Montag, 22. Juni 2015
Franz Josef – März-Mai 2015 (Aufenthalt)
atimos, 09:26h

Fortsetzung:
Zurück zur Teepause: Diese scheint in Neuseeland heilig zu sein. Egal ob es regnet, stürmt, schneit oder die Sonne vom Himmel brennt, „morning tea“ findet statt. Daran gibt es nichts zu rütteln. Morning Tea ist ein absolutes Muss, wenn man in Neuseeland dazugehören möchte. Auch wenn man in den meisten Fällen mit Schwarztee abgespeist wird, störte es niemanden, ob man ihn pur, mit Zucker und / oder Milch trinkt. Kaffee ist auch unproblematisch, weil er einfach unter den Begriff „Morning Tea“ gerechnet wird und auch zu der Zeit getrunken werden darf. Dieses allmorgendliche Ritual unterbrach unseren Putzalltag regelmäßig. Zum heißen Getränk wurde auch immer eine beachtliche Anzahl an Süßigkeiten, meist in Form von Keksen, angeboten. Auch wenn der Tag noch so stressig war und alle Räume auf einmal in Rekordtempo gereinigt werden mussten, die Pause wurde eingelegt und wenn sie nur zehn Minuten dauerte.
Dies gab uns die Gelegenheit unsere Mitarbeiterinnen sowie das Chefehepaar kennenzulernen.
Da gab es Wendy, ein Energiebündel, das jede verdrießliche Situation in einem einsilbigen Schimpfwort zusammenfassen konnte. Wenn es mal besonders schlimm war, brauchte sie mehrere Silben. Je länger sie fluchte, um so schlimmer fand sie die Situation. Sie war keck und ehrlich, nie beleidigend oder hinterhältig, und amüsierte uns immer wieder mit ihren Kommentaren und Fragen. Wendy hatte noch nie die Grenzen Neuseelands überschritten und hielt es auch nicht für notwendig, weil die ganze Welt eh zu ihr kam. Backpacker gab es in diesem Land zuhauf und früher oder später stolperte man über sie. Wenn man dann noch so offen und redselig wie Wendy war, konnte man alles über jeden erfahren, ohne jemals den Fuß vor die eigene Haustür zu setzen. Ich mochte sie sehr. Was mich allerdings besonders erstaunte, war ihre Vorliebe fürs Putzen. Sie liebte es wirklich. Wenn sie nach der Arbeit nach Hause kam, putzte sie ihre Bleibe. Ob Küche, Bad oder Betten, sie war in Windeseile durch, ohne dabei an Tempo einzubüßen. Aber sie nahm sehr viel Rücksicht auf uns und überließ uns einen Großteil der Arbeit, damit wir ein bisschen Geld zurücklegen konnten.
Die zweite Kollegin hieß Alex. Sie war recht klein gewachsen, hatte damit aber keine sonderlichen Probleme, nein, sie machte auch Scherze darüber und ließ sich von Wendy’s spitzen Kommentaren nicht aus der Ruhe bringen. Auch wenn sie von Herzen ein liebenswürdiges Wesen war, konnte sie auch mal Krallen zeigen und bei passender Gelegenheit ihren Wortschatz dem von Wendy angleichen. Sie war weniger für die Reinigung der Zimmer als für die Rezeption zuständig, doch in stressigen Zeiten legte sie auch mit Hand an. Als wir eines Tages nur zu zweit im Motel waren, weil wenig zu tun war, vergaß sie nachzusehen, wie viele Kekse für die Teepause noch da waren. Es gab nur noch einen. Da sie selbst keine Süßigkeiten aß, ließ sie mir den Vortritt. Trotzdem war ihr die Situation so peinlich, dass sie sich noch Wochen später dafür entschuldigte. Mit ihr kamen wir auch sehr gut klar.
Dies waren die beiden Festangestellten, die im Motel gegenüber den Hot Pools arbeiteten. Darüber hinaus lernten wir noch Seba kennen, einen Backpacker, der aus Chile kam.
Mit Seba konnte man sich auch gut unterhalten. Er hatte sich bereits hervorragend an die neuseeländischen Gepflogenheiten angepasst und machte Small Talk, wann immer sich eine Gelegenheit dazu bot. Wir erfuhren viel über seine Heimat, seine Reiseziele und eben solche Kleinigkeiten. Er war ein angenehmer Kollege, mit dem man einfach zurecht kam.
Über Anne und Richard, das Ehepaar, das dem Motel als Manager vorstand, schrieb ich an verschiedenen Stellen dieses Beitrags schon genug. Sie waren anstrengend.
Als Nicole, die im Montrose Backpackers arbeitete und lebte, sich nach zweieinhalbmonatigem Aufenthalt im Ort Franz Josef zur Weiterfahrt entschloss, lud Ceasar uns ins King Tiger, ein indisch-chinesisch-thai Restaurant, dessen Name an der gesamten Westküste der Südinsel einen guten Ruf genießt, ein, wo er die Getränke für das Team stellen wollte. Nicole war eine treue und zuverlässige Arbeitskraft, so dass es mit einem einfachen Grillabend nicht getan war. An dem Abend selbst wurde Ceasar erst einmal bewusst, wie wenige Mitarbeiter er noch hatte. Von ehemals dreizehn Leuten waren nur noch vier geblieben. Kurzerhand ändere er seine Pläne und bestellte einen bunt gemischten Vorspeisenteller für alle; Getränke holte man jetzt selbst.
Die kulinarische Mischung des Restaurants klingt abenteuerlich und auch die mangelnde Konkurrenz in der Ortschaft flößt auf den ersten Blick nicht eben Vertrauen ein. Doch der Besitzer wusste schon, was er tat, als er drei Köche verschiedener Nationalitäten einstellte. Bei unserer Fahrt nach Franz Josef hörten wir den Namen King Tiger erstmalig, als der Busfahrer uns einen Besuch des Lokals wärmstens empfahl. Die Vorspeisen an diesem Abend überzeugten uns von der Qualität sowie dem verdienten guten Ruf.
Ich hätte nicht mehr als eine Vorspeise bestellt, weil ich eh keinen großen Hunger hatte, aber diese Einladung ersparte mir die Qual der Wahl. So hatte ich die Möglichkeit alles einmal zu probieren, ohne zu viel zu essen. Es stellte sich heraus, dass das Naan-Brot in seinen verschiedenen Variationen mein Favorit wurde. Keinesfalls soll dies heißen, dass die Wantans, das frittierte Hähnchen oder andere Speisen nicht lecker waren. Alles schmeckte gut bis sehr gut, einschließlich der Edamame, die nun wirklich keine Herausforderung darstellen; Naan hat für mich nur das Rennen gemacht.
Auch wenn ein gutes Essen in meinem Weltbild eine zentrale Rolle einnimmt, lag meine Aufmerksamkeit auch auf den anderen Leuten am Tisch. Auf diese Weise lernten wir vor allem unseren derzeitigen Gastgeber näher kennen. Ceasar liebte die Deutschen. Erika nicht minder. Ihr Traum war es schon seit langem einen großen, gut aussehenden, reichen Deutschen zu heiraten. Stattdessen hatte sie nun Ceasar.
Ceasar äußerte sein besonders Interesse an Deutschland durch seine Begierde die deutsche Sprache mit all ihren Tücken und Grausamkeiten zu erlernen. Unablässig fragte er seine deutschen Helfer nach Worten und Sätzen, die er dann unermüdlich wiederholte, um seine Aussprache zu perfektionieren. Er begann bei den Schimpfworten, daher würde es sich hier nicht geziemen, sein neu erworbenes Vokabular oder seine Fortschritte in der Aussprache wiederzugeben, doch möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass er explizit nach diesen und ihnen verwandten Ausdrückten fragte.
Nachdem unser Host eine recht ansehnliche Menge deutscher Flüche und Beleidigungen zu seiner Zufriedenheit gemeistert hatte, ging er dazu über, die anwesenden Jungs nach Anmachsprüchen zu fragen. Er selbst bezeichnete diese als „Komplimente“. Erika saß ihm nur gegenüber und schüttelte den Kopf. Ceasar lernte, dass Wort „hübsch“ auszusprechen, in dem er einen Schluckauf simulierte. Er konnte es sich trotzdem nicht lange merken. Zu guter letzt bestand Ceasar darauf, noch einen ganz wichtigen Satz zu lernen. Während Nicole sich ein Getränk an der Bar abholte, lernte Ceasar sich gebührlich bei ihr zu bedanken – auf Deutsch natürlich. An einem Punkt schrie Erika Ceasar an, dass sie ihm doch gesagt hatte, sie hätten nach Deutschland auswandern sollen, nicht Neuseeland. Sie mögen Deutsche wirklich sehr.
So floss er dahin, unser Abend, an dem wir frei haben sollten. Ungeachtet dessen, dass das Essen gut war, sehnte ich mich nach einem Abend ohne Termine. Es würde bestimmt noch so eine Gelegenheit kommen.
Es folgen einige Informationen zu unseren Gastgebern: Ceasars kleine Familie besteht aus nur drei Individuen: Cearsar selbst, seiner Frau Erika und dem Welpen Olaf. Olaf war weniger als ein Jahr alt (da wir mehrere Monate in Franz Josef zubrachten, wurde er natürlich mit jedem Tag älter, weshalb eine akkurate Bestimmung hier verfremdend wäre), wurde nach einem Asterix-Charakter benannt und wog ca. 45 kg. Er war Bernhardiner, also auch als Welpe schon riesig. Außerdem war er fluffig und verschmust. Es war ein lang gehegter Traum von Erika, sich so einen Hund anzuschaffen, weil sie in Argentinien sehr beliebt sind. In Neuseeland wurde dies möglich.
Wenn wir schon einmal von unseren Gastgebern reden: Ceasar schien auch überall mitmischen zu wollen. Bei einem gemütlichen Grillabend (davon gab es mehrere) erzählte er uns, was er sich schon alles dank seiner Amateur-Rugby-Karriere gebrochen hatte (Rippen, Nase, Finger), um tags darauf nach einem Rugby-Spiel mit gebrochener Nase nach Hause zu kommen. Er machte sich sogar einen Spaß daraus, sie noch einige Male knacken zu lassen. Darüber hinaus war er bei der freiwilligen Feuerwehr von Franz Josef. Ceasar erzählte uns, dass sie früher zu sechst waren, jetzt aber nur noch fünf Leute sich um die Sicherheit des Örtchens kümmerten.
Erika hingegen war aus anderem Holz geschnitzt und setzte andere Prioritäten. Bei unserem ersten Versuch Scones zu backen, war sie schon begeistert. Bei den ersten Käse-Scones lag sie uns zu Füßen. Es stellte sich heraus, dass Erika alles liebte, was mit Käse überbacken war. Franziska entwickelte eine Bandbreite an herzhaften Backwaren, mit denen Sie unsere Gastgeberin um den Finger wickeln konnte. Erika nahm alles dankend entgegen, stellte dafür aber immer einen Teil der Zutaten, so dass wir alle glücklich und gut verpflegt waren.
Wie schlecht Franz Josef und ich auskommen sollten, wurde schon innerhalb einer Woche nach meiner Ankunft klar. Plötzlich ging mein Laptop kaputt. Eines Tages hing er sich auf, alles gefror und er fuhr nicht mehr ordentlich hoch. Nein, dieser Ort und ich würden nie Freunde werden, zumal die Serie an Pannen sich bei verschiedenen Gelegenheiten wiederholte. Hier eine kurze Aufzählung.
Eines Abends, als Franziska ihre Wasserflasche auffüllen wollte, fiel ihr eine doch eher ungesunde Farbe auf, die die sonst so klare Flüssigkeit angenommen hatte. Da Franziskas Trinkflasche getönt ist, sind wir froh, dass sie es rechtzeitig bemerkte. Wir holten ein Glas, um unsere Vermutung zu verifizieren, und tatsächlich war das Wasser gräulich. Bei genauer Betrachtung fand man eine nicht unerhebliche Menge an Schwebstoffen in dem sonst bedenkenlosen Leitungswasser. Unser Gastgeber war über diesen Zustand bereits in Kenntnis gesetzt worden. Im Laufe des Abends prüften wir immer wieder, wie der Wasserzustand war, nur um nach kurzer Zeit festzustellen, dass das trübe Grau sich zu einem noch trüberen Braun gewandelt hatte. Was hier aus den Rohren floss, kann nur noch mit Schlamm tituliert werden. Glücklicherweise hielt dieser Zustand nicht allzu lange an. Unglücklicherweise lag dies nur daran, dass das Wasser völlig ausfiel. Innerhalb einer Stunde wechselten wir von schlechter Wasserqualität über miserables Gebräu zu gar keinem fließenden Wasser mehr. Unserem Host kann daran allerdings nicht die geringste Schuld gegeben werden, denn wie sich herausstellte, fehlte dem gesamten Ort das lebensspendende Nass. Eine E-Mail informierte alle Einwohner darüber, dass 10 Liter / Sekunde in das den Ort speisende Wasserreservoir einflossen, während 13 Liter / Sekunde daraus geschöpft wurden. Man muss kein Genie sein, um sich die Folgen auszumalen. Kurz gesagt: Wir waren auf Grund gelaufen. Gleichzeitig hatte das dreckige Wasser die Filter der Wasserstation beschädigt, so dass diese ausgetauscht werden mussten. Dies ging nicht von hier auf jetzt, auch wenn die Behörden sich wirklich zügig an die Beseitigung dieser Unannehmlichkeit setzten.
Über mehrere Stunden zog sich dieser beklagenswerte Zustand dahin. Da wir nicht mit so einem Ausfall gerechnet hatten und bis dahin von Leitungswasser zu leben pflegten, saßen wir auf dem Trockenen, insbesondere weil der einzige Lebensmittelladen des Dorfes bereits geschlossen war. Unsere spärlichen Reserven mussten reichen; Körperpflege war nicht möglich, Küchen putzen ebenso wenig. Als das Wasser endlich wieder floss, war es immer noch nicht zum Trinken geeignet, da es sich um Rohwasser handelte. Dank der verstopften Filter befanden sich immer noch besorgniserregenden Schwebstoffe darin.
Ceasar sah sich gezwungen, Wasser für seine Gäste und Angestellten zu kaufen und kostenlos zur Verfügung zu stellen. Kaum dass der Supermarkt geöffnet hatte, holte er mehrere Kanister. Die Kommune reagierte, indem sie einen Tanklaster mit Trinkwasser auf die Straße stellte, der bis zur Behebung des Problems die Bevölkerung versorgen sollte. Es dauerte mehrere Tage, bis die Trinkwasserqualität wieder hergestellt werden konnte.
Danach fanden die Hotel-, Motel- und Was-auch-immer-Besitzer heraus, dass sie auch die Filter in ihren eigenen Gebäuden reinigen mussten, weil diese ebenfalls durch das Dreckwasser verstopft und verdreckt worden waren. Immerhin konnte Ceasar diese Schwierigkeit eigenständig aus dem Weg räumen.
Eines Tages brachen wir nach der Arbeit auf, um einen der zahlreichen Wanderwege dieses Tals in Angriff zu nehmen. Den Canavas Knob Walk, der etwas mehr als eine Stunde hin und zurück in Anspruch nahm. Das Wetter war gut, die Hubschrauberbelästigung dementsprechend hoch, aber es war nicht so drückend heiß, so dass wir uns einen kleinen Aufstieg zutrauten. Von einer Anhöhe aus sollte man einen phantastischen Ausblick auf den Gletscher genießen können, auch wenn man noch weit entfernt war. Zielstrebig stiefelten wir los, überquerten die abenteuerliche Brücke und wandten uns nach rechts, gen Norden, am Fluss entlang. Der Marsch über den Deich war recht angenehm, wir bekamen mal einen anderen Blickwinkel auf das mittlerweile so bekannte Dörfchen und die Bewegung tat gut. Als wir am Fuß des Hügels ankamen, informierte uns ein offizielles Schild darüber, dass dieser Wanderweg vorläufig gesperrt war.

Unser Ausflug nahm ein jähes Ende. So stapften wir ein wenig geknickt wieder zurück. Stattdessen beschlossen wir uns den Hubschrauberlandeplatz anzusehen. Er war laut und stank nach Kerosin – aber so nah war ich bisher noch keinem Helikopter gewesen. Im Internet erfuhren wir später auf der offiziellen Seite, dass der Canavas Knob Walk bis mindestens Mitte 2015 gesperrt bleiben würde, da Steinfälle den Weg unpassierbar gemacht hatten. Enttäuschend.
Nachdem ich mich damit abgefunden hatte, dass ich in Anbetracht der gegebenen Umstände nicht dazu in der Lage sein würde die Probleme meines Laptops zu beheben, suchte ich nach Alternativen Dinge zu erledigen, für die man einen Rechner braucht. Franziska war so freundlich mir ihr Gerät zur Verfügung zu stellen, aber da sie es oft selbst brauchte, wollte ich es nicht dauernd in Beschlag nehmen. Zum Glück war es mir gelungen einige Dateien des täglichen Gebrauchs auf USB-Sticks zu sichern. Mit diesen kleinen Wunderpaketen gerüstet begab ich mir zum Hostel-eigenen Desktoprechner, um einige Dateien zu sortieren und ordentlich zu benennen – und handelte mir bei der Gelegenheit einen Virus ein. Franz Josef meinte es wirklich gar nicht gut mit mir oder meiner Elektronik. In Ermangelung fortgeschrittener Informatikkenntnisse, war ich gezwungen das Virus zu löschen, die Dateien zu sichern, den Stick zu formatieren und die Daten neu aufzuspielen. Meine Begeisterung war unermesslich.
Eines Nachts, es war drei Uhr morgens, hätte ich mir beinahe den Kopf am oberen Bett gestoßen, als ein ohrenbetäubender Lärm das ganze Dorf aus den Federn riss. Der Feuerwehralarm in Franz Josef (und anderen Städten Neuseelands) ist nicht mit dem in irgendeiner deutschen Stadt zu vergleichen. Es ist ein lautes Heulen, das im Bruchteil einer Sekunde seinen vollen Klang entfaltet und nur mit Sirenen zu vergleichen ist, die vor einem Luftangriff der Alliierten warnen. Selbst wenn man den Alarm abstellte, dauerte es eine Minute, bis der Lärm völlig abgeklungen war – von dem Dröhnen im eigenen Kopf ganz zu schweigen. Da die Feuerwehr nur 20 Meter Luftlinie vom Montrose entfernt stand, bekamen wir das unverfälschte Sinneserlebnis geboten. Die Feuerwehr in Franz Josef besteht aus nur fünf Mann, alle sind freiwillig dabei und die Sirene, die automatisch ausgelöst wird, sobald in einem Gebäude der Feuermelder anspring, wird vom ersten Mann vor Ort ausgeschaltet. In dieser Nacht wer es unser Gastgeber, Ceasar. Ein Café auf der Hauptstraße hatte Feuer gefangen und war völlig ausgebrannt. Niemand wurde verletzt und die Feuerwehrmänner konnten Verhindern, dass die Flammen weitere Gebäude beschädigten. Am nächsten Morgen sah man Ceasar allerdings an, dass er nicht viel geschlafen hatte.
All dies klingt, als wäre der Aufenthalt in Franz Josef nichts als eine endlose Tortur für mich gewesen. Dies trifft nicht so ganz zu, denn obwohl ich dem Ort in keiner Weise nachtrauere oder mich dort ansatzweise wohlfühlte, gab es einige schöne Momente.
Beispielsweise hatten wir das Vierbettzimmer, das anfangs so voll war, die meiste Zeit für uns alleine. Lisa zog, einige Tage nachdem wir angekommen waren, aus; Nicole folgte ihr in nicht weiten Abstand. Damit ließ es sich ganz gut leben.
Nachdem wir den Job im Motel sicher hatten, beschlossen wir uns einmal die Woche mit einem Essen auswärts zu belohnen.
Wir aßen Hamburger im KiwiKai, einer Art Grill-Bude, die Fastfood anbietet. Für 12 $ pro Burger hätte ich mehr erwartet; außerdem passte rote Beete nicht zu meinem Burger. Das Essen war fade und verdient keine Empfehlung.
Wir suchten mehrfach die Bäckerei Picnics auf, die damit warb europäisches Gebäck anzubieten – wir suchen immer noch danach. Die neuseeländischen Spezialitäten hingegen waren hervorragend. Einmal gab es Pie, ein anderes Mal nahmen wir Pasteten, beides Köstlichkeiten. Wir versuchten sogar ein Brot aus diesem Geschäft und ja, es verdiente diesen Namen: Es leistete Widerstand, wenn man draufdrückte oder darauf kaute, hatte eine Kruste und hielt länger als eine Stunde satt. Allerdings war es mit 4 $ / 500 g-Laib sehr teuer. Wir bekamen auch oft Doughnuts aus dieser Bäckerei, weil Ceasar damit seinen Dank gegenüber der Mannschaft ausdrückte. Allerdings waren es eher riesige Berlinerballen. Ein solcher Doughnut reicht meist für ein ganzes Lunch. Sie waren sehr lecker.
Unübertroffen an erster Stelle steht allerdings das King Tiger. Nachdem wir bei Nicoles Abschied einen ersten Eindruck von diesem Restaurant erhalten hatten, beschlossen wir eine vollwertige Mahlzeit dort einzunehmen. Zumal sowohl Wendy als auch Alex die Currys dort wärmstens empfahlen. Als wir dann aber an diesem viel zu kleinen Tisch saßen, nahm keine von uns beiden Curry. Stattdessen gab es andere Leckereien, die den Namen mehr als verdienen. Abgerundet wurde das vorzügliche Mahl durch 10% Rabatt, da wir dank unseres Jobs als Einheimische galten – diesen Hinweis hatten wir von unseren Kolleginnen bekommen.
Nicoles Wiederkehren und Wieder-Abschied-Nehmen gab uns die Gelegenheit für noch einen Besuch des King Tiger.
Bei einer anderen Gelegenheit kochten wir eine Mischung aus deutschen, neuseeländischen und chinesischen Gerichten. Durch die hohe Fluktuation an Helfern lernten wir immer wieder neue Leute kennen. Darunter waren auch zwei Chinesen: Becky und Three. Eines Nachmittags verabredeten wir uns zu einem gemeinsamen Essen, zu dem jede Partei einen kleinen Beitrag dazu steuerte. Zugegeben, die Idee war äußerst egoistisch geprägt, da wir beide ein original chinesisches Gericht probieren wollten, um es mit den in Deutschland üblichen Restaurants zu vergleichen. Es war ganz anders und richtig lecker. Wir steuerten Laugenstangen und Pavlova bei. Eine einmalige Kombination, die allen sehr gut schmeckte.
Wir kehrten für ein Lunch ins Full of Beans ein. Die Speisekarte war nicht sonderlich ausgearbeitet, da es sich um ein Café handelte, das eben von Getränken und Kuchen lebte. Aber das Müsli war einfach lecker. Es war auch auf eine ausgefallene Art angerichtet:

Auch im The Landing gönnten wir uns eines Tages ein üppiges Lunch, das für mich wieder zu einem Frühstück wurde. Ich mag Frühstück in seinen vielen Farben und Formen einfach ungemein. Diesmal gab es poschierte Eier auf Toast mit Würstchen. Franziska hatte einen riesigen Burger, den man nur mit Messer und Gabel essen konnte, ohne die Hälfte der Mahlzeit auf sich selbst zu verteilen. Das Essen war sehr gut und handfest.
Ein Problem gibt es aber bei allen neuseeländischen Mahlzeiten: Sie sind nicht salzig. Der Staatsfeind Nr. 1 in Neuseeland ist das Salz, weil es ja so ungesund ist. In Anbetracht der Leute, die ich auf den Straßen Neuseelands sah, würde ich eher Fett und Zucker den Kampf ansagen, aber das ist nur meine Meinung. Vor allem alteingesessene Neuseeländer starrten uns mit Entsetzen auf den Gesichtern an, wenn wir – ordentlich – nachsalzten. Wie oft hörten wir den Ausdruck „But it’s bad for you!“ („Aber es ist schädlich!“)? Anstatt mitzuzählen starrte ich immer wieder verständnislos zurück.
Eines sonnigen Tages entschieden wir uns für einen Spaziergang. Die Arbeit war schnell erledigt, so dass wir noch vor der Mittagszeit zurück im Hostel waren. Da wir das unbeständige Wetter der Region mittlerweile kannten, wollten wir uns die Sonnenstunden nicht entgehen lassen. Ursprünglich war die Ideen den Lake Mapourika zu sehen, Ceasar hatte sich früher angeboten uns hinzufahren, nur um die Aussicht zu genießen, aber er war an diesem Vormittag nicht zur Hand. Laut Ceasar war der See circa fünf Kilometer von Franz Josef entfernt, so dass wir drei Stunden für den Hin- und Rückweg brauchen würden. Es schien uns ein bisschen viel für einen Tag, an dem wir schon gearbeitet hatten, also wollten wir uns in eine Richtung fahren lassen, um dann gemütlich zurück zu schlendern. Nächstes Mal. Also gingen wir stattdessen zum Peter’s Pool. Die Entfernung war nur geringfügig geringer, so dass wir insgesamt mehr als zwei Stunden unterwegs waren. Wir packten uns ein schnelles Lunch, zogen uns gemütliche Kleidung an und stiefelten in südliche Richtung davon.
Die Strecke war durchwachsen. Zuerst mussten wir den Fluss über die abenteuerliche Brücke überqueren,

dann einige Zeit dem Straßenverlauf folgen. Während links von uns der Fluss sanft rauschte, fuhren rechts in unregelmäßigen Abständen Autos vorbei. Untermalt wurde die akustische Kulisse von den allseits präsenten Helikoptern. Über uns ragten zu allen Seiten die Südlichen Alpen in die Höhe. Nach der Hälfte der Strecke trennte sich der Fußgängerweg vom Straßenverlauf und ein sanft gewundener Pfad für Fußgänger und Radfahrer gleichermaßen schlängelte sich durch das urwäldliche Dickicht.

Bäume und Farne umfingen uns, als wir zielstrebig über den Schotterweg stapften. Ab und zu kam man an einem Bächlein vorbei, das munter vor sich hin plätscherte. Klares Gebirgswasser tanzte um blankpolierte Steine. Verschiedene Vögel flogen von Ast zu Ast, von Baum zu Baum. Manchmal war ein fremdartiges Zwitschern oder Rufen zu hören. In den zwanzig zusammenhängenden Sekunden, in denen kein Hubschrauber vorbeiflog, konnte man den Weg mit seiner idyllischen Landschaft sogar genießen. (Ja, gut ich glaube, dass jeder jetzt verstanden hat, wie wenig ich diese Hubschrauber leiden konnte. Ich versuche mich in Zukunft zu zügeln.)
Am Parkplatz, von dem aus mehrere Routen mit verschiedenen Zielen begangen werden konnten, sahen wir uns nur kurz um, bevor wir den Schildern zum Peter’s Pool folgten. Dort wurde uns eine, ich zitiere, „spektakuläre“ Aussicht auf den Gletscher versprochen. Der Peter’s Pool ist ein Überbleibsel des Franz Josef Gletschers. In ferner Vergangenheit reichten die Eismassen bis an die Küste und ragten sogar bis ins Meer hinein. Als der Gletscher sich im Laufe der Jahrhunderte immer weiter zurückzog, hinterließ er mal hier, mal da einige gewaltige Eisklumpen, die tauten und auf diese Art kleine Seen formten. Dieser Teich war also nur ein kleiner Vertreter seiner Gattung.
Wieder ging es durch Wald und Buschwerk und nach kurzer Zeit waren wir an unserem Ziel angelangt. Sogleich nahmen wir eine der beiden Bänke in Beschlag und die Aussicht in uns auf.

Einige Meter vor uns lag der Pool, umrankt von Gras, Schilf, Sträuchern, Büschen und Bäumen, am Horizont erstreckte sich die Bergkette mit dem Gletscher in der Mitte. Ein Entenpaar schwamm bedächtig vorbei. Links davon war der Berg grüngesäumt; rechts sah man die ersten Spuren einer rauen, kahlen Welt aus Stein und Geröll. Die Landschaft spiegelte sich im kristallklaren Wasser. Zugegeben, der Ausblick war schön, aber spektakulär ist anders. Wir hatten recht gutes Wetter, so dass man tatsächlich noch den Bergrücken sehen konnte. Also nahmen wir unser mitgebrachtes Lunch ein, machten einige schöne Fotos und stapften zurück zur Herberge.
Eines anderen Tages, als wir beide frei hatten und das Wetter herrlich war, beschlossen wir diese Gelegenheit zu nutzen, um der größten Touristenattraktion dieses Ortes mal ein bisschen näher zu kommen. Wir packten ein bisschen Proviant, berichteten unseren Gastgebern von unserem Aufbruch und marschierten los. Wie viel Glück wir an diesem Tag hatten, merkten wir erst auf dem Rückweg, als der Regen langsam einsetzte. Während unserer Wanderung hatten wir aber die ganze Zeit Sonnenschein und einen merklichen Wind. Bergwetter ist nun einmal äußerst unbeständig, besonders in Neuseeland. Es war für uns wirklich ein Tag, den wir sehr gut genießen konnten. Nach einer kurzen Rast am Parkplatz begaben wir uns also auf unbekanntes Terrain.
Die Information am Anfang des Pfades setzte uns darüber in Kenntnis, dass die Bedingungen unterwegs gut waren und man auf 500 Meter gefahrlos an den Gletscher herangehen konnte. Zu Beginn stapften wir noch durch den Regenwald, durch den eine breite Schneise geschlagen worden war, um einen vernünftigen Weg anzulegen. Mehrere Menschen fanden hier nebeneinander bequem Platz. Wie zuvor schlängelte der Pfad sich idyllisch durch das Unterholz, bis dieses ein abruptes Ende fand – zusammen mit dem schön gepflegten und ausgebauten Weg.

Was sich vor uns erstreckte war ein Hauch meiner Vorstellung von Neuseeland. Links und rechts von uns türmten sich die waldbewachsenen Berghänge auf; durchbrochen wurden sie mal hier, mal dort von scharfkantigen Felsen; der Weg, kaum mehr als ein unbeschlagener Trampelpfad, wurde nur noch durch brusthohe Poller markiert; Sturzbäche ergossen sich mal in tosenden Kaskaden, mal als dünne Rinnsale zwischen den immergrünen Bäumen. Nicht weit vom markierten Weg ergoss sich einer dieser Sturzbäche in einen Nebenarm des Gletscherflusses. Der relativ kleine Wasserfall, der die letzten Meter dieses Baches bildete, erzeugte ein hohes Zischen, das sich nahtlos in diese abstruse Kulisse einfügte.

Wir waren im Tal angekommen. Einen Steinwurf zu unserer linken lag das Flussbett, das unentwegt eiskaltes Gletscherwasser von der Spitze des Berges zum Meer hin führte. Obwohl es jetzt nur ein schmaler Bach war, zeugte die Landschaft um das breite Flussbett von den gewaltigen Wassermassen, die hier im Frühling über die Steine spülten. Die Ufer um das Flüsschen herum waren tief zerfurcht, Landspitzen zwangen dem Wasser einen neuen Lauf auf, während sie anderenorts vom nassen Element fortgeschwemmt worden waren. Es war eine Momentaufnahme des ewigen Kampfes zweier unerbittlicher Elemente. Um uns herum wuchsen nur noch einige Sträucher, die bald aber auch schwanden. Der tropische Regenwald wurde von einer unwirtlichen und unwirklichen Steinlandschaft abgelöst.

Erbarmungslos und ehrfurchtsgebietend türmten sich die Landmassen um uns herum auf, während wir den Weg immer weiter gingen. Anfangs noch eben und recht einfach zu bezwingen, begann der Pfad sich bald empor zu schlängeln, um dem ewigen Eis auf dem Bergrücken näher zu kommen. Die Steine auf dem Boden waren nur lose, so dass wir auf unsere Schritte achten mussten. Wahrscheinlich waren sie bei der letzten Überflutung der Strecke angeschwemmt worden und würden ebenso einfache bei der nächsten abgetragen werden. Und immer wieder ragten um uns herum imposant einige Felsen wie abgehackt aus dem Erdreich in die Höhe.
Je näher wir unserem Ziel kamen, umso mehr Absperrungen und Warnschilder fanden wir vor. Da der Gletscher sich immer weiter zurückzog, gab es keinen sicheren Weg mehr, ihn über den Landweg zu erreichen. An der letzten Absperrung blieben wir stehen und ließen diese natürliche Sehenswürdigkeit auf uns wirken. Obwohl es hier oben durch einen stetigen Wind sehr kalt war, ließen wie es uns nicht nehmen, ein kleines Picknick zu veranstalten. Allerdings war es schwierig, da uns die trockenen Corn Flakes wegflogen. Zudem gab es dort keine Sitzgelegenheit außer Steinen, von denen nur wenige eine brauchbare Form hatten, um uns dienlich zu sein.

Ich war schlichtweg begeistert und genoss jeden Moment in dieser rauen Umgebung sehr.
Auf unserem Rückweg machten wir noch einen Abstecher zum Sentinel Walk. Von dort aus sollte man einen herrlichen Ausblick auf den Gletscher und seinen Fluss werfen können, und da es nur zwanzig Minuten hin und zurück dauerte, wollten wir es uns nicht nehmen lassen. Ein schmaler, gewundener Pfad führte zu einer Aussichtsplattform auf einer Hügelflanke. Die Aussicht war schön, ja, aber nach dem zuvor begangenen Weg fand ich sie zu idyllisch und ereignislos. Wir waren von immergrünem Wald umgeben, die Plattform war aus Holz, sehr gut befestig, und die Infotafeln wirkten steril. Es wurde dem Gletscher einfach nicht gerecht. Immerhin konnten wir so herausfinden, woher das Dorf Franz Josef seinen Namen hatte: Wie kaum anders zu erwarten war, bezog es sich auf einen Herrscher Österreich-Ungarns, einen der vielen Franz-Josefs. Der europäische Entdecker Julius von Haast gab dem Gletscher 1865 seinen heutigen Namen. Das Dorf im Tal kam erst später hinzu. Die Maori nannten den Gletscher Ka Roimata o Hine Hukatere, was zu Deutsch „Die Tränen von Hine Hukatere“ heißt. Mit diesem Wissen gewappnet, zogen wir zurück in die Herberge.
Es entstand auch mal eine Gelegenheit für einen Ausflug zum Mapourika See gefahren zu werden und zu Fuß wieder zurück zu marschieren. Der Arbeitstag war kurz, das Wetter hervorragend, Ceasar hatte Zeit, optimale Bedingungen. Nach dem Lunch brachen wir auf. Schon auf der Hinfahrt machten sich erste Zweifel breit, ob Ceasars Einschätzung von eineinhalb Stunden für den Weg zu Fuß stimmte. Immerhin fuhr er durchschnittlich 100 km/h über einen Zeitraum von ungefähr fünfzehn Minuten. Aber er bot uns an, dass er uns auch wieder abholen würde, wenn wir es wünschten. Da wir seinen Telefonnummer hatten (besser gesagt: die von Erika), machte ich mir keine Sorgen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich auch noch nicht, wie schlecht die Qualität des Empfangs unterwegs sein würde. Ceasar wollte aber nach uns suchen, wenn wir bis 20 Uhr nicht wieder bei ihm wären. Das war doch locker zu schaffen!
Nachdem wir also einige Tipps von unserem Gastgeber bekommen hatten, was wir uns hier am See sollten, ließ er uns einfach so zurück – auf eigenen Wunsch, versteht sich. Ein schmaler Pfad führte vom Campingplatz durch tief hängende Äste und dichtes Buschwerk zum See. Selbstverständlich war die Aussicht malerisch, ja, ein gefundenes Postkartenmotiv.

Die Neuseeländer verstehen sich hervorragend darauf, ihre Landschaft in Szene zu setzen und sie einem möglichst großen Publikum zugänglich zu machen. Gleich am Ufer stand sogar ein Picknicktisch – bereit eifrigen Reisenden eine Verschnaufpause in idyllischer Umgebung zu gewähren.
Leider war das schon alles.
Obwohl der See sich weit erstreckte, gab es keine Wanderwege an seinem Ufer entlang. Nur die Straße in einigen Metern Entfernung. Wir betrachteten den See mit den Bergen im Hintergrund, machten Fotos (wie man sieht), gingen noch an einem nahe gelegenen Bach entlang und entschlossen uns dann für den Heimweg. Wie bereits erwähnt, gab es nur die Straße, die nicht einmal einen Streifen für Fußgänger aufwies. Neuseeländer bevorzugen selbst für kurze Strecken eine motorisierte Fortbewegung. So marschierten wir mit strammen Schritten am Fahrbahnrand entlang, wobei wir nur kurze Pausen für diverse Fotos derselben Sehenswürdigkeiten (Alpen mit Franz Josef-Gletscher) einlegten. Die Strecke wollte und wollte einfach nicht kürzer werden. Also beschloss Franziska unsere Fortschritte auf der nicht maßstabsgetreuen Karte, die wir bei Ankunft im Montrose Backpackers erhalten hatten, festzuhalten. Bei markanten Landmarken schrieb sie die Uhrzeit dazu und rechnete dann hoch, wie lange wir wohl für den Rückweg brauchen würden. Ihre Einschätzung traf erschreckend genau zu.
Nach eineinhalb Stunden Wanderung in einem Tempo, das alles andere als langsam war, befanden wir uns noch nicht einmal in der Nähe unseres vorübergehenden Heimatortes. Tatsächlich waren wir – gefühlt – näher am See als am heimischen Herd. Glücklicherweise hatten wir einige Knabbereien mitgenommen, so dass wir uns bei Kräften halten konnten. Es gilt zu bedenken, dass das Lunch schon mehrere Stunden zurücklag und wir fast die ganze Zeit zu Fuß unterwegs waren.
Unterwegs begegneten uns keine Fußgänger, bis wir an die Randbereiche von Franz Josef herankamen. Wir hätten mit Sicherheit per Anhalter mitfahren können, aber dann wären wir nicht in der Lage gewesen, Ceasar eine genaue Zeit für unsere Wegstrecke zu nennen. Unseren Gastgeber anzurufen war hingegen den größten Teil der Strecke schlichtweg unmöglich, weil wir keinen Empfang hatten. Es ist schließlich Neuseeland.
Dank unseres Durchhaltevermögens entdeckten wir die entlegensten Teile dieser touristischen Siedlung: Fachgeschäfte und Unterkünfte weit außerhalb des „Zentrums“ schmückten sich mit dem Namen des hiesigen Gletschers. Wir sahen die Dorfschule, eine Farm mit einem Emu, Schafe und europäische Bäume. Alles in allem war es eine angenehme Wanderung, nur mangelte es der Strecke an Abwechslung.
Endlich, nach 2 Stunden 45 Minuten, fielen wir in der Rezeption der Herberge ein und klärten Ceasar über seinen kleinen Irrtum auf. Er war ganz erstaunt – Erika nicht. Woher auch immer Ceasar seine Informationen bezogen hatte, sie waren schlicht falsch. Von nun an konnte er seinen Gästen mit realistischen Zeitspannen aufwarten.
tbc
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