowie die Aussicht. Als wird dort angelangt waren, wurden wird doch arg enttäuscht. Dieser botanische Garten hatte nicht die erwarteten Beschriftungen vieler verschiedener Pflanzenarten, sondern war einfach nur eine Ansammlung von Grünpflanzen, die sich um eine Straße wanden. Denn durch das abgegrenzte Gelände führte rundum eine Straße, so dass man sich als Besucher alles ansehen konnte, ohne aus dem Auto auszusteigen. Nach wenigen Minuten zogen wir wieder in Richtung Haus, um uns mit dem Abendessen zu beschäftigen.
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