Dienstag, 24. Februar 2015
Rotorua – Februar 2015
atimos, 09:22h
Dann war es an der Zeit unseren französischen Vermieter seinen französischen Mietern zu überlassen und erneut aufzubrechen, um die Weiten dieses Landes zu ergründen. Wir hatten noch sehr viel vor und nicht so sehr viel Zeit. Es gibt verschiedene Mittel und Wege um hier von A nach B zu gelangen und sie unterscheiden sich nur unwesentlich vom Verkehr in Deutschland. Ein eigenes Auto wollten wir uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht anschaffen – wer weiß, was die Zukunft bringt? Die Zugverbindungen sind nur sehr sporadisch gesät, Flughäfen gibt es viele, für kurze Strecken sind sie aber lästig, weil die Flughäfen oftmals außerhalb der Stadt liegen und man länger unterwegs ist als mit einem Reisebus. Der Reisebus war unsere Wahl, nicht zuletzt, weil es den Flexipass von InterCity gibt. Damit kostet die Überfahrt mit der Fähre von Wellington nach Picton ungefähr die Hälfte. Zwischendurch kann man sich noch andere Teile des Landes ansehen. Anstatt jede Fahrt einzeln zu buchen, kauft man eine gewisse Anzahl von Stunden, die man mit verschiedenen Verkehrsmitteln abfahren kann.
Unser nächstes Ziel auf unserem weiten Weg nach Süden war Rotorua. Dieses Städtchen – nach Auckland ist jede Siedlung Neuseelands klein – liegt sehr zentral auf der Nordinsel und ist nur vier Stunden mit dem Reisebus von Auckland entfernt. Nur ist eine absurde Formulierung. Ich weiß gar nicht, wie viele Kilometer wir bereits zurücklegten, seitdem wir neuseeländischen Boden betraten.

Man sollte auf jeden Fall mindestens eine Fahrt mit dem Reisebus in Neuseeland machen; es ist ein unvergesslicher und lustiger Ausflug. Nicht nur, dass der Busfahrer sehr freundlich war – wie alle Neuseeländer, mit denen ich bisher zu tun hatte –, er unterhielt sein Publikum während der Fahrt auch noch mit kleinen Anekdoten und erzählte etwas zu den Landschaften. Außerdem hatte er immer ein offenes Ohr für Fragen und Wünsche. Allerdings ist die Ausstattung der Busse nicht gerade das, was ich erwartet hätte, als ich die Beschreibung las: „Moderne Busse. Wir verfügen über eine Flotte moderner, emissionsarmer Fahrzeuge, die speziell auf neuseeländische Bedingungen zugeschnitten sind.“ Zwar gibt es auf den meisten Linien freies W-Lan, man macht genug Pausen zwischendurch und kann jede Menge Gepäck mitführen, aber das war auch schon alles. Es gibt keine Sicherheitsgurte, außer in der ersten Reihe, die Klimaanlage wird nicht immer eingeschaltet und stellenweise sind die Griffe am Vordersitz abgerissen. Ebenso wenig hat man mehr Beinfreiheit als in Deutschland. Dafür ist die Fahrweise der Busfahrer umso zackiger. Wenn 100km/h erlaubt sind, fährt man sie auch, egal wie hügelig oder kurvenreich die Straße ist. Daran erkennt man, wo Neuseeländer ihre Prioritäten setzen. Dies soll allerdings keine Klage sein, denn wir sind sicher und pünktlich angekommen.
Rotorua ist ein Kurort, der dank seiner schwefelhaltigen heißen Quellen und thermalen Bäder über die Grenzen Neuseelands hinaus bekannt ist. So das Prospekt. Die Stadt ist bis ins letzte Detail konstruiert und streng unterteilt. Da gibt es das Viertel mit den Supermärkten, die fußgängerfreundliche Innenstadt mit den Geschäften (an jeder Ecke prangern mehrere Souvenirläden) und abschließend, ganz nah beim See idyllisch gelegen, das Restaurantviertel. Im Zentrum sind alle Straßen gitterförmig angelegt, so dass man sich manchmal wie auf einem Schachbrett vorkommt. Es gibt unzählige Hotels, Motels und Hostels, um Reisende jeglicher Art und Finanzstärke bedienen zu können. Darüber hinaus sind Touristenattraktionen für jedes denkbare Klientel nicht fern. Einige Reiseunternehmer holen einen sogar vor der Tür des Hotels ab, bevor es dann zu einer Sehenswürdigkeit nicht weit weg von hier geht.
Im Hostel Rock Solid Backpackers (grenzenlose Empfehlung dafür, es ist phantastisch) lernten wir andere Deutsche kennen, die uns Tipps mit auf den Weg gaben. Es ist schwierig, sich daran zu gewöhnen, dass man in Neuseeland ist, wenn alle um einen herum nur Deutsch sprechen. Aber ich möchte noch einige Worte zur Herberge los werden: Sie ist einfach nur genial. Man bekommt unbegrenztes und freies W-Lan, das Personal ist äußerst freundlich – sogar das Housekeeping-Team –, man hat einige Freizeitaktivitäten in der Lounge stehen (Billard, Tischtennis, etc.), in einer geräumigen Küche können mehrere Leute auf einmal kochen, ohne sich im Weg zu stehen, die Zimmer sind relativ klein (das größte war mit acht Betten bestückt) und es ist alles sehr sauber und gepflegt. In Rotorua ist das Hostel die erste Wahl.
Unser Aufenthalt in Rotorua war davon geprägt, dass wir viel unterwegs waren. Wir erledigten den Bürokram, reisten zu Sehenswürdigkeiten und liefen uns die Füße wund. Dies alles in einer Stadt, die man an einem Tag von Nord nach Süd und von Ost nach West durchqueren könnte. Spätestens am zweiten Tag war kein Stadtplan mehr notwendig, denn man findet alles wieder.
Die Bürokratie in Neuseeland scheint auf das Nötigste beschränkt zu sein: Um eine IRD-Nummer zu bekommen, muss man ein Formular ausfüllen und einige Dokumente kopieren. Während die nette Dame bei der Post prüfte, ob alles vorhanden war, unterhielt sie sich mit uns über das Wetter, unseren Aufenthalt, unser Herkunftsland und weitere unverfängliche Themen. Alle Leute waren immer sehr freundlich, überschlugen sich mit Superlativen und lächelten bis über beide Ohren. Natürlich entschuldigten sie sich für Kleinigkeiten, die in Deutschland niemand beachtet hätte: dass ein Kunde länger als dreißig Sekunden warten musste, um bedient zu werden, beispielsweise.
Trotzdem bekamen wir die Unterlagen nicht sofort; dafür ist eine Behörde irgendwo im Nirgendwo zuständig. Diese ominösen Gebilde, die irgendwo im Hintergrund arbeiten und immer dann auftauchen, wenn man nicht mit ihnen rechnet.
Ähnlich verlief unser Termin in der Bank. Da die neuseeländischen Bankangestellten grundsätzlich und immer „äußerst beschäftigt“ sind und „sehr viel“ zu tun haben, kamen wir um einen persönlichen Termin bei Jo nicht herum. Es ging dennoch sehr schnell, da wir schon am nächsten Tag um 14 Uhr bei ihr aufschlagen durften. Wir hatten uns für die ANZ Bank entschieden, da sie keinen Mindestaufenthalt von zwölf Monaten verlangte und eher mit den Konditionen rausrückte als anderer Vertreter ihrer Gattung. Jos Nervosität hinderte sie nicht daran, unsere Fragen zu beantworten, ein bisschen Small Talk mit uns zu betreiben und die ganze Angelegenheit – für zwei Leute wohlgemerkt – innerhalb von 45 Minuten über die Bühne zu bringen. Zwar hatten wir hier sofortigen Zugriff auf unser Bankkonto, konnten aber nicht sofort Geld abheben, da uns die Karte zugeschickt werden würde. Durch zahlreiche Backpacker ständig wechselnde Adressen gewohnt, war es weder für Post noch für Bank ein Problem, dass wir nächste Woche schon nicht mehr in Rotorua sein wollten. Wir sollten dem Hostel unsere nächste Adresse hinterlassen und im schlimmsten Fall wäre es möglich unsere Bankkarten in einer anderen Filiale abzuholen. Erstaunlich ist ebenfalls die legere Kleidung der Bankangestellten. Wo in Deutschland strenge Frisuren und Anzüge das Bild beherrschen, tragen Neuseeländer T-Shirts mit dem Banklogo drauf. Genauso gut hätte ich bei Aral am Tresen stehen können.
SIM-Karten zu bekommen, war noch einfacher: Wir fragten unseren Gastgeber im Aucklander Hostel. Die Karte gab es um sonst, den Tarif mussten wir uns kaufen, was nun wirklich keine Herausforderung war. Eine freundliche Bandansage lotste uns durch alle möglichen Menüpunkte, bis wir das erreicht hatten, was wir wollten.
Nach einer Woche Neuseeland sagte Franzi: „Das ganze Land ist ein riesiger Fun-Park.“ Dies ist nicht übertrieben. In jeder Stadt, jedem Ort und Dorf wird eine Reihe von Attraktionen angeboten, die mit Bewunderung der Natur, Adrenalin oder Spa zu tun haben. Ob Skydiving, White Water Rafting, Base Jumping, Extreme-Mountain Biking oder sonst etwas anderes, das auf –ing endet: Überall findet man dieses einmalige Erlebnis, das man sich nicht entgehen lassen darf. Für kulturell interessierte hat jede Stadt ein eigenes Museum, es gibt Skulpturen auf der Straße und Galerien an verschiedenen Ecken. Selbstverständlich wird es nur hier, nur in diesem Ort und bei diesem Unternehmer, zu einem Spottpreis angeboten. Wer’s glaubt! Rabatte für diverse Events bekommt man direkt bei der Ankunft am Flughafen, wo ein Heft mit dem Titel „Arrival“ die wichtigsten Informationen und Rabattgutscheine für den neugierigen Touristen zusammenfasst. Sollte man dieses Heftchen verpassen, stellt es noch lange kein Hindernis dar. Spätestens wenn man an der Rezeption des Hostels fragt, findet sich ein Gutschein für den jeweiligen Zweck.
Die richtigen Angebote gibt es allerdings bei www.bookme.co.nz. Dies ist eine Internetseite, die tatsächliche Sonderangebote ab 1 NZD bietet. Ob es nun Touren auf dem Land, Wasser oder in der Luft sind, man findet dort so ziemlich alles, was das Abenteurerherz begehrt – wenn man Glück hat. Es versteht sich von selbst, dass diese Angebote nur in begrenzter Anzahl auf den Markt geworfen werden und man zur richtigen Zeit buchen muss, um so ein Schnäppchen zu ergattern. Es ist jedenfalls einen Blick wert.
Straßen- und Ortsnamen in Neuseeland bestehen aus einer kuriosen Mischung aus Englisch und Maori. Da grenzt gerne mal die Victoria Street an die Amohia Street und die Union Street ist nicht weit der Te Ngae Road. Ob es nun an der englischen Aussprache, der englischen Orthographie oder der Maori-Sprache liegt, die Schreibweise der Straßennamen verrät nicht immer, wie sie tatsächlich ausgesprochen werden. In dem Ortsnamen Rotorua, beispielsweise, verschluckt man gerne das zweite O, so dass man eher nach Rotrua fährt. Umgekehrt gibt es verschiedene Aussprachemöglichkeiten für die Stadt Taupo. Während die einen es auf deutsche Art aussprechen würden, bestehen andere darauf, dass es aus ausgesprochen werden sollte, wie die englischen Wörter toe und paw. Bezeichnenderweise sind es die Briten, die letzteres wollen und langsam durchzusetzen versuchen.
Wenn es um Merchandising geht, scheinen die Neuseeländer sich in ihrem Einfallsreichtum zu überschlagen. Wer würde in Deutschland auf die Idee kommen, Zucker mit folgenden Worten zu bewerben?: „Der pure Geschmack hoher Qualität, kristallisierter Weißer Zucker von weltweit ausgewählten Lieferanden. Cane Fields, die natürlich Wahl, wenn man ein Süßungsmittel braucht.“
Dieses unverhältnismäßige Werbegehabe drückt sich auch im mittlerweile nationalträchtigen Symbol des silbernen Farns aus. Wie es dazu kam, dass ein Farn Neuseeland repräsentieren sollte, konnte ich nicht herausfinden, aber er hat eindeutig einen Werbezweck. Es geht so weit, dass dieser Farn mittlerweile auf den Shirts des nationalen Rugby-Teams, heimischer Gütesiegel und den Geldscheinen zu finden ist. Überall stolpert man über das Symbol, selbst wenn man die Augen davon verschließen möchte. Es wird rücksichtslos ausgenutzt, ausgebeutet und ausgeblutet.
Te Puia
Bevor wir unsere Reise nach Neuseeland angetreten hatten, legten wir erst einmal fest, wer was erledigen oder sehen wollte. Jede von uns durfte sich drei Ziele setzen, weil wir davon ausgingen, dass mehr pro Person zu Stress führen würde. Es standen uns immerhin nur vier Monate zur Verfügung. Einer meiner Wünsche war das Maori-Dorf zu sehen.
Das Maori-Dorf klang in meinen Ohren wie die Attraktion schlechthin. Echte Einheimische in ihren traditionellen Hütten bei ihrer traditionellen Arbeit zu sehen und ein traditionelles Essen mit ihnen zu teilen. Wer will das nicht, wenn er nach Neuseeland fliegt? Ein einmaliges Erlebnis.
Bereits in Auckland lernte ich, dass es nicht „das“ Maori-Dorf gab, sondern die Maori-Dörfer. Sowohl Nord- als auch Südinsel bieten dieses Erlebnis an. Allein in Rotorua gibt es vier verschiedene Maori-Dörfer, die man sich zu Gemüte führen kann. Erst war ich überrascht, dann enttäuscht, letztlich überfordert. Was unterschied sie und wo sollte ich nun hingehen? Preislich war kaum ein Unterschied zu merken; alle drehten sich um die 100 Dollar. (Das war, bevor wir einen Rabattgutschein bekamen.) Auch das Programm wies Ähnlichkeiten auf, so dass es schwierig war eine Entscheidung zu treffen.
Nach langer Recherche und ständigem Hin und Her entschied ich mich für Te Puia. Der Name ist ein bisschen irreführend, da es sich dabei nicht um den tatsächlichen Namen des Dorfes handelt. Richtig heißt es: Te Whakerewarewatangaoteopetauaawahiao. Ja, der Reiseführer konnte es problemlos und ohne Zungendreher aussprechen. Neben der Touristenattraktion war das Dorf Teil eines Forschungszentrums. Es lag in der Nähe der Herberge, in der wir untergekommen waren, man konnte sich ein Programm aus verschiedenen Punkten zusammenstellen, es gab ein Kiwi-Haus und Geysire. Auf das traditionelle Essen, Hangi genannt, verzichteten wir. Wir zahlten also nur für den Tagespass, mit dem wir uns das Dorf ansehen konnte – eine Führung war schon inbegriffen – und die kulturelle Darbietung der Maori mit Begrüßungszeremonie, Gesängen und obligatorischem Haka. Es war genau das, was ich mir vorgestellt hatte, und hat mich bestens unterhalten.
Am Anfang der Begrüßungszeremonie kam ein junger Krieger aus dem Haupthaus, vollführte wilde Tänze, schwang einen Speer von links nach rechts und verzog das Gesicht in grotesken Grimassen. Mit diesem Ritual sollte der junge Mann die – hoffentlich friedlichen – Absichten der Neuankömmlinge prüfen und die Stärke seines Stammes darbieten. Nachdem der Stammeshäuptling unserer Truppe – ein männliches Exemplar unserer Touristengruppe – die friedfertigen Absichten seines Stammes bewiesen hatte, durften wir durch den Haupteingang in das Gebäude treten. Unser Häuptling hieß Jim und kam aus China.
Auch hier tauchte der sagenumwobene Farn auf, als der Maorikrieger ihn Jim als Friedensangebot zu Füßen legte. Ich weigere mich standhaft nachzuschlagen, ob die Maori dies schon immer so gemacht haben und der Farn deshalb zum Symbol Neuseelands wurde, oder ob es umgekehrt der Fall ist und die Maori erst den Farn nehmen, nachdem er zu Marketingzwecken eingeführt wurde. Mir ist meine Illusion lieber und ich wünsche keine Aufklärung.
Dann durften wir alle durch den Haupteingang in das Versammlungsgebäude, wo gemütliche Stühle schon darauf warteten, von uns besetzt zu werden.
Die Show der Maori war wirklich herrlich inszeniert. Vor allem ein Herr mittleren Alters vermittelte den Eindruck, sehr viel Spaß bei der Sache zu haben und vollen Herzens dabei zu sein. Er machte seine Späßchen, scherzte mit den Kunden und hatte seine Choreographie hervorragend einstudiert. Auch gesanglich waren die Leute top. Sie trafen die Töne besser als mancher Popsänger, der Platinalben rausbringt. Alles in allem gab es Gesänge, Musik auf traditionellen Instrumenten, Tanzeinlagen und viele große Bewegungen.
Zum Schluss durfte eine Gruppe von Frauen und Mädchen einige Schritte eines traditionellen Tanzes lernen. Ihnen wurden grundlegende Bewegungen beigebracht, simple Instrumente in die Hände gelegt und sie sollten den Anweisungen der Maori-Frau folgen.
Danach waren die Männer dran, die einen Haka aufführen sollten. Unter Anleitung des älteren Maori rackerten sich „unsere“ Krieger ab, während der Maori dem Publikum sein Beileid aussprach und sich bekreuzigte. Es war sehr amüsant inszeniert.
Schön war auch, dass ein kleiner Junge zu Anfang aus dem Publikum gefischt worden war und die ganze Show über auf der Bühne neben den Maori miterleben durfte. Er bekam Instrumente und Waffen in die Hand und machte mit, so gut er konnte.
Um 11 Uhr nahmen wir an der Führung teil.
Ein Museumsangestellter – auch Maori – erklärte uns vieles über die Lebensweise der ersten Siedler Neuseelands, erzählte über alte Schnitzereien, Kanus, die Überfahrt, Theorien, woher die Maori abstammten, und warf immer wieder einen prüfenden Blick zum Geysir, damit wir den Ausbruch auf keinen Fall verpassen würden. Da dies hier ein natürliches Schauspiel war, konnten die Museumsangestellten es auch nicht beeinflussen. Allerdings konnten sie die Zeichen lesen und eine Gruppe über Abkürzungen zu den Feldern führen, damit jeder das Spektakel hautnah erleben konnte. Da die Geysire, drei an der Zahl, sich gerade ruhig verhielten, nahmen wir die lange Route, hielten oft an und ließen uns mit Informationen einrieseln. Es gab ein nachgebautes Dorf, das die Lebensweise der Maori von vor einigen Jahrhunderten nachstellte. Die Hütten waren sehr klein, die Eingänge winzig. Es war alles aus den Materialen hergestellt worden, die auch die Maori damals benutzt hatten. Zwar standen nur wenige fertige Hütten, aber sie vermittelten uns einen prägnanten Eindruck von den damaligen Verhältnissen.
Als nächstes stand das Kiwi-Haus auf dem Programm. Ich war überrascht zu hören, dass der Kiwi-Vogel ein sehr faules Tier ist und 18 bis 20 Stunden pro Tag schläft. Den Rest der Zeit verbringt er mit Futtersuche. Da der Kiwi nicht mehr überall in Neuseeland verbreitet ist und außerdem so viel Zeit mit Schlafen verbringen, wurden wir in ein Gehege eingelassen, um mit ein bisschen Glück ein lebendes Exemplar live zu sehen. Im Kiwi-Haus waren Fotos nicht erlaubt. Außerdem war es darin sehr dunkel, so dass meine Kamera eh kein vernünftiges Bild zustande gebracht hätte. Wir hatten so wie so kein Glück; die Kiwis schliefen. Aber auch dafür hatten die Veranstalter einen Notfallplan: Stuffy. Ein ausgestopfter Kiwi, den eine Angestellte demonstrativ für Fotos hochhielt.

Darauf führte uns unser Guide zu den Schlammbädern, die ihrem Namen, Frog Ponds, nur gerecht wurden: Die Schlammspritzer, die von der Hitze hochgespuckt wurden, erweckten tatsächlich den Eindruck springender Frösche. Der Schlamm dieser Quellen wird heute in der Kosmetik verwendet und soll sehr gut für die Haut sein. Dennoch riet unser Guide uns davon ab, rein zu springen, weil die 90-100° doch ein bisschen heiß sein könnten.
Dann näherten wir uns den Geysiren, die inzwischen begonnen hatten, sich in Bewegung zu setzen. Die Führung kam hier zu einem längeren Halt, da uns erklärt wurde, dass wir uns auf dem Gelände noch ungefähr fünfzehn Minuten aufzuhalten hätten, um den Ausbruch zu sehen. Natürlich wollten wir das Schauspiel nicht verpassen, so dass wir uns noch ein bisschen umsahen, Fotos knipsten, immer wieder mal zu den dampfenden Kratern schielten und dann zurück auf die Brücke gingen, um dem Geysir ganz nah zu sein.
An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass ich so einem Schauspiel noch nie beigewohnt hatte, so dass ich ganz nervös war, weil ich es verpassen könnte. Immerhin wusste ich nicht, wie lange es dauern oder wie weit es sichtbar sein würde oder woran man den tatsächlichen Ausbruch erkannte.
Es stellte sich heraus, dass meine Sorgen völlig unnötig waren. Nicht nur, dass der Geysir nach fünfzehn Minuten Wasserspeierei immer noch nicht fertig war und weiter vor sich hin sprudelte, es war auch mehr als offensichtlich, wann der Ausbruch so richtig begann. Das kleine Blubbern und Plätschern am Anfang entwickelte sich zu meterhohen Fontänen, deren Wassermassen über die umliegenden Steinflächen hinweg spülten. Es brodelte, gluckerte und dampfte. Wasser mischte sich mit Wasserdampf, der Wind trug verschiedene Gerüche von den umliegenden Schwefelfeldern her, das Publikum starrte gebannt auf die Wassersäule, die immer wieder gen Himmel schoss. Ich war begeistert.

Bevor der Geysir wieder zur vollkommenen Ruhe kam, zogen wir weiter. Es gab noch einige Pfade, die wir in Te Puia begehen wollten, also mussten wir ihn verlassen. Da war der Wanderpfad, der durch das Tal führte und einen Blick auf die herrlichen Landschaften zuließ. An einigen Stellen standen Lautsprecher, die in verschiedenen Sprachen (Englisch, Chinesisch, Japanisch, Koreanisch und Deutsch) etwas über die Besonderheiten dieser Stelle erzählten. Die deutsche Sprecherin klang wie eine Aufnahme aus den 50er Jahren. So deutlich habe ich seit Jan Hofer keinen Deutschen mehr sprechen hören. Durch die Sprechweise abgelenkt, weiß ich nicht mehr genau, was die Dame von sich gab, außer dass es um einen bestimmten Baum ging, der in der Gegend gut wachsen konnte, weil er keine tiefen, sondern breit gefächerte Wurzeln schlug, und auf diese Weise nicht so viele Gifte aufnahm. Allgemein waren die Pflanzen im Tal wohl sehr widerstandsfähig.
Nach diesem sehr erholsamen und schönen Rundgang kamen wir ins Dorf zurück, wo noch die Holzschnitzer und Weber auf unsere Besichtigung warteten. Beides war schnell erledigt und so zogen wir weiter, nach Hause. Immerhin war es Zeit für das nächste Essen.
Zwar hatten wir den Bus genommen, um nach Te Puia zu kommen, aber den Rückweg traten wir zu Fuß an. Es war nicht so weit weg. Unterwegs trafen wir noch eines der Mädel, mit dem wir das Zimmer in der Herberge teilten und versuchten sie zur nächsten Bushaltestelle zu lotsen – leider ohne Erfolg, wie wir später erfahren mussten. Sorry.
Hobbiton
Auf Franziskas Wunschliste stand Hobbiton – das Auenland, in dem Herr der Ringe und der Hobbit gedreht wurden. Für all jene, die sich weiterhin den Illusionen der Filmindustrie hingeben möchten, spreche ich hiermit eine Warnung aus: SPOILER ALARM.

Glücklicherweise konnten wir die Reise nach Hobbiton in unserer Herberge buchen. Es war nur eine kleine Anzahlung nötig, den Rest bezahlten wir dann vor Ort. Der Bus fuhr dort ab, wo wir angekommen waren, an der I-Site in Rotorua, und war einfach nicht zu übersehen. Die Info sagte uns, dass ein grüner Bus uns abholen würde. So grün und deutlich hätte ich es jetzt nicht erwartet, zumal in goldenen Lettern „Hobbiton“ darauf prangerte. Davon abgesehen war jeder Bus nach einer der Figuren in den Filmen benannt. Wir fuhren mit Balin.
Der Busfahrer war unterhaltsam, wie man es von den Neuseeländern mittlerweile erwartet, erzählte Geschichtchen, teilte Infos zu Hobbiton, inklusive Karte, aus und war die ganze Zeit sehr freundlich. Nach ungefähr einer Stunde waren wir an unserem Ziel angekommen, wurden kurz in den Souvenirshop gelassen, um dann mit einem exklusiven Guide die Pforten zum malerischen Dörfchen der Hobbits zu durchschreiten.
Unser Fremdenführer, James, enttäuschte uns schon von Anfang, als er die Katze aus dem Sack ließ: Es gibt keine Hobbits. Natürlich waren wir alle sehr geknickt, dies zu hören, aber da keine Kleinkinder in der Gruppe waren, hielten sich die Tobsuchtsanfälle in Grenzen. Jedem in unserer Reisegruppe fiel sofort die Tatsache ins Auge, dass die Türen zu den Hobbithäusern unterschiedliche Größen aufwiesen. Auch das klärte James sofort auf: Wie bei allem im Film ging es hier um die Perspektive. Aufnahmen mit Gandalf wurden vor anderen Hobbittüren gedreht als solche mit Bilbo / Frodo. Die kleinste Tür war 60% groß, die größte 100%. Dazwischen packte man, was gerade benötig wurde. (Frodos und Bilbos Höhle war 100% groß, während man Sam nur 80% gewährte.) Hier warf James noch schnell ein, dass in diesem Hobbiton niemals der Herr der Ringe gedreht worden war. Tatsächlich war das gesamte Set aus nicht sonderlich widerstandsfähigen Materialien gebaut und nach dem Dreh wieder abgerissen worden. Erst als feststand, dass der Hobbit gedreht werden würde, überlegte man sich eine permanente Lösung, um begeisterten Fans einen Zugang zu diesem einzigartigen Set zu ermöglichen.
Außerdem hatten die Bühnenbildner sich größte Mühe gegeben, dieses neue Dorf so alt wie nötig aussehen zu lassen. Da wurde bewusst Farbe abgekratzt, Joghurt aufgetragen (um einen Nährboden für Flächten und Bakterien auf einem Zaun zu kreieren) und Holzstücke schräg abgesägt. Um den einzelnen Häusern noch mehr Leben einzuhauchen, gab es thematische Schwerpunkte: Man traf auf Fischräucherer, Käsemacher, Imker, Bäcker, Schnitzer und viele mehr. Kleine Details schafften eine einzigartig realistische Atmosphäre.
Das Ganze wurde durch den Bau der Schenke Zum Grünen Drachen abgerundet. Sie stand idyllisch am See und war so stimmig eingerichtet, dass sogar die Toiletten an Hobbiton erinnerten. Ein Innenarchitekt hatte dort offensichtlich die Möglichkeit gefunden, sich ungestört auszutoben. Es gab für alle ein Freigetränk; wer mehr wollte, musste dafür bezahlen.
James erklärte uns, dass Jackson bei seiner Standortauswahl nach drei Kriterien gesucht hatte: Hügel, See, Baum. Als er dies auf der Farm der Alexanders gefunden hatte, unterbreitete er ihnen die Geschäftsidee und stellte ihre gesamte Scharffarm auf den Kopf. Unser Guide erklärte uns auch ausführlich, wer wie und wodurch an dem Kuchen beteiligt und wofür zuständig war. Dass hier mehrere Gärtner und Sprinkleranlagen in Betrieb waren, wurde mehr als deutlich. Laut Wetterbericht war dieser Februar einer der trockensten seit Jahren, so dass alle Felder in ganz Neuseeland er golden als grün waren. Außer Hobbiton.
Hobbiton sollte immer und ungeachtet der Witterungsbedingungen den Eindruck erwecken, dass hier das paradiesische Set soeben erst abgebrochen worden war und die Stars noch irgendwo in ihren Campingwagen zu finden waren.
Der Hammer in dieser Konstruktion waren die Pflaumenbäume. Da man festgestellt hatte, dass Pflaumenbäume im Verhältnis zu Hobbits zu groß sein würden, musste ein Ersatz her. Man entschied sich für Apfel- und Birnenbäume einer bestimmten Gattung, weil diese nicht so hoch wuchsen. Natürlich kann man Äpfel und Birnen nicht mit Pflaumen vergleichen, also beschäftigten sich viele Leute damit alle Früchte und Blätter von den Bäumen zu zupfen und diese durch künstliche Pflaumenblätter sowie –früchte zu ersetzen, indem sie sie mit Drähten festbanden. Voilà! Auf diese Art hatte man eine neue Gattung geschaffen.
Genauso falsch waren die Hobbithöhlen. Man bot den Besuchern die Möglichkeit, solch ein Haus von innen zu sehen, doch alle Erwartungen wurden dabei unterboten, denn die Höhlen sind praktisch leer. Es ist gerade einmal genug Platz für die Crew da, um die Fenster von innen schön zu schmücken und einige weitere Details, die nach außen durchscheinen sollen, anzubringen. Ansonsten ist da nichts. Ein bisschen Erde wurde weggeschlagen, ein bisschen Platz ausgeräumt. Die größte Höhle ist immer noch die von Bilbo, was aber den einfachen Grund hat, dass es einige Aufnahmen gibt, in denen Bilbo die Tür aufmacht und man aus dem Haus nach draußen schaut. Es ist gerade einmal genug Platz für Kameramänner, Tontechniker und weitere Mitglieder des Teams. Daher ist Bilbos Haus auch das einzige, in dem der Flur noch so wirkt, als würde tatsächlich jemand darin wohnen. Man sieht den Eingangsbereich, wenn die Kamera von innen auf die Tür hält. Alle Szenen, die in Hobbithöhlen spielen (Küche, Wohnzimmer, Esszimmer, etc.), wurden im Studio in Wellington gedreht.
Hobbiton ist nichts weiter als die Verkörperung einer riesigen Illusion.
Enttäuschend war allerdings, dass man keinen Schritt alleine machen konnte. Zwar ließ James uns ab und zu Zeit, damit unsere Gruppe sich an einer Hobbithöhle umsah, aber es waren immer nur wenige Minuten, bevor er eilig zum nächsten Haltepunkt weiterzog. Nach der Führung durften wir nicht alleine zurück, um in Ruhe Fotos zu machen oder einige Häuser näher zu betrachten. Unter so viel Zeitdruck und mit alle den Menschen um einen herum war es ein großer Abstrich, den wir in Kauf nehmen mussten. Somit war es nur begrenzt Möglich, Fotos aufzunehmen, ohne irgendwelche Fremden vor der Linse zu haben.
Unser nächstes Ziel auf unserem weiten Weg nach Süden war Rotorua. Dieses Städtchen – nach Auckland ist jede Siedlung Neuseelands klein – liegt sehr zentral auf der Nordinsel und ist nur vier Stunden mit dem Reisebus von Auckland entfernt. Nur ist eine absurde Formulierung. Ich weiß gar nicht, wie viele Kilometer wir bereits zurücklegten, seitdem wir neuseeländischen Boden betraten.

Man sollte auf jeden Fall mindestens eine Fahrt mit dem Reisebus in Neuseeland machen; es ist ein unvergesslicher und lustiger Ausflug. Nicht nur, dass der Busfahrer sehr freundlich war – wie alle Neuseeländer, mit denen ich bisher zu tun hatte –, er unterhielt sein Publikum während der Fahrt auch noch mit kleinen Anekdoten und erzählte etwas zu den Landschaften. Außerdem hatte er immer ein offenes Ohr für Fragen und Wünsche. Allerdings ist die Ausstattung der Busse nicht gerade das, was ich erwartet hätte, als ich die Beschreibung las: „Moderne Busse. Wir verfügen über eine Flotte moderner, emissionsarmer Fahrzeuge, die speziell auf neuseeländische Bedingungen zugeschnitten sind.“ Zwar gibt es auf den meisten Linien freies W-Lan, man macht genug Pausen zwischendurch und kann jede Menge Gepäck mitführen, aber das war auch schon alles. Es gibt keine Sicherheitsgurte, außer in der ersten Reihe, die Klimaanlage wird nicht immer eingeschaltet und stellenweise sind die Griffe am Vordersitz abgerissen. Ebenso wenig hat man mehr Beinfreiheit als in Deutschland. Dafür ist die Fahrweise der Busfahrer umso zackiger. Wenn 100km/h erlaubt sind, fährt man sie auch, egal wie hügelig oder kurvenreich die Straße ist. Daran erkennt man, wo Neuseeländer ihre Prioritäten setzen. Dies soll allerdings keine Klage sein, denn wir sind sicher und pünktlich angekommen.
Rotorua ist ein Kurort, der dank seiner schwefelhaltigen heißen Quellen und thermalen Bäder über die Grenzen Neuseelands hinaus bekannt ist. So das Prospekt. Die Stadt ist bis ins letzte Detail konstruiert und streng unterteilt. Da gibt es das Viertel mit den Supermärkten, die fußgängerfreundliche Innenstadt mit den Geschäften (an jeder Ecke prangern mehrere Souvenirläden) und abschließend, ganz nah beim See idyllisch gelegen, das Restaurantviertel. Im Zentrum sind alle Straßen gitterförmig angelegt, so dass man sich manchmal wie auf einem Schachbrett vorkommt. Es gibt unzählige Hotels, Motels und Hostels, um Reisende jeglicher Art und Finanzstärke bedienen zu können. Darüber hinaus sind Touristenattraktionen für jedes denkbare Klientel nicht fern. Einige Reiseunternehmer holen einen sogar vor der Tür des Hotels ab, bevor es dann zu einer Sehenswürdigkeit nicht weit weg von hier geht.
Im Hostel Rock Solid Backpackers (grenzenlose Empfehlung dafür, es ist phantastisch) lernten wir andere Deutsche kennen, die uns Tipps mit auf den Weg gaben. Es ist schwierig, sich daran zu gewöhnen, dass man in Neuseeland ist, wenn alle um einen herum nur Deutsch sprechen. Aber ich möchte noch einige Worte zur Herberge los werden: Sie ist einfach nur genial. Man bekommt unbegrenztes und freies W-Lan, das Personal ist äußerst freundlich – sogar das Housekeeping-Team –, man hat einige Freizeitaktivitäten in der Lounge stehen (Billard, Tischtennis, etc.), in einer geräumigen Küche können mehrere Leute auf einmal kochen, ohne sich im Weg zu stehen, die Zimmer sind relativ klein (das größte war mit acht Betten bestückt) und es ist alles sehr sauber und gepflegt. In Rotorua ist das Hostel die erste Wahl.
Unser Aufenthalt in Rotorua war davon geprägt, dass wir viel unterwegs waren. Wir erledigten den Bürokram, reisten zu Sehenswürdigkeiten und liefen uns die Füße wund. Dies alles in einer Stadt, die man an einem Tag von Nord nach Süd und von Ost nach West durchqueren könnte. Spätestens am zweiten Tag war kein Stadtplan mehr notwendig, denn man findet alles wieder.
Die Bürokratie in Neuseeland scheint auf das Nötigste beschränkt zu sein: Um eine IRD-Nummer zu bekommen, muss man ein Formular ausfüllen und einige Dokumente kopieren. Während die nette Dame bei der Post prüfte, ob alles vorhanden war, unterhielt sie sich mit uns über das Wetter, unseren Aufenthalt, unser Herkunftsland und weitere unverfängliche Themen. Alle Leute waren immer sehr freundlich, überschlugen sich mit Superlativen und lächelten bis über beide Ohren. Natürlich entschuldigten sie sich für Kleinigkeiten, die in Deutschland niemand beachtet hätte: dass ein Kunde länger als dreißig Sekunden warten musste, um bedient zu werden, beispielsweise.
Trotzdem bekamen wir die Unterlagen nicht sofort; dafür ist eine Behörde irgendwo im Nirgendwo zuständig. Diese ominösen Gebilde, die irgendwo im Hintergrund arbeiten und immer dann auftauchen, wenn man nicht mit ihnen rechnet.
Ähnlich verlief unser Termin in der Bank. Da die neuseeländischen Bankangestellten grundsätzlich und immer „äußerst beschäftigt“ sind und „sehr viel“ zu tun haben, kamen wir um einen persönlichen Termin bei Jo nicht herum. Es ging dennoch sehr schnell, da wir schon am nächsten Tag um 14 Uhr bei ihr aufschlagen durften. Wir hatten uns für die ANZ Bank entschieden, da sie keinen Mindestaufenthalt von zwölf Monaten verlangte und eher mit den Konditionen rausrückte als anderer Vertreter ihrer Gattung. Jos Nervosität hinderte sie nicht daran, unsere Fragen zu beantworten, ein bisschen Small Talk mit uns zu betreiben und die ganze Angelegenheit – für zwei Leute wohlgemerkt – innerhalb von 45 Minuten über die Bühne zu bringen. Zwar hatten wir hier sofortigen Zugriff auf unser Bankkonto, konnten aber nicht sofort Geld abheben, da uns die Karte zugeschickt werden würde. Durch zahlreiche Backpacker ständig wechselnde Adressen gewohnt, war es weder für Post noch für Bank ein Problem, dass wir nächste Woche schon nicht mehr in Rotorua sein wollten. Wir sollten dem Hostel unsere nächste Adresse hinterlassen und im schlimmsten Fall wäre es möglich unsere Bankkarten in einer anderen Filiale abzuholen. Erstaunlich ist ebenfalls die legere Kleidung der Bankangestellten. Wo in Deutschland strenge Frisuren und Anzüge das Bild beherrschen, tragen Neuseeländer T-Shirts mit dem Banklogo drauf. Genauso gut hätte ich bei Aral am Tresen stehen können.
SIM-Karten zu bekommen, war noch einfacher: Wir fragten unseren Gastgeber im Aucklander Hostel. Die Karte gab es um sonst, den Tarif mussten wir uns kaufen, was nun wirklich keine Herausforderung war. Eine freundliche Bandansage lotste uns durch alle möglichen Menüpunkte, bis wir das erreicht hatten, was wir wollten.
Nach einer Woche Neuseeland sagte Franzi: „Das ganze Land ist ein riesiger Fun-Park.“ Dies ist nicht übertrieben. In jeder Stadt, jedem Ort und Dorf wird eine Reihe von Attraktionen angeboten, die mit Bewunderung der Natur, Adrenalin oder Spa zu tun haben. Ob Skydiving, White Water Rafting, Base Jumping, Extreme-Mountain Biking oder sonst etwas anderes, das auf –ing endet: Überall findet man dieses einmalige Erlebnis, das man sich nicht entgehen lassen darf. Für kulturell interessierte hat jede Stadt ein eigenes Museum, es gibt Skulpturen auf der Straße und Galerien an verschiedenen Ecken. Selbstverständlich wird es nur hier, nur in diesem Ort und bei diesem Unternehmer, zu einem Spottpreis angeboten. Wer’s glaubt! Rabatte für diverse Events bekommt man direkt bei der Ankunft am Flughafen, wo ein Heft mit dem Titel „Arrival“ die wichtigsten Informationen und Rabattgutscheine für den neugierigen Touristen zusammenfasst. Sollte man dieses Heftchen verpassen, stellt es noch lange kein Hindernis dar. Spätestens wenn man an der Rezeption des Hostels fragt, findet sich ein Gutschein für den jeweiligen Zweck.
Die richtigen Angebote gibt es allerdings bei www.bookme.co.nz. Dies ist eine Internetseite, die tatsächliche Sonderangebote ab 1 NZD bietet. Ob es nun Touren auf dem Land, Wasser oder in der Luft sind, man findet dort so ziemlich alles, was das Abenteurerherz begehrt – wenn man Glück hat. Es versteht sich von selbst, dass diese Angebote nur in begrenzter Anzahl auf den Markt geworfen werden und man zur richtigen Zeit buchen muss, um so ein Schnäppchen zu ergattern. Es ist jedenfalls einen Blick wert.
Straßen- und Ortsnamen in Neuseeland bestehen aus einer kuriosen Mischung aus Englisch und Maori. Da grenzt gerne mal die Victoria Street an die Amohia Street und die Union Street ist nicht weit der Te Ngae Road. Ob es nun an der englischen Aussprache, der englischen Orthographie oder der Maori-Sprache liegt, die Schreibweise der Straßennamen verrät nicht immer, wie sie tatsächlich ausgesprochen werden. In dem Ortsnamen Rotorua, beispielsweise, verschluckt man gerne das zweite O, so dass man eher nach Rotrua fährt. Umgekehrt gibt es verschiedene Aussprachemöglichkeiten für die Stadt Taupo. Während die einen es auf deutsche Art aussprechen würden, bestehen andere darauf, dass es aus ausgesprochen werden sollte, wie die englischen Wörter toe und paw. Bezeichnenderweise sind es die Briten, die letzteres wollen und langsam durchzusetzen versuchen.
Wenn es um Merchandising geht, scheinen die Neuseeländer sich in ihrem Einfallsreichtum zu überschlagen. Wer würde in Deutschland auf die Idee kommen, Zucker mit folgenden Worten zu bewerben?: „Der pure Geschmack hoher Qualität, kristallisierter Weißer Zucker von weltweit ausgewählten Lieferanden. Cane Fields, die natürlich Wahl, wenn man ein Süßungsmittel braucht.“
Dieses unverhältnismäßige Werbegehabe drückt sich auch im mittlerweile nationalträchtigen Symbol des silbernen Farns aus. Wie es dazu kam, dass ein Farn Neuseeland repräsentieren sollte, konnte ich nicht herausfinden, aber er hat eindeutig einen Werbezweck. Es geht so weit, dass dieser Farn mittlerweile auf den Shirts des nationalen Rugby-Teams, heimischer Gütesiegel und den Geldscheinen zu finden ist. Überall stolpert man über das Symbol, selbst wenn man die Augen davon verschließen möchte. Es wird rücksichtslos ausgenutzt, ausgebeutet und ausgeblutet.
Te Puia
Bevor wir unsere Reise nach Neuseeland angetreten hatten, legten wir erst einmal fest, wer was erledigen oder sehen wollte. Jede von uns durfte sich drei Ziele setzen, weil wir davon ausgingen, dass mehr pro Person zu Stress führen würde. Es standen uns immerhin nur vier Monate zur Verfügung. Einer meiner Wünsche war das Maori-Dorf zu sehen.
Das Maori-Dorf klang in meinen Ohren wie die Attraktion schlechthin. Echte Einheimische in ihren traditionellen Hütten bei ihrer traditionellen Arbeit zu sehen und ein traditionelles Essen mit ihnen zu teilen. Wer will das nicht, wenn er nach Neuseeland fliegt? Ein einmaliges Erlebnis.
Bereits in Auckland lernte ich, dass es nicht „das“ Maori-Dorf gab, sondern die Maori-Dörfer. Sowohl Nord- als auch Südinsel bieten dieses Erlebnis an. Allein in Rotorua gibt es vier verschiedene Maori-Dörfer, die man sich zu Gemüte führen kann. Erst war ich überrascht, dann enttäuscht, letztlich überfordert. Was unterschied sie und wo sollte ich nun hingehen? Preislich war kaum ein Unterschied zu merken; alle drehten sich um die 100 Dollar. (Das war, bevor wir einen Rabattgutschein bekamen.) Auch das Programm wies Ähnlichkeiten auf, so dass es schwierig war eine Entscheidung zu treffen.
Nach langer Recherche und ständigem Hin und Her entschied ich mich für Te Puia. Der Name ist ein bisschen irreführend, da es sich dabei nicht um den tatsächlichen Namen des Dorfes handelt. Richtig heißt es: Te Whakerewarewatangaoteopetauaawahiao. Ja, der Reiseführer konnte es problemlos und ohne Zungendreher aussprechen. Neben der Touristenattraktion war das Dorf Teil eines Forschungszentrums. Es lag in der Nähe der Herberge, in der wir untergekommen waren, man konnte sich ein Programm aus verschiedenen Punkten zusammenstellen, es gab ein Kiwi-Haus und Geysire. Auf das traditionelle Essen, Hangi genannt, verzichteten wir. Wir zahlten also nur für den Tagespass, mit dem wir uns das Dorf ansehen konnte – eine Führung war schon inbegriffen – und die kulturelle Darbietung der Maori mit Begrüßungszeremonie, Gesängen und obligatorischem Haka. Es war genau das, was ich mir vorgestellt hatte, und hat mich bestens unterhalten.
Am Anfang der Begrüßungszeremonie kam ein junger Krieger aus dem Haupthaus, vollführte wilde Tänze, schwang einen Speer von links nach rechts und verzog das Gesicht in grotesken Grimassen. Mit diesem Ritual sollte der junge Mann die – hoffentlich friedlichen – Absichten der Neuankömmlinge prüfen und die Stärke seines Stammes darbieten. Nachdem der Stammeshäuptling unserer Truppe – ein männliches Exemplar unserer Touristengruppe – die friedfertigen Absichten seines Stammes bewiesen hatte, durften wir durch den Haupteingang in das Gebäude treten. Unser Häuptling hieß Jim und kam aus China.
Auch hier tauchte der sagenumwobene Farn auf, als der Maorikrieger ihn Jim als Friedensangebot zu Füßen legte. Ich weigere mich standhaft nachzuschlagen, ob die Maori dies schon immer so gemacht haben und der Farn deshalb zum Symbol Neuseelands wurde, oder ob es umgekehrt der Fall ist und die Maori erst den Farn nehmen, nachdem er zu Marketingzwecken eingeführt wurde. Mir ist meine Illusion lieber und ich wünsche keine Aufklärung.
Dann durften wir alle durch den Haupteingang in das Versammlungsgebäude, wo gemütliche Stühle schon darauf warteten, von uns besetzt zu werden.
Die Show der Maori war wirklich herrlich inszeniert. Vor allem ein Herr mittleren Alters vermittelte den Eindruck, sehr viel Spaß bei der Sache zu haben und vollen Herzens dabei zu sein. Er machte seine Späßchen, scherzte mit den Kunden und hatte seine Choreographie hervorragend einstudiert. Auch gesanglich waren die Leute top. Sie trafen die Töne besser als mancher Popsänger, der Platinalben rausbringt. Alles in allem gab es Gesänge, Musik auf traditionellen Instrumenten, Tanzeinlagen und viele große Bewegungen.
Zum Schluss durfte eine Gruppe von Frauen und Mädchen einige Schritte eines traditionellen Tanzes lernen. Ihnen wurden grundlegende Bewegungen beigebracht, simple Instrumente in die Hände gelegt und sie sollten den Anweisungen der Maori-Frau folgen.
Danach waren die Männer dran, die einen Haka aufführen sollten. Unter Anleitung des älteren Maori rackerten sich „unsere“ Krieger ab, während der Maori dem Publikum sein Beileid aussprach und sich bekreuzigte. Es war sehr amüsant inszeniert.
Schön war auch, dass ein kleiner Junge zu Anfang aus dem Publikum gefischt worden war und die ganze Show über auf der Bühne neben den Maori miterleben durfte. Er bekam Instrumente und Waffen in die Hand und machte mit, so gut er konnte.
Um 11 Uhr nahmen wir an der Führung teil.
Ein Museumsangestellter – auch Maori – erklärte uns vieles über die Lebensweise der ersten Siedler Neuseelands, erzählte über alte Schnitzereien, Kanus, die Überfahrt, Theorien, woher die Maori abstammten, und warf immer wieder einen prüfenden Blick zum Geysir, damit wir den Ausbruch auf keinen Fall verpassen würden. Da dies hier ein natürliches Schauspiel war, konnten die Museumsangestellten es auch nicht beeinflussen. Allerdings konnten sie die Zeichen lesen und eine Gruppe über Abkürzungen zu den Feldern führen, damit jeder das Spektakel hautnah erleben konnte. Da die Geysire, drei an der Zahl, sich gerade ruhig verhielten, nahmen wir die lange Route, hielten oft an und ließen uns mit Informationen einrieseln. Es gab ein nachgebautes Dorf, das die Lebensweise der Maori von vor einigen Jahrhunderten nachstellte. Die Hütten waren sehr klein, die Eingänge winzig. Es war alles aus den Materialen hergestellt worden, die auch die Maori damals benutzt hatten. Zwar standen nur wenige fertige Hütten, aber sie vermittelten uns einen prägnanten Eindruck von den damaligen Verhältnissen.
Als nächstes stand das Kiwi-Haus auf dem Programm. Ich war überrascht zu hören, dass der Kiwi-Vogel ein sehr faules Tier ist und 18 bis 20 Stunden pro Tag schläft. Den Rest der Zeit verbringt er mit Futtersuche. Da der Kiwi nicht mehr überall in Neuseeland verbreitet ist und außerdem so viel Zeit mit Schlafen verbringen, wurden wir in ein Gehege eingelassen, um mit ein bisschen Glück ein lebendes Exemplar live zu sehen. Im Kiwi-Haus waren Fotos nicht erlaubt. Außerdem war es darin sehr dunkel, so dass meine Kamera eh kein vernünftiges Bild zustande gebracht hätte. Wir hatten so wie so kein Glück; die Kiwis schliefen. Aber auch dafür hatten die Veranstalter einen Notfallplan: Stuffy. Ein ausgestopfter Kiwi, den eine Angestellte demonstrativ für Fotos hochhielt.

Darauf führte uns unser Guide zu den Schlammbädern, die ihrem Namen, Frog Ponds, nur gerecht wurden: Die Schlammspritzer, die von der Hitze hochgespuckt wurden, erweckten tatsächlich den Eindruck springender Frösche. Der Schlamm dieser Quellen wird heute in der Kosmetik verwendet und soll sehr gut für die Haut sein. Dennoch riet unser Guide uns davon ab, rein zu springen, weil die 90-100° doch ein bisschen heiß sein könnten.
Dann näherten wir uns den Geysiren, die inzwischen begonnen hatten, sich in Bewegung zu setzen. Die Führung kam hier zu einem längeren Halt, da uns erklärt wurde, dass wir uns auf dem Gelände noch ungefähr fünfzehn Minuten aufzuhalten hätten, um den Ausbruch zu sehen. Natürlich wollten wir das Schauspiel nicht verpassen, so dass wir uns noch ein bisschen umsahen, Fotos knipsten, immer wieder mal zu den dampfenden Kratern schielten und dann zurück auf die Brücke gingen, um dem Geysir ganz nah zu sein.
An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass ich so einem Schauspiel noch nie beigewohnt hatte, so dass ich ganz nervös war, weil ich es verpassen könnte. Immerhin wusste ich nicht, wie lange es dauern oder wie weit es sichtbar sein würde oder woran man den tatsächlichen Ausbruch erkannte.
Es stellte sich heraus, dass meine Sorgen völlig unnötig waren. Nicht nur, dass der Geysir nach fünfzehn Minuten Wasserspeierei immer noch nicht fertig war und weiter vor sich hin sprudelte, es war auch mehr als offensichtlich, wann der Ausbruch so richtig begann. Das kleine Blubbern und Plätschern am Anfang entwickelte sich zu meterhohen Fontänen, deren Wassermassen über die umliegenden Steinflächen hinweg spülten. Es brodelte, gluckerte und dampfte. Wasser mischte sich mit Wasserdampf, der Wind trug verschiedene Gerüche von den umliegenden Schwefelfeldern her, das Publikum starrte gebannt auf die Wassersäule, die immer wieder gen Himmel schoss. Ich war begeistert.

Bevor der Geysir wieder zur vollkommenen Ruhe kam, zogen wir weiter. Es gab noch einige Pfade, die wir in Te Puia begehen wollten, also mussten wir ihn verlassen. Da war der Wanderpfad, der durch das Tal führte und einen Blick auf die herrlichen Landschaften zuließ. An einigen Stellen standen Lautsprecher, die in verschiedenen Sprachen (Englisch, Chinesisch, Japanisch, Koreanisch und Deutsch) etwas über die Besonderheiten dieser Stelle erzählten. Die deutsche Sprecherin klang wie eine Aufnahme aus den 50er Jahren. So deutlich habe ich seit Jan Hofer keinen Deutschen mehr sprechen hören. Durch die Sprechweise abgelenkt, weiß ich nicht mehr genau, was die Dame von sich gab, außer dass es um einen bestimmten Baum ging, der in der Gegend gut wachsen konnte, weil er keine tiefen, sondern breit gefächerte Wurzeln schlug, und auf diese Weise nicht so viele Gifte aufnahm. Allgemein waren die Pflanzen im Tal wohl sehr widerstandsfähig.
Nach diesem sehr erholsamen und schönen Rundgang kamen wir ins Dorf zurück, wo noch die Holzschnitzer und Weber auf unsere Besichtigung warteten. Beides war schnell erledigt und so zogen wir weiter, nach Hause. Immerhin war es Zeit für das nächste Essen.
Zwar hatten wir den Bus genommen, um nach Te Puia zu kommen, aber den Rückweg traten wir zu Fuß an. Es war nicht so weit weg. Unterwegs trafen wir noch eines der Mädel, mit dem wir das Zimmer in der Herberge teilten und versuchten sie zur nächsten Bushaltestelle zu lotsen – leider ohne Erfolg, wie wir später erfahren mussten. Sorry.
Hobbiton
Auf Franziskas Wunschliste stand Hobbiton – das Auenland, in dem Herr der Ringe und der Hobbit gedreht wurden. Für all jene, die sich weiterhin den Illusionen der Filmindustrie hingeben möchten, spreche ich hiermit eine Warnung aus: SPOILER ALARM.

Glücklicherweise konnten wir die Reise nach Hobbiton in unserer Herberge buchen. Es war nur eine kleine Anzahlung nötig, den Rest bezahlten wir dann vor Ort. Der Bus fuhr dort ab, wo wir angekommen waren, an der I-Site in Rotorua, und war einfach nicht zu übersehen. Die Info sagte uns, dass ein grüner Bus uns abholen würde. So grün und deutlich hätte ich es jetzt nicht erwartet, zumal in goldenen Lettern „Hobbiton“ darauf prangerte. Davon abgesehen war jeder Bus nach einer der Figuren in den Filmen benannt. Wir fuhren mit Balin.
Der Busfahrer war unterhaltsam, wie man es von den Neuseeländern mittlerweile erwartet, erzählte Geschichtchen, teilte Infos zu Hobbiton, inklusive Karte, aus und war die ganze Zeit sehr freundlich. Nach ungefähr einer Stunde waren wir an unserem Ziel angekommen, wurden kurz in den Souvenirshop gelassen, um dann mit einem exklusiven Guide die Pforten zum malerischen Dörfchen der Hobbits zu durchschreiten.
Unser Fremdenführer, James, enttäuschte uns schon von Anfang, als er die Katze aus dem Sack ließ: Es gibt keine Hobbits. Natürlich waren wir alle sehr geknickt, dies zu hören, aber da keine Kleinkinder in der Gruppe waren, hielten sich die Tobsuchtsanfälle in Grenzen. Jedem in unserer Reisegruppe fiel sofort die Tatsache ins Auge, dass die Türen zu den Hobbithäusern unterschiedliche Größen aufwiesen. Auch das klärte James sofort auf: Wie bei allem im Film ging es hier um die Perspektive. Aufnahmen mit Gandalf wurden vor anderen Hobbittüren gedreht als solche mit Bilbo / Frodo. Die kleinste Tür war 60% groß, die größte 100%. Dazwischen packte man, was gerade benötig wurde. (Frodos und Bilbos Höhle war 100% groß, während man Sam nur 80% gewährte.) Hier warf James noch schnell ein, dass in diesem Hobbiton niemals der Herr der Ringe gedreht worden war. Tatsächlich war das gesamte Set aus nicht sonderlich widerstandsfähigen Materialien gebaut und nach dem Dreh wieder abgerissen worden. Erst als feststand, dass der Hobbit gedreht werden würde, überlegte man sich eine permanente Lösung, um begeisterten Fans einen Zugang zu diesem einzigartigen Set zu ermöglichen.
Außerdem hatten die Bühnenbildner sich größte Mühe gegeben, dieses neue Dorf so alt wie nötig aussehen zu lassen. Da wurde bewusst Farbe abgekratzt, Joghurt aufgetragen (um einen Nährboden für Flächten und Bakterien auf einem Zaun zu kreieren) und Holzstücke schräg abgesägt. Um den einzelnen Häusern noch mehr Leben einzuhauchen, gab es thematische Schwerpunkte: Man traf auf Fischräucherer, Käsemacher, Imker, Bäcker, Schnitzer und viele mehr. Kleine Details schafften eine einzigartig realistische Atmosphäre.
Das Ganze wurde durch den Bau der Schenke Zum Grünen Drachen abgerundet. Sie stand idyllisch am See und war so stimmig eingerichtet, dass sogar die Toiletten an Hobbiton erinnerten. Ein Innenarchitekt hatte dort offensichtlich die Möglichkeit gefunden, sich ungestört auszutoben. Es gab für alle ein Freigetränk; wer mehr wollte, musste dafür bezahlen.
James erklärte uns, dass Jackson bei seiner Standortauswahl nach drei Kriterien gesucht hatte: Hügel, See, Baum. Als er dies auf der Farm der Alexanders gefunden hatte, unterbreitete er ihnen die Geschäftsidee und stellte ihre gesamte Scharffarm auf den Kopf. Unser Guide erklärte uns auch ausführlich, wer wie und wodurch an dem Kuchen beteiligt und wofür zuständig war. Dass hier mehrere Gärtner und Sprinkleranlagen in Betrieb waren, wurde mehr als deutlich. Laut Wetterbericht war dieser Februar einer der trockensten seit Jahren, so dass alle Felder in ganz Neuseeland er golden als grün waren. Außer Hobbiton.
Hobbiton sollte immer und ungeachtet der Witterungsbedingungen den Eindruck erwecken, dass hier das paradiesische Set soeben erst abgebrochen worden war und die Stars noch irgendwo in ihren Campingwagen zu finden waren.
Der Hammer in dieser Konstruktion waren die Pflaumenbäume. Da man festgestellt hatte, dass Pflaumenbäume im Verhältnis zu Hobbits zu groß sein würden, musste ein Ersatz her. Man entschied sich für Apfel- und Birnenbäume einer bestimmten Gattung, weil diese nicht so hoch wuchsen. Natürlich kann man Äpfel und Birnen nicht mit Pflaumen vergleichen, also beschäftigten sich viele Leute damit alle Früchte und Blätter von den Bäumen zu zupfen und diese durch künstliche Pflaumenblätter sowie –früchte zu ersetzen, indem sie sie mit Drähten festbanden. Voilà! Auf diese Art hatte man eine neue Gattung geschaffen.
Genauso falsch waren die Hobbithöhlen. Man bot den Besuchern die Möglichkeit, solch ein Haus von innen zu sehen, doch alle Erwartungen wurden dabei unterboten, denn die Höhlen sind praktisch leer. Es ist gerade einmal genug Platz für die Crew da, um die Fenster von innen schön zu schmücken und einige weitere Details, die nach außen durchscheinen sollen, anzubringen. Ansonsten ist da nichts. Ein bisschen Erde wurde weggeschlagen, ein bisschen Platz ausgeräumt. Die größte Höhle ist immer noch die von Bilbo, was aber den einfachen Grund hat, dass es einige Aufnahmen gibt, in denen Bilbo die Tür aufmacht und man aus dem Haus nach draußen schaut. Es ist gerade einmal genug Platz für Kameramänner, Tontechniker und weitere Mitglieder des Teams. Daher ist Bilbos Haus auch das einzige, in dem der Flur noch so wirkt, als würde tatsächlich jemand darin wohnen. Man sieht den Eingangsbereich, wenn die Kamera von innen auf die Tür hält. Alle Szenen, die in Hobbithöhlen spielen (Küche, Wohnzimmer, Esszimmer, etc.), wurden im Studio in Wellington gedreht.
Hobbiton ist nichts weiter als die Verkörperung einer riesigen Illusion.
Enttäuschend war allerdings, dass man keinen Schritt alleine machen konnte. Zwar ließ James uns ab und zu Zeit, damit unsere Gruppe sich an einer Hobbithöhle umsah, aber es waren immer nur wenige Minuten, bevor er eilig zum nächsten Haltepunkt weiterzog. Nach der Führung durften wir nicht alleine zurück, um in Ruhe Fotos zu machen oder einige Häuser näher zu betrachten. Unter so viel Zeitdruck und mit alle den Menschen um einen herum war es ein großer Abstrich, den wir in Kauf nehmen mussten. Somit war es nur begrenzt Möglich, Fotos aufzunehmen, ohne irgendwelche Fremden vor der Linse zu haben.
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