Montag, 4. Mai 2015
Westport / Waimangaroa - März 2015
atimos, 08:30h
Die Fahrt nach Westport lehrte mich wieder eine neue Lektion über neuseeländischen Straßenverkehr: Es gibt einspurige Brücken. Ob es der Platzmangel ist oder ob ihnen das Geld für mehr ausging, kann ich nicht sagen, diese Frage habe ich bisher auch nie gestellt. Aber es gibt sehr viele Streckenabschnitte, auf denen die Brücken nur einspurig sind. Es gibt auch keine Ampeln, sondern nur Straßenschilder, die entweder einem selbst oder dem Gegenverkehr die Vorfahrt erlauben.
Unser nächster Gastgeber in der Nähe von Westport war ein Milchkuhbauer. Wir dachten bis dahin, dass wir schon viel von Neuseeland und seiner Bevölkerung gesehen hätten, aber Marty war doch… anders. Als er auf uns zukam, war es eindeutig, dass er unseretwegen da war. Er war sehr einladend, offen, hilfs- und gesprächsbereit und überhaupt klasse. Dennoch passte er nicht so ganz in das Bild, das wir bisher von Neuseeland hatten. Schwarze Cappy, Sonnenbrille, Gummistiefel über verdreckter Jeans und ein wirklich gewaltiger Truck (nach eigenen Angaben der größte in der Gegend); dies alles schien doch wie aus einem anderen Film. Allerdings war Marty so freundlich uns von Westport nach Waimangaroa zu bringen, wo er mit seiner Familie auf seiner Farm wohnte. Er stellte uns sogar ein ganzes Haus zur Verfügung, in dem nur noch zwei weitere Backpacker eingekehrt waren. Seine Familie lebte zehn Minuten zu Fuß entfernt in einen wesentlich größeren Haus.
Zu unsere Unterkunft:
Sollte demnächst mal wieder ein Hitchcock-Film gedreht werden oder die Verfilmung eines Steven King Romans anstehen, hätte ich einen Vorschlag, wo man das machen könnte: Hinterm Busch Gleich Links. Auch unter dem Namen Waimangaroa bekannt, aber wir nennen es der Einfachheit halber Martys Farm.
Mit dem Begriff „rustikal“ kratzt man nur an der Oberfläche dessen, was uns erwartete. Das kleine Haus war sehr alt. Marty erzählte uns später, dass er darin aufgewachsen war, was für neuseeländische Verhältnisse an eine Ewigkeit grenzt. Es wundert mich, dass das Adjektiv „historisch“ in diesem Kontext kein einziges Mal fiel. Dementsprechend sah es leider auch aus, zumal sich wohl schon seit längerem niemand mehr um das Erscheinungsbild gekümmert hatte. Der Rasen im Vorgarten war noch sehr gut gemäht, aber ob die verrosteten Gegenstände nun zur Dekoration gehörten oder schlichtweg vergessen worden waren, bleibt mir ein Rätsel. Eine Schaukel quietschte bedächtig, wenn man sie anstubste. Es handelte sich hierbei um dieses typische Quietschen, das nur von verrosteten Scharnieren hervorgerufen werden kann, ein Quietschen, das den bevorstehenden Untergang des Protagonisten ankündigt. An den Fenstern hingen Spinnweben, die gut und gerne der dritten Spinnengeneration angehören konnten, wobei die ganze Familie noch in ihnen beheimatet war. Alles in allem roch es auch ein bisschen muffig.

Der innere Aufbau des Hauses war gewöhnungsbedürftig. Selbstverständlich waren fast alle Räumlichkeiten mit Teppichboden ausgelegt – wir sind hier schließlich in Neuseeland. Aber irgendwie schienen die Räume zwecklos oder zweckentfremdet gebaut worden zu sein. Es gab eine offene Küche, die ans Esszimmer grenzte, doch war letzteres so eng bemessen, dass der Esstisch im Weg stand, weil gegenüber auch noch ein Kamin eingebaut war, der den ganzen Platz beengte. Man musste aber am Esstisch vorbei, um in die restlichen Räumlichkeiten zu gelangen. Ein großer Raum war geteilt worden, aber Marty hatte vergessen, den Lichtschalter mit in das neue Zimmer zu verlegen. Leider gab es auch keine Verbindung zwischen diesen beiden Räumen, so dass man durch einen dritten Raum gehen musste, wenn man bei uns das Licht einschalten wollte. Insgesamt hatte das Haus drei Eingänge: einen ins Wohnzimmer, einen von der Garage in den Flur und einen in unserem Zimmer. In der Speisekammer war ein großes Loch, weil früher dort der Kühlschrank gestanden hatte, aber jetzt konnte man geradewegs in die Waschküche durchgehen. Auch im Wohnzimmer gab es einen Kamin, der aber notdürftig mit Sperrholzplatten zugebaut worden war. Weder Bad noch Toilette hatten irgendeine Vorrichtung, mit der man die Türen hätte abschließen können. Das ist ja schön und gut, wenn eine Familie darin wohnt, wenn man allerdings einige Fremde zusammenpackt, könnten selbst einfache Schlösser von großem Vorteil sein.
Wir bekamen das Zimmer am Ende des Flur-Esszimmers. Darin stand eine kuriose Mischung aus Doppel- und Hochbett: Unten war es ein großes Bett, auf dem locker zwei Personen Platz gefunden hätten, doch es gab noch eine zweite Etage mit Einzelmatratze. Da bei den Abbauarbeiten irgendwann einmal ein Bolzen verloren gegangen war, hatten die Jungs sich mit Panzerband geholfen, damit der obere Teil auch oben blieb. Wir blieben skeptisch, hatten aber kaum eine Wahl, als es auszuprobieren. Wir hätten auch auf dem Boden schlafen könne, aber bei Teppichböden weiß man nie so recht, was darin herumkrabbelt – und bei Marty war es besonders abenteuerlich.
Franziska machte von Anfang an deutlich, dass ihr die gegebenen Zustände überhaupt nicht zusagten. Ehrlich gesagt wunderte es mich ein bisschen, weil Susannes Wohnung – insbesondere das Badezimmer – in Petone nicht wirklich sauberer war. Es roch nicht so komisch, das stimmt, aber das ist auch schon der einzige Unterschied, den ich sah. Ich mochte es bei Marty. Das breite Grinsen wollte und wollte nicht aus meinem Gesicht schwinden.
Das Leben mit Marty erwies sich als äußerst entspannt. Als wir ihn fragten, was wir an unserem ersten Tag machen würden, meinte er nur, wir sollten uns entspannen. „Just relax“, war seine Anweisung. Obwohl wir noch vor der Mittagszeit angekommen waren, erwartete er von uns keine Arbeit an diesem Tag. Im Grunde hatte Marty einige Ideen, was er gerne erledigt haben würde, aber ihm fehlte es an einem konkreten Plan oder einem roten Faden in seiner Denkweise. Er wollte den Garten umgestalten, weil ihm das Unkraut langsam zu schaffen machte (das habe ich doch schon einmal irgendwo gehört). Dafür wollte er erst das Unkraut los werden, dann großflächig große Steine verteilen. Auf lange Sicht sah der Plan so aus, noch mehr Flächen mit Asphalt auszulegen. Außerdem braucht er noch ein bisschen Unterstützung beim Melken der Kühe, weil sein Hilfsarbeiter vor kurzem gekündigt hatte. Da die Melksaison sich dem Ende nähert, wollte er keinen neuen einstellen, sondern versuchte es mal mit Helpx. Das klang doch alles überschaubar.
Zur gleichen Zeit waren noch zwei Jungs bei ihm als Helpxer angestellt: Alexis, Franzose, und Jonas, Däne. Sie hatten bereits einige Zeit bei Marty zugebracht und kannten den Tagesablauf, wenn man es so nennen möchte. Die beiden waren hauptsächlich für das Melken zuständig, da sie auch schon eingearbeitet waren. Nachdem die Kühe versorgt waren, blieb nicht mehr so viel zu tun, so dass Jonas und Alexis sich die Zeit mit Lesen, Fernsehen, Musik hören und Schwimmen vertrieben. Tatsächlich hatte der kilometerlange Privatsandstrand in Martys Profilbeschreibung keinerlei Erwähnung gefunden. Er dachte, dass es den Leuten zu abgelegen sein würde und sich dann niemand auf seine Anzeige melden würde. Wir legten ihm nahe, den Strand, der gerade einmal 500 Meter vom Haus entfernt war, doch noch seinem Profil hinzuzufügen.

Wir ergriffen die Gelegenheit beim Schopfe und zogen sogleich los, um uns den Privatstrand mal näher anzusehen. Ozean, soweit das Auge reichte; feinste Sandkörnchen; keine weitere Menschenseele weit und breit. Es war herrlich. Zudem ging der Sommer gerade erst zu Ende, so dass das Wasser die perfekte Badetemperatur hatte. An diesem ersten Nachmittag benetzten wir nur unsere Füße in den Weiten des Pazifiks, aber wir gelobten wiederzukehren, um uns ganz dem salzigen Nass zu ergeben. Immerhin muss man so etwas ausnutzen.
Tags darauf stiefelten wir zu Marty hinüber, um uns zu erkundigen, welche Aufgaben er für uns hätte. Auf diese Weise lernten wir auch Martys Frau kennen (deren Namen ich mir einfach nicht merken konnte), die uns sofort Tee und Plätzchen anbot, als wir auf der Türschwelle standen. Das ist anscheinend typisch für Neuseeländer. Außerdem wurden uns Mac und Bliss, die Hunde der Familie vorgestellt. (Es gab noch Beast, die Großmutter der beiden, aber sie war komisch.) Die drei Kinder waren zu diesem Zeitpunkt alle in der Schule.
Marty, nachdem man ihn gefunden hatte, musste erst einmal einen Job für uns suchen, da er die Steine, die er im Garten verteilen wollte, verlegt hatte. Ja, unser Gastgeber hatte es geschafft, einen Haufen großer, grauer, schwerer Steine irgendwo auf seinem Grundstück zu verlegen. Sie waren irgendwo, er wusste nur nicht, wo genau. Er würde sie suchen gehen. Später. Jetzt sollten wir uns erst einmal ums Unkraut kümmern. In seiner Verzweiflung ob des wuchernden Grüns griff er auf die chemische Lösung zurück: Pflanzengift. Wir bekamen Handschuhe und einen Behälter mit Sprühaufsatz und durften uns an den Rändern des gesamten Grundstücks zu schaffen machen. Nun ja, es war bei weitem nicht das ganze Grundstück; nur der Teil, auf dem das Haus stand und die Familie lebte. Schutzmasken bekamen wir allerdings nicht. Marty hielt dies für übertrieben, immerhin kannte er sich mit dem Zeug aus, benutzte es seit Jahren und es ging im gut. Außerdem wehte gerade kein Wind, so dass uns keine Gefahr drohte. Ich blieb skeptisch. Nichtsdestotrotz hielten wir den Schlauch niedrig und machten uns an die Arbeit. Es ging alles recht zügig, so dass wir uns bald schon am Internet zu schaffen machen konnten, das auf der Terrasse zu finden war, selbst wenn man nicht ins Haus rein kam.
Nach getaner Arbeit schlossen wir uns Alexis und Jonas beim Lümmeln an. Wir machten, wonach uns gerade der Sinn stand, und genossen den strahlenden Sonnenschein. Für den Abend hatte Marty ein Barbecue geplant, so dass wir nicht allzu viel essen sollten. Hier möchte ich erwähnen, dass dies eine besondere Herausforderung war, da Marty von den Leuten zu erwarten schien, dass sie 8000 kcal pro Tag essen. Er brauchte uns einige Eier (30 Stück), ein bisschen Rindfleisch (2,5 kg), ein bisschen Milch (2 Liter), Frühstück (Großpackung Weet-Bix), und, und, und vorbei. Das alles war für vier Personen mit je zwei Mahlzeiten bestimmt. Wir würden definitiv nicht hungern.
Für den Grillabend hatte er aber etwas – für uns – ganz Besonders geplant: frisch geangelten Fisch. Zu diesem Zweck hatte Marty seinen Predator herausgeholt. Der Predator ist ein torpedoartiges, batteriebetriebenes Gerät, an das man eine mehrere Kilometer lange Angelschnur hängt, bevor man es ins offene Meer hinausschickt. An die Angelschnur werden in regelmäßigen Abständen Köder gehangen, so dass man gemütlich zurück ans Lagerfeuer schlendern kann, während der Fisch „sich selbst fängt“. Ein Muss für jeden richtigen neuseeländischen Angler! So zumindest die Radiowerbung.
Während der Predator in die Weiten des Ozeans hinausschwamm, machten die Jungs sich an die Errichtung eines Lagerfeuers. Beim ersten Blick darauf, war ich skeptisch, ob dieses Gebilde aus wild aufeinander geworfenen Holzstücken (Treibholz, das sie vom Strand aufgesammelt hatten) überhaupt brennen würde. Immerhin waren die dünnsten Stücke so dick wie mein Oberarm. Auch die Konstruktion war nicht vielversprechend, da alles wild übereinanderlag. Ich fragte die Jungs, ob sie wüssten, was sie taten. Jonas erzählte mir die lustige Geschichte, wie er das erste Mal versucht hatte, ein normales Lagerfeuer aufzubauen. Marty hatte ihm gezeigt, wie „es richtig geht“, also so, wie Jonas und Alexis es jetzt machten. Erst alles Holz auf einem Stapel auftürmen, dann Benzin drüber gießen, dann ein Streichholz reinwerfen. Funktioniert. Wir hatten ein Freudenfeuer, auf dem problemlos eine Hexe verbrannt wäre, für zwölf Würstchen angezündet. Dazu gab es jede Menge Bier und einige Scheiben Toastbrot. Marty schien äußerst zufrieden mit sich und der Welt. Langsam wurde uns deutlich, worauf es hier tatsächlich ankam: Unser Gastgeber brauchte Gesellschaft, vor allem einige Leute, mit denen er abends ein Bierchen trinken konnte. Das hatte er auf jeden Fall bekommen, denn Alexis und Jonas machten gerne bei diesem Vorhaben mit.
Dann war es an der Zeit den Predator mit unserem Fang wieder einzuholen. Die Jungs schlossen Wetten darauf ab, wie viele Fische sie dieses Mal wohl gefangen hatten. Immerhin war der Ozean, Predator hin, Predator her, ein recht launisches Geschöpf, das sich seine Zöglinge nicht immer so einfach entlocken ließ, und man hat nicht immer Glück. Dieses Mal allerdings gab es einen riesigen Fang. Nicht nur, dass wir acht Fische an der Leine hatten, wovon wir vier behalten konnten, weil sie sehr gut schmeckten. Nein, sie waren auch noch groß. Es handelte sich bei diesen Tierchen um Sandhaie, die in Neuseeland problemlos verspeist werden dürfen. Die anderen silbernen Fische waren zwar essbar, aber man verzichtete gerne auf sie, wenn man einen anderen Fang an der Leine hatte. Also wurden sie wieder dem salzigen Nass übergeben.
Es überraschte mich zu sehen, dass die Fische sich immer noch bewegten, obwohl sie definitiv tot waren. Alexis hatte ihnen das Rückgrat durchtrennt, aber trotzdem reagierten die Körper auf Reize von außen. Sie zuckten und wanden sich, als wollten sie zurück ins Wasser. Schlimmer als Hühnchen. Erstaunlich. Marty nahm die Fische gekonnt aus und filetierte sie vor Ort, wobei sich mit jedem zusätzlichen Tier der Schwierigkeitsgrad erhöhte. Der Sand machte die Messer schnell stumpf. Als er endlich mit allem fertig war, überschlug unser Gastgeber den heutigen Fang, nur um festzustellen, dass er Fisch im Wert von rund 150 NZ$ gefangen hatte. Einen beachtlichen Teil davon stellte er uns kostenlos zur Verfügung. Es war das Abendessen für den nächsten Tag, da es an diesem Abend schon zu spät für die Zubereitung war.
Außerdem hatte sich eine Muschel an unseren Ködern zu schaffen gemacht. Sie stand nicht auf der Speisekarte.
Mittlerweile war es dunkel geworden, so dass wir in weiter Ferne die Lichter von Westport bewundern konnten. Als wir Marty fragten, ob wir das Lagerfeuer löschen sollten, verneinte er. „Wenn es sich ausbreitet, seid ihr die ersten, die es merken“, waren seine weisen Worte. Bisher hatte er damit nie Schwierigkeiten gehabt, und dies war nicht das erste Feuer dieser Art. Wir verließen uns auf die Expertise unseres Gastgebers.
Auf dem Rückweg – Marty scheint nur den Weg von der Haustür zum Auto zu Fuß zurückzulegen – stiegen wir in seinen Truck, um uns vor unsere Haustür kutschieren zu lassen. Wir hätten hinten in den Wagen steigen können, doch wir entschieden uns zu einer verwegeneren Fortbewegungsart: hinten auf der Ladefläche. Da Marty vorsichtig über die holprige Straße fuhr, hatten wir nicht viel zu befürchten.
Tags darauf gab es Fisch zum Abendessen. Die Jungs fühlten sich zuständig, das Kochen zu übernehmen – sie hatten schon Erfahrung damit, denn es war nicht der erste Fang dieser Art. Fachmännisch schnitten sie die Filets in kleinere Teile, bereiteten einen recht flüssigen Teig zu, panierten die Fischstücke ordentlich, legten sie in den Teig, um sie dann in heißem Öl auszubacken. Dazu gab es Kartoffeln und Möhren. Was für ein Schmaus! Es war himmlisch.

Es war immer wieder lustig mit anzusehen, wie die Hunde Marty verfolgten. Vor allem Mac war ein Energiebündel ohne Gleichen. Wann immer sich die Gelegenheit bot, riss er aus und lief jemandem hinterher. Einen besonders engen Bezug hatte er zu seinem Herrchen. Ob dieser nun mit Truck oder Motorrad unterwegs war, Mac lief hinterher. Bliss war auch oft mit von der Partie, aber sie war ein bisschen pummeliger und wesentlich fauler. Sie brauchte mehr Zeit, um irgendwo anzukommen. Mac hingegen begleitete uns oft von Martys Haus zum Helpx-er Haus, einfach nur um sich zu bewegen und um zu prüfen, ob alle noch da waren. Natürlich wollte er für seine Mühen auch einige Streicheleinheiten.
Wir nutzten auch die ein oder andere Gelegenheit, um uns mit Marty und seinen Familienmitgliedern zu unterhalten. Seine Frau war komisch, aber die Kinder waren klasse. Tessa tanzte seit Jahren Ballett und war richtig gut. Sie drehte sich hier mal durchs Wohnzimmer, dann lief sie auf den Zehenspitzen, alles einfach so in den Alltag eingebaut, also ob es nicht die geringste Herausforderung wäre. Sehr beeindruckend. Richtig knuffig war Martys jüngste Tochter, Allie, die sich über einige neue Leute in der Gegend besonders zu freuen schien. Sie unterhielt sich gerne mit uns, war sehr offen und plapperte einfach drauf los. Als wir ihr eröffneten, dass wir demnächst abreisen würden, war sie sehr bestürzt darüber, dass wir nicht zu ihrem Geburtstag anwesend sein würden – sie hat im September Geburtstag. Stattdessen versprachen wir ihr eine Postkarte aus Deutschland, was sie in eine helle Aufregung versetzte. In Windeseile zückte sie Papier und Stift, um ihre Adresse zu notieren, stellte dann aber fest, dass sie Papa um Hilfe bitten musste, da sie die postalische Adresse nicht kannte. Goldig. Martys Sohn war nicht ganz so offen, taute aber mit der Zeit auf, vor allem als Allie mehr und mehr mit uns redete.
Aber wir unterhielten uns auch gerne mit dem Familienvater. Eines Tages fragten wir ihn, wie viele Fahrzeuge er hatte. Er wusste es nicht mit Sicherheit zu sagen. Zwölf, vielleicht fünfzehn. Immerhin waren die Autos seiner Eltern auch auf ihn zugelassen. Dann gab es noch die Traktoren, den Bagger, das Motorrad, Auto seiner Frau, und einige mehr. Ebenso unsicher war er, was seine Ländereien betraf. Vielleicht hatte er 600 Hektar, vielleicht mehr. Er wollte auf jeden Fall noch ein bisschen Land kaufen. Die gewünschten Parzellen hatte er auf einer Karte markiert.
Franziska bemühte sich sichtlich einen neuen Host zu finden und ihr war Erfolg beschienen. In Franz Josef suchte ein Hostel neue Helpx-er, die für eine Unterkunft einige Stunden am Tag arbeiten sollten. Wir einigten uns mit dem Host, dass wir in einigen Tagen da sein würden. Immerhin wollten wir Marty nicht vor den Kopf stoßen und so schnell abreisen, obwohl wir kaum etwas für ihn gemacht hatten. Wir informierten unseren derzeitigen Gastgeber über unsere Pläne und buchten die Tickets. Dann mussten wir Marty noch davon überzeugen, dass er uns etwas zu tun gab, weil er tatsächlich nicht erwartete, dass wir am Wochenende arbeiten würden. Wochenende war frei. Auf unser Drängen hin gab er allerdings nach und wies uns an, die Garage durchzufegen. Wir handelten es auf ein "Garage aufräumen" hoch.
In Anbetracht der Leistungen, die Marty brachte (vor allem, was Essen betrifft), klingt "Garage aufräumen" nach nicht allzu viel. Das kann man allerdings nur sagen, wenn man Martys Garage nicht vorher gesehen hat. Marty - und seine Frau - stand an der Schwelle zum Messiedasein. Er war chaotisch im Kopf - das ist hoffentlich schon vorher deutlich geworden - aber auch seine materiellen Güter kannten das Wort "Ordnung" nicht. Bei der Unkrautbekämpfung hatten wir im Garten schon diverse Gegenstände gefunden, die andere Leute vermisst hätten. Wäscheklammern, beispielsweise, lagen halb verbuddelt neben einen Beet - in ihrer Originalverpackung. Dementsprechend sah auch seine Garage aus. Wir waren froh, dass die Familie an diesem Tag unterwegs war, weil wir so unsere Ruhe hatten. Nach wenigen Minuten war klar, dass wir bei null anfangen mussten. Also trugen wir erst einmal alles aus der Garage, trennten Müll von Vielleicht-Müll und brauchbaren Gütern, fegten alles mehrfach gründlich durch, wunderten uns, wie der Stapel Socken es unter den Trockner geschafft hatte, so dass letzterer einige Zentimeter vom Boden abgehoben hatte, packten alle weiterhin verwertbaren Gegenstände auf thematisch gegliederte Haufen, machten zwischendurch Teepausen, fanden Geld und stellten schließlich all das zurück, was zweifelsohne kein Müll war. Den Rest ließen wir vor der Garage stehen. Zwischendurch kam sogar Martys Mutter vorbei, um die Wäsche abzuholen. Wir bescheinigten ihr, dass es jetzt besser aussehen würde als zuvor, obwohl wir noch mitten in den Reinigungsarbeiten waren: "It looks better than before" ("Es sieht besser als zuvor aus"). Sie erwiderte trocken: "I'm sure it bloody does" ("Ich bin sicher, dass es das verdammt noch einmal tut"). Tatsächlich war sie der Ansicht, dass wir alles wegschmeißen sollten. Ein gewisser Widerwille gegen den Ordnungssinn ihres Sohnes schwang in ihren Aussagen mit.
Nach diesem schweißtreibenden Erlebnis hatten wir uns ein Bad im Pazifik mehr als verdient. Zurück zum Haus, Badeklamotten angezogen, Handtuch und ein bisschen Proviant mitgenommen, Jungs eingesteckt und auf ins Wasser. Es war schon sehr lange her, dass ich schwimmen gewesen war, noch länger her war das Schwimmen in einem Ozean. Somit bekam ich die volle Ladung dieser Freizeitbeschäftigung ab: Salz in den Augen, Salz in der Nase und im Mund, plötzlich habe ich den Boden unter den Füßen verloren, Wellen wurden übersehen und rissen mich mit. Es war perfekt. Das Wasser hatte, musste ich dann leider feststellen, nicht mehr so ganz die richtige Badetemperatur, denn nach einiger Zeit wurde mir trotz viel Bewegung kühl. Bevor ich mir also etwas einfing, stapfte ich zurück zum Strand, ließ mich von der brennenden Sonne trocknen, wickelte mich in mein Handtuch, trank ein bisschen, um dann wieder ins Wasser zu springen. Immerhin war dies hier der Pazifik, das musste ich ausnutzen. Aber irgendwann kam dann doch der Abschied, so dass ich wehmütig unserer Hütte entgegen schlenderte.
An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass Meeresrauschen sich kaum von einer Autobahn unterscheidet. Die lustigen Szenen in diversen Filmen, wenn man die Wellen brechen hört, es kracht und schäumt, sind ja schön und gut, treffen aber leider nicht ganz zu. Denn dieses Krachen und Schäumen findet die ganze Zeit statt, an mehreren Orten gleichzeitig, viele Wellen, viel Wasser, so dass das Brechen einer einzigen Welle meistens untergeht. Es rauscht die ganze Zeit, denn irgendwo bricht immer eine Welle. Trotzdem ist es irgendwie beruhigender, was vielleicht an der Kontinuität des Geräuschpegels liegt.
Es war an eben diesem Abend als Martys Familie in alle vier Winde zerstreut war, dass wir beschlossen, nachts einen Ausflug an den Strand zu machen. Zuvor mussten wir allerdings einige Dinge im Internet erledigen, so dass wir uns in völliger Finsternis zum großen Haus begaben. Die Hunde begrüßten uns mit aggressivem Knurren und lautstarkem Bellen, bis wir sie mit Namen riefen und kraulten. Das nenne ich gute Wachhunde: lieb und freundlich, wenn Herrschen da ist oder sie die Besucher kennen; zähnefletschend, wenn es Fremde sind.
Mac war so freundlich uns zur Veranda zu geleiten, wo wir immer noch Internetempfang hatten. Als ich meinen Laptop schon heruntergefahren hatte, saß ich Franziska gegenüber im Dunkeln und besah mir die Sterne. Sie wollte etwas sagen, hielt aber mitten im Satz inne, um mich zu fragen, wo ich denn war. Ich hatte mich nicht von Ort und Stelle gerührt, doch das Licht ihres Bildschirms blendete sie, woraufhin sie mich nicht sehen konnte. Es war ein zu komisches Bild als sie den Kopf von links nach rechts drehte und verwirrt um sich schaute.
Nachdem alles erledigt war, gingen wir zurück zu unserer Hütte. Die Ausfahrt bei Martys Haus war von dichtem Buschwerk gesäumt, das hoch genug wuchs, um des spärliche Licht der Sterne abzuschirmen. Ich wäre die Strecke gerne ohne Hilfsmittel gegangen, doch Franziska bangte um ihren Laptop, so dass ich doch eine Taschenlampe zückte und diesem Weg das abenteuerliche Element stahl.
In unserer Hütte, die ohnehin auf dem Weg zum Strand lag, legten wir unsere Elektronik ab und gingen weiter. Am Meer angekommen begrüßte uns ein traumhaftes Schauspiel.
So viele Sterne hatte ich zu Lebzeiten noch nicht gesehen. Orion, sonst im städtischen Nachthimmel ein unverkennbares Muster aus wenigen Punkten, mehr als deutlich zu erkennen, verschwand beinahe in den Myriaden von winzigen funkelnden Körnern, die nun so deutlich zu sehen waren. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass er da war und wo er am Himmel stand, hätte ich ihn vermutlich nie gefunden.
Die Milchstraße zog sich wie ein silbern glitzerndes Band über unsere Köpfe hinweg. Stern neben Stern neben Sternchen. Der Himmel glitzerte und funkelte vor sich hin, wie ich es mir nicht einmal hätte ausmalen können. Es war einfach nur zauberhaft. Kein Foto der Welt kann diesem Anblick gerecht werden. Auf diese Art werde ich das Kreuz des Südens nie ausfindig machen können – jedenfalls nicht ohne Hilfe.
Untermalt wurde die ganze Szenerie vom betäubenden Meeresrauschen, das von den Wellen hinter uns verursacht wurde.
Als Marty am nächsten Tag wieder ins Haus trudelte, erklärten wir ihm, welcher Stapel welcher war. Leider hatte er vergessen uns zu sagen, was wir mit dem Müll machen sollten. So musste er ihn selbst wegräumen. Er fragte tatsächlich, ob er das jetzt machen solle. Da lässt man zwei deutsche Mädels mal für einen Tag alleine in Neuseeland und schon wird ihnen das Zepter in die Hand gedrückt. Wir erlaubten ihm also, seinen Rausch erst einmal auszuschlafen und sich darum zu kümmern, wenn es ihm wieder besser ging, was er freudig zur Kenntnis nahm. An diesem Tag war er wirklich nicht ansprechbar. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob seine Frau mit unserer Aufräumaktion einverstanden war. Ihre Freude schien sich eher in Grenzen zu halten.
An unserem letzten Tag wollten wir einen kleinen Ausflug machen, um uns die Gegend ein bisschen näher anzusehen. Marty hatte uns einen Wanderweg empfohlen. Da Jonas im Besitz eines Autos war, fuhren wir mit ihm bis zum Beginn des Weges. Es ist in Neuseeland ganz normal, dass Wanderwege ab einem gewissen Parkplatz ausgeschildert sind. So kann jeder Tourist hinfahren, spazieren gehen und wieder nach Hause fahren. Leider war eben dieser Wanderweg – der einzige in der Region – gesperrt, weil es kurz zuvor heftige Regenfälle gegeben hatte und der Weg derzeit wegen Erdrutschgefahr nicht begehbar war. Wir ließen es uns dann aber nicht nehmen zum nahe gelegenen Aussichtspunkt zu fahren, um die Küstenregion mal von oben zu sehen. Immerhin war das auch ein sehr schöner Anblick, den wir in vollen Zügen genießen konnten.

Ich wäre gerne länger geblieben, aber Franziska fühlte sich nicht wohl, also mussten wir abreisen. Marty war auch der erste Host, der sich keinen Deut darum scherte, wie viel Englisch wir tatsächlich verstanden. Er redete einfach so mit uns, wie mit jedem anderen auch. Seine Aussprache war nicht deutlicher, wenn er mit uns sprach, er benutzte die gleichen Wörter wie mit anderen Kiwis und er blieb sich selbst treu, wenn es um blöde Sprüche ging. Allein die Aussage: "Wenn du ein Ei im Kühlschrank hast, hast du eine ganze Mahlzeit." Ich schätzte diese Aufrichtigkeit sehr und vermisse sie.
Wir warten immer noch darauf, dass Marty mit einer stumpfen Axt hinter uns her rennt. Es würde zu seinem Auftritt passen. Mittlerweile sind wir aber ziemlich sicher, dass er uns bei seinem Orientierungssinn nicht findet, auch wenn wir ihm unseren nächsten Aufenthaltsort nannten. Wahrscheinlich hat er sogar schon vergessen, wohin wir fahren wollten.
Unser nächster Gastgeber in der Nähe von Westport war ein Milchkuhbauer. Wir dachten bis dahin, dass wir schon viel von Neuseeland und seiner Bevölkerung gesehen hätten, aber Marty war doch… anders. Als er auf uns zukam, war es eindeutig, dass er unseretwegen da war. Er war sehr einladend, offen, hilfs- und gesprächsbereit und überhaupt klasse. Dennoch passte er nicht so ganz in das Bild, das wir bisher von Neuseeland hatten. Schwarze Cappy, Sonnenbrille, Gummistiefel über verdreckter Jeans und ein wirklich gewaltiger Truck (nach eigenen Angaben der größte in der Gegend); dies alles schien doch wie aus einem anderen Film. Allerdings war Marty so freundlich uns von Westport nach Waimangaroa zu bringen, wo er mit seiner Familie auf seiner Farm wohnte. Er stellte uns sogar ein ganzes Haus zur Verfügung, in dem nur noch zwei weitere Backpacker eingekehrt waren. Seine Familie lebte zehn Minuten zu Fuß entfernt in einen wesentlich größeren Haus.
Zu unsere Unterkunft:
Sollte demnächst mal wieder ein Hitchcock-Film gedreht werden oder die Verfilmung eines Steven King Romans anstehen, hätte ich einen Vorschlag, wo man das machen könnte: Hinterm Busch Gleich Links. Auch unter dem Namen Waimangaroa bekannt, aber wir nennen es der Einfachheit halber Martys Farm.
Mit dem Begriff „rustikal“ kratzt man nur an der Oberfläche dessen, was uns erwartete. Das kleine Haus war sehr alt. Marty erzählte uns später, dass er darin aufgewachsen war, was für neuseeländische Verhältnisse an eine Ewigkeit grenzt. Es wundert mich, dass das Adjektiv „historisch“ in diesem Kontext kein einziges Mal fiel. Dementsprechend sah es leider auch aus, zumal sich wohl schon seit längerem niemand mehr um das Erscheinungsbild gekümmert hatte. Der Rasen im Vorgarten war noch sehr gut gemäht, aber ob die verrosteten Gegenstände nun zur Dekoration gehörten oder schlichtweg vergessen worden waren, bleibt mir ein Rätsel. Eine Schaukel quietschte bedächtig, wenn man sie anstubste. Es handelte sich hierbei um dieses typische Quietschen, das nur von verrosteten Scharnieren hervorgerufen werden kann, ein Quietschen, das den bevorstehenden Untergang des Protagonisten ankündigt. An den Fenstern hingen Spinnweben, die gut und gerne der dritten Spinnengeneration angehören konnten, wobei die ganze Familie noch in ihnen beheimatet war. Alles in allem roch es auch ein bisschen muffig.

Der innere Aufbau des Hauses war gewöhnungsbedürftig. Selbstverständlich waren fast alle Räumlichkeiten mit Teppichboden ausgelegt – wir sind hier schließlich in Neuseeland. Aber irgendwie schienen die Räume zwecklos oder zweckentfremdet gebaut worden zu sein. Es gab eine offene Küche, die ans Esszimmer grenzte, doch war letzteres so eng bemessen, dass der Esstisch im Weg stand, weil gegenüber auch noch ein Kamin eingebaut war, der den ganzen Platz beengte. Man musste aber am Esstisch vorbei, um in die restlichen Räumlichkeiten zu gelangen. Ein großer Raum war geteilt worden, aber Marty hatte vergessen, den Lichtschalter mit in das neue Zimmer zu verlegen. Leider gab es auch keine Verbindung zwischen diesen beiden Räumen, so dass man durch einen dritten Raum gehen musste, wenn man bei uns das Licht einschalten wollte. Insgesamt hatte das Haus drei Eingänge: einen ins Wohnzimmer, einen von der Garage in den Flur und einen in unserem Zimmer. In der Speisekammer war ein großes Loch, weil früher dort der Kühlschrank gestanden hatte, aber jetzt konnte man geradewegs in die Waschküche durchgehen. Auch im Wohnzimmer gab es einen Kamin, der aber notdürftig mit Sperrholzplatten zugebaut worden war. Weder Bad noch Toilette hatten irgendeine Vorrichtung, mit der man die Türen hätte abschließen können. Das ist ja schön und gut, wenn eine Familie darin wohnt, wenn man allerdings einige Fremde zusammenpackt, könnten selbst einfache Schlösser von großem Vorteil sein.
Wir bekamen das Zimmer am Ende des Flur-Esszimmers. Darin stand eine kuriose Mischung aus Doppel- und Hochbett: Unten war es ein großes Bett, auf dem locker zwei Personen Platz gefunden hätten, doch es gab noch eine zweite Etage mit Einzelmatratze. Da bei den Abbauarbeiten irgendwann einmal ein Bolzen verloren gegangen war, hatten die Jungs sich mit Panzerband geholfen, damit der obere Teil auch oben blieb. Wir blieben skeptisch, hatten aber kaum eine Wahl, als es auszuprobieren. Wir hätten auch auf dem Boden schlafen könne, aber bei Teppichböden weiß man nie so recht, was darin herumkrabbelt – und bei Marty war es besonders abenteuerlich.
Franziska machte von Anfang an deutlich, dass ihr die gegebenen Zustände überhaupt nicht zusagten. Ehrlich gesagt wunderte es mich ein bisschen, weil Susannes Wohnung – insbesondere das Badezimmer – in Petone nicht wirklich sauberer war. Es roch nicht so komisch, das stimmt, aber das ist auch schon der einzige Unterschied, den ich sah. Ich mochte es bei Marty. Das breite Grinsen wollte und wollte nicht aus meinem Gesicht schwinden.
Das Leben mit Marty erwies sich als äußerst entspannt. Als wir ihn fragten, was wir an unserem ersten Tag machen würden, meinte er nur, wir sollten uns entspannen. „Just relax“, war seine Anweisung. Obwohl wir noch vor der Mittagszeit angekommen waren, erwartete er von uns keine Arbeit an diesem Tag. Im Grunde hatte Marty einige Ideen, was er gerne erledigt haben würde, aber ihm fehlte es an einem konkreten Plan oder einem roten Faden in seiner Denkweise. Er wollte den Garten umgestalten, weil ihm das Unkraut langsam zu schaffen machte (das habe ich doch schon einmal irgendwo gehört). Dafür wollte er erst das Unkraut los werden, dann großflächig große Steine verteilen. Auf lange Sicht sah der Plan so aus, noch mehr Flächen mit Asphalt auszulegen. Außerdem braucht er noch ein bisschen Unterstützung beim Melken der Kühe, weil sein Hilfsarbeiter vor kurzem gekündigt hatte. Da die Melksaison sich dem Ende nähert, wollte er keinen neuen einstellen, sondern versuchte es mal mit Helpx. Das klang doch alles überschaubar.
Zur gleichen Zeit waren noch zwei Jungs bei ihm als Helpxer angestellt: Alexis, Franzose, und Jonas, Däne. Sie hatten bereits einige Zeit bei Marty zugebracht und kannten den Tagesablauf, wenn man es so nennen möchte. Die beiden waren hauptsächlich für das Melken zuständig, da sie auch schon eingearbeitet waren. Nachdem die Kühe versorgt waren, blieb nicht mehr so viel zu tun, so dass Jonas und Alexis sich die Zeit mit Lesen, Fernsehen, Musik hören und Schwimmen vertrieben. Tatsächlich hatte der kilometerlange Privatsandstrand in Martys Profilbeschreibung keinerlei Erwähnung gefunden. Er dachte, dass es den Leuten zu abgelegen sein würde und sich dann niemand auf seine Anzeige melden würde. Wir legten ihm nahe, den Strand, der gerade einmal 500 Meter vom Haus entfernt war, doch noch seinem Profil hinzuzufügen.

Wir ergriffen die Gelegenheit beim Schopfe und zogen sogleich los, um uns den Privatstrand mal näher anzusehen. Ozean, soweit das Auge reichte; feinste Sandkörnchen; keine weitere Menschenseele weit und breit. Es war herrlich. Zudem ging der Sommer gerade erst zu Ende, so dass das Wasser die perfekte Badetemperatur hatte. An diesem ersten Nachmittag benetzten wir nur unsere Füße in den Weiten des Pazifiks, aber wir gelobten wiederzukehren, um uns ganz dem salzigen Nass zu ergeben. Immerhin muss man so etwas ausnutzen.
Tags darauf stiefelten wir zu Marty hinüber, um uns zu erkundigen, welche Aufgaben er für uns hätte. Auf diese Weise lernten wir auch Martys Frau kennen (deren Namen ich mir einfach nicht merken konnte), die uns sofort Tee und Plätzchen anbot, als wir auf der Türschwelle standen. Das ist anscheinend typisch für Neuseeländer. Außerdem wurden uns Mac und Bliss, die Hunde der Familie vorgestellt. (Es gab noch Beast, die Großmutter der beiden, aber sie war komisch.) Die drei Kinder waren zu diesem Zeitpunkt alle in der Schule.
Marty, nachdem man ihn gefunden hatte, musste erst einmal einen Job für uns suchen, da er die Steine, die er im Garten verteilen wollte, verlegt hatte. Ja, unser Gastgeber hatte es geschafft, einen Haufen großer, grauer, schwerer Steine irgendwo auf seinem Grundstück zu verlegen. Sie waren irgendwo, er wusste nur nicht, wo genau. Er würde sie suchen gehen. Später. Jetzt sollten wir uns erst einmal ums Unkraut kümmern. In seiner Verzweiflung ob des wuchernden Grüns griff er auf die chemische Lösung zurück: Pflanzengift. Wir bekamen Handschuhe und einen Behälter mit Sprühaufsatz und durften uns an den Rändern des gesamten Grundstücks zu schaffen machen. Nun ja, es war bei weitem nicht das ganze Grundstück; nur der Teil, auf dem das Haus stand und die Familie lebte. Schutzmasken bekamen wir allerdings nicht. Marty hielt dies für übertrieben, immerhin kannte er sich mit dem Zeug aus, benutzte es seit Jahren und es ging im gut. Außerdem wehte gerade kein Wind, so dass uns keine Gefahr drohte. Ich blieb skeptisch. Nichtsdestotrotz hielten wir den Schlauch niedrig und machten uns an die Arbeit. Es ging alles recht zügig, so dass wir uns bald schon am Internet zu schaffen machen konnten, das auf der Terrasse zu finden war, selbst wenn man nicht ins Haus rein kam.
Nach getaner Arbeit schlossen wir uns Alexis und Jonas beim Lümmeln an. Wir machten, wonach uns gerade der Sinn stand, und genossen den strahlenden Sonnenschein. Für den Abend hatte Marty ein Barbecue geplant, so dass wir nicht allzu viel essen sollten. Hier möchte ich erwähnen, dass dies eine besondere Herausforderung war, da Marty von den Leuten zu erwarten schien, dass sie 8000 kcal pro Tag essen. Er brauchte uns einige Eier (30 Stück), ein bisschen Rindfleisch (2,5 kg), ein bisschen Milch (2 Liter), Frühstück (Großpackung Weet-Bix), und, und, und vorbei. Das alles war für vier Personen mit je zwei Mahlzeiten bestimmt. Wir würden definitiv nicht hungern.
Für den Grillabend hatte er aber etwas – für uns – ganz Besonders geplant: frisch geangelten Fisch. Zu diesem Zweck hatte Marty seinen Predator herausgeholt. Der Predator ist ein torpedoartiges, batteriebetriebenes Gerät, an das man eine mehrere Kilometer lange Angelschnur hängt, bevor man es ins offene Meer hinausschickt. An die Angelschnur werden in regelmäßigen Abständen Köder gehangen, so dass man gemütlich zurück ans Lagerfeuer schlendern kann, während der Fisch „sich selbst fängt“. Ein Muss für jeden richtigen neuseeländischen Angler! So zumindest die Radiowerbung.
Während der Predator in die Weiten des Ozeans hinausschwamm, machten die Jungs sich an die Errichtung eines Lagerfeuers. Beim ersten Blick darauf, war ich skeptisch, ob dieses Gebilde aus wild aufeinander geworfenen Holzstücken (Treibholz, das sie vom Strand aufgesammelt hatten) überhaupt brennen würde. Immerhin waren die dünnsten Stücke so dick wie mein Oberarm. Auch die Konstruktion war nicht vielversprechend, da alles wild übereinanderlag. Ich fragte die Jungs, ob sie wüssten, was sie taten. Jonas erzählte mir die lustige Geschichte, wie er das erste Mal versucht hatte, ein normales Lagerfeuer aufzubauen. Marty hatte ihm gezeigt, wie „es richtig geht“, also so, wie Jonas und Alexis es jetzt machten. Erst alles Holz auf einem Stapel auftürmen, dann Benzin drüber gießen, dann ein Streichholz reinwerfen. Funktioniert. Wir hatten ein Freudenfeuer, auf dem problemlos eine Hexe verbrannt wäre, für zwölf Würstchen angezündet. Dazu gab es jede Menge Bier und einige Scheiben Toastbrot. Marty schien äußerst zufrieden mit sich und der Welt. Langsam wurde uns deutlich, worauf es hier tatsächlich ankam: Unser Gastgeber brauchte Gesellschaft, vor allem einige Leute, mit denen er abends ein Bierchen trinken konnte. Das hatte er auf jeden Fall bekommen, denn Alexis und Jonas machten gerne bei diesem Vorhaben mit.
Dann war es an der Zeit den Predator mit unserem Fang wieder einzuholen. Die Jungs schlossen Wetten darauf ab, wie viele Fische sie dieses Mal wohl gefangen hatten. Immerhin war der Ozean, Predator hin, Predator her, ein recht launisches Geschöpf, das sich seine Zöglinge nicht immer so einfach entlocken ließ, und man hat nicht immer Glück. Dieses Mal allerdings gab es einen riesigen Fang. Nicht nur, dass wir acht Fische an der Leine hatten, wovon wir vier behalten konnten, weil sie sehr gut schmeckten. Nein, sie waren auch noch groß. Es handelte sich bei diesen Tierchen um Sandhaie, die in Neuseeland problemlos verspeist werden dürfen. Die anderen silbernen Fische waren zwar essbar, aber man verzichtete gerne auf sie, wenn man einen anderen Fang an der Leine hatte. Also wurden sie wieder dem salzigen Nass übergeben.
Es überraschte mich zu sehen, dass die Fische sich immer noch bewegten, obwohl sie definitiv tot waren. Alexis hatte ihnen das Rückgrat durchtrennt, aber trotzdem reagierten die Körper auf Reize von außen. Sie zuckten und wanden sich, als wollten sie zurück ins Wasser. Schlimmer als Hühnchen. Erstaunlich. Marty nahm die Fische gekonnt aus und filetierte sie vor Ort, wobei sich mit jedem zusätzlichen Tier der Schwierigkeitsgrad erhöhte. Der Sand machte die Messer schnell stumpf. Als er endlich mit allem fertig war, überschlug unser Gastgeber den heutigen Fang, nur um festzustellen, dass er Fisch im Wert von rund 150 NZ$ gefangen hatte. Einen beachtlichen Teil davon stellte er uns kostenlos zur Verfügung. Es war das Abendessen für den nächsten Tag, da es an diesem Abend schon zu spät für die Zubereitung war.
Außerdem hatte sich eine Muschel an unseren Ködern zu schaffen gemacht. Sie stand nicht auf der Speisekarte.
Mittlerweile war es dunkel geworden, so dass wir in weiter Ferne die Lichter von Westport bewundern konnten. Als wir Marty fragten, ob wir das Lagerfeuer löschen sollten, verneinte er. „Wenn es sich ausbreitet, seid ihr die ersten, die es merken“, waren seine weisen Worte. Bisher hatte er damit nie Schwierigkeiten gehabt, und dies war nicht das erste Feuer dieser Art. Wir verließen uns auf die Expertise unseres Gastgebers.
Auf dem Rückweg – Marty scheint nur den Weg von der Haustür zum Auto zu Fuß zurückzulegen – stiegen wir in seinen Truck, um uns vor unsere Haustür kutschieren zu lassen. Wir hätten hinten in den Wagen steigen können, doch wir entschieden uns zu einer verwegeneren Fortbewegungsart: hinten auf der Ladefläche. Da Marty vorsichtig über die holprige Straße fuhr, hatten wir nicht viel zu befürchten.
Tags darauf gab es Fisch zum Abendessen. Die Jungs fühlten sich zuständig, das Kochen zu übernehmen – sie hatten schon Erfahrung damit, denn es war nicht der erste Fang dieser Art. Fachmännisch schnitten sie die Filets in kleinere Teile, bereiteten einen recht flüssigen Teig zu, panierten die Fischstücke ordentlich, legten sie in den Teig, um sie dann in heißem Öl auszubacken. Dazu gab es Kartoffeln und Möhren. Was für ein Schmaus! Es war himmlisch.

Es war immer wieder lustig mit anzusehen, wie die Hunde Marty verfolgten. Vor allem Mac war ein Energiebündel ohne Gleichen. Wann immer sich die Gelegenheit bot, riss er aus und lief jemandem hinterher. Einen besonders engen Bezug hatte er zu seinem Herrchen. Ob dieser nun mit Truck oder Motorrad unterwegs war, Mac lief hinterher. Bliss war auch oft mit von der Partie, aber sie war ein bisschen pummeliger und wesentlich fauler. Sie brauchte mehr Zeit, um irgendwo anzukommen. Mac hingegen begleitete uns oft von Martys Haus zum Helpx-er Haus, einfach nur um sich zu bewegen und um zu prüfen, ob alle noch da waren. Natürlich wollte er für seine Mühen auch einige Streicheleinheiten.
Wir nutzten auch die ein oder andere Gelegenheit, um uns mit Marty und seinen Familienmitgliedern zu unterhalten. Seine Frau war komisch, aber die Kinder waren klasse. Tessa tanzte seit Jahren Ballett und war richtig gut. Sie drehte sich hier mal durchs Wohnzimmer, dann lief sie auf den Zehenspitzen, alles einfach so in den Alltag eingebaut, also ob es nicht die geringste Herausforderung wäre. Sehr beeindruckend. Richtig knuffig war Martys jüngste Tochter, Allie, die sich über einige neue Leute in der Gegend besonders zu freuen schien. Sie unterhielt sich gerne mit uns, war sehr offen und plapperte einfach drauf los. Als wir ihr eröffneten, dass wir demnächst abreisen würden, war sie sehr bestürzt darüber, dass wir nicht zu ihrem Geburtstag anwesend sein würden – sie hat im September Geburtstag. Stattdessen versprachen wir ihr eine Postkarte aus Deutschland, was sie in eine helle Aufregung versetzte. In Windeseile zückte sie Papier und Stift, um ihre Adresse zu notieren, stellte dann aber fest, dass sie Papa um Hilfe bitten musste, da sie die postalische Adresse nicht kannte. Goldig. Martys Sohn war nicht ganz so offen, taute aber mit der Zeit auf, vor allem als Allie mehr und mehr mit uns redete.
Aber wir unterhielten uns auch gerne mit dem Familienvater. Eines Tages fragten wir ihn, wie viele Fahrzeuge er hatte. Er wusste es nicht mit Sicherheit zu sagen. Zwölf, vielleicht fünfzehn. Immerhin waren die Autos seiner Eltern auch auf ihn zugelassen. Dann gab es noch die Traktoren, den Bagger, das Motorrad, Auto seiner Frau, und einige mehr. Ebenso unsicher war er, was seine Ländereien betraf. Vielleicht hatte er 600 Hektar, vielleicht mehr. Er wollte auf jeden Fall noch ein bisschen Land kaufen. Die gewünschten Parzellen hatte er auf einer Karte markiert.
Franziska bemühte sich sichtlich einen neuen Host zu finden und ihr war Erfolg beschienen. In Franz Josef suchte ein Hostel neue Helpx-er, die für eine Unterkunft einige Stunden am Tag arbeiten sollten. Wir einigten uns mit dem Host, dass wir in einigen Tagen da sein würden. Immerhin wollten wir Marty nicht vor den Kopf stoßen und so schnell abreisen, obwohl wir kaum etwas für ihn gemacht hatten. Wir informierten unseren derzeitigen Gastgeber über unsere Pläne und buchten die Tickets. Dann mussten wir Marty noch davon überzeugen, dass er uns etwas zu tun gab, weil er tatsächlich nicht erwartete, dass wir am Wochenende arbeiten würden. Wochenende war frei. Auf unser Drängen hin gab er allerdings nach und wies uns an, die Garage durchzufegen. Wir handelten es auf ein "Garage aufräumen" hoch.
In Anbetracht der Leistungen, die Marty brachte (vor allem, was Essen betrifft), klingt "Garage aufräumen" nach nicht allzu viel. Das kann man allerdings nur sagen, wenn man Martys Garage nicht vorher gesehen hat. Marty - und seine Frau - stand an der Schwelle zum Messiedasein. Er war chaotisch im Kopf - das ist hoffentlich schon vorher deutlich geworden - aber auch seine materiellen Güter kannten das Wort "Ordnung" nicht. Bei der Unkrautbekämpfung hatten wir im Garten schon diverse Gegenstände gefunden, die andere Leute vermisst hätten. Wäscheklammern, beispielsweise, lagen halb verbuddelt neben einen Beet - in ihrer Originalverpackung. Dementsprechend sah auch seine Garage aus. Wir waren froh, dass die Familie an diesem Tag unterwegs war, weil wir so unsere Ruhe hatten. Nach wenigen Minuten war klar, dass wir bei null anfangen mussten. Also trugen wir erst einmal alles aus der Garage, trennten Müll von Vielleicht-Müll und brauchbaren Gütern, fegten alles mehrfach gründlich durch, wunderten uns, wie der Stapel Socken es unter den Trockner geschafft hatte, so dass letzterer einige Zentimeter vom Boden abgehoben hatte, packten alle weiterhin verwertbaren Gegenstände auf thematisch gegliederte Haufen, machten zwischendurch Teepausen, fanden Geld und stellten schließlich all das zurück, was zweifelsohne kein Müll war. Den Rest ließen wir vor der Garage stehen. Zwischendurch kam sogar Martys Mutter vorbei, um die Wäsche abzuholen. Wir bescheinigten ihr, dass es jetzt besser aussehen würde als zuvor, obwohl wir noch mitten in den Reinigungsarbeiten waren: "It looks better than before" ("Es sieht besser als zuvor aus"). Sie erwiderte trocken: "I'm sure it bloody does" ("Ich bin sicher, dass es das verdammt noch einmal tut"). Tatsächlich war sie der Ansicht, dass wir alles wegschmeißen sollten. Ein gewisser Widerwille gegen den Ordnungssinn ihres Sohnes schwang in ihren Aussagen mit.
Nach diesem schweißtreibenden Erlebnis hatten wir uns ein Bad im Pazifik mehr als verdient. Zurück zum Haus, Badeklamotten angezogen, Handtuch und ein bisschen Proviant mitgenommen, Jungs eingesteckt und auf ins Wasser. Es war schon sehr lange her, dass ich schwimmen gewesen war, noch länger her war das Schwimmen in einem Ozean. Somit bekam ich die volle Ladung dieser Freizeitbeschäftigung ab: Salz in den Augen, Salz in der Nase und im Mund, plötzlich habe ich den Boden unter den Füßen verloren, Wellen wurden übersehen und rissen mich mit. Es war perfekt. Das Wasser hatte, musste ich dann leider feststellen, nicht mehr so ganz die richtige Badetemperatur, denn nach einiger Zeit wurde mir trotz viel Bewegung kühl. Bevor ich mir also etwas einfing, stapfte ich zurück zum Strand, ließ mich von der brennenden Sonne trocknen, wickelte mich in mein Handtuch, trank ein bisschen, um dann wieder ins Wasser zu springen. Immerhin war dies hier der Pazifik, das musste ich ausnutzen. Aber irgendwann kam dann doch der Abschied, so dass ich wehmütig unserer Hütte entgegen schlenderte.
An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass Meeresrauschen sich kaum von einer Autobahn unterscheidet. Die lustigen Szenen in diversen Filmen, wenn man die Wellen brechen hört, es kracht und schäumt, sind ja schön und gut, treffen aber leider nicht ganz zu. Denn dieses Krachen und Schäumen findet die ganze Zeit statt, an mehreren Orten gleichzeitig, viele Wellen, viel Wasser, so dass das Brechen einer einzigen Welle meistens untergeht. Es rauscht die ganze Zeit, denn irgendwo bricht immer eine Welle. Trotzdem ist es irgendwie beruhigender, was vielleicht an der Kontinuität des Geräuschpegels liegt.
Es war an eben diesem Abend als Martys Familie in alle vier Winde zerstreut war, dass wir beschlossen, nachts einen Ausflug an den Strand zu machen. Zuvor mussten wir allerdings einige Dinge im Internet erledigen, so dass wir uns in völliger Finsternis zum großen Haus begaben. Die Hunde begrüßten uns mit aggressivem Knurren und lautstarkem Bellen, bis wir sie mit Namen riefen und kraulten. Das nenne ich gute Wachhunde: lieb und freundlich, wenn Herrschen da ist oder sie die Besucher kennen; zähnefletschend, wenn es Fremde sind.
Mac war so freundlich uns zur Veranda zu geleiten, wo wir immer noch Internetempfang hatten. Als ich meinen Laptop schon heruntergefahren hatte, saß ich Franziska gegenüber im Dunkeln und besah mir die Sterne. Sie wollte etwas sagen, hielt aber mitten im Satz inne, um mich zu fragen, wo ich denn war. Ich hatte mich nicht von Ort und Stelle gerührt, doch das Licht ihres Bildschirms blendete sie, woraufhin sie mich nicht sehen konnte. Es war ein zu komisches Bild als sie den Kopf von links nach rechts drehte und verwirrt um sich schaute.
Nachdem alles erledigt war, gingen wir zurück zu unserer Hütte. Die Ausfahrt bei Martys Haus war von dichtem Buschwerk gesäumt, das hoch genug wuchs, um des spärliche Licht der Sterne abzuschirmen. Ich wäre die Strecke gerne ohne Hilfsmittel gegangen, doch Franziska bangte um ihren Laptop, so dass ich doch eine Taschenlampe zückte und diesem Weg das abenteuerliche Element stahl.
In unserer Hütte, die ohnehin auf dem Weg zum Strand lag, legten wir unsere Elektronik ab und gingen weiter. Am Meer angekommen begrüßte uns ein traumhaftes Schauspiel.
So viele Sterne hatte ich zu Lebzeiten noch nicht gesehen. Orion, sonst im städtischen Nachthimmel ein unverkennbares Muster aus wenigen Punkten, mehr als deutlich zu erkennen, verschwand beinahe in den Myriaden von winzigen funkelnden Körnern, die nun so deutlich zu sehen waren. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass er da war und wo er am Himmel stand, hätte ich ihn vermutlich nie gefunden.
Die Milchstraße zog sich wie ein silbern glitzerndes Band über unsere Köpfe hinweg. Stern neben Stern neben Sternchen. Der Himmel glitzerte und funkelte vor sich hin, wie ich es mir nicht einmal hätte ausmalen können. Es war einfach nur zauberhaft. Kein Foto der Welt kann diesem Anblick gerecht werden. Auf diese Art werde ich das Kreuz des Südens nie ausfindig machen können – jedenfalls nicht ohne Hilfe.
Untermalt wurde die ganze Szenerie vom betäubenden Meeresrauschen, das von den Wellen hinter uns verursacht wurde.
Als Marty am nächsten Tag wieder ins Haus trudelte, erklärten wir ihm, welcher Stapel welcher war. Leider hatte er vergessen uns zu sagen, was wir mit dem Müll machen sollten. So musste er ihn selbst wegräumen. Er fragte tatsächlich, ob er das jetzt machen solle. Da lässt man zwei deutsche Mädels mal für einen Tag alleine in Neuseeland und schon wird ihnen das Zepter in die Hand gedrückt. Wir erlaubten ihm also, seinen Rausch erst einmal auszuschlafen und sich darum zu kümmern, wenn es ihm wieder besser ging, was er freudig zur Kenntnis nahm. An diesem Tag war er wirklich nicht ansprechbar. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob seine Frau mit unserer Aufräumaktion einverstanden war. Ihre Freude schien sich eher in Grenzen zu halten.
An unserem letzten Tag wollten wir einen kleinen Ausflug machen, um uns die Gegend ein bisschen näher anzusehen. Marty hatte uns einen Wanderweg empfohlen. Da Jonas im Besitz eines Autos war, fuhren wir mit ihm bis zum Beginn des Weges. Es ist in Neuseeland ganz normal, dass Wanderwege ab einem gewissen Parkplatz ausgeschildert sind. So kann jeder Tourist hinfahren, spazieren gehen und wieder nach Hause fahren. Leider war eben dieser Wanderweg – der einzige in der Region – gesperrt, weil es kurz zuvor heftige Regenfälle gegeben hatte und der Weg derzeit wegen Erdrutschgefahr nicht begehbar war. Wir ließen es uns dann aber nicht nehmen zum nahe gelegenen Aussichtspunkt zu fahren, um die Küstenregion mal von oben zu sehen. Immerhin war das auch ein sehr schöner Anblick, den wir in vollen Zügen genießen konnten.

Ich wäre gerne länger geblieben, aber Franziska fühlte sich nicht wohl, also mussten wir abreisen. Marty war auch der erste Host, der sich keinen Deut darum scherte, wie viel Englisch wir tatsächlich verstanden. Er redete einfach so mit uns, wie mit jedem anderen auch. Seine Aussprache war nicht deutlicher, wenn er mit uns sprach, er benutzte die gleichen Wörter wie mit anderen Kiwis und er blieb sich selbst treu, wenn es um blöde Sprüche ging. Allein die Aussage: "Wenn du ein Ei im Kühlschrank hast, hast du eine ganze Mahlzeit." Ich schätzte diese Aufrichtigkeit sehr und vermisse sie.
Wir warten immer noch darauf, dass Marty mit einer stumpfen Axt hinter uns her rennt. Es würde zu seinem Auftritt passen. Mittlerweile sind wir aber ziemlich sicher, dass er uns bei seinem Orientierungssinn nicht findet, auch wenn wir ihm unseren nächsten Aufenthaltsort nannten. Wahrscheinlich hat er sogar schon vergessen, wohin wir fahren wollten.
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