Sonntag, 9. August 2015
Darfield – Mai - Juni 2015
Der Titel für dieses kleine Abenteuer lautet:
Broom behind the House
Eine Erklärung dazu folgt im Laufe des Berichtes

Dieses Mal nahmen wir eine andere Route, die Summit Road, die über die Berggipfel der Banks Halbinsel führte und dank des Wetters eine hervorragende Aussicht auf die Bucht lieferte. Es war ein schwieriger Aufstieg für unser kleines Gefährt, aber endlich schafften wir es oben anzukommen, und so genossen wir das prachtvolle Bild, das sich um uns herum erstreckte. Links und rechts lagen die Berge gewellt unter uns, links und rechts erstreckte sich ein Teil des Pazifiks, irgendwo unter uns befanden sich die Highlands Neuseelands – oder der Teil, den wir selbst so genannt hatten. Es war atemberaubend. Die Strecke zog und zog sich, doch sie war jeden Meter wert, denn wir hielten sehr oft, um diese einmalige Landschaft zu fotographieren. Es war kaum zu glauben, was um uns herum lag. Da wir es überhaupt nicht eilig hatten, nahmen wir uns die Zeit für eine Pause hier und einen stillen Moment dort.



Die Ankunft in Christchurch war offensichtlich. Der Verkehr nahm zu, die Häuser standen dichter beieinander, es gab wesentlich mehr Passanten, Geschäfte, Straßen und was sonst noch zu so einer Stadt gehört. Es gab Ampeln – wir hatten schon lange keine mehr gesehen. Nach einigem hin und her fanden wir die Geschäftsstelle von ACE, gaben unser Auto mit einer Träne im Augenwinkel ab, hörten von der Inspektion, dass alles perfekt war, und machten uns wieder auf den Weg anderswohin. Von unserem nächsten Gastgeber hatten wir erfahren, dass es einen Bus gibt, der von Christchurch nach Darfield fährt, wo wir abgeholt werden könnten. Zu diesem Zweck begaben wir uns zur Central Station, an der dieser Bus laut Internet abfahren sollte. Unterwegs begriffen wir, warum Christchurch immer noch als große Baustelle bezeichnet wird: Die Spuren des großen Erdbebens von vor drei Jahren waren immer noch nicht restlos beseitigt. Tatsächlich standen viele Gebäude noch, waren aber verlassen und verbarrikadiert, weil sie stark einsturzgefährdet waren. Daneben fand man Baustellen, auf denen Häuser entweder neu errichtet wurden oder gerade im Begriff waren abgerissen zu werden.

Auch die Central Station war ganz neu, so neu, dass man sie erst vier Tage zuvor eröffnet hatte. Alles in allem war die neue Central Station wie ein Flughafen aufgebaut: Es gab Gateways für Busse, eine riesige, mit Glas verkleidete Halle für wartende Fahrgäste und im noch nicht fertigen Teil sollte Ende des Jahres eine Mall mit verschiedenen Geschäften eröffnet werden. Wir fragten uns ernsthaft, wozu die Stadt solch einen riesigen Busbahnhof brauchte. Der Neubau führte zu gewissen Schwierigkeiten, was die Verkehrslage betraf, da zudem viele Buslinien eine neue Route fuhren und das Personal nicht genau wusste, welche Linie wo abfuhr. Man hatte zusätzliches Personal eingestellt, das die Übergangsphase so reibungslos wie möglich gestalten sollte, aber dennoch konnte uns die Dame am Schalter nicht helfen, wo wir nun unseren Bus nach Darfield finden würden. Stattdessen schickte sie uns zur nächsten i-Site, die neben dem Museum war. Wir waren verwirrt, da wir bereits an der i-Site vorbeigefahren waren, zeigten ihr den Plan, den wir aus dem Internet hatten, fügten uns aber dann ihrem Ratschlag und stiegen in den nächsten Bus zurück.

In der i-Site angekommen, fragte man uns verwirrt, warum wir da waren, da der Bus doch offensichtlich von der Central Station abführe. Das Gemeine an neuseeländischem Personal ist, dass man keine Gelegenheit bekommt, sich über die Leute aufzuregen. Sie bleiben freundlich, hilfsbereit und verständnisvoll. Die Dame in der i-Site sorgte sogar dafür, dass die Dame in der Central Station dafür zurechtgewiesen wurde, dass sie uns unnötigerweise quer durch die Stadt schickte. Außerdem rief sie für uns beim Busunternehmen an, um zu erfragen, wo genau der Bus nach Darfield abfuhr. Mit diesen Daten gewappnet, marschierten wir zurück zur Central Station. Es war ein angenehmer Spaziergang von gerade einmal 15 Minuten – mit Gepäck auf dem Rücken. Das machte uns mittlerweile recht wenig aus.

Wir saßen also wieder in der Central Station, teilten einem Helfer in orangefarbener Warnweste mit, wo der Bus abfuhr und unterhielten uns mit diesem freundlichen Engländer für einige Zeit. Dann brachen wir nach Darfield auf.

Die Fahrt dauerte ungefähr eine Stunde, was hauptsächlich am Feierabendverkehr lag. Als wir endlich ankamen, begrüßte uns Hilary sehr herzlich und nahm uns in ihrem Toyota mit. Darfield war nämlich nicht unsere Endhaltestelle; die Gastfamilie lebte auf einer Farm eine halbe Stunde von jeglicher Zivilisation entfernt – mal wieder. In einer vorhergehenden Mail hatte Hilary uns schon gewarnt, dass es keinen Handyempfang geben würde, aber sie hatten Internet, wenn man nicht zu viel davon und kein zu schnelles erwartete. Zumindest für die grundlegende Kommunikation würde es ausreichen.

Da wir im Dunkeln ankamen, konnten wir uns kein Bild vom Äußeren des Hauses machen. Von Innen sah es wie ein Labyrinth aus. Als wir rein kamen, standen wir in einer Ecke des korridorartigen Flures, der links und rechts abbog. Wir sollten rechts runter gehen, dann rechts abbiegen, sofort links, bis zum Ende des Gangs, wo unser geräumiges Zimmer mit angrenzendem Bad für uns bereit stand. Als Heizung diente ein kleines Heißluftgebläse, das mich an kommunistische Zeiten erinnerte. Damit uns aber auf keinen Fall kalt wurde, fanden sich in den Betten Heizdecken. Es war zumindest etwas, auch wenn es mich immer wieder überrascht, dass Neuseeländer keine Heizungen fest in ihren Häusern montiert haben.

Um in die Küche zu gelangen, mussten wir durch den Gang, am Ende davon rechts und sofort links, geradeaus den Gang runter bis zum Ende, dann rechts und geradeaus durch die Schiebetür. Das war die Strecke, die wir täglich zurücklegten – die anderen Flügel des Hauses betraten wir eher selten bis nie. Allgemein war das Gebäude wir ein Z mit einigen Abzweigungen geformt, so dass man sich gut und gerne darin verlaufen konnte, ohne irgendwelche bösen Absichten zu verfolgen. Es war jedoch nicht so schlimm, da man im Zweifelsfall immer einen der zwölf Ausgänge nehmen konnte, um das Haus zu umrunden und dann wieder durch den Haupteingang einzutreten.

Bei einer sich bietenden Gelegenheit spazierten wir in den Flügel des Hauses, in dem das eigentliche Esszimmer an das eigentliche Wohnzimmer grenzte. Das Wort opulent beschreibt diese beiden Räume im viktorianischen Kolonialstil äußerst passend. Farbenpracht, Dekoration, hohe Decken, Staub. Wir verstanden, warum die Familie lieber die große Wohnküche nutzte. Sie war einfach wohnlicher.
Am Abend unserer Ankunft lernten wir auch Collin kennen, Hilarys Mann.
Nach einem leckeren Abendessen erklärten wir den Tag erst einmal für abgeschlossen und fielen ins Bett. Es war lange überfällig.

Am nächsten Morgen gab es neue Bekanntschaften zu schließen, denn die kleine Flossie, Enkeltochter von Hilary und Collin, ihre Nanny Amy sowie der Hund von Hilarys und Collins Tochter, Rola, waren gerade zu Besuch. Abends kam noch der Sohn der Familie, Andrew, hinzu. Nachdem alles geklärt war, konnten wir uns auch schon an die Arbeit machen – es gab schließlich genug zu tun.

Zum Haus gehörte auch ein Pool, dessen Umrandung durch das Erdbeben ein bisschen Schaden genommen hatte und ausgebessert worden war. Allerdings gab es noch Kleinigkeiten, die abgeändert werden mussten: Zement sollte von Steinen geschleift werden, auf die er nicht gehörte. An diesem Tag wurde mir die einmalige Möglichkeit geboten, den Bildhauer in mir zu entdecken. Ich klopfte auf Stein, ich schleifte, klopfte weiter, suchte und fand, dass ich nicht dazu geschaffen bin. An manchen Stellen fiel es mir schwer zu unterscheiden, wo der Zement aufhörte und der Stein anfing. So gerne ich mich handwerklich betätige, daraus wird nichts. Da uns nach einiger Zeit so langsam alle Gliedmaßen abfroren – immerhin hatten wir Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt –, gingen wir zeitig wieder rein und suchten uns eine andere Tätigkeit drinnen. Da gab es allerdings wenig zu tun, außer man beschäftigte sich mit Flossie, die selbstverständlich immer gerne im Mittelpunkt des Geschehens stand.

Amy fand eine Liste, die Hilary geschrieben hatte, doch auch sie wurde nicht schlau daraus, was wir nun wie machen sollten. Außerdem bezogen sich die meisten Arbeiten auf Tätigkeiten unter freiem Himmel, was aus gesundheitlichen Gründen erst einmal hinten angestellt wurde.

Am nächsten Morgen erfuhren wir dann auch, was es mit dem Punkt „broom behind the house“ auf sich hatte. Auf den ersten Blick ist an dieser Aufgabe nicht viel dran, was aber nur daran liegt, dass wir zu diesem Zeitpunkt nicht wussten, dass das englische Wort broom doppelt belegt ist. Wir gingen von der allgemein bekannten Bedeutung aus: broom = Besen, to broom = kehren, die ganze Aussage = hinter dem Haus kehren. Leider meinte Hilary etwas ganz anderes damit. Broom kann nämlich auch mit Ginster übersetzt werden.

Unsere Gastmutter bat uns darum, den Ginstersträuchern in einem kleinen Areal hinter dem Haus den Garaus zu machen. Auch den Begriff „kleines Areal“ möchte ich hier in Anführungsstriche setzen, weil es relativ gesehen werden muss. Im Vergleich zu den riesigen Landmassen, die diese Familie besitzt, und auch im Verhältnis zu der Fläche, auf der sie Wohnen, war der Bereich klein. Allerdings brauchte man schon mehrere Minuten, um von der Haustür zu Fuß zur Straße zu kommen, obwohl die Ausfahrt gut geebnet war.

Wir bekamen Astschere, Rosenschere und Pflanzengift in die Hand gedrückt, um uns damit an bösartigen Ginstern und Pinien zu schaffen zu machen. Da sowohl Pinien als auch Ginstern hier nicht heimisch sind und keine natürlichen Feinde kennen, durften wir sie wie Unkraut behandeln. So begann ein Tag, an dem wir den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sahen und das Unkraut einfach nur noch grün war. Anfangs waren noch wenige Ginsterbüsche zu sehen und wir kümmerten uns mehr um die Pinien, doch je näher wir der Straße kamen, umso höher und dichter wurde das Buschwerk aus Unkraut. Hinzu kam, dass das Gelände alles andere als eben war; es war mit Holz, toten Bäumen und Ästen, übersät. An manchen Stellen war es eine schiere Herausforderung einfach nur gerade stehen zu bleiben, geschweige denn einige Schritte zu tun, ohne sich die Beine zu brechen. Wir schafften nicht alles an einem Tag. Aber auf diese Weise blieb genug für den nächsten. Außerdem war der Pool noch nicht ganz fertig, so dass wir das noch zu Ende bringen konnten. Wir halfen Hilary auch dabei, ein nahe gelegenes Haus auf Vordermann zu bringen, weil demnächst dort Arbeiter einziehen sollten. Auf dem Land gab es wohl eine erhöhte Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum, aber nur ein geringes Angebot. Vor allem saisonale Arbeitskräfte suchten fertig möblierte Häuser und Wohnungen.

Dies war eine weitere Gelegenheit, bei der Neuseeländer uns mit ihrem Umweltschutzgedanken überraschten. Hilary war stolz darauf, dass es seit 2004 verpflichtend war, doppeltverglaste Fenster in Neubauten einzusetzen. Wir schmunzelten.

Unser Aufenthalt in Darfield bekam den Titel „broom behind the house“, was nicht nur auf das Missverständnis mit broom zurückzuführen ist, sondern auch auf Hilarys und Collins Selbstverständnis von „hinter dem Haus“. Die Neuseeländer mögen es eben ein bisschen größer.

Wir erinnerten uns an diesen Spruch, als unsere Gastmutter uns bat, einige Steine zu sortieren. Bei vorhergehenden Bauarbeiten waren Steine entfernt und aus dem Weg geräumt worden, aber sie würde sie gerne wiederverwenden. Da sie unordentlich auf einem Stapel gekippt worden waren, waren einige zerbrochen, andere heil. Sie bat uns, die ganzen von den fast heilen und den kaputten zu trennen, um sie dann auf Paletten zu stapeln. Wir verstanden „Steine“; Hilary meinte „Steinplatten“.

Steine vor dem Sortieren

Collin schätzte jede der Platten auf 25-30 kg. Nach diesem Tag brauchte keine von uns ein Sportprogramm. Und obwohl wir weniger als die vereinbarten vier Stunden an diesem Tag arbeiteten, beschwerte sich niemand, dass wir keinen Finger mehr rührten.

Eine weitere unserer Aufgaben bestand darin, die Küchenschränke von Hilary auszuräumen und zu säubern. Ich habe Verständnis für Leute, die viele Lebensmittel auf einmal kaufen, um nicht täglich in den Supermarkt gehen zu müssen, vor allem wenn sie so weit weg von der nächsten Einkaufsmöglichkeit wohnen. Was wir in den Schränken fanden, war allerdings schon eine Übertreibung. Der Höhepunkt war ein Schokoweihnachtsbäumchen, das im Juli 2004 abgelaufen war. Von diesen kulinarischen Abfallprodukten fanden sich einige, mit dem einzigen Unterschied, dass das Verfallsdatum zwischen 2005 und 2014 liegen konnte. Viele Produkte waren noch nicht einmal angebrochen, und ich frage mich bis heute, wie viele Kilogramm Erdnüsse ein Haushalt braucht. Andere Packungen hingegen waren bereits geöffnet, daneben lag das gleiche Produkt, ebenfalls geöffnet. Franziska machte den Fehler, die Schubladen auch von außen abzuwischen, was dazu führte, dass man ganz deutlich den Unterschied zwischen gereinigt und nicht gereinigt sah. So konnte die Küche auf keinen Fall bleiben, wenn ein Teil einem in strahlendem Weiß entgegen prangerte, während ein anderer eher durch trübes Grau bestach. Dennoch wollte Hilary nicht, dass wir den Rest säuberten. Andere Aufgaben fand sie wichtiger.

An unserem freien Tag nahm unsere Gastmutter uns nach Ashburton mit, ein Städtchen, das ungefähr eine Stunde Fahrt vom Haus der Familie entfernt liegt. Hilary hatte einige Sachen zu erledigen, ließ uns aber die Zeit alleine, damit wir die Stadt unsicher machten. Anstatt ihrem Vorschlag zu folgen und einen Blick in die Kunstgalerie zu werfen, wandten wir unsere Aufmerksamkeit dem Park zu. Aber es galt erst einige Prioritäten abzustecken: Lunch.

Da wir keine Ahnung von den uns umgebenden Cafés hatten und Hilary uns auch keine konkrete Auskunft geben konnte, fragten wir ganz dreist in der i-Site nach einer Empfehlung. Eine Mitarbeiterin schlug ein Café um die Ecke vor, also kehrten wir in den Sumerset Grocer ein. Nach einem schmackhaften Lunch und dem besten Tee seit Monaten ging es weiter zur ANZ-Filiale, um einige Fragen zu klären. Nachdem diese scheinbar beantwortet waren, zogen wir in den Park. Die Sonne schien, es war gerade warm genug für einen Spaziergang und wir wussten genau, wohin wir gehen wollten.

Im Park angekommen fanden wir einen Fitness-Pfad, dem wir spontan folgten, weil er uns auch in die entlegenen Ecken der Grünanlage führte. Außerdem war es lustig, die eine oder andere Übung auch mal auszuprobieren. Die notwendigen Geräte standen gut gepflegt bereit. Ich war überrascht, wie groß der Park war.



Es gab Spielplätze, Sportfelder für verschiedene Sportarten, Teiche, Wiesen, Rosengarten, viele Bäume und was noch dazu gehört. Nach mehr als einer Stunde ziellosen Umherwanderns wandten wir uns wieder dem Zentrum der Stadt zu, um noch einige letzte Eindrücke von neuseeländischen Geschäften in uns aufzunehmen. Außerdem suchte ich noch immer verzweifelt nach einem karierten Heft der Größe DIN A5 (oder so ähnlich). Diese scheinen am anderen Ende der Welt überhaupt nicht geläufig zu sein.

Nachdem alles erledigt war, brachen wir zum Supermarkt auf, an dem wir mit Hilary verabredet waren. Sie hatte allerdings noch einige Einkäufe zu erledigen, und mit „einige“ meine ich „jede Menge“. In Anbetracht der riesigen Vorräte dieser Familie frage ich mich immer noch, was sie noch nicht hatten. Anscheinend fand sich immer noch etwas, das unbedingt mitgenommen werden musste. Kein Wunder, dass so viele Lebensmittel im Haushalt G. schon kurz vor der Volljährigkeit und somit vor dem Einzug in die neuseeländischen Geschichtsbücher standen. Aber anscheinend war es nicht genug auf zwei Eiszeiten vorbereitet zu sein, nein, die dritte könnte auch noch kommen.

Ein weiteres Projekt bestand im Unkrautjähten. Da wir uns darin mittlerweile als Profis betrachteten, ging es recht zügig, zu zügig, wie wir einsahen. Um Hilary nicht auf unangenehme Gedanken zu bringen oder die Erwartungen an uns sowie künftige Helfergenerationen künstlich in die Höhe zu schrauben, atmeten wir tief durch und machten uns wieder an die Arbeit. Diesmal gemächlicher.

Zurück zu dem Thema ANZ: Wir hatten noch jeweils ein hübsches Sümmchen von unserer Arbeit in Franz Josef auf unseren neuseeländischen Konten, allerdings keine Zeit mehr dies in Neuseeland auszugeben. Also wollten wir es auf unsere deutschen Konten überweisen, was von den ANZ-Mitarbeitern immer wieder als besonders einfach dargestellt wurde. Wir hatten fünfmal in fünf verschiedenen ANZ-Filialen gefragt, ob wir nicht eine TAN bräuchten. Ebenso erklärten wir jedes Mal, was wir damit meinten, wie wir es aus Deutschland gewohnt waren. Jedes Mal bekamen wir zur Antwort, dass es ganz einfach in Neuseeland wäre und wir uns keine Sorgen machen müssten. Als wir nun wieder bei Hilary im Wohnzimmer saßen und unsere Überweisung tätigen wollten, kamen wir zur Sicherheitsabfrage, die uns sagte, dass uns eine TAN per SMS zugeschickt werden würde. Ich wiederhole: Wir waren an einem Ort ohne Handyempfang. Diese SMS ist nie bei uns angekommen. Aus diesem Grund möchte ich jedem strengstens davon abraten, ein Konto bei der ANZ aufzumachen. Man bekommt nur häppchenweise Informationen, die sich stellenweise widersprechen, und manchmal bleibt das Wichtigste aus. Das ist kein guter Service.

Hilary bat uns darum, einige alte Tische abzuschleifen und neu zu lackieren, weil sie sie gerne wiederverwenden würde, der Lack aber schon an mehreren Stellen abgesplittert war. Wir sahen keine Möglichkeit, ihre freundliche Bitte als etwas anderes als als Aufforderung zu betrachten, also machten wir uns an die Arbeit. Tim, seit zehn Wochen als Maler und Handwerker für die Familie tätig, hatte eine effiziente Alternative zum Bandschleifer: einen Schaber. Erstaunlicherweise ging es damit schneller als mit einem elektrischen Gerät. Meine Erwartungen an den Bandschleifer sanken aber auch ganz schön tief, als ich las, dass er nur 135 W hatte. Was brauchen wir? Mehr Power! Es blieb dabei, dass unsere Muskeln eine bessere Leistung brachten. Es war auch besser so, weil wir sonst die Tiefkühltruhe hätten ausstöpseln müssen – Mangel an Steckdosen und so.

Es kam der Tag, an dem Hilary einige Gäste empfing und uns aus diesem Grund aus ihrem Haus verbannte. Doch nicht weit entfernt stand eine Winterherberge, die sie oft an Arbeiter in der Nähe oder an zahlende Gäste vermietete. In der Nähe lag eines von Neuseelands Skigebieten. Wir durften also unsere Siebensachen packen und dorthin aufbrechen. Ein neues Abenteuer begann und es überrascht mich bis heute, dass es nicht unser letztes war.

Größtes Manko dieser Behausung – nach neuseeländischen Maßstäben: Es gab keinen Teppichboden. (Für mich ist es einfach erstaunlich, wie weit Neuseeländer ihre Liebe zu diesem Bodenbelag tragen:
Teppich im Badezimmer
In Hilarys Haus lag sogar im Badezimmer ein dicker, flauschiger Teppichboden.)
Diesem Problem begegnete unsere Gastfamilie, indem sie einige Teppiche vor den Kamin legte. Immerhin wollte man so viel Wärme wie möglich innerhalb des Wohnraums behalten, anstatt ihr die symbolischen Türen weit zu öffnen. Der Erfolg dieser Maßnahmen steht noch aus.

Unserer Ansicht nach war das mangelnde Heizsystem allerdings ein viel größeres Problem. Zwar gab es in der Wohnküche einen Kamin, den wir auch brav lange vor Hereinbrechen der Nacht entzündeten und dessen Feuer wir konstant schürten, aber das Ventilationssystem, das die Wärme auf alle Räume verteilen sollte, funktionierte nicht so ganz. Die elektrischen Heizungen in den Zimmern waren mit tickender Zeitschaltuhr versehen, so dass die Räume nicht wirklich warm wurden. Das konnte man allerdings bei den gegebenen Witterungsbedingungen, Minusgraden und Neuschnee, nicht ernsthaft erwarten. Wir entschieden uns spontan dazu, einige Matratzen aus den Schlafräumen in den beheizten Wohnraum zu holen, diese auf dem Boden vor dem Kamin auszubreiten und uns dort zur Nachtruhe zu begeben. Natürlich waren wir uns der Gefahren bewusst, die damit einhergingen, aber als Alternative stand eine schlaflose Nacht wegen abfrierender Gliedmaßen in Aussicht. Auf diese Weise hatte ich zudem meinen Spaß mit dem Feuer zu spielen… ähm, es am Laufen zu halten, damit wir nicht erfroren. Die Faszination des Feuers.



Spannend fand ich auch, dass es keinen Flur gab, der die Räume miteinander verband, sondern dass man über die Veranda von Zimmer zu Zimmer kam, also auch vom Wohnzimmer ins Bad. So kann man auch aus alltäglichen Handlungen, wie beispielsweise einer Dusche, eine Extremsportart machen. Spaßeshalber malte ich mir aus, wie sich einige Skifahrer nach einem langen, kalten Tag dazu aufrafften, ordentlich zu duschen, um dann mit nassen Haaren durch die Kälte in ihre Zimmer zu stolpern.

Immerhin gab es einen Fernseher, der uns lange genug unterhalten konnte, bis es Zeit fürs Bettchen war. Franziska fand Maori Television, einen Sender der Fernsehen von und für Maori anbot. Es war eine seltsame Mischung aus Vertrautem und Fremdem. Besonders erstaunlich war, dass auch die Werbung anders als auf nicht-Maorisendern war. Ich kam nicht umhin, von einer Zwei-Klassen-Gesellschaft zu denken, auch wenn das Programm mehr Unterhaltung als deutsches Fernsehen bot. An diesem Punkt möchte ich jedem Leser die Sendung „Find Me a Maori Bride“ wärmstens ans Herz legen.

Unser Aufenthalt in dieser doch so ramponierten Hütte gab mir allerdings die einzigartige Möglichkeit mit einem nicht für deutsche Straßenverhältnisse zugelassenen Quad durch die Gegend zu düsen. Unsere Gastfamilie besaß so ein Vehikel, das sich durch eine relativ große Ladefläche auszeichnete. Collin zeigte mir, wie man das Fahrzeug bediente, so dass wir den langen Weg von fünfzehn Gehminuten nicht täglich zu Fuß zurücklegen mussten. Wir hatten uns schon daran gewöhnt, dass die Leute uns komisch anguckten, wenn wir ihnen von unserer mangelnden Motorisierung erzählten. Dieses Quad gab mir so manche Mühe, da es einerseits viele Eigenschaften eines Motorrads teilte, dann andererseits doch anders funktionierte. Es gab weder Rückspiegel, noch Blinker, geschweige denn Kupplung, aber dafür mehrere Gänge. Tatsächlich besteht in Neuseeland Helmpflicht für derartige Fahrzeuge, auf dem Land nimmt die Bevölkerung das allerdings, trotz zahlreicher Unfälle mit Todesfolge, nicht so ernst. In Ermangelung von Kopfschutz jedweder Art blieb also auch uns nichts anderes übrig, als auf unsere Fahrkünste zu vertrauen und unseren gesunden Menschenverstand zu benutzen.

Ich nahm mir einige Zeit, mir Gedanken zu diesem Gefährt zu machen, und kam zu dem Schluss, dass ich es nicht mochte. Dafür gab es mehrere Gründe: Schalten war eine Glückssache; der Mangel an Rückspiegeln gefiel mir nicht besonders; aber das unangenehme Gefühl, dass ich in jeder Kurve und bei jeder Steigung – insbesondere in Kurven bei Steigung – fast die Kontrolle über das Vehikel verlor und zu kippen drohte, gab den Ausschlag für meine Aversion ihm gegenüber. Dennoch fuhren wir auf und ab, benutzten es als Lastentransportmittel und drehten auch mal eine Runde zum Vergnügen, weil der Tank gerade voll war. Lustig war, dass wir am ersten Morgen so oder so zu Fuß von der Hütte zum Haupthaus laufen mussten, weil das Gerät bei den nächtlichen Temperaturen eingefroren war. Es war nicht nur kalt, sondern es war mit einer dicken Frostschicht bedeckt. Erst nachdem es einige Stunden in der Sonne gestanden hatte, sprang es auch wieder an.

Obwohl Franziska die ein oder andere Fahrt mit dem Quad wagte, hatte sie ein anderes Fahrzeug zu ihrem neuen Lieblingsspielzeug auserkoren: den Toyota Prado unserer Gastfamilie. Ich würde ja gerne mehr zu diesem Ungetüm schreiben, etwas zum Fahrverhalten, Straßenlage, Handling, etc., aber mir sind die Finger gebunden, da meine Reisebegleitung mich kein einziges Mal ans Steuer ließ, wenn sich die Gelegenheit bot, damit zu fahren. Anfangs war sie noch scheu vor diesem SUV, der größer als ich war, aber schon nach den ersten Metern stand fest, dass ich dieses Fahrzeug nie vom Fahrersitz aus sehen würde. Was ich allerdings auf meiner Beifahrerposition wahrnahm, war, dass man die Geschwindigkeit überhaupt nicht merkte. Selbst über unebene und unbefestigte Straßen glitt dieses Monstrum wie über frisch geschliffenes Eis. Auch die Geräuschkulisse hielt sich in Grenzen. Man hörte weder den Motor rauschen noch die Außengeräusche.

Es ergab sich die Gelegenheit ein Rugby-Spiel live im Fernsehen zu sehen, was wir uns ungern entgehen lassen wollten, da wir es mit eingefleischten Fans gucken konnten, die uns bestimmt gerne die Regeln und das Geschehen auf dem Feld erklären würden. So fuhren wir eines Abends zur Tochter des Hauses, Georgie, die mit ihrem Mann und einigen seiner Freunde schon gespannt auf das Spiel wartete. Das Ziel des Spiels war schnell erklärt und verständlich, die generelle Marschrichtung war klar, die zu unterstützende Mannschaft war selbstverständlich, aber die Regeln begriffen wir trotzdem nicht so ganz. Ob es an uns oder der Erklärung lag, möchte ich nicht beurteilen. Jedenfalls wissen wir bis heute nicht, ob man beim Rugby foulen kann oder nicht. Nachdem wir aber das Spiel gesehen hatten, machten wir uns noch mehr Sorgen um unseren ehemaligen Host Ceasar.

Schneller als erwartet, aber langsamer als gehofft, kam der Tag, an dem wir zurück ins Haupthaus ziehen durften – für eine Nacht. Da wir die letzten zwei Tage und Nächte vor einem Holzkamin zugebracht hatten, waren unsere olfaktorischen Ausdünstungen eher denen eines geräucherten Aals ähnlich als denen normaler Menschen. Wir kamen nicht umhin, all unsere Kleidungsstücke sowie Bettbezüge in die Wäsche zu werfen, um wenigstens einigermaßen präsentabel zu erscheinen, auch wenn eine Dusche mehr als notwendig war, um eine Rückkehr in die zivilisierte Gesellschaft abzuschließen. Hilarys Gäste waren noch nicht abgereist und wir mussten uns wohl oder übel mit ihnen unterhalten. Damit möchte ich nicht zum Ausdruck bringen, dass sie unhöflich waren, aber sie waren schon ein illustrer Club von Eingeschworenen, der mich zudem von anderen Angelegenheiten abhielt. Es war wichtig unsere weiteren Schritte zu planen, da der nächste Flug nur wenige Tage entfernt war und wir noch nicht ganz vorbereitet waren. So blieb uns aber nichts anders übrig, als möglichst aus dem Weg zu gehen, so zu tun, als hätten wir Arbeit, und uns doch mit Fremden zu unterhalten, wenn wir ihnen über den Weg liefen. Immerhin würden wir später keine Zeit habe, weil es an diesem letzten Abend auf uns fiel, das Essen zu bereiten. In diesem Moment vermisste ich meine eigene Wohnung, in der ich tun und lassen konnte, wonach mir der Sinn gerade stand. Endlich waren die Gäste weg, wir zogen zurück ins Zimmer und machten uns an die Vorbereitungen.

Einige Gespräche mit Hilary und Collin waren auch einfach nur knuffig. Als wir uns über Reisen unterhielten und die beiden von ihrem ersten Ausflug nach Südafrika erzählten, stellte Hilary heraus, dass sie anfangs nicht sonderlich davon begeistert war, dass es einen Zwischenstopp in Sydney gab. Dennoch nutzte das Ehepaar die Chance, sich die Stadt mal ein bisschen genauer anzusehen, so dass sie insgesamt vier Tag blieben. Letzten Endes war Hilary recht froh, dass sie diese unfreiwillige Landung nutzten, denn sie stellte fest: „Christchurch ist gar nicht so groß.“ Wir beide mussten uns ein lautes Lachen unterdrücken und zogen es vor, uns an unseren Getränken ordentlich zu verschlucken. Nachdem wir wieder normal atmen konnten, nickten wir andächtig und verständnisvoll. Für jeglichen verbalen Kommentar fehlten mir die Worte.

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