Samstag, 7. März 2015
Hastings – Februar 2015
atimos, 11:11h
Die Fahrt von Taupo nach Hastings war ein Abenteuer für sich. Die Strecke ist wirklich sehr schön, zur richtigen Jahreszeit wahrscheinlich malerisch. Man fährt durch Berge, Täler, an Flüssen entlang, sieht Bergketten im Hintergrund. Herrlich.

Allerdings hat der Busfahrer einen Fahrplan einzuhalten und lässt nur wenige Sachen zu, die ihn davon abhalten könnten. Da es allerdings einige Tagesbaustellen auf der Strecke gab, musste unser Fahrer die Zeit irgendwie aufholen. Dementsprechend zügig war seine Fahrweise, so manches Mal dachte ich an das Wort „rasant“. Trotzdem hatten wir ungefähr dreißig Minuten Verspätung, was nicht zuletzt daran lag, dass der entgegenkommende Bus auch zu spät am vereinbarten Rastplatz angekommen war. Die Fahrer wechselten dort die Fahrzeuge, nur deshalb ist es erwähnenswert.
Nach und nach gewöhne ich mich an den Linksverkehr in Neuseeland. In der ersten Woche lernte ich zuerst nach rechts zu sehen, wenn ich die Straße überquere. Seit der zweiten Woche gewöhnte ich mich daran, dass die Leute links fahren, auch wenn es mich immer noch erstaunt, dass die Straßenschilder auf der linken Seite stehen. Aber dass der Fahrer auf der rechten Seite des Fahrzeugs sitzt, erscheint mir immer noch seltsam, obwohl ich schon mit einigen Leuten mitgefahren bin.
Am Busbahnhof Hastings wurden wir von Brendon abgeholt, weil weder Bus noch Zug vor der Tür, nicht einmal in der Nähe vom Haus der Thoms hielt. Tatsächlich waren wir noch ungefähr zwanzig Minuten vom Anwesen entfernt, das sich irgendwo im Nirgendwo befand. Sogar bis zum nächsten Nachbarn muss man mit rund 15 Minuten Fußweg rechnen. Mal davon abgesehen, dass man alle Häuser in der Nähe an einer Hand abzählen kann. Damit einher geht eine gewisse Unzulänglichkeit, was Telekommunikationsverbindungen angeht, so dass wir für fast zwei Wochen gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten waren. Es war wirklich lustig dabei zuzusehen, wie mein Handyempfang immer weniger wurde und der Winkel, wie ich das Gerät hielt, darüber entscheiden konnte, ob dieser eine, klitzekleine Balken noch vorhanden war oder nicht. Ich drehte mich einfach nur nach links oder rechts und es ging nichts mehr. Ähnlich war es mit dem Internet: Zwar hatten unsere Gastgeber eine Verbindung, aber sie lief über Satellit und hatte ein beschränktes Volumen, so dass wir gebeten wurden, nicht allzu viel in den Weiten der Virtualität anzustellen. Um ihren Wünschen Folge zu leisten, beschränkte ich mich auf die Planung unserer weiteren Stationen.

Auf dem Grundstück mit dem pittoresk klingenden Namen Te Kahu angekommen, wurden wir von Cherie – Brendons Frau – und Poppy – dem Haushund – begrüßt. Hierbei möchte ich erwähnen, dass Poppy zwar wesentlich mehr Begeisterung an den Tag legte, als wir aus dem Auto stiegen, Cherie dafür aber wesentlich hilfreicher war. Ohne Umschweife führte Cherie uns durch die verschiedenen Teile des Hauses: im Gästehaus sollten wir wohnen, das war der Weg zur Garage, hier fanden wir Essen, da gab es Hühner, dort den Teich, hier drüben Himbeeren, Salat, Mais, Tomaten, etc… und vieles mehr. Tatsächlich machte sie es sehr zielstrebig und professionell. Für uns war es mehr ein unaufhörlicher Strom an Informationen. Wir verstanden vieles, bekamen aber nicht alles mit.
Den Abend durften wir uns selbstverständlich frei nehmen, um unsere Sachen zu sortieren und anzukommen. Für das Abendessen drückte Cherie uns noch eine Schüssel mit verschiedenen Lebensmitteln in die Hand und schickte uns zurück in unsere kleine Hütte, wobei sie anmerkte, dass sie uns am nächsten Tag um 8:30 Uhr fertig vor dem Haus sehen wolle. Sie ist sehr direkt, dabei aber nie unhöflich – beides sehr gute Eigenschaften. Spätestens an diesem Punkt waren wir erst einmal baff. Wir hatten tatsächlich ein eigenes kleines Ferienhaus zur freien Verfügung. Es gab hier alles, was man brauchte, und noch mehr: Schlafzimmer mit Doppelbett, Kommode und Waschbecken; Bad mit Dusche; Wohnküche mit Esszimmertisch, Fernseher, Bücherregal und jeglicher Ausstattung, die nötig werden könnte. Wo waren wir hier gelandet? Und würden wir hier überhaupt weg wollen? Franziska mahnte, den Tag nicht vor dem Abend zu loben.
Um den Tag richtig beginnen zu können, fingen wir mit einen ordentlichen English Breakfast an: Würstchen, Ei, Baked Beans und Tee.

Da das Wetter sich hervorragend dafür eignete, saßen wir bei der Mahlzeit auf unserer eigenen Terrasse. An diesem Morgen waren wir pünktlich, wie nur Deutsche es sein können, und standen um 8:25 Uhr vor der Tür. Poppy war überglücklich uns zu sehen, aber das ist keine Herausforderung, weshalb wir uns nichts darauf einbildeten. Cherie begrüßte uns mit der Frage, ob wir für die langweiligste Aufgabe auf der Welt bereit wären. Zu diesem Zeitpunkt dachten wir noch, sie würde übertreiben, doch wir sollten ihr in den nächsten Tagen dankbar für diese Warnung sein.
Cherie und Brendon bauen sehr viel Obst und Gemüse für den Eigenbedarf an. Wie bereits oben erwähnt gibt es unter anderem Himbeersträucher, Tomatenpflanzen, Mais und vieles mehr. Zu diesem Mehr zählen auch dreizehn Reihen mit Weintrauben. Gerade als wir angekommen waren, begannen diese Trauben zu reifen und ihre schöne, tief dunkle Farbe anzunehmen. Natürlich freute Brendon sich sehr darüber, weil er daraus einen eigenen Wein herstellt. Dummerweise freuten sich auch die Vögel sehr darüber, weil sie sich ordentlich die Bäuche vollschlagen konnten. Das wiederum gefiel Brandon gar nicht, denn immerhin ging es um Wein, und da hörte der Spaß auf. Ergo hatten die Thoms die Gewohnheit angenommen, Netze über die reifenden Weinstöcke zu legen – besser gesagt: legen zu lassen. Cherie erklärte uns, dass eben dies unsere Aufgabe für die nächsten Tage sein würde.
So begannen einige Tage des Hockens, Kniens, Rutschens und Krabbelns. Es war keine schwere Arbeit, ebenso wenig braucht man eine fundierte Ausbildung dafür, zumal niemand von uns Akkordarbeit oder ein gewisses Pensum pro Tag erwartet. Nun gut, wir sollten vier Stunden unserer Zeit opfern, um dafür das tolle Ferienhaus und reichlich Essen – zumeist aus dem eigenen Garten – zu bekommen. Das war auch schon alles. Aber Cherie hatte recht: Interessant ist anders. Nichtsdestotrotz folgten wir ihren Anweisungen und arbeiteten die Reihen immer weiter ab, wobei wir täglich dabei zusehen konnten, wie die Früchte mehr und mehr Farbe bekamen.
Als wir am ersten Tag mit der ersten und längsten Reihe fertig waren, gingen wir zurück zum Haus, weil wir einige Fragen hatten. Doch Cherie ließ uns nicht einmal die Gelegenheit, diese zu stellen, da sie uns bekanntgab, dass es eine gute und eine schlechte Nachricht gab. (Ich weiß bis heute nicht, welche welche war.) Sie hatte für das bevorstehende Wochenende eine Buchungsanfrage für die Ferienwohnung bekommen, so dass wir zu ihr und Brendon ins Haus würden ziehen müssen. Dort gab es ein kleines Gästezimmer mit zwei Betten und gerade genug Platz für unser Gepäck. Also durften wir jetzt das Bett im Ferienhaus abziehen, neu beziehen, umziehen, das Häuschen reinigen und ihr dann beim Hausputz helfen. Es war doch recht überschaubar. Der Abend gehört uns, wobei sie nicht vergaß uns ein einfaches, doch sehr leckeres Essen zu bereiten.
So zogen sich die Arbeitstage hin, wir schafften eine Reihe nach der anderen und verlagerten einige Arbeitsstunden in die Nachmittagszeit, weil die gnadenlose Sonne mittags einfach nur zu heiß war, um auch nur einen Finger krumm zu machen, geschweige denn die Knie. Daher beschwerte sich auch niemand, wenn wir eine Siesta einlegten. Ganz im Gegenteil: Wir wurden mit einem satten Lunch belohnt. Cherie beklagte sich sogar, dass sie uns nicht aus dem Bett werfen müsse, wie es bei manch anderen Helfern schon der Fall gewesen ist, weil wir immer vor ihr wach wären.
Bereits nach kurzer Zeit hatten wir uns an die Umgebung gewöhnt. Wir standen morgens auf, erledigten unsere Aufgaben gemächlich und in aller Ruhe, klaubten uns an Essen zusammen, worauf wir gerade Lust hatten (die Himbeerbüsche sahen jeden Tag kahler aus), und setzten uns zu den großen Mahlzeiten zusammen. Abends wurden Franziska diverse Liköre zur Verkostung angeboten – alle aus eigener Produktion, versteht sich. Einige Sachen davon wird sie bestimmt nicht vergessen. Derweil gab ich mich mit dem zahlreichen Angebot an Marmeladen, Obst und Honig zufrieden.
Dann, eines verhängnisvollen Samstages, als die Sonne erbarmungslos auf die Erde niederbrannte, kein Wölkchen den Himmel trübte, erschienen zwei mysteriöse Gestalten, ganz in Weiß. Sie stapften die Auffahrt herunter, dünne Rauchwolken krochen vor ihnen her, und schienen nur ein Ziel zu haben: die Bienenstöcke!

Brendon hatte es mir gestattet, ihn bei seiner Prüfung der Bestände zu begleiten. Bereits beim Lunch erzählte er mir einiges über Bienen im Allgemeinen und seine Bienenvölker im Speziellen, so dass ich mit den wichtigsten Informationen versehen war, bevor ich in diesen astronautenähnlichen Anzug gesteckt wurde. Das Anlegen dauerte genau so lange wie das Finden passender Schuhe für mich, doch als auch dieses Hindernis überwunden war, stand dem Spaziergang nichts mehr im Wege. Ich war für das Beräuchern – oder puff-puff, wie Brendon es auf Englisch nannte – der Bienen zuständig, während er den schwierigen Part übernahm, die Stöcke öffnete und die einzelnen Rahmen herausnahm, um zu sehen, wie viel Honig sie angesammelt hatten und wie viele der einzelnen Waben mit Nachwuchs gefüllt waren. Viele Bienen schwirrten um uns herum, es brummte und summte; auf den Rahmen tummelten sich die Arbeiterinnen; alles war sehr geschäftig. Die Königin haben wir nicht gesehen, was nicht nur daran lag, das sie nicht markiert ist, sondern auch daran, dass wir nicht nach ihr suchten. Brendon war mit dem Fortschritt in den drei Stöcken zufrieden und ließ die kleinen Tierchen in Ruhe. Seiner Meinung nach könnte er Ende März wieder Honig ernten. Er arbeitete zügig und zielsicher, woraufhin ich ihn fragte, ob er keine Angst hätte, eine der Bienen zu zerquetschen. Darauf antwortete er lapidar: „Nein, hier gibt es rund 60.000 von ihnen.“ Wir sprachen nur von einem Volk. Leider stellte sich heraus, dass ich keine natürliche Begabung für das Räuchergerät habe, weil es unter meine Aufsicht mehrmals aus ging. Ich habe noch viel zu lernen. Nichtsdestotrotz fand ich den Ausflug phantastisch und bin immer noch begeistert, wenn ich daran zurückdenke. Danach hatte ich mir die Dusche redlich verdient.
Danach bekam Franziska eine Anleitung, wie man Alkohol selbst herstellt. Besser gesagt: Brendon erklärte ihr, wie er seine Weine und Liköre macht. Um dem ganzen noch einen drauf zu setzen, setzten wir tags darauf gleich einen Pflaumenlikör an. Brendon und Cherie pflückten die Pflaumen, während wir noch mit den Weinreben beschäftigt waren. Nach der Mittagspause durften wir dann mit anpacken. Brendon bereitete den Alkohol vor, stopfte Pflaumen in Gläser, schüttete Zucker hinzu und ließ uns schütteln. Dabei erklärte er, wie das Verhältnis von Alkohol zu Pflaumen zu Zucker sein sollte, wieso er ausgerechnet diese Art Pflaumen nahm und was für Liköre er auf diese oder ähnliche Weise bereits hergestellt hatte. Franziska schien so begeistert wie ich mit den Bienen. Darüber hinaus empfahlen Brendon und Cherie uns das Edmond’s Cookery Book. Es ist schlichtweg DAS Kochbuch, wenn es um neuseeländische Gerichte geht. Natürlich müssen wir es haben.
Besonders lustig waren die Unterhaltungen mit Cherie und Brendon. Nicht nur, dass sie uns gerne jede Frage beantworten, auf die sie eine Antwort wussten, sie haben auch einen hervorragenden, dunklen Sinn für Humor. Vor allem bei Cherie muss man darauf achten, was sie sagt, weil man sonst einen Spaß zu ernst nehmen könnte. Sie drohte uns bereits mit beidem: Adoption und Entführung. Wenn es allerdings so weiter geht, wird keins von beidem nötig sein, weil wir hier freiwillig bleiben werden, um weiterhin so gefüttert zu werden. Bestechung ist hier der treffende Ausdruck. Himbeeren für mich, himmlische Pflaumen für Franziska, dann noch Äpfel, Pfirsiche, Zucchini, Tomaten, Mais und ich weiß gar nicht, wo aufhören soll. Darüber hinaus ist Brendon ein begeisterter Koch, der noch dazu sein Handwerk versteht und sich gerne international orientiert. Wir bekamen ein so zartes Hammelgericht vorgesetzt, dass das Fleisch im Mund zerfiel. Würstchen aus Schwein und Geflügel mit einer selbstgemachten Tomatensauce auf Nudeln. Eines Tages gab es Pie, eine Pastete im Blätterteigmantel. Gegrilltes Gemüse mit gekochten Maiskolben. Einfach nur köstlich.
Was ich an dieser Stelle auf gar keinen Fall vergessen darf, ist die selbstgemachte Pavlova von Cherie. Über die Pavlova gibt es seit Jahren Streit zwischen Australien und Neuseeland, wer sie denn als erstes gemacht hat, woher sie also stammt. Irgendwann hatte irgendjemand entschieden, dass dieser Verdienst den Neuseeländern zusteht. In dem Moment war es uns relativ egal, da wir sie einfach nur probieren wollten. Eine Pavlova ist ein Dessert. Man kann sie keinesfalls als Kuchen bezeichnen, da jeglicher Teig fehlt. Es ist gebackener Eischnee mit einer Schicht aus steif geschlagener Sahne, die dann mit Obst bedeckt wird. Deliziös! (Das Rezept dafür steht im Edmond‘s Kochbuch.)
All dies Geschreibe klingt so, als würden wir hier nichts anderes machen als essen. Tatsächlich fehlt hier irgendwo im Nirgendwo ein bisschen Abwechslung, und die Mahlzeiten strukturieren den Tag besser als das Fernsehprogramm. Darüber hinaus ist es allerdings auch so, dass die Arbeit an der frischen Luft ihren Tribut fordert und Franziska mittlerweile so viel essen kann wie ich. Es kam schon mehr als einmal vor, dass sie sich nach der Mahlzeit im großen Haus ein weiteres Toast schmierte. Wenn man allerdings den Nahrungsgehalt neuseeländischer Lebensmittel bedenkt, wundert man sich eh, wie die Leute von nur drei Mahlzeiten leben können. Die Milch hat 0,2% Fett, der Schinken 50% Fleisch, das Salz nur 33% Salz und das Brot ist Low Carb. Anscheinend leben die Einheimischen von Luft und Sonnenschein, denn sogar ihr Wasser verkauft die Regierung jetzt an China, wodurch vielen Landbesitzern und Farmern der Wasserhahn für die Bewässerung der Pflanzen abgedreht wurde.
In dieser Zeit wurde Franziska der Kontakt zu ihrer neuen Lieblingsserie, Neighbours, sichtlich erschwert, weil die Sendezeit sich mit unserem Dinner überschnitt. Die Trauer darum hielt sich in Grenzen, so lange Brendon kochte; bei Cheries Künsten war es schon anders. Sie kocht nicht schlecht, das möchte ich damit nicht zum Ausdruck bringen. Aber sie sagt auch von sich selbst, dass sie sich keine Gedanken übers Essen macht, bis ihr Magen knurrt. Brendon hingegen plant schon tags zuvor, was er kochen wird, und richtet den Tag danach aus. Dementsprechend sind die Unterschied in ihren Fähigkeiten. Doch Franziska fand eine neue Passion, die sie sehr gut mit den Thoms und deren Essgewohnheiten unter einen Hut bekommen konnte: Cricket.
Dieses in Deutschland doch sehr unbekannte Spiel zählt hier am anderen Ende der Welt zu den wichtigsten Sportarten überhaupt. In Australien ist es Nationalsport, in Neuseeland steht nur Rugby drüber. Franziska hatte es sich zur Aufgabe gesetzt, dieses Spiel zu verstehen. Cherie wünschte ihr viel Glück dabei, meinte aber im zweiten Satz, dass wir, selbst wenn wir jetzt nach Neuseeland ziehen und uns nur noch mit den Cricket-Regeln beschäftigen würde, keine Chance hätten, die Sportart zu verinnerlichen. Man hat Bowler, Schläger, Feldleute, ein großes Feld, einen Ball, einige Stäbe – man merkt schon, dass ich mich nur am Rande damit befasste – und zwei Teams. Die Schiedsrichter sehen mit ihren Hüten und roten Hemden wie Kanadische Mounties aus. Es geht darum, mehr Punkte als der Gegner in einer bestimmten Anzahl von Runden zu bekommen. Natürlich gibt es Unterbrechungen für Lunch, Tee und Abendessen, weil das Spiel sich über ungefähr acht Stunden zieht – und das ist nur die Kurzversion. Das lange Spiel dauert fünf Tage und wird nicht im Fernsehen übertragen. Während wir auf der Nordinsel verweilten, fand gerade die internationale Meisterschaft statt, deren Abschluss in Wellington stattfinden würde.
Natürlich ließen wir es uns auch nicht nehmen, den kleinen Pool auszuprobieren, der vor dem Haus der Thoms steht. Es ist ein überdimensioniertes Planschbecken, aber es reicht vollkommen aus, um sich bei 32° abzukühlen.
Eines Abends ließ ich es mir nicht nehmen nach draußen zu gehen, um mir den Sternenhimmel anzusehen. Ich stellte mir einen Haufen Sterne vor, von denen ich nicht einen benennen konnte. Welch Aufregung, welch Neuerungen. Welcher Unglaube muss auf meinem Gesicht gestanden haben, als ich in dem Meer an Punkten Orion erkannte! Ich stockte. Bildete ich mir etwas ein oder war die Konstellation wirklich von der Südhalbkugel aus zu sehen? (Ich erfuhr, dass letzteres der Fall war und Orion für ca. einen Monat hier nicht sichtbar war. Meine Enttäuschung war groß.) Das Kreuz des Südens habe ich bis heute nicht gefunden, weil mir niemand erklären konnte, wo ich suchen sollte.
Wir hatten sporadischen Kontakt zur Zivilisation: Manchmal kam ein Nachbar herüber, um einige Neuigkeiten auszutauschen. Natürlich wurden wir allen vorgestellt, es wurden Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht, Fragen gestellt und dergleichen. Dabei lernten wir auch, dass unsere Gastgeber uns gegenüber sehr höflich waren: Sie sprachen ein wesentlich deutlicheres Englisch als mit Ihresgleichen. Es ging so weit, dass wir nur Fetzen von Gesprächen verstanden und uns einen Teil zusammenreimen mussten. Doch die beiden bereiteten uns bestens auf die neuseeländische Umgangssprache vor, indem sie uns mit einigen Vokabeln vertraut machten, die man in anderen Teilen der Welt nicht findet. Hier auf dem Lande gehört es außerdem zum guten Ton, alle Leute durchzufüttern, selbst wenn es sich nur um die Handwerker handelt. Meine Großmutter könnte sich hier nahtlos einfügen.
Am Freitag nahm Cherie uns in die Stadt mit, weil sie einige Besorgungen zu tätigen hatte. Wir besuchten ein Geschäft, das sich auf Bienen spezialisiert hatte. Es vertrieb verschiedene Gerätschaften, die ein angehender Imker benötigt, klärte über Verhaltensweisen von Bienen, ihre natürlichen Feinde und Honigherstellung auf und gewährte Besuchern sogar Einblicke in ein arbeitendes Bienenvolk. Hinter Glasscheiben tummelten sich tausende von diesen fleißigen Insekten; die Königin wurde durch einen farbigen Punkt auf dem Rücken markiert, so dass man ihr beim Legen der Eier zusehen konnte. Als Cherie all ihre Besorgungen erledigt hatte, fuhren wir auf den Te Puka Peek, den höchsten Gipfel in der Nähe. Es ging mal wieder eine schmale, gewundene Straße hinauf, so dass wir uns weit über dem Meeresspiegel wähnten. Die Inschrift auf dem Gipfel brachte uns auf den Boden der Tatsachen zurück: es waren gerade einmal 399 Meter über NN. Dennoch war die Aussicht herrlich.
Cherie erzählte uns einiges zu der Gegend, die sich vor uns ausbreitete: Vor dem großen Erdbeben in den 1930er Jahren, gab es das Land schlichtweg nicht. Hinter der Hügelkette, auf deren Gipfel wir gerade standen, hatte sich ein großes Moor befunden; davor: Meer. Das Beben hatte die Erde so weit angehoben, dass eine neue Landfläche aus dem Meer getragen worden war. Nach dem Beben hatte man sich die Landmasse nutzbar gemacht, das Moor trocken gelegt und auch dort Häuser gebaut. Viele Häuser in Napier und Hastings waren zerstört worden, was die Architekten der damaligen Zeit dafür genutzt hatten, eine neue Stilrichtung einzubringen: Art Déco. Dieser Nachfolger des Jugendstils war in den 1920er und 30er Jahren sehr in Mode und drückte sich durch geometrische Formen sowie klare Linien aus. In Napier gibt es heutzutage ganze Paraden eingedenk dieser Periode. Eine wahre Touristenattraktion.
Nachdem wir vom Te Puka wieder heruntergefahren waren, kam endlich die Zeit des Essens. Zum Mittagessen gab es Quiche und Kuchen, doch es war das Abendessen, worauf wir uns besonders freuten: Pie. Wir hatten Cherie und Brendon gefragt, was typisch neuseeländische Gerichte waren, und es stellte sich heraus, dass diese Frage gar nicht so einfach zu beantworten war. Inzwischen ist die neuseeländische Küche von so vielen Seiten und Ethnien beeinflusst worden, dass man gar nicht sagen kann, was typisch neuseeländisch ist. Hinzu kommt, dass das Land erst sehr spät besiedelt worden war, so dass die englische Küche kaum Gelegenheit hatte, sich in eine eigene Richtung zu entwickeln. Pie scheint aber etwas zu sein, das mit Neuseeland in Verbindung gebracht wird, auch wenn die Einwanderer das Gericht aus England mit sich brachten. Wir entschieden uns für vier verschiedene Varianten. Meine Pie bestand aus Gehacktem und Käse, wobei ich mir bis heute nicht sicher bin, wo der Käse darin war. Nichtsdestotrotz war sie einfach nur köstlich.
Es dauerte seine Zeit, doch begannen wir allmählich uns an das Leben in Abgeschiedenheit zu gewöhnen. Besonders die Ruhe und Dunkelheit in der Nacht sind nicht mit dem Stadtleben zu vergleichen. Der größte Störenfried dieser idyllischen Lebensweise war Robert, der hauseigene Hahn. Man hätte sich ja damit abfinden können, dass er morgens den Tag einläutete und den Haushalt weckte, ohne dass es in geringster Weise notwendig gewesen wäre. Leider machte er dies über eineinhalb Stunden. Ununterbrochen. Obwohl er mittlerweile wissen müsste, dass ihn sein Verhalten seinem Frühstück keinen Schritt näher brachte, krähte er einfach munter drauf los, bis ihm langweilig wurde. Ebenso wenig hatte er ein Problem damit, mitten am Tag damit anzufangen, als gäbe es zu späterer Uhrzeit mehr Leute, die seinem Stimmenspiel lauschen wollten. Es ging so weit, dass sogar Cherie ihm den Schnabel verbot: „Oh, Robert, shut up!“ – mit bemerkenswert geringem Erfolg. Trotzdem ließen wir es uns nicht nehmen, unsere Siesta zur Mittagszeit zu genießen. Mit den verstreichenden Tagen gelang es mir sogar, gar nichts zu tun, ohne eine schlechtes Gewissen zu haben. Nachdem ich meinen Tagesplan erledigt hatte, las ich ein Buch oder unternahm einen kleinen Spaziergang übers Gelände oder ich pflückte Obst, wobei davon für gewöhnlich mehr in meinem Magen als in der Schüssel landete.
Für einige Tage mit ein bisschen mehr Arbeit bekamen wir einen freien, den wir wieder in der Zivilisation verbringen durften. Das bisschen Zeit am Nachmittag machte uns eh nicht sonderlich viel aus, da wir uns stellenweise langweilten und freiwillig halfen, um dieses Problem zu lösen. Am Dienstagmorgen fuhren wir zusammen mit Brendon nach Napier, weil er dort zur Arbeit musste. Wir hingegen konnten uns die Stadt ansehen, wie Touristen es eben machen, um ihn dann später in Hastings zu treffen. Von dort würde er uns wieder mitnehmen.
Bevor Brendon uns aus dem Auto aussteigen ließ, zeigte er uns einige Häuser im Art Déco-Stil, die wir uns unbedingt näher ansehen mussten. Da wir sehr früh – vor 8 Uhr morgens – ankamen, hatten die meisten Geschäfte noch nicht geöffnet. Wir schlenderten also die Uferpromenade und den Strand entlang (ich habe noch nie so grobe Steine an einem Strand gesehen, nicht einmal in Spanien), besahen uns die leere Fußgängerzone, kehrten in einen Supermarkt ein, um dann doch nichts zu holen (hier stellten wir fest, dass zwei Countdowns sich an einer Kreuzung gegenüber standen und bisher konnte uns kein Einheimischer dieses Phänomen erklären), und waren gerade rechtzeitig an der I-Site zurück, als sie öffnete. Dort versorgten wir uns mit unserem kostenlosen Stadtplan und holten Informationen zu Busverbindungen von Napier nach Hastings ein. Mit diesem Wissen gewappnet, waren wir bereit uns die Sehenswürdigkeiten dieser Agglomeration anzusehen, wobei wir schnell feststellten, dass wir bereits einiges abgegangen waren, ohne uns darüber im Klaren zu sein. So machten wir uns auf den Weg gen Norden, wo ein Hügel ins Meer reichte und eine wunderschöne Aussicht versprach. Wir kraxelten und kletterten, Stufe um Stufe, Steigungen und Ecken entlang, bis wir einen Blick auf die Uhr warfen und uns enttäuscht eingestehen mussten, dass wir es niemals schaffen würden, diesen Berg zu Fuß zu bezwingen, noch einen Spaziergang durch bestimmte Geschäfte der Fußgängerzone zu machen und rechtzeitig am Bussteig zu sein. Die Aktion wurde abgebrochen; wir machten einige Fotos unterwegs; die Aussicht war trotzdem sehr schön.
Zu dieser Zeit sah der Stadtkern schon ganz anders aus: Menschen flanierten durch die Fußgängerzone, saßen in Straßencafés, gingen geschäftig ihrem Tagwerk nach, unterhielten sich, kurz: die Stadt war erwacht.

Doch schneller als erwartet kam der Zeitpunkt des Abschieds, so dass wir in den Bus stiegen, um nach Hastings zu gelangen. Während der Fahrt ließ ich es mir nicht nehmen, ein Nickerchen zu machen.
Hastings hingegen war eine Enttäuschung, auf die Cherie und Brendon uns allerdings vorbereitet hatten. Innerhalb von fünfzehn Minuten hatten wir das sehenswerte Zentrum – natürlich im Gitterraster – durchschritten und fragten uns, was wir mit unserer Zeit anfangen sollten. Fish’n’Chips war die Antwort. Allerdings stellte sich das Finden eines geeigneten Geschäftes als Herausforderung heraus, so dass wir letzten Endes dazu gezwungen waren, Einheimische um Rat zu fragen. Sie verwiesen uns an den nächstbesten Laden, der von einem Chinesen geführt wurde und an dessen Fenstern Smorgasbord prangerte. Dementsprechend waren auch die Fish’n’Chips: zwar ganz gut frittiert, aber schlichtweg langweilig, als wüsste der Koch nicht so genau, was wir von ihm wollten.
Noch einige interessanten Fakten zu den beiden Städten: Während des Zweiten Weltkriegs erlebte Hastings einen Wirtschaftsboom ohne gleichen, weil in der Region viel Wolle produziert wurde, welche die Stadt gewinnbringend an die USA verkaufte. Napier hatte diesen Luxus nicht. Dies führte dazu, dass Hastings die meisten seiner Häuser im Art Déco-Stil abriss und durch moderne Gebäude ersetzte. Heute reisen Touristen aus ganz Neuseeland nach Napier, um sich die alten Gebäude anzusehen, und im Februar gibt es jedes Jahr ein Art Déco-Wochenende, das für volle Hotels sorgt. Tja, das haben sie nun davon. Es gibt noch andere Gründe für kleine Feindschaften zwischen Hastings und Napier, aber diese niederzuschreiben würde zu weit gehen.
Unsere Langeweile in Hastings trieb uns so weit, dass wir uns in einen Park setzten, um dort ein Buch zu lesen, weil wir sonst nichts mit unserer Zeit anzufangen wussten. Wären wir doch länger in Napier geblieben und auf den Berg geklettert. Endlich war es wieder so weit uns mit Cherie und Brandon zu treffen. Sie hatten Einkäufe erledigt und warteten vor einem Supermarkt auf uns. Kaum saßen wir im Auto und waren auf dem Heimweg, als Cherie von Brendon an etwas erinnert wurde, was zu kaufen sie vergessen hatte, so dass wir schnell umkehrten und Brendon noch einmal in den Laden schickten. Er war nicht erfreut; tatsächlich hörte ich ihn das erste Mal fluchen.
An dieser Stelle möchte ich noch ein interessantes Phänomen erwähnen: Die Leute erkannten uns als Deutsche. Ob sie nun einige Wörter verstanden, wenn wir uns miteinander unterhielten, oder es uns an der Nasenspitze ansahen, fällt mir schwer zu sagen. Jedenfalls lud ein Herr uns in Napier auf Deutsch ein, in das Art Déco-Geschäft hinein zu gehen, das wir gerade passierten. Vor dem Supermarkt fragte uns ein Kunde, ob wir aus Deutschland wären. Cherie und Brendon bestätigten uns aber auch, dass man Touristen erkennt, doch keiner von ihnen konnte genau erklären, woran genau. Vorerst bleibt es ein Mysterium.
Unsere wohl größte Überraschung erlebten wir, als plötzlich der Strom in Te Kahu ausfiel. Es war mitten am Tag, die Sonne brutzelte munter alles und jeden, ich wollte mir gerade einen Tee machen, als das Wasser aufhörte zu fließen und der Teekocher mir seine Dienste versagte. Cherie prüfte die Sicherungen, doch alles war in Ordnung. Irgendwie gelangte sie an die Nachricht, dass ein Stromkabel abgerissen worden war und wir einige Zeit ohne Elektrizität auskommen müssten. Da das Wasser aus einer Quelle hochgepumpt wurde, waren auch die Hähne trocken, doch glücklicherweise gab es auch ein Regenwasserreservoir, das oben auf dem Hügel stand. Die Schwerkraft funktionierte einwandfrei, so dass wir weiterhin notdürftig versorgt waren und zumindest unser Lunch zu Ende zubereiten konnten. Nach weniger als zwei Stunden war der Spuk auch schon vorbei.
An unserem letzten Arbeitstag bei den Thoms wurde mir das Vergnügen zuteil, einmal mit dem Traktor fahren zu dürfen. Es handelte sich dabei um ein kleines, älteres Modell, das wahrscheinlich mehr Lärm machte, als es sollte. Geduldig wartete ich, bis Cherie mir die Funktionsweisen dieses neuen Vehikels erklärt hatte, um dann voller Elan die krumme Strecke entlang zu tuckern. Während ich also die Baumreihen entlang fuhr, machte Cherie das, was sie Helpxern nicht zumuten wollte: Sie versprühte irgendeinen Unkrautvernichter. Auf dem Rückweg - die Strecke war nicht sonderlich lang - fasste ich den Mut, mal ein bisschen mit der Gangschaltung zu spielen, und legte sogleich den Rückwärtsgang ein, ohne dies zu planen. Anscheinend hilft es doch weiter, wenn man die Gänge beschriftet. Nach diesem Erlebnis begnügte ich mich mit dem vorsichtigen und langsamen Gang, den ich kannte.
Bis zu unserer Abreise hatte Cherie uns mit diversen Kosenamen versehen, zu denen Honey, Sweetheart, Darling, Dear, Pumpkin und Possum zählten. Es war erstaunlich, wie leicht es ihr fiel und wie unbeschwert sie die Wörter in ihre Sätze einbaute. Sie hatte uns auch schnell durchschaut: Franziska war die Frierende, ich war die Hungrige. Als dann der Tag der Abreise kam, war es Cherie, die uns zu unserem Bus fuhr. Kaum hatten wir die Grenzen von Te Kahu verlassen, sprach sie auch schon aus, was wir alle dachten: "Bye you stupid cattle beasts with your strange noises. Bye you crazy sheep - we won't miss you." ("Tschüss, ihr dummen Rindviecher mit euren komischen Geräuschen. Tschüss, ihr verrückten Schafe - wir werden euch nicht vermissen.")
Hier nun völlig aus dem Zusammenhang gerissen und nur für Franziska: Brendon: „Oh, you never know when you need to say: ‚Aha! I see you happen to have a refractometer. Are you going to measure the Brix.?“ ("Oh, du weißt nie, wann du sagen musst: 'Aha! Ich sehe, sie haben ein Refraktometer. Werden Sie jetzt die Brix messen?'")

Allerdings hat der Busfahrer einen Fahrplan einzuhalten und lässt nur wenige Sachen zu, die ihn davon abhalten könnten. Da es allerdings einige Tagesbaustellen auf der Strecke gab, musste unser Fahrer die Zeit irgendwie aufholen. Dementsprechend zügig war seine Fahrweise, so manches Mal dachte ich an das Wort „rasant“. Trotzdem hatten wir ungefähr dreißig Minuten Verspätung, was nicht zuletzt daran lag, dass der entgegenkommende Bus auch zu spät am vereinbarten Rastplatz angekommen war. Die Fahrer wechselten dort die Fahrzeuge, nur deshalb ist es erwähnenswert.
Nach und nach gewöhne ich mich an den Linksverkehr in Neuseeland. In der ersten Woche lernte ich zuerst nach rechts zu sehen, wenn ich die Straße überquere. Seit der zweiten Woche gewöhnte ich mich daran, dass die Leute links fahren, auch wenn es mich immer noch erstaunt, dass die Straßenschilder auf der linken Seite stehen. Aber dass der Fahrer auf der rechten Seite des Fahrzeugs sitzt, erscheint mir immer noch seltsam, obwohl ich schon mit einigen Leuten mitgefahren bin.
Am Busbahnhof Hastings wurden wir von Brendon abgeholt, weil weder Bus noch Zug vor der Tür, nicht einmal in der Nähe vom Haus der Thoms hielt. Tatsächlich waren wir noch ungefähr zwanzig Minuten vom Anwesen entfernt, das sich irgendwo im Nirgendwo befand. Sogar bis zum nächsten Nachbarn muss man mit rund 15 Minuten Fußweg rechnen. Mal davon abgesehen, dass man alle Häuser in der Nähe an einer Hand abzählen kann. Damit einher geht eine gewisse Unzulänglichkeit, was Telekommunikationsverbindungen angeht, so dass wir für fast zwei Wochen gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten waren. Es war wirklich lustig dabei zuzusehen, wie mein Handyempfang immer weniger wurde und der Winkel, wie ich das Gerät hielt, darüber entscheiden konnte, ob dieser eine, klitzekleine Balken noch vorhanden war oder nicht. Ich drehte mich einfach nur nach links oder rechts und es ging nichts mehr. Ähnlich war es mit dem Internet: Zwar hatten unsere Gastgeber eine Verbindung, aber sie lief über Satellit und hatte ein beschränktes Volumen, so dass wir gebeten wurden, nicht allzu viel in den Weiten der Virtualität anzustellen. Um ihren Wünschen Folge zu leisten, beschränkte ich mich auf die Planung unserer weiteren Stationen.

Auf dem Grundstück mit dem pittoresk klingenden Namen Te Kahu angekommen, wurden wir von Cherie – Brendons Frau – und Poppy – dem Haushund – begrüßt. Hierbei möchte ich erwähnen, dass Poppy zwar wesentlich mehr Begeisterung an den Tag legte, als wir aus dem Auto stiegen, Cherie dafür aber wesentlich hilfreicher war. Ohne Umschweife führte Cherie uns durch die verschiedenen Teile des Hauses: im Gästehaus sollten wir wohnen, das war der Weg zur Garage, hier fanden wir Essen, da gab es Hühner, dort den Teich, hier drüben Himbeeren, Salat, Mais, Tomaten, etc… und vieles mehr. Tatsächlich machte sie es sehr zielstrebig und professionell. Für uns war es mehr ein unaufhörlicher Strom an Informationen. Wir verstanden vieles, bekamen aber nicht alles mit.
Den Abend durften wir uns selbstverständlich frei nehmen, um unsere Sachen zu sortieren und anzukommen. Für das Abendessen drückte Cherie uns noch eine Schüssel mit verschiedenen Lebensmitteln in die Hand und schickte uns zurück in unsere kleine Hütte, wobei sie anmerkte, dass sie uns am nächsten Tag um 8:30 Uhr fertig vor dem Haus sehen wolle. Sie ist sehr direkt, dabei aber nie unhöflich – beides sehr gute Eigenschaften. Spätestens an diesem Punkt waren wir erst einmal baff. Wir hatten tatsächlich ein eigenes kleines Ferienhaus zur freien Verfügung. Es gab hier alles, was man brauchte, und noch mehr: Schlafzimmer mit Doppelbett, Kommode und Waschbecken; Bad mit Dusche; Wohnküche mit Esszimmertisch, Fernseher, Bücherregal und jeglicher Ausstattung, die nötig werden könnte. Wo waren wir hier gelandet? Und würden wir hier überhaupt weg wollen? Franziska mahnte, den Tag nicht vor dem Abend zu loben.
Um den Tag richtig beginnen zu können, fingen wir mit einen ordentlichen English Breakfast an: Würstchen, Ei, Baked Beans und Tee.

Da das Wetter sich hervorragend dafür eignete, saßen wir bei der Mahlzeit auf unserer eigenen Terrasse. An diesem Morgen waren wir pünktlich, wie nur Deutsche es sein können, und standen um 8:25 Uhr vor der Tür. Poppy war überglücklich uns zu sehen, aber das ist keine Herausforderung, weshalb wir uns nichts darauf einbildeten. Cherie begrüßte uns mit der Frage, ob wir für die langweiligste Aufgabe auf der Welt bereit wären. Zu diesem Zeitpunkt dachten wir noch, sie würde übertreiben, doch wir sollten ihr in den nächsten Tagen dankbar für diese Warnung sein.
Cherie und Brendon bauen sehr viel Obst und Gemüse für den Eigenbedarf an. Wie bereits oben erwähnt gibt es unter anderem Himbeersträucher, Tomatenpflanzen, Mais und vieles mehr. Zu diesem Mehr zählen auch dreizehn Reihen mit Weintrauben. Gerade als wir angekommen waren, begannen diese Trauben zu reifen und ihre schöne, tief dunkle Farbe anzunehmen. Natürlich freute Brendon sich sehr darüber, weil er daraus einen eigenen Wein herstellt. Dummerweise freuten sich auch die Vögel sehr darüber, weil sie sich ordentlich die Bäuche vollschlagen konnten. Das wiederum gefiel Brandon gar nicht, denn immerhin ging es um Wein, und da hörte der Spaß auf. Ergo hatten die Thoms die Gewohnheit angenommen, Netze über die reifenden Weinstöcke zu legen – besser gesagt: legen zu lassen. Cherie erklärte uns, dass eben dies unsere Aufgabe für die nächsten Tage sein würde.
So begannen einige Tage des Hockens, Kniens, Rutschens und Krabbelns. Es war keine schwere Arbeit, ebenso wenig braucht man eine fundierte Ausbildung dafür, zumal niemand von uns Akkordarbeit oder ein gewisses Pensum pro Tag erwartet. Nun gut, wir sollten vier Stunden unserer Zeit opfern, um dafür das tolle Ferienhaus und reichlich Essen – zumeist aus dem eigenen Garten – zu bekommen. Das war auch schon alles. Aber Cherie hatte recht: Interessant ist anders. Nichtsdestotrotz folgten wir ihren Anweisungen und arbeiteten die Reihen immer weiter ab, wobei wir täglich dabei zusehen konnten, wie die Früchte mehr und mehr Farbe bekamen.
Als wir am ersten Tag mit der ersten und längsten Reihe fertig waren, gingen wir zurück zum Haus, weil wir einige Fragen hatten. Doch Cherie ließ uns nicht einmal die Gelegenheit, diese zu stellen, da sie uns bekanntgab, dass es eine gute und eine schlechte Nachricht gab. (Ich weiß bis heute nicht, welche welche war.) Sie hatte für das bevorstehende Wochenende eine Buchungsanfrage für die Ferienwohnung bekommen, so dass wir zu ihr und Brendon ins Haus würden ziehen müssen. Dort gab es ein kleines Gästezimmer mit zwei Betten und gerade genug Platz für unser Gepäck. Also durften wir jetzt das Bett im Ferienhaus abziehen, neu beziehen, umziehen, das Häuschen reinigen und ihr dann beim Hausputz helfen. Es war doch recht überschaubar. Der Abend gehört uns, wobei sie nicht vergaß uns ein einfaches, doch sehr leckeres Essen zu bereiten.
So zogen sich die Arbeitstage hin, wir schafften eine Reihe nach der anderen und verlagerten einige Arbeitsstunden in die Nachmittagszeit, weil die gnadenlose Sonne mittags einfach nur zu heiß war, um auch nur einen Finger krumm zu machen, geschweige denn die Knie. Daher beschwerte sich auch niemand, wenn wir eine Siesta einlegten. Ganz im Gegenteil: Wir wurden mit einem satten Lunch belohnt. Cherie beklagte sich sogar, dass sie uns nicht aus dem Bett werfen müsse, wie es bei manch anderen Helfern schon der Fall gewesen ist, weil wir immer vor ihr wach wären.
Bereits nach kurzer Zeit hatten wir uns an die Umgebung gewöhnt. Wir standen morgens auf, erledigten unsere Aufgaben gemächlich und in aller Ruhe, klaubten uns an Essen zusammen, worauf wir gerade Lust hatten (die Himbeerbüsche sahen jeden Tag kahler aus), und setzten uns zu den großen Mahlzeiten zusammen. Abends wurden Franziska diverse Liköre zur Verkostung angeboten – alle aus eigener Produktion, versteht sich. Einige Sachen davon wird sie bestimmt nicht vergessen. Derweil gab ich mich mit dem zahlreichen Angebot an Marmeladen, Obst und Honig zufrieden.
Dann, eines verhängnisvollen Samstages, als die Sonne erbarmungslos auf die Erde niederbrannte, kein Wölkchen den Himmel trübte, erschienen zwei mysteriöse Gestalten, ganz in Weiß. Sie stapften die Auffahrt herunter, dünne Rauchwolken krochen vor ihnen her, und schienen nur ein Ziel zu haben: die Bienenstöcke!

Brendon hatte es mir gestattet, ihn bei seiner Prüfung der Bestände zu begleiten. Bereits beim Lunch erzählte er mir einiges über Bienen im Allgemeinen und seine Bienenvölker im Speziellen, so dass ich mit den wichtigsten Informationen versehen war, bevor ich in diesen astronautenähnlichen Anzug gesteckt wurde. Das Anlegen dauerte genau so lange wie das Finden passender Schuhe für mich, doch als auch dieses Hindernis überwunden war, stand dem Spaziergang nichts mehr im Wege. Ich war für das Beräuchern – oder puff-puff, wie Brendon es auf Englisch nannte – der Bienen zuständig, während er den schwierigen Part übernahm, die Stöcke öffnete und die einzelnen Rahmen herausnahm, um zu sehen, wie viel Honig sie angesammelt hatten und wie viele der einzelnen Waben mit Nachwuchs gefüllt waren. Viele Bienen schwirrten um uns herum, es brummte und summte; auf den Rahmen tummelten sich die Arbeiterinnen; alles war sehr geschäftig. Die Königin haben wir nicht gesehen, was nicht nur daran lag, das sie nicht markiert ist, sondern auch daran, dass wir nicht nach ihr suchten. Brendon war mit dem Fortschritt in den drei Stöcken zufrieden und ließ die kleinen Tierchen in Ruhe. Seiner Meinung nach könnte er Ende März wieder Honig ernten. Er arbeitete zügig und zielsicher, woraufhin ich ihn fragte, ob er keine Angst hätte, eine der Bienen zu zerquetschen. Darauf antwortete er lapidar: „Nein, hier gibt es rund 60.000 von ihnen.“ Wir sprachen nur von einem Volk. Leider stellte sich heraus, dass ich keine natürliche Begabung für das Räuchergerät habe, weil es unter meine Aufsicht mehrmals aus ging. Ich habe noch viel zu lernen. Nichtsdestotrotz fand ich den Ausflug phantastisch und bin immer noch begeistert, wenn ich daran zurückdenke. Danach hatte ich mir die Dusche redlich verdient.
Danach bekam Franziska eine Anleitung, wie man Alkohol selbst herstellt. Besser gesagt: Brendon erklärte ihr, wie er seine Weine und Liköre macht. Um dem ganzen noch einen drauf zu setzen, setzten wir tags darauf gleich einen Pflaumenlikör an. Brendon und Cherie pflückten die Pflaumen, während wir noch mit den Weinreben beschäftigt waren. Nach der Mittagspause durften wir dann mit anpacken. Brendon bereitete den Alkohol vor, stopfte Pflaumen in Gläser, schüttete Zucker hinzu und ließ uns schütteln. Dabei erklärte er, wie das Verhältnis von Alkohol zu Pflaumen zu Zucker sein sollte, wieso er ausgerechnet diese Art Pflaumen nahm und was für Liköre er auf diese oder ähnliche Weise bereits hergestellt hatte. Franziska schien so begeistert wie ich mit den Bienen. Darüber hinaus empfahlen Brendon und Cherie uns das Edmond’s Cookery Book. Es ist schlichtweg DAS Kochbuch, wenn es um neuseeländische Gerichte geht. Natürlich müssen wir es haben.
Besonders lustig waren die Unterhaltungen mit Cherie und Brendon. Nicht nur, dass sie uns gerne jede Frage beantworten, auf die sie eine Antwort wussten, sie haben auch einen hervorragenden, dunklen Sinn für Humor. Vor allem bei Cherie muss man darauf achten, was sie sagt, weil man sonst einen Spaß zu ernst nehmen könnte. Sie drohte uns bereits mit beidem: Adoption und Entführung. Wenn es allerdings so weiter geht, wird keins von beidem nötig sein, weil wir hier freiwillig bleiben werden, um weiterhin so gefüttert zu werden. Bestechung ist hier der treffende Ausdruck. Himbeeren für mich, himmlische Pflaumen für Franziska, dann noch Äpfel, Pfirsiche, Zucchini, Tomaten, Mais und ich weiß gar nicht, wo aufhören soll. Darüber hinaus ist Brendon ein begeisterter Koch, der noch dazu sein Handwerk versteht und sich gerne international orientiert. Wir bekamen ein so zartes Hammelgericht vorgesetzt, dass das Fleisch im Mund zerfiel. Würstchen aus Schwein und Geflügel mit einer selbstgemachten Tomatensauce auf Nudeln. Eines Tages gab es Pie, eine Pastete im Blätterteigmantel. Gegrilltes Gemüse mit gekochten Maiskolben. Einfach nur köstlich.
Was ich an dieser Stelle auf gar keinen Fall vergessen darf, ist die selbstgemachte Pavlova von Cherie. Über die Pavlova gibt es seit Jahren Streit zwischen Australien und Neuseeland, wer sie denn als erstes gemacht hat, woher sie also stammt. Irgendwann hatte irgendjemand entschieden, dass dieser Verdienst den Neuseeländern zusteht. In dem Moment war es uns relativ egal, da wir sie einfach nur probieren wollten. Eine Pavlova ist ein Dessert. Man kann sie keinesfalls als Kuchen bezeichnen, da jeglicher Teig fehlt. Es ist gebackener Eischnee mit einer Schicht aus steif geschlagener Sahne, die dann mit Obst bedeckt wird. Deliziös! (Das Rezept dafür steht im Edmond‘s Kochbuch.)
All dies Geschreibe klingt so, als würden wir hier nichts anderes machen als essen. Tatsächlich fehlt hier irgendwo im Nirgendwo ein bisschen Abwechslung, und die Mahlzeiten strukturieren den Tag besser als das Fernsehprogramm. Darüber hinaus ist es allerdings auch so, dass die Arbeit an der frischen Luft ihren Tribut fordert und Franziska mittlerweile so viel essen kann wie ich. Es kam schon mehr als einmal vor, dass sie sich nach der Mahlzeit im großen Haus ein weiteres Toast schmierte. Wenn man allerdings den Nahrungsgehalt neuseeländischer Lebensmittel bedenkt, wundert man sich eh, wie die Leute von nur drei Mahlzeiten leben können. Die Milch hat 0,2% Fett, der Schinken 50% Fleisch, das Salz nur 33% Salz und das Brot ist Low Carb. Anscheinend leben die Einheimischen von Luft und Sonnenschein, denn sogar ihr Wasser verkauft die Regierung jetzt an China, wodurch vielen Landbesitzern und Farmern der Wasserhahn für die Bewässerung der Pflanzen abgedreht wurde.
In dieser Zeit wurde Franziska der Kontakt zu ihrer neuen Lieblingsserie, Neighbours, sichtlich erschwert, weil die Sendezeit sich mit unserem Dinner überschnitt. Die Trauer darum hielt sich in Grenzen, so lange Brendon kochte; bei Cheries Künsten war es schon anders. Sie kocht nicht schlecht, das möchte ich damit nicht zum Ausdruck bringen. Aber sie sagt auch von sich selbst, dass sie sich keine Gedanken übers Essen macht, bis ihr Magen knurrt. Brendon hingegen plant schon tags zuvor, was er kochen wird, und richtet den Tag danach aus. Dementsprechend sind die Unterschied in ihren Fähigkeiten. Doch Franziska fand eine neue Passion, die sie sehr gut mit den Thoms und deren Essgewohnheiten unter einen Hut bekommen konnte: Cricket.
Dieses in Deutschland doch sehr unbekannte Spiel zählt hier am anderen Ende der Welt zu den wichtigsten Sportarten überhaupt. In Australien ist es Nationalsport, in Neuseeland steht nur Rugby drüber. Franziska hatte es sich zur Aufgabe gesetzt, dieses Spiel zu verstehen. Cherie wünschte ihr viel Glück dabei, meinte aber im zweiten Satz, dass wir, selbst wenn wir jetzt nach Neuseeland ziehen und uns nur noch mit den Cricket-Regeln beschäftigen würde, keine Chance hätten, die Sportart zu verinnerlichen. Man hat Bowler, Schläger, Feldleute, ein großes Feld, einen Ball, einige Stäbe – man merkt schon, dass ich mich nur am Rande damit befasste – und zwei Teams. Die Schiedsrichter sehen mit ihren Hüten und roten Hemden wie Kanadische Mounties aus. Es geht darum, mehr Punkte als der Gegner in einer bestimmten Anzahl von Runden zu bekommen. Natürlich gibt es Unterbrechungen für Lunch, Tee und Abendessen, weil das Spiel sich über ungefähr acht Stunden zieht – und das ist nur die Kurzversion. Das lange Spiel dauert fünf Tage und wird nicht im Fernsehen übertragen. Während wir auf der Nordinsel verweilten, fand gerade die internationale Meisterschaft statt, deren Abschluss in Wellington stattfinden würde.
Natürlich ließen wir es uns auch nicht nehmen, den kleinen Pool auszuprobieren, der vor dem Haus der Thoms steht. Es ist ein überdimensioniertes Planschbecken, aber es reicht vollkommen aus, um sich bei 32° abzukühlen.
Eines Abends ließ ich es mir nicht nehmen nach draußen zu gehen, um mir den Sternenhimmel anzusehen. Ich stellte mir einen Haufen Sterne vor, von denen ich nicht einen benennen konnte. Welch Aufregung, welch Neuerungen. Welcher Unglaube muss auf meinem Gesicht gestanden haben, als ich in dem Meer an Punkten Orion erkannte! Ich stockte. Bildete ich mir etwas ein oder war die Konstellation wirklich von der Südhalbkugel aus zu sehen? (Ich erfuhr, dass letzteres der Fall war und Orion für ca. einen Monat hier nicht sichtbar war. Meine Enttäuschung war groß.) Das Kreuz des Südens habe ich bis heute nicht gefunden, weil mir niemand erklären konnte, wo ich suchen sollte.
Wir hatten sporadischen Kontakt zur Zivilisation: Manchmal kam ein Nachbar herüber, um einige Neuigkeiten auszutauschen. Natürlich wurden wir allen vorgestellt, es wurden Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht, Fragen gestellt und dergleichen. Dabei lernten wir auch, dass unsere Gastgeber uns gegenüber sehr höflich waren: Sie sprachen ein wesentlich deutlicheres Englisch als mit Ihresgleichen. Es ging so weit, dass wir nur Fetzen von Gesprächen verstanden und uns einen Teil zusammenreimen mussten. Doch die beiden bereiteten uns bestens auf die neuseeländische Umgangssprache vor, indem sie uns mit einigen Vokabeln vertraut machten, die man in anderen Teilen der Welt nicht findet. Hier auf dem Lande gehört es außerdem zum guten Ton, alle Leute durchzufüttern, selbst wenn es sich nur um die Handwerker handelt. Meine Großmutter könnte sich hier nahtlos einfügen.
Am Freitag nahm Cherie uns in die Stadt mit, weil sie einige Besorgungen zu tätigen hatte. Wir besuchten ein Geschäft, das sich auf Bienen spezialisiert hatte. Es vertrieb verschiedene Gerätschaften, die ein angehender Imker benötigt, klärte über Verhaltensweisen von Bienen, ihre natürlichen Feinde und Honigherstellung auf und gewährte Besuchern sogar Einblicke in ein arbeitendes Bienenvolk. Hinter Glasscheiben tummelten sich tausende von diesen fleißigen Insekten; die Königin wurde durch einen farbigen Punkt auf dem Rücken markiert, so dass man ihr beim Legen der Eier zusehen konnte. Als Cherie all ihre Besorgungen erledigt hatte, fuhren wir auf den Te Puka Peek, den höchsten Gipfel in der Nähe. Es ging mal wieder eine schmale, gewundene Straße hinauf, so dass wir uns weit über dem Meeresspiegel wähnten. Die Inschrift auf dem Gipfel brachte uns auf den Boden der Tatsachen zurück: es waren gerade einmal 399 Meter über NN. Dennoch war die Aussicht herrlich.
Cherie erzählte uns einiges zu der Gegend, die sich vor uns ausbreitete: Vor dem großen Erdbeben in den 1930er Jahren, gab es das Land schlichtweg nicht. Hinter der Hügelkette, auf deren Gipfel wir gerade standen, hatte sich ein großes Moor befunden; davor: Meer. Das Beben hatte die Erde so weit angehoben, dass eine neue Landfläche aus dem Meer getragen worden war. Nach dem Beben hatte man sich die Landmasse nutzbar gemacht, das Moor trocken gelegt und auch dort Häuser gebaut. Viele Häuser in Napier und Hastings waren zerstört worden, was die Architekten der damaligen Zeit dafür genutzt hatten, eine neue Stilrichtung einzubringen: Art Déco. Dieser Nachfolger des Jugendstils war in den 1920er und 30er Jahren sehr in Mode und drückte sich durch geometrische Formen sowie klare Linien aus. In Napier gibt es heutzutage ganze Paraden eingedenk dieser Periode. Eine wahre Touristenattraktion.
Nachdem wir vom Te Puka wieder heruntergefahren waren, kam endlich die Zeit des Essens. Zum Mittagessen gab es Quiche und Kuchen, doch es war das Abendessen, worauf wir uns besonders freuten: Pie. Wir hatten Cherie und Brendon gefragt, was typisch neuseeländische Gerichte waren, und es stellte sich heraus, dass diese Frage gar nicht so einfach zu beantworten war. Inzwischen ist die neuseeländische Küche von so vielen Seiten und Ethnien beeinflusst worden, dass man gar nicht sagen kann, was typisch neuseeländisch ist. Hinzu kommt, dass das Land erst sehr spät besiedelt worden war, so dass die englische Küche kaum Gelegenheit hatte, sich in eine eigene Richtung zu entwickeln. Pie scheint aber etwas zu sein, das mit Neuseeland in Verbindung gebracht wird, auch wenn die Einwanderer das Gericht aus England mit sich brachten. Wir entschieden uns für vier verschiedene Varianten. Meine Pie bestand aus Gehacktem und Käse, wobei ich mir bis heute nicht sicher bin, wo der Käse darin war. Nichtsdestotrotz war sie einfach nur köstlich.
Es dauerte seine Zeit, doch begannen wir allmählich uns an das Leben in Abgeschiedenheit zu gewöhnen. Besonders die Ruhe und Dunkelheit in der Nacht sind nicht mit dem Stadtleben zu vergleichen. Der größte Störenfried dieser idyllischen Lebensweise war Robert, der hauseigene Hahn. Man hätte sich ja damit abfinden können, dass er morgens den Tag einläutete und den Haushalt weckte, ohne dass es in geringster Weise notwendig gewesen wäre. Leider machte er dies über eineinhalb Stunden. Ununterbrochen. Obwohl er mittlerweile wissen müsste, dass ihn sein Verhalten seinem Frühstück keinen Schritt näher brachte, krähte er einfach munter drauf los, bis ihm langweilig wurde. Ebenso wenig hatte er ein Problem damit, mitten am Tag damit anzufangen, als gäbe es zu späterer Uhrzeit mehr Leute, die seinem Stimmenspiel lauschen wollten. Es ging so weit, dass sogar Cherie ihm den Schnabel verbot: „Oh, Robert, shut up!“ – mit bemerkenswert geringem Erfolg. Trotzdem ließen wir es uns nicht nehmen, unsere Siesta zur Mittagszeit zu genießen. Mit den verstreichenden Tagen gelang es mir sogar, gar nichts zu tun, ohne eine schlechtes Gewissen zu haben. Nachdem ich meinen Tagesplan erledigt hatte, las ich ein Buch oder unternahm einen kleinen Spaziergang übers Gelände oder ich pflückte Obst, wobei davon für gewöhnlich mehr in meinem Magen als in der Schüssel landete.
Für einige Tage mit ein bisschen mehr Arbeit bekamen wir einen freien, den wir wieder in der Zivilisation verbringen durften. Das bisschen Zeit am Nachmittag machte uns eh nicht sonderlich viel aus, da wir uns stellenweise langweilten und freiwillig halfen, um dieses Problem zu lösen. Am Dienstagmorgen fuhren wir zusammen mit Brendon nach Napier, weil er dort zur Arbeit musste. Wir hingegen konnten uns die Stadt ansehen, wie Touristen es eben machen, um ihn dann später in Hastings zu treffen. Von dort würde er uns wieder mitnehmen.
Bevor Brendon uns aus dem Auto aussteigen ließ, zeigte er uns einige Häuser im Art Déco-Stil, die wir uns unbedingt näher ansehen mussten. Da wir sehr früh – vor 8 Uhr morgens – ankamen, hatten die meisten Geschäfte noch nicht geöffnet. Wir schlenderten also die Uferpromenade und den Strand entlang (ich habe noch nie so grobe Steine an einem Strand gesehen, nicht einmal in Spanien), besahen uns die leere Fußgängerzone, kehrten in einen Supermarkt ein, um dann doch nichts zu holen (hier stellten wir fest, dass zwei Countdowns sich an einer Kreuzung gegenüber standen und bisher konnte uns kein Einheimischer dieses Phänomen erklären), und waren gerade rechtzeitig an der I-Site zurück, als sie öffnete. Dort versorgten wir uns mit unserem kostenlosen Stadtplan und holten Informationen zu Busverbindungen von Napier nach Hastings ein. Mit diesem Wissen gewappnet, waren wir bereit uns die Sehenswürdigkeiten dieser Agglomeration anzusehen, wobei wir schnell feststellten, dass wir bereits einiges abgegangen waren, ohne uns darüber im Klaren zu sein. So machten wir uns auf den Weg gen Norden, wo ein Hügel ins Meer reichte und eine wunderschöne Aussicht versprach. Wir kraxelten und kletterten, Stufe um Stufe, Steigungen und Ecken entlang, bis wir einen Blick auf die Uhr warfen und uns enttäuscht eingestehen mussten, dass wir es niemals schaffen würden, diesen Berg zu Fuß zu bezwingen, noch einen Spaziergang durch bestimmte Geschäfte der Fußgängerzone zu machen und rechtzeitig am Bussteig zu sein. Die Aktion wurde abgebrochen; wir machten einige Fotos unterwegs; die Aussicht war trotzdem sehr schön.
Zu dieser Zeit sah der Stadtkern schon ganz anders aus: Menschen flanierten durch die Fußgängerzone, saßen in Straßencafés, gingen geschäftig ihrem Tagwerk nach, unterhielten sich, kurz: die Stadt war erwacht.

Doch schneller als erwartet kam der Zeitpunkt des Abschieds, so dass wir in den Bus stiegen, um nach Hastings zu gelangen. Während der Fahrt ließ ich es mir nicht nehmen, ein Nickerchen zu machen.
Hastings hingegen war eine Enttäuschung, auf die Cherie und Brendon uns allerdings vorbereitet hatten. Innerhalb von fünfzehn Minuten hatten wir das sehenswerte Zentrum – natürlich im Gitterraster – durchschritten und fragten uns, was wir mit unserer Zeit anfangen sollten. Fish’n’Chips war die Antwort. Allerdings stellte sich das Finden eines geeigneten Geschäftes als Herausforderung heraus, so dass wir letzten Endes dazu gezwungen waren, Einheimische um Rat zu fragen. Sie verwiesen uns an den nächstbesten Laden, der von einem Chinesen geführt wurde und an dessen Fenstern Smorgasbord prangerte. Dementsprechend waren auch die Fish’n’Chips: zwar ganz gut frittiert, aber schlichtweg langweilig, als wüsste der Koch nicht so genau, was wir von ihm wollten.
Noch einige interessanten Fakten zu den beiden Städten: Während des Zweiten Weltkriegs erlebte Hastings einen Wirtschaftsboom ohne gleichen, weil in der Region viel Wolle produziert wurde, welche die Stadt gewinnbringend an die USA verkaufte. Napier hatte diesen Luxus nicht. Dies führte dazu, dass Hastings die meisten seiner Häuser im Art Déco-Stil abriss und durch moderne Gebäude ersetzte. Heute reisen Touristen aus ganz Neuseeland nach Napier, um sich die alten Gebäude anzusehen, und im Februar gibt es jedes Jahr ein Art Déco-Wochenende, das für volle Hotels sorgt. Tja, das haben sie nun davon. Es gibt noch andere Gründe für kleine Feindschaften zwischen Hastings und Napier, aber diese niederzuschreiben würde zu weit gehen.
Unsere Langeweile in Hastings trieb uns so weit, dass wir uns in einen Park setzten, um dort ein Buch zu lesen, weil wir sonst nichts mit unserer Zeit anzufangen wussten. Wären wir doch länger in Napier geblieben und auf den Berg geklettert. Endlich war es wieder so weit uns mit Cherie und Brandon zu treffen. Sie hatten Einkäufe erledigt und warteten vor einem Supermarkt auf uns. Kaum saßen wir im Auto und waren auf dem Heimweg, als Cherie von Brendon an etwas erinnert wurde, was zu kaufen sie vergessen hatte, so dass wir schnell umkehrten und Brendon noch einmal in den Laden schickten. Er war nicht erfreut; tatsächlich hörte ich ihn das erste Mal fluchen.
An dieser Stelle möchte ich noch ein interessantes Phänomen erwähnen: Die Leute erkannten uns als Deutsche. Ob sie nun einige Wörter verstanden, wenn wir uns miteinander unterhielten, oder es uns an der Nasenspitze ansahen, fällt mir schwer zu sagen. Jedenfalls lud ein Herr uns in Napier auf Deutsch ein, in das Art Déco-Geschäft hinein zu gehen, das wir gerade passierten. Vor dem Supermarkt fragte uns ein Kunde, ob wir aus Deutschland wären. Cherie und Brendon bestätigten uns aber auch, dass man Touristen erkennt, doch keiner von ihnen konnte genau erklären, woran genau. Vorerst bleibt es ein Mysterium.
Unsere wohl größte Überraschung erlebten wir, als plötzlich der Strom in Te Kahu ausfiel. Es war mitten am Tag, die Sonne brutzelte munter alles und jeden, ich wollte mir gerade einen Tee machen, als das Wasser aufhörte zu fließen und der Teekocher mir seine Dienste versagte. Cherie prüfte die Sicherungen, doch alles war in Ordnung. Irgendwie gelangte sie an die Nachricht, dass ein Stromkabel abgerissen worden war und wir einige Zeit ohne Elektrizität auskommen müssten. Da das Wasser aus einer Quelle hochgepumpt wurde, waren auch die Hähne trocken, doch glücklicherweise gab es auch ein Regenwasserreservoir, das oben auf dem Hügel stand. Die Schwerkraft funktionierte einwandfrei, so dass wir weiterhin notdürftig versorgt waren und zumindest unser Lunch zu Ende zubereiten konnten. Nach weniger als zwei Stunden war der Spuk auch schon vorbei.
An unserem letzten Arbeitstag bei den Thoms wurde mir das Vergnügen zuteil, einmal mit dem Traktor fahren zu dürfen. Es handelte sich dabei um ein kleines, älteres Modell, das wahrscheinlich mehr Lärm machte, als es sollte. Geduldig wartete ich, bis Cherie mir die Funktionsweisen dieses neuen Vehikels erklärt hatte, um dann voller Elan die krumme Strecke entlang zu tuckern. Während ich also die Baumreihen entlang fuhr, machte Cherie das, was sie Helpxern nicht zumuten wollte: Sie versprühte irgendeinen Unkrautvernichter. Auf dem Rückweg - die Strecke war nicht sonderlich lang - fasste ich den Mut, mal ein bisschen mit der Gangschaltung zu spielen, und legte sogleich den Rückwärtsgang ein, ohne dies zu planen. Anscheinend hilft es doch weiter, wenn man die Gänge beschriftet. Nach diesem Erlebnis begnügte ich mich mit dem vorsichtigen und langsamen Gang, den ich kannte.
Bis zu unserer Abreise hatte Cherie uns mit diversen Kosenamen versehen, zu denen Honey, Sweetheart, Darling, Dear, Pumpkin und Possum zählten. Es war erstaunlich, wie leicht es ihr fiel und wie unbeschwert sie die Wörter in ihre Sätze einbaute. Sie hatte uns auch schnell durchschaut: Franziska war die Frierende, ich war die Hungrige. Als dann der Tag der Abreise kam, war es Cherie, die uns zu unserem Bus fuhr. Kaum hatten wir die Grenzen von Te Kahu verlassen, sprach sie auch schon aus, was wir alle dachten: "Bye you stupid cattle beasts with your strange noises. Bye you crazy sheep - we won't miss you." ("Tschüss, ihr dummen Rindviecher mit euren komischen Geräuschen. Tschüss, ihr verrückten Schafe - wir werden euch nicht vermissen.")
Hier nun völlig aus dem Zusammenhang gerissen und nur für Franziska: Brendon: „Oh, you never know when you need to say: ‚Aha! I see you happen to have a refractometer. Are you going to measure the Brix.?“ ("Oh, du weißt nie, wann du sagen musst: 'Aha! Ich sehe, sie haben ein Refraktometer. Werden Sie jetzt die Brix messen?'")
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