Sonntag, 27. Dezember 2015
Seoul – Juni-August 2015 (Land)
atimos, 12:36h

Tatsächlich müsste ich den Zeitraum dieses Kapitels früher ansetzen, denn das Working Holiday Abenteuer Südkorea begann schon in Deutschland.
Nachdem das Working Holiday-Visum Neuseeland so einfach und schnell erledigt war, wagten wir uns auch an das südkoreanische Pendant. Wer hätte geahnt, dass die Unterschiede so groß sein könnten?
Während die Neuseeländer die Bürokratie bei der Visumsausstellung auf ein Minimum beschränkten, liefen die Koreaner hier geradezu zur Höchstform auf. Im Internet konnte man sich darüber erkundigen, welche Dokumente man mit dem Antrag zusammen vorlegen musste. Auch das Antragsformular konnte man herunterladen und ausdrucken. So weit, so gut. Leider unterscheiden sich die geforderten Unterlagen, je nachdem in welcher Botschaft man den Antrag stellt, was wiederum vom Wohnsitz abhängt. Für Nordrhein-Westphalen ist Bonn zuständig. Bedauerlicherweise weiß die linke Hand auch in Korea nicht, was die rechte tut, und so kam es, dass wir mit widersprüchlichen Informationen konfrontiert wurden. Das Internet schrieb: „Nach Ausstellung des Visums muss man innerhalb von zwölf Monaten in Südkorea einreisen, bevor es verfällt.“ Die Dame am Telefon sagte: „Nein, es sind nur drei Monate.“ Nicht nur Verwirrung, sondern auch Sorge machte sich breit. Immerhin hatten wir den Flug schon gebucht, er lag aber noch viele Monate in der Zukunft und dazwischen planten wir noch zwei weitere Länder zu besuchen. Die Sachbearbeiterin schlug uns tatsächlich vor, dass wir von Australien zurück nach Deutschland fliegen sollten, um das Visum dort zu beantragen und dann von Deutschland aus nach Korea zu fliegen. Denn wenn es um die Beantragung eines Visums geht (egal welches Visums), geht die südkoreanische Bürokratie noch einen gehörigen Schritt weiter. Nicht nur, dass das Internet keine Option darstellt, auch der postalische Weg ist ausgeschlossen. Um das Visum zu beantragen, muss man die Dokumente persönlich bei der zuständigen Botschaft abgeben. Die Internetseite weist mit einem Ausrufezeichen darauf hin, dass sie es ernst meinen. Das war völlig absurd – und viel zu teuer. Doch eine Lösung schien in Sicht: das Auswärtige Amt in Südkorea. Wir schrieben die Behörde direkt an, die uns eine Zwölfmonatsfrist bestätigte. Geht doch.
Immerhin verschaffte uns diese Nachricht ein bisschen mehr Spielraum und passte hervorragend in unseren Plan. Da kein Weg dran vorbei führte, zogen wir eines Morgens mit allen Unterlagen und der Antwortmail aus Seoul gewappnet nach Bonn, um uns diesem bürokratischen Ungetüm entgegen zu stellen.
Es war ja nicht so, dass wir mehrfach in diesem Büro, in genau dieser Botschaft in Bonn angerufen hätten, um Informationen einzuholen. Nein, wir betonten nicht unentwegt, dass wir uns für das Working Holiday-Visum interessieren. (Vorsicht, das war ironisch gemeint und meine Worte trieften hier vor Sarkasmus.) Jetzt erst, als wir vor dieser Sachbearbeiterin standen und auf die Internetseite sowie die Antwort des Auswärtigen Amtes verwiesen, begriff sie endlich, was wir von ihr wollten: Working Holiday-Visum. Nun bestätigte auch sie uns, dass wir zwölf Monate für die Einreise hatten. An diesem Punkt waren wir schon ein bisschen gereizt, doch solch niedere Gemütsschwankungen durfte man vor einem bürokratischen Feind nicht zeigen, insbesondere dann nicht wenn man etwas von ihm wollte. Also atmeten wir tief durch und nickten energisch.
Die nächste Überraschung folgte auf dem Fuße: Der Preis von 64€ traf nicht zu, stattdessen sollten wir 72€ für das Visum zahlen. An sich ist das immer noch keine große Sache, da andere Länder wesentlich mehr für ein Working Holiday-Visum nehmen (Australien ist beispielsweis mit ca. 300€ dabei), aber wenn man gerade nicht so viel Bargeld dabei hat, machen diese acht Euro Unterschied einiges aus. Mal davon abgesehen freue ich mich nie über Fehlinformation. Hier möchte ich auch anmerken, dass die Internetseite sich immer in Europreisen ausdrückte und nie von Won sprach, so dass ich mir über eventuelle Schwankungen im Wechselkurs keinerlei Gedanken machte. Ich ging davon aus, dass sie diesen feststehenden Betrag in Euro meinen. Die Neuseeländer hatten es begriffen, machten alle Angaben in Dollar und stellten dem einen ungefähren Eurowert gegenüber. Die Dame am Schalter klärte uns auch nie darüber auf, weshalb die Preiseangaben unterschiedlich waren.
Die Sachbearbeiterin warnte uns auch vor, dass die Bearbeitungszeit sich auf zwei bis drei Wochen ausdehnen würde, weil gerade sehr viele Anträge eingegangen wären. Noch immer von der einfachen Art der neuseeländischen Bearbeitung eingenommen, sahen wir darin nicht das geringste Problem. Sie bot uns sogar die Möglichkeit an, uns das Visum auf postalischem Weg zurückzuschicken, damit wir nicht noch einmal den Weg auf uns nehmen müssten. Das klang doch ganz vernünftig, wenn sie schon nicht mit dem Internet arbeiten wollten. Aber wir wurden schnell wieder daran erinnert, dass es sich um Südkoreaner handelte. Die Sachbearbeiterin wollte uns nicht das Visum per Post zukommen lassen, sondern unsere Pässe, in die das Visum eingeklebt werden würde. Wir stutzen. Wir sahen uns verdattert an, dann die Dame auf der anderen Seite des Schalters. Hatte sie uns soeben hinten herum mitgeteilt, dass wir unsere Pässe abgeben sollten? Hatte sie darüber hinaus tatsächlich erwartet, dass wir uns auf die Post verlassen würden, dass diese unsere Pässe sicher und fristgerecht bei uns abliefern würde, noch dazu ohne einen versicherten Brief per Einschreiben zu schicken? Ja, und ja.
Noch nie hatte uns irgendjemand dazu aufgefordert, unsere Reisepässe abzugeben, zumal es der einzige Ausweis war, den ich vorzeigen konnte. Die Skepsis wuchs, wir brachten unsere Zweifel und Sorgen zum Ausdruck, die Sachbearbeiterin blieb hart, wir wiesen auf Termine hin, bei denen wir den Pass brauchen würden (Internationaler Führerschein), sie wollte nicht einlenken, stattdessen verschränkte sie die Arme vor der Brust, wir sahen auf die Uhr und schlugen vor, dass wir es uns überlegen würden und nach der Mittagspause wiederkämen. Mit diesem Angebot war die Dame zufrieden und wir verabschiedeten uns – vorerst. Nach unserem Mittagessen riefen wir beim deutschen Auswärtigen Amt an, da wir naiven, Schengener-Abkommen gewöhnten Landeier noch nie unsere Pässe hatten abgeben müssen und Neuseeland keine solchen Forderungen gestellt hatte. Eine höflich klingende Dame am anderen Ende der Leitung meinte nur fröhlich, dass wir – also das deutsche Auswärtige Amt – es genauso handhaben würde, und sie lachte sogar auf, als ich meinte, dass von zwei bis drei Wochen die Rede gewesen war. Das wäre ja nichts, da müsse man sich nicht einmal die Mühe machen, einen Antrag auf vorübergehende Aushändigung des Passes zu stellen. Ich stutzte und fragte mich, wie lange die durchschnittliche Bearbeitungszeit in Deutschland war, ließ diese beunruhigende Frage allerdings unausgesprochen in meinen Gedanken schwirren.
Erstaunlicherweise beruhigte mich diese Information kein bisschen. Dennoch wollten wir nach Südkorea und dort nach Möglichkeit wenig Geld für Verpflegung und Unterkunft ausgeben. Es blieb uns also keine Wahl, als in den sauren Apfel zu beißen, geknickt zu lächeln und der Sachbearbeiterin im Konsulat mitzuteilen, dass wir das Visum gerne hätten. Allerdings bestanden wir darauf, dass wir wieder persönlich vorbeikommen würden, um die Dokumente abzuholen. Konsulat ist eine Sache, die Post eine andere.
Ich rechne es der Sachbearbeiterin sehr hoch an, dass sie die ganze Angelegenheit beschleunigte, als wir darauf hinwiesen, dass wir noch weitere Termine vor unserer Abreise hätten und den Pass dabei brauchen würden. Mal davon abgesehen brauchten wir die Pässe auch schneller zurück, weil wir bald fliegen würden.
Nachdem dies also geklärt war, ließen wir alle Unterlagen bei ihr und fuhren mit einem mulmigen Gefühl im Bauch wieder nach Hause.
Als die verabredete Frist verstrichen war, brach Franziska erneut nach Bonn auf, um unsere Ausweisdokumente abzuholen.
Tatsächlich verstand ich nicht, weshalb die Bearbeitung des Antrags so viel Zeit in Anspruch nehmen sollte. Die Sachbearbeiterin am Schalter prüfte alle Dokumente, die wir vorgelegt hatten, was sie einiges an Zeit kostete. Bei jeder Frage konnten wir ihr Auskunft erteilen, die Papiere waren vollständig und sie beschwerte sich nicht, dass irgendetwas fehlerhaft oder unzureichend wäre. Sie hätte genauso gut das Visum innerhalb einer Stunde ausstellen können. Aber gegen Bürokratie kommt man mit logischen Argumenten nicht an.
Den folgenden Abschnitt gebe ich so wider, wie er mir erzählt worden war, da ich bei den Ereignissen nicht zugegen sein konnte.
Als Franziska an besagtem Tag in der südkoreanischen Botschaft in Bonn frühzeitig eintrudelte, standen schon einige wartende Bürger vor dem Schalter. Ordnungsgemäß stellte sich meine Reisebegleitung hinten an, doch kaum dass die Sachbearbeiterin sie sah (es war dieselbe Dame wie bei unserem letzten Besuch), rief sie sie zu sich und verbannte die Anderen auf den letzten Platz der Warteschlange. Offensichtlich hatten wir einen bleibenden Eindruck hinterlassen – ich weiß noch nicht so ganz, ob uns das zum Vorteil gereichen würde. Die Dame nickte eifrig, zeigte stolz all die fertigen Dokumente, erzählte Franziska, dass sie ihrem Vorgesetzten die Papiere persönlich unter die Nase geschoben hatte und dabei zusah, wie er unterschrieb. Mit allen nötigen Materialen bewaffnet ließ sie Franziska glücklich aber baff gehen.
Fazit: Wer ein Working Holiday Visum für Südkorea will, sollte es mindestens sechs (6) Wochen im Vorfeld beantragen und sich auf etwaige Überraschungen gefasst machen. Man weiß nie, was einen tatsächlich erwartet.
Das Abenteuer Südkorea erreichte dann aber in Australien seinen Höhepunkt. Am Flughafen von Sydney gedachten wir nur unser Gepäck abzugeben und einzuchecken, doch entwickelte sich dieses Prozedere zum Labyrinth ohne Sinn und Verstand.
Wir legten unsere Koffer auf das Band, wie es so üblich ist, gaben unsere Pässe der Dame hinter dem Schalter und warteten auf unsere Bordkarten. Dann fragte sie uns, wann wir wieder aus Korea ausreisen würden. Wir stutzen, sahen uns verwirrt an und nannten ihr den ungefähren Zeitraum. Sie wollte die Buchungsbestätigung für unseren Flug AUS Korea sehen, während sie uns erklärte, dass sie (Australisches Lieschen Müller) sicherstellen musste, dass wir ein Ausreiseticket aus Korea hatten, weil sie uns sonst die Einreise verweigern würde. Um das noch einmal klar zu stellen: Die koreanischen Behörden hatten uns schon die Einreise genehmigt und uns ein Visum für den Aufenthalt ausgestellt, aber eine australische Schalterdame wollte uns die Einreise in ein fremdes Land verweigern.
Mit knirschenden Zähnen packten wir unser Ausreiseticket aus. Glücklicherweise hatten wir es, denn man braucht eins für das koreanische Visum, und ebenso froh waren wir, dass wir es ausgedruckt mit uns führten. Leider reisten wir nicht aus Seoul, der Stadt, in der wir ankommen würden, ab, sondern aus Busan, der zweitgrößten Stadt Südkoreas. Die Dame am Schalter wies uns darauf hin, dass sie das Abreiseticket aus Südkorea sehen wollte. Wir erklärten ihr, dass Busan in Korea lag. Sie meinte, wir müssten aus derselben Stadt ausreisen, in die wir eingereist waren. Wir guckten sie dämlich an. Sie warf einen Blick auf das Ticket und betonte noch einmal, dass es um die Reise aus Korea ging, nicht um die Einreise nach Japan. Wir pochten darauf, dass Busan in Korea lag. Um den Vorgang abzukürzen, verwiesen wir auf das Visum, das uns die Einreise bereits erlaubte. Sie verlangte es zu sehen, woraufhin wir auf unsere Pässe, die sie noch immer in der Hand hielt, verwiesen. Als sie die Visa gesehen hatte, meinte sie trocken, dass sie doch danach gefragt hatte. Es fiel mir in dem Moment schwer, ihr keine Beleidigung an den Kopf zu werfen. Stattdessen atmete ich einige Male tief durch, lächelte freundlich und checkte ein. Immerhin hatten wir einen Flug zu kriegen.
Aber damit war das australische Martyrium noch nicht beendet. Es stand uns eine Sicherheitskontrolle bevor, die es in sich hatte. Es begann damit, dass die Schlange so lang war, wie ich noch keine an einem Flughafen gesehen hatte. Das hieß für die australischen Behörden keineswegs, dass man noch einen weiteren Schalter für die Abfertigung geöffnet hätte. Als wir dann endlich in Sichtweite der Kontrollstellen kamen, pampte uns der Angestellte an, um uns zu sagen, in welche Reihe wir treten sollten. Mag sein, dass die Australier im Allgemeinen freundliche Leute sind, aber am Flughafen traf sich jeder Nörgler, Giftpilz und Schnauzer, den das Land beherbergte.
Bei dieser Gelegenheit wurden uns beiden zweifelhafte Ehren zuteil: Meine Wenigkeit durfte durch einen Ganzkörperscanner spazieren. Anscheinend habe ich das Gesicht dafür. Dieses Ereignis freut mich keinesfalls und ich weiß bis heute nicht, wie viele Details diese Variante dieses menschenunwürdigen Gerätes tatsächlich enthüllt. Human Rights Watch machte auf sich aufmerksam, dass man gegen diese Maßnahmen protestieren kann – was ich auch später tat. Franziska hingegen kam durch die normale Kontrolle, musste aber auf mich warten, weshalb ein anderer Sicherheitsbeamte sie ansprach. Sie wurde einer schnellen Sprengstoffkontrolle unterzogen. Man nahm einen Abstrich von ihren Sachen und begutachtete das Ergebnis. Es versprach ein interessanter Flug zu werden. Wir waren anscheinend keine Terroristen. Welch Glück, ich hatte schon Angst. (Wenn meine Leser doch bloß sehen könnten, wie weit ich hierbei die Augen verdrehen kann.)




Dieses Mal flogen wir mit Garuda Indonesia, einer indonesischen Fluggesellschaft, die Emirates Konkurrenz machen will. Der Service war top, die Flugbegleiterinnen trugen schicke Kostüme, das Essen war hervorragend, ebenso das Unterhaltungsprogramm und das Gesamtkonzept überzeugte deutlich. Leider bekamen wir auch dieses Mal keinen Direktflug, so dass wir eine Zwischenlandung in Jakarta einlegen mussten. Der Flughafen dort war überschaubar, obwohl es verschiedene Läden gab. Da das Leitungswasser keine Trinkwasserqualität besaß, es aber selbst zu später Stunde noch sehr warm und schwül war, so dass wir dringend mehr brauchten, musste ich zu meinem Bedauern ein bisschen indonesisches Geld besorgen. Besonders schön waren die Steckdosen, an denen man kostenlos seine elektrischen Geräte wieder aufladen konnte. Auch hier machten wir einige flüchtige Bekanntschaften und unterhielten uns mit Leuten aus aller Welt. Dennoch zog sich die Wartezeit. Endlich durften wir in den nächsten Flieger steigen, wo ich das einzig sinnvolle tat: schlafen. Nur zu den Mahlzeiten ließ ich mich wecken. Einen Punkt, den Emirates Garuda Indonesia voraus hat: Es gibt kleine Aufkleber, die man an die Sitz anheften kann, um den Flugbegleitern mitzuteilen, ob man zum Essen geweckt werden will oder nicht. Das ist eine wirklich hervorragende Erfindung.
Am Flughafen von Seoul angekommen, merkten wir nichts von der Epidemie, die in den deutschen Medien so breit dargestellt worden war, obwohl wir zu ihrem Höhepunkt einreisten. Es gab Wärmebildkameras am Ausgang, um Leute mit Fieber herauszufischen, ja, aber da war auch schon alles. Stattdessen amüsierten wir uns über die technischen Wunderleistungen, die es in Deutschland (und erst recht in Neuseeland) nicht gab, wie beispielsweise Wasserspender, die völlig ohne Berührung funktionierten. Sobald man nah genug an ihnen stand, gingen sie an. Ich bin mir fast sicher, dass wir mehr Zeit an diesen Geräten verbracht hätten, wenn wir nicht so müde gewesen wären.
Die Einreise war auch unspektakulär. Man prüfte unsere Pässe, unsere Visa und winkte uns durch. Im Gegensatz zu den anderen Flughäfen auf der bisherigen Reise wurde unser Handgepäck nicht noch einmal durchleuchtet, was mich positiv überraschte. Mittlerweile war es ein Novum. Die ersten Koreaner, denen wir begegneten, waren zudem so freundlich uns Atemschutzmasken anzubieten. Wir lehnten dankend ab. Von wegen ausverkauft.
Von unserem neuen Host hatten wir eine ziemlich genaue, wenn auch seltsame Wegbeschreibung bekommen. Es gab ein ausgeklügeltes U-Bahnsystem, das uns recht nah an die Herberge bringen würde, in der wir die nächsten Wochen verbringen sollten. So suchten wir nur kurz nach der Airport Railway Line, kauften schnell ein Ticket (es war eine Plastikkarte, auf die Pfand war, so dass man sie zurückgeben sollte, nachdem man die Strecke gefahren war) und saßen schon im Zug nach Hongdae. An der richtigen Haltestellte stiegen wir um, folgten den farbigen Schildern zur nächsten Bahn und fuhren zielsicher an unserer Endhaltestelle ein. Das ganze dauerte ungefähr 70 Minuten und kostete keine 4000 Won (weniger als 4€). Danach folgten wir einer kleinen Stadtkarte, auf der verschiedene Geschäfte vermerkt waren, aber keinerlei Straßennamen. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass das in dieser 10-Millionen-Stadt gang und gäbe war.
Das Hostel, in dem wir untergekommen waren, trug den Namen Inno Hostel & Pub Lounge, lag recht zentral nur fünf Minuten zu Fuß von der Hapjeong Station entfernt und wurde wahrscheinlich von der Mafia betrieben. Dazu später mehr.

Jetzt, da ich darüber nachdenke, sind wir wohl den falschen Weg gegangen. Zuerst waren wir im Gefängnis, dann bei der Mafia.
Als erstes lernten wir den Manager dieses Etablissements kennen. Seinen koreanischen Namen nannte er uns nur einmal, denn er mochte seinen englischen Namen sehr gerne: Hulk. Hulk war ein lustiger Zeitgenosse und entgegen der Namensgebung nicht grün im Gesicht. Der Name rührte aus vergangenen Tagen, als er noch Bodybuilder war und erheblich mehr Brustumfang aufwies. Seitdem waren viele Jahreszeiten ins Land geflossen, so dass er „nur noch“ gut gebaut war. Er mochte seinen jetzigen Job und seine Kunden, die aus aller Herrenländer kamen. Es war erst drei Jahre her, dass er richtig mit dem Erwerb der englischen Sprache begonnen hatte, aber man konnte sich ziemlich gut mit ihm verständigen. Früher oder später verstand er schon, was wir von ihm wollten.
Gleich neben Hulk stand bei unserer Ankunft Amy. Die junge Koreanerin verdiente sich hier ihr Zimmer und Mahlzeiten, so wie wir, mit einigen Stunden Arbeit pro Tag. Zusätzlich hatte sie noch einen Abendjob, um tatsächlich ein bisschen Geld zur Seite legen zu können. Ihr Ziel war es nächstes Jahr das Studium zu beginnen. Obwohl sie die Schlafstatt neben uns einnahm, hatten wir recht wenig mit ihr zu tun. Jeden Tag zog sie aus, irgendetwas zu unternehmen, was hauptsächlich darin bestand sich mit Freunden zu treffen oder arbeiten zu gehen. Morgens war auch nicht viel Zeit mit ihr zu reden, da sie für gewöhnlich kurz vor Arbeitsbeginn aufstand und kurz nach Arbeitsbeginn auf der Arbeit eintrudelte. Während der Arbeit schien sie mit offenen Augen zu schlafen, was gar nicht so unüblich ist, wie wir im Laufe der Wochen lernten.
Draußen saßen noch Martin und Kenneth, die wir zu diesem Zeitpunkt nur flüchtig wahrnahmen. Hulk stellte sie uns als Besitzer der Herberge vor, doch bin ich mir bis heute nicht sicher, welche Position Martin tatsächlich in dieser Konstellation einnahm. Er war einfach da. Auf beide komme ich später noch zu sprechen.
Da wir gerade zu Beginn der Putzzeit eintrafen, war unser Zimmer noch nicht hergerichtet. Nach der langen Reise völlig fertig und alles andere als frisch war das ein kleiner Rückschlag, weil nichts ansprechender war als eine lauwarme Dusche und eine große Portion leckeren Essens. Auf beides mussten wir warten. Hier lohnt es sich noch zu erwähnen, dass wir im Hochsommer ankamen und dieser, im Gegensatz zu seinem deutschen Kollegen, durchaus diesen Namen verdiente.
Als wir dann endlich zu unserer ersten Mahlzeit in Seoul aufbrachen, mussten wir erst einmal ein Lokal finden, in dem gutes und gleichzeitig bezahlbares Essen serviert wurde. Hulk empfahl uns einen Gebäudekomplex mit der Bezeichnung Mecenatpolis Mall. Gleichzeitig erklärte er uns den Weg dorthin, wobei dieser nicht schwierig war, weil wir bei unserer Ankunft in Hapjeong bereits daran vorbeigegangen waren. Außerdem ist das Gebäude so groß, dass es schon fast selbstverständlich als Landmarke der Region dient.


So stiefelten wir los unsere Mahlzeit zu suchen – und fanden heraus, dass man hier ganz schnell verloren gehen kann. Die Mall fanden wir problemlos, aber das Angebot, das sie einem bot, war erschlagend. Es gab einen ganzen Flügel, der nur aus Restaurants bestand. Dann fand man dort noch Cafés, Bekleidungsgeschäfte, Friseure, Banken, Tiergeschäfte, Drogerien und vieles mehr. Eingebettet waren diese Läden in eine gepflegte Gebäudelandschaft, die mit künstlichen Blumen geschmückt, mit bunten Lichtern bestrahlt, mit zahlreichen Schirmen abgedeckt und mit drahtigen Skulpturen aufgelockert wurde.



Ich war hin und her gerissen zwischen staunen und hungern. Dies war wirklich nicht der richtige Moment mich mit neuen, faszinierenden und sehenswerten Dingen zu konfrontieren. Es war nur ein kurzes Gefecht, aber der Hunger siegte deutlich, wobei er einen Dämpfer einstecken musste, denn wir mussten uns in diesem Komplex erst einmal zurechtfinden und ein für unsere Wünsche geeignetes Restaurant aussuchen.
Endlich fanden wir eine Lokalität, die nicht McDonald's hieß. (Ja, es gab in der Mecenatpolis Mall auch einen McD.) Unsere Wahl fiel auf ein Currylokal, CoCo Curry, das diese würzige Speise in verschiedenen Variationen anbot und dazu einen großen Haufen Reis servierte. Als Gast bestimmte man, wie groß die Reisportion sein sollte, wie scharf das Curry war und woraus das Curry bestand. Es war klasse und schmackhaft zugleich. Allerdings brauchten wir die Hilfe einer Kellnerin, die – glücklicherweise – Englisch sprach, weil wir mit der doch sehr koreanischen Speisekarte überfordert waren. Letzten Endes klappte alles reibungslos, wir bekamen unser Essen und zogen glücklich wieder ab. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, wie glücklich wir uns schätzen mussten, dass die Kellnerin tatsächlich der englischen Sprache mächtig war. Uns standen noch weitere Begegnungen bevor, die weniger glimpflich ablaufen würden.
Praktischerweise war es in Korea üblich ein Bild oder sogar eine plastische Darstellung von den Gerichten vorgesetzt zu bekommen, die in diesem Restaurant angeboten wurden. So konnten wir uns im schlimmsten Fall immer noch mit Händen und Füßen verständigen. Verhungern war keinesfalls möglich.
Als wir nach diesem ersten Abenteuer wieder im Hostel ankamen, erfuhren wir, dass ein zweites auf uns wartete: unsere Koffer auf unser Zimmer bringen. Im Erdgeschoss befanden sich nur die Bar, Lounge und Bäder. Zuerst mussten wir eine recht steile Treppe in den ersten Stock hinauf gehen, gefolgt von einer normalen Treppe in den zweiten. Schließlich führte uns eine spektakuläre Treppe auf das Dach, auf dem ein Taubenschlag für Angestellte bereitstand.

An dieser Stelle möchte ich hervorheben, dass Hulk, ganz gut erzogener und kundenorientierter Gentleman, uns mehrfach angeboten hatte, die Rucksäcke an unserer statt hochzutragen. Wir lehnten es nur höflich ab, weil wir es uns zur Regel gemacht hatten, dass wir nur das mitnahmen, was wir auch tragen konnten – ungeachtet der Umstände.
Im Taubenschlag begrüßten uns (ungefähr) kuschelige neun Quadratmeter inklusive Badezimmer. Es gab ein Hochbett, Garderobe sowie Nachttisch, wobei wir letzteren wegen mangelhafter Bauweise vor die Tür verbannten. Zwar hatten wir drinnen nicht sonderlich viel Platz, dafür genossen wir draußen ein ganzes Dach für uns. Es erlaubte uns eine völlig neue Perspektive, die Seoul in einem neuen Glanz erscheinen ließ. Obwohl wir definitiv nicht mehr Platz als zu viert in Franz Josef hatten, fühlte ich mich dennoch nicht so eingeengt. Vielleicht hatte die lange Reise meine Perspektive verändert – vielleicht war es auch nur eine subjektive Wahrnehmung, die schon den ersten Hinweis auf meine Beziehung zu dieser Stadt geben sollte – vielleicht war ich einfach nur zu müde, um zu meckern.

Es gefiel mir, dass die Schiebefenster nicht nur doppeltverglast, sondern auch doppelt vorhanden waren und durch ein integriertes Fliegengitter abgeschlossen wurden. Da hatte jemand mitgedacht. Noch besser gefiel mir allerdings meine neue beste Freundin. Wir einigten uns auf den Namen Theodora und sie war eine Klimaanlage. Bei meiner Erfahrung mit Dachwohnungen hätte ich es sonst nicht überlebt. In Südkorea war es aber selbstverständlich Räume zu klimatisieren, ungeachtet dessen ob es sich um öffentliche Räume, U-Bahnen, Restaurants oder Wohnungen handelte. Alte Gebäude wurden nachgerüstet; bei neuen war die Klimaanlage oft schon in der Decke mit eingebaut. So konnte man auch einen tropischen Sommer ertragen.
Tatsächlich erzählte Hulk uns aber, dass der ständige Wechsel von kalt zu warm vielen Leuten zu schaffen machte und zu sommerlichen Erkältungen führte.
Ich schweife ab.
In unserem Badezimmer gab es kein Waschbecken. Stattdessen musste man sich hinhocken oder bücken, um an den Wasserhahn zu kommen. Dabei musste man allerdings darauf achten, dass er richtig eingestellt war, weil man anderenfalls eine ungewollte Dusche hätte nehmen können, was überhaupt nicht abwegig war.
Wir hatten die Frage des Abendessens noch nicht geklärt, weshalb wir wieder in die brütende Hitze hinauszogen, um mir ein günstiges Mahl zu suchen. Auf dem Weg zum Hostel waren wir an einigen kleinen Supermärkten vorbeigekommen und hofften dort fündig zu werden. Es gab tatsächlich etwas, das den Geldbeutel nicht zu sehr sprengte, aber zu dem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung von koreanischen Finanzmitteln.
Bei unserer Ankunft zurück im Hostel lernten wir dann auch noch Yuri kenne, die nachmittags und abends an der Rezeption arbeitete. Sie war freundlich und höflich, hatte mit uns aber sehr wenig zu tun. Kurze Zeit nach unserer Ankunft verließ sie das Inno Hostel dann auch.
Nach diesem nicht enden wollenden Tag mit viel zu hohen Temperaturen fiel ich wie ein Stein ins Bett und wachte nicht allzu früh auf.
Hulk bat uns um 11 Uhr zur Arbeit einzutreffen, was wir nach deutscher Pünktlichkeit als 10:55 Uhr interpretierten.
Am nächsten Morgen erklärte Amy uns dann in aller Ruhe und mit mehr Taten als Worten, wie unsere zukünftigen Aufgaben vonstattengehen würden. Wir fingen unten in den Bädern an.
Common Sense Stuff. Mülleimer leeren, Oberflächen mit feuchten Reinigungstüchern abwischen, Spiegel putzen, Toiletten mit einer Chemikalie aus der lila Flasche einsprühen und mit einer Bürste abschrubben und das gleiche mit den Duschen. Das Lustige war aber, wie man die Chemikalien wieder von den Toiletten und aus der Dusche entfernte: Es gab einen langen, grünen Wasserschlauch, den man voll aufdrehte und zielgerichtet auf das gesäuberte Inventar richtete, um es dann gehörig abzubrausen. Jetzt ergab es einen Sinn, warum sie uns Badelatschen zur Verfügung stellten. Ich hielt es auf einmal auch für äußerst durchdacht, extra Badelatschen nur für das Bad anzubieten, auch wenn man zu Hause war. Wir setzten das ganze Badezimmer unter Wasser und es war genauso beabsichtigt. Mitten im Flur war ein Abfluss. Mit Musik von Rammstein im Ohr war das Bild komplett.
Die Betten zu machen war auch keine allzu große mentale Herausforderung: gebrauchte Bettlaken und Kissenbezüge abziehen, Matratze mit einer Fusselrolle abziehen, dicke Bettdecken mit Febrez einsprühen, Decken ordentlich falten und mit Kissen sowie frischen Laken garnieren.
Dann gab es im ersten Stock noch eine kleine Küche, die geputzt werden musste. Diese hatte allerdings, meiner bescheidenen Meinung nach, schon viel zu lange keinen ordentlichen Schwamm mehr gesehen. Ich machte es mir zur Lebensaufgabe, diesen Teil des Hostels in neuem Glanz erstrahlen zu lassen – und wies Hulk erst einmal darauf hin, dass der Kühlschrank vollkommen ausgemistet werden müsste. Er machte es mir einfach, indem er einen neuen bestellte. Das war meine Rettung.
Zum Thema Staubsaugen muss ich wohl kein Wort verlieren.
Ich fand es sehr praktisch, dass jede Etage mit eigenen Putzzeug und -gerät ausgestattet war, so dass mehrere Leute parallel arbeiten konnten und man nicht alles drei Stockwerke rauf und runter tragen musste.
In Zimmern mit eigenem Bad galt es am Ende nur noch an die Handtücher zu denken und schon war man durch.
Amys freie Tage waren am Wochenende, so dass wir uns je einen freien Tag in der Woche aussuchen durften. Leider konnten wir ihn nicht gemeinsam nehmen, weil sonst zu wenige Leute zum Aufräumen da gewesen wären. Aber auch so arrangierten wir uns sehr gut.
Außerdem dauerte die Arbeit selten so lange, dass wir nachmittags keine Zeit mehr für Sehenswürdigkeiten gehabt hätten.
Am ersten Wochenende erwartet uns beim Frühstück eine Überraschung. Da stand ein junger Mann hinter dem Tresen, den wir noch nicht kannten. Er kannte uns dementsprechend auch nicht. Wir stellten uns ihm vor, er nannte uns den Namen June und ließ uns glücklicherweise hinter die Theke, damit wir unser Frühstück machen konnten. Immerhin wollte ich Pfannkuchen machen und da verstehe ich keinen Spaß.
June war ein angenehmer Zeitgenosse. Er war ruhig und sprach genug Englisch, um sich mit uns ein wenig zu unterhalten.
Wir fragten uns so langsam, wie viele Mitarbeiter dieser Betrieb hatte. Kurzerhand erklärten wir das Inno Hostel zu einer Mafiahochburg und vergaben eifrig Rollen.
Da war „der Boss“, den man nur selten zu Gesicht bekam und dessen Namen wir so richtig erst irgendwann am Ende erfuhren. Er knüpfte die Kontakte – nach Japan. Er brachte neue Verkaufsideen mit – Tarnung der tatsächlichen Operation. Er redete kaum mit uns – wahrscheinlich besser so. Trotzdem machten wir uns einen Reim auf seine Person: Vom obersten Oberboss in Busan wurde er nach Seoul geschickt, um neue Leute anzuwerben und den langen Arm der Mafia ins politische Zentrum zu bringen, damit die Organisation dort ihr unheimliches Unwesen treiben konnte. Am Anfang baute man noch auf alteingesessene Mitarbeiter aus der Heimat, doch bald schon würde man die Seouler überzeugen können. Es war nur eine Frage der Zeit. Doch „der Boss“ hatte alles gut im Griff und sein Fünf-Jahres-Plan befand sich gerade in Phase 2.
Welche Rolle genau Martin in diesem Gebilde einnahm, bleibt uns bis heute ein Rätsel. Er half manchmal aus, wenn Hulk seinen freien Tag hatte, er kochte für uns, er liebte es gesellige Abende zu veranstalten. Gleichzeitig war er schüchtern und still. Vielleicht war das aber nur reine Fassade. Immerhin hatte er die breitesten Schultern und war alles andere als klein. Wir machten jedenfalls einen Geldeintreiber und Schläger aus ihm, indem wir sein ganzes Gehabe für eine raffinierte Tarnung erklärten.
Hulk, als Manager fast ununterbrochen im Hostel anwesend (er stammte übrigens aus Busan), fiel die Aufgabe zu den ganzen Haufen zu koordinieren und das Geschäft am Laufen zu halten. Immerhin stellte er das Gesicht und Aushängeschild des Scheinunternehmens dar. Er war sehr gut mit Gästen, sprach genügend Englisch, um sich verständigen zu können – mehr als die Touristeninformation in Hongdae jedenfalls – und war ein atypischer Koreaner. Sehr offen und kontaktfreudig. Er war von morgens bis abends da, wobei er zwischendurch Pausen fürs Schlafen machte. In der Zeit übernahm seine Frau das Geschäft. Darüber hinaus fiel ihm die Aufgabe zu, Neulinge auszubilden und in die Familie einzugliedern. Immerhin war das ein strikt unterteiltes Unternehmen, in dem jeder seinen Platz kennen und lieben musste. Um den Plan des Bosses weiter voran zu treiben, hatte er eine Einheimische geheiratet.
Seol Hee, Hulks Ehefrau, gebürtige Seoulerin, war super. Sie war lustig, freundlich, offen und für viele Späße zu haben. Wahrscheinlich sollte sie die ganze Gasthausgeschichte glaubhafter machen und nach außen hin verkaufen. In diesem Bestreben interessierte sie sich sehr dafür, was wir unternahmen, wohin wir gingen und womit wir uns beschäftigten. Aber so manches Mal machte sie ihren Mitarbeitern sowie ihrem Mann deutlich, wo sie stand, wo die anderen standen und dass sie nicht nur lieb konnte. Das war gruselig. Vielleicht wollte sie auch nur auskundschaften, ob wir die Pläne schon durchschaut hatten oder ob wir irgendwie in die tatsächliche Organisation eingegliedert werden könnten. Wir werden es nie erfahren.
Am Wochenende kam immer wieder June vorbei, den wir aufgrund seiner ruhigen Art sowie seines gepflegten Äußeren zum Buchhalter erklärten. Mit seiner Brille wirkte der junge Mann so, als könne er gut mit Zahlen umgehen. Außerdem strahlte er Zuverlässigkeit aus.
Amy hingegen war ein tückischer Fall. Sie stammte aus Busan, integrierte sich aber nicht in das ganze Gefüge, sondern setzte ihren eigenen Kurs durch. Daher erklärten wir sie zur Tochter des Oberbosses in Busan, die aus Sicherheitsgründen nach Seoul geschickt worden war, um dort vom Manager an die Hand genommen zu werden. Sie musste aber so tun, als würde sie nicht dazu gehören, um die ganze Operation nicht zu verraten oder die Organisation in Gefahr zu bringen. Immerhin durfte niemand wissen, wer sie tatsächlich war.
Bisher weiß keiner von den oben aufgeführten, welche Rollen wir ihnen andichteten. Bisher hatten wir auch nicht das Bedürfnis unser Glück aufs Spiel zu setzen. Wer weiß, was für Geister wir aus den Tiefen der Unwissenheit rufen könnten.
Ungeachtet unseres Working Holiday Visums waren wir letzten Endes doch Touristen und gedachten uns wie solche zu benehmen. Also brachen wir immer wieder in diese riesige Stadt auf, um uns verschiedene Sehenswürdigkeiten anzusehen. Gewappnet mit Fotoapparat, Metroplan und Stadtkarte zogen wir in verschiedene Teile dieser Metropole. In Anbetracht der sommerlichen und stellenweise tropischen Wetterbedingungen war das nicht immer ein einfaches Unterfangen, doch wollten wir unsere Zeit bestmöglich nutzen.
Seoul ist eine sehr laute Stadt. Bei der Konzentration von Menschen auf geringem Raum überrascht das wenig, doch es gibt schon einige Unterschiede zu Deutschland. Vor allem die zahlreichen Einkaufsstraßen haben Lärmquellen, die es bei uns schlichtweg nicht gibt: Geschäfte posaunten ihre Musik auf die Straße heraus; Leute schrien einem irgendwelche Angebote entgegen (die ich allerdings nicht verstand). Ich kam mir stellenweise wie auf einem Jahrmarkt vor. „Hereinspaziert, hereinspaziert, nur hier gibt es die besten Angebote. Bitte nehmen Sie diesen Flyer mit, damit Sie auch all unsere Angebote wahrnehmen.“ Auch in den Geschäften herrschte reges Treiben. Stellenweise war die Musik nicht nur eine Begleiterscheinung, die den Kunden im Hintergrund zu weiteren Käufen animierte, sondern diskoreife Lautstärken erreichte. Hinzu gesellten sich Verkäufer, die diesen Lärm mit ihrer Stimme oder einem Mikrofon samt Lautsprechern zu übertönen suchten, um die Kunden entweder zu begrüßen und zu verabschieden oder ihnen die aktuellen Angebote um die Ohren zu knallen.
Erstaunlich war nur, dass man nichts von diesem Trubel mitbekam, sobald man sich von diesen Straßen entfernte. Wir wohnten recht zentral, nur fünf Minuten zu Fuß von der nächsten Metro-Haltestelle, doch es war still dort. Ebenso wenig war der Straßenverkehr laut. Es gab viele Autos, ja, aber kaum jemand hupte. Bei den abenteuerlichen Verkehrsbedingungen, die ich hier beobachtete, wäre es in Deutschland zu Unfällen, Hupkonzerten und Schimpftriaden ohne gleichen gekommen. Aber in Seoul nahmen die Leute es gelassen hin, dass ein Taxi am Straßenrand parkte, dass die Kreuzung von einem quer stehenden Bus blockiert wurde, dass der Motorradfahrer sich zwischen den Autos hindurchschlängelte. Ab und zu hupte mal jemand, wenn es nun wirklich gar kein Durchkommen gab, doch das war schon alles. Stellenweise hatte ich den Eindruck, dass die Koreaner von Australiern ihren Führerschein bekamen, doch erst nachdem sie verinnerlicht hatten, was gemeint ist, wenn jemand „Dude, relax“ („Alter, entspann dich.“) sagt. So gelassen war der australische Verkehr nie gewesen. Es war schlichtweg bizarr.
In einer Informationsbroschüre, die wir in der Touristeninformation Hongdae ergattert hatten (wir mussten uns selbst durch die Regale lesen, weil die Damen hinter dem Schalter so gut wie gar kein Englisch konnten), gab es verschiedene Tourvorschläge und Sehenswürdigkeiten.
Noch ein Wort zu dieser Touristeninfo: Anstatt uns bei unserem ersten Besuch mit ausreichenden Informationen bezüglich Sehenswürdigkeiten, Preisen, Broschüren und dergleichen zu versehen, bekamen wir einen Fragebogen zögerlich in die Hand geschoben. Man sah den Damen sichtlich an, wie unangenehm es ihnen war nicht mit uns kommunizieren zu können, aber sie schafften es sich verständlich zu machen. Sie baten uns darum, dieses Formular auszufüllen. Das Thema: MERS.
In Deutschland kursierten zu dieser Zeit schreckenerregende Geschichten zu dieser Krankheit. So war – laut deutschen Medien – Südkorea kurz davor zu einem Katastrophengebiet erklärt zu werden. Schutzmasken, Desinfektionsmittel und Handschuhe waren schon gar nicht mehr käuflich zu erwerben, weil verschreckte Koreaner Hamsterkäufe getätigt hatten und die Lieferungen ins Stocken gerieten. Mehr und mehr Ansteckungen sowie Todesfälle waren täglich zu verzeichnen. Hier stand eine Gesellschaft kurz vor dem Zusammenbruch. Es fehlte nur ein Streichholz, das das Pulverfass zum Explodieren brachte. Das war ungefähr der Ton, der in Deutschland angeschlagen wurde.
Bei unserer Ankunft in dem ostasiatischen Land merkten wir allerdings nichts davon. Die Leute waren so gelassen, wie die Menschen in Franz Josef, die immer noch auf ihrer Verwerfungslinie sitzen. Ja, es gab einige Ansteckungen und Todesfälle, aber die Regierung unternahm alles in ihrer Macht stehende, um die Krankheit einzudämmen. Dabei wäre es kaum nötig gewesen, weil alle gemeldeten Fälle im engen Familienkreis stattfanden oder von Leuten verursacht wurden, die sich im Nahen Osten aufgehalten hatten. Überall an öffentlichen Orten konnte man Schutzmasken und Desinfektionsmittel kostenlos bekommen. Es wurde in zahlreichen Medien unmissverständlich und sprachenübergreifend klar gemacht, wie man sich zu verhalten hatte, damit die Krankheit zu keiner Seuche wurde. Wir nahmen die ganze Angelegenheit nicht sonderlich ernst, zumal Ebola noch kurz vorher ein wesentlich schlimmeres Ausmaß angenommen hatte, ohne dass man auch nur halb so viel Panik verbreitet hatte. Mein Vertrauen in die deutsche Nachrichtenübermittlung schwand.
Wie dem auch sei. Letzten Endes füllten wir den Fragebogen nach bestem Wissen und Gewissen aus, gaben ihn an die verschüchterten Damen zurück und erhielten als Bonus ein abgepacktes Küchelchen. Das nenne ich einen tollen Handel. Zwar hatten wir keine sinnvollen Informationen erhalten, dafür aber gutes Essen.
Gwanghwamun Square und Gyeongbokgun Palast
Wir besuchten Gwanghwamun Square und Umgebung. Dies war eine große Straße mit breiter Fußgängerzone in der Mitte, die direkt auf den Gyeongbokgung Palast hinzu führte. Links und rechts waren noch zwei schöne Bächlein mit Jahreszahlen drin, die den Fluss der Zeit seit Gründung Koreas symbolisieren sollten.

Die erste Statue stellte einen berühmten Admiral, Yi Sun-Shin, dar, während die zweite, größere einen bedeutenden Herrscher Koreas verewigte. In der Mitte thronte er, der ehemaligen König Sejong, der u.a. dafür berühmt ist das koreanische Alphabet entwickelt zu haben, während man im Hintergrund den Palast vor einer Berglandschaft bewundern konnte.

Unser Besuch war zeitlich genau mit dem Wachwechsel vor dem Gyeongbokgun Palast abgestimmt, so dass wir genug Zeit hatten, die Männer in ihren bunten Gewändern zu bestaunen, bevor sie dann von anderen Männern in den gleichen Gewändern abgelöst wurden. Unter dem riesigen Eingangstor zog sich das ganze Prozedere natürlich zeremoniell hin. Die Wachen nahmen Aufstellung, gingen eine bestimmte Runde ab, standen sich gegenüber, Siegel wurden begutachtet, um die Authentizität zu prüfen, Ausrüstungsgegenstände und Aufmachung wurden geprüft, bis schließlich jeder zufrieden war und man den Wechsel vollziehen konnte. Dann standen die Männer wieder reglos auf ihren Positionen. Untermalt wurde das Ganze von einigen Instrumenten, allem voran Trommeln, die den Takt vorgaben.

Kaum war das Spektakel vorbei, begaben wir uns zielgerichtet Richtung Ticketverkauf, wo wir 3000 Won zahlten, was umgerechnet weniger als 3 Euro waren, wofür uns ein riesiges Areal mit zahlreichen Gebäuden zur Verfügung gestellt wurde. Das war ein Preis, bei dem selbst Studenten problemlos Kultur genießen konnten.
So spazierten wir gelassen durch weitläufige Anlagen mit alten Gebäuden, die zwar nur Rekonstruktionen vergangener Herrlichkeit waren, aber durch die detailgetreue Wiedererrichtung nichts an Stil verloren hatten. Auch wenn alles einen typisch asiatischen Stil hatte, waren doch Unterschiede zu japanischen oder chinesischen Häusern dieser Epochen zu erkennen, wenn man darauf achtete. Die Bauart, Farbgestaltung und der Häuseraufbau hatten doch etwas Koreanisches an sich. Umgeben wurden die zahlreichen Häuser von großen Grünflächen, die sehr schlicht gehalten wurden. Keine komplizierten Gärten, sondern simple Strukturen beherrschten hier das Bild. Selbstverständlich kam man um den einen oder anderen künstlich angelegten Teich nicht herum, denn die Verwendung verschiedener Elemente gehört zum grundlegenden Konzept asiatischen Denkens. Obwohl die Gärten nicht so aufwändig wie ihre japanischen Pendants gehalten wurden, waren sie schön anzusehen und luden zum Flanieren ein. Dies war wahrscheinlich mit ein Grund, warum wir uns alle Zeit der Welt ließen.

Im Zentrum der Anlage stand ein prachtvoller Bau, der nicht nur durch seine Größe, sondern auch durch sein Gesamterscheinungsbild Staunen erregte. Schlicht war hier nicht angesagt, ganz im Gegenteil. Immerhin war es der Palast eines Kaisers, da war es mit Bescheidenheit nicht getan. Prunkvoll erhob sich der rote Thron in einem bunt bemalten Raum, dessen Decke man in der Finsternis des zweiten Stockwerks suchen konnte. Gestützt wurde das Ganze von zahlreichen roten Säulen – alles aus Holz. Goldene Drachen wanden sich hoch über den Köpfen der Palastbesucher ineinander. Allgemein war es sehr farbenfroh.

Nicht weniger Kreativität legten die Koreaner bei den anderen Gebäuden an den Tag. Selbst wenn ein Raum innen nur weiß verkleidet war, gab es immer wieder auflockernde Elemente in Form von Kissen oder Möbeln, um bloß nicht langweilig zu wirken.

Zwar gab es nicht die Möglichkeit viele der Gebäude zu betreten, aber es war dennoch schön aufgebaut. Dadurch dass man die Wände hochklappen konnte, bekamen die Besucher einen hervorragenden Einblick in die Wohnwelt vergangener Zeiten. Ja, man klappte die Wände hoch. Schiebetüren gab es auch, allerdings waren sie eher im Inneren der Gebäude gebräuchlich.

Dafür fanden wir viele Mäuerchen vor, die verschiedene Häuser oder Komplexteile voneinander abgrenzten. Auf diese Art entstanden Gässchen, in denen man sich gut und gerne verlaufen konnte. Überhaupt war die Anlage sehr verwinkelt gebaut, so dass es uns sehr viel Spaß machte jede Ecke auszukundschaften.
Unsere Wanderung über das Palastgelände unterbrachen wir für eine Pause im Inneren. Die brütende Hitze wirkte sich zusehends auf unsere Gemüter aus, zumal es nur wenige schattige Stellen gab. Neben der Tempelanlage gab es das National Folk Museum of Korea. Natürlich hatten wir an diese Tag keine Zeit es uns auch noch anzusehen, aber unten im Gebäude gab es eine kleine Caféteria mit Eisstand. Davon abgesehen war es die einzige Möglichkeit mal wieder klimatisierte Luft um uns zu haben. Dies waren die einzigen Gründe für uns, das Museum zu betreten. Nach der Pause ging es weiter im Palast.
Als man uns nach drei Stunden Wanderung mithilfe von Lautsprecherdurchsagen dazu aufforderte, das Gelände zu verlassen, weil der Palast nun geschlossen werden würde, hatten wir noch immer nicht alles gesehen. Dennoch blieb uns nichts anderes übrig, als uns langsam, gemächlich zum Ausgang zu begeben. Der Palastkomplex war einfach nur gewaltig. Außerdem hatten wir uns mit der Besichtigung jede Menge Zeit gelassen. Es war ein toller und lohnenswerter Ausflug.
Auf dem Rückweg gingen wir noch ein Stück weiter die breite Promenade hinunter und fanden einige Zelte sowie Tafeln mit Fotografien von leeren Zimmern vor. Da wir nicht genug Koreanisch verstanden, um den Sinn zu verstehen, gingen wir weiter, bis wir von einer Dame aufgehalten wurden. Sie sprach ziemlich gut Englisch, so dass sie uns erklären konnte, worum es ging. Letztes Jahr hatte ein Fährunglück vor Südkorea für Schlagzeilen auf der ganzen Welt gesorgt. Dabei waren rund 300 Menschen ums Leben gekommen, darunter viele Schüler. Obwohl es Prozesse gab und Leute verurteilt worden waren, war das Unglück bis heute nicht aufgeklärt, so dass viele Leute nicht wussten, was ihren Angehörigen zugestoßen war. Die Fähre war nicht geborgen worden, es gab noch immer zahlreiche Vermisste, weshalb die Familien keine Ruhe fanden. Mit einer Unterschriftenaktion wollten die Veranstalter dieser Aktion die Regierung dazu zwingen, den Vorfall weiter zu untersuchen und – vor allem – die Ergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Man bat uns um unsere Unterschrift, die wir bereitwillig leisteten. Im Gegenzug erhielten wir eine kleine, gelbe Schleife, die wir als Zeichen der Solidarität irgendwo befestigen durften.
An der Haltestellte begrüßte uns zum ersten Mal ein Haechi. Haechi ist eine mystische Figur, die wie ein geflügelter Löwe mit Schuppen aussieht und Seoul als Schutzpatron dient. Mittlerweile ist es ein Symbol Seouls und steht überall rum. Leider fanden wir keine Souvenirs von diesem putzigen Tierchen.

Sonntag war Hulks freier Tag. Das war schön für ihn, einerseits. Denn andererseits machte er sich immer Sorgen, was die zwei Jungs, June und Martin, sonntags so anstellen würden. Sie räumten nicht vernünftig genug für seine Ansprüche auf, behauptete er. Jeden Montag beschwerte er sich darüber, dass er sich sonntags Sorgen machte, wie es wohl montags aussehen würde. Er kam zu dem Schluss, dass es am besten wäre, keinen freien Tag zu haben. Doch seine Frau hatte Einwände. Wir übrigens auch, denn wir wollten unseren Boss nicht verstimmt und knartischig erleben, bloß weil er keinen einzigen Tag in der Woche ausschlafen und ausspannen konnte. Ungeachtet des tatsächlichen Zustandes von Küche und Lounge machte Hulk jeden Montag eine Grundsanierung der Räumlichkeiten. Ich gelangte zu dem Schluss, dass es ums Prinzip ging. So schlimm waren die Jungs nämlich nicht immer.
Wir hatten die Ehre, an einen ganz besonderen Tag in Hulks Leben dabei zu sein. Schon Tage vorher kündigte er uns an, dass sein kleiner Bruder ihn endlich mal wieder besuchen würde. Er war aufgeregt wie ein kleines Kind, das sich auf Geburtstagsgeschenke freute und die Stunden bis zum Auspacken zählte. Natürlich musste er alles vorbereiten und natürlich musste es perfekt sein. Es passiert nicht jeden Tag, dass der Bruder, den man seit Monaten nicht gesehen hat, einen besucht.
Wir nahmen es gelassen zur Kenntnis und freuten uns drauf, seinen Bruder kennen zu lernen. Als er dann eintraf, waren wir aber sichtlich verwirrt. Wir erwarteten jemanden, der Hulk auch nur entfernt ähnlich sah, doch dem war nicht so. Sein kleiner Bruder war entschieden größer als er. Na gut, das kann in Familien vorkommen. Sein Bruder war aber auch entschieden blonder als er. Nein, die Haare waren nicht gefärbt. Vor allem war sein Bruder aber Tscheche. Wir waren äußerst verunsichert. Honza, der uns als kleiner Bruder von Hulk vorgestellt wurde, würde in einem europäischen Kontext wohl mit „bester Freund“ tituliert werden. In Korea sind Familien- und Freundschaftsverhältnisse aber ganz anders gestrickt, was wir bei einer anderen Gelegenheit deutlich zu spüren bekamen. Aber dazu später mehr. Jedenfalls war es für unseren Gastgeber selbstverständlich, seinen jungen, tschechischen Freund als seinen Bruder vorzustellen und ihn genauso zu behandeln. Und wenn man einmal Teil einer koreanischen Familie geworden ist, gibt es kein Entrinnen mehr – wie bei der eigenen Familie auch. Mitgefangen, mitgehangen, inklusive aller Rechte und Pflichten.
Ab dem Zeitpunkt, an dem Honza im Hostel ankam, war die Welt drum herum für Hulk vergessen. Er konzentrierte sich vollends auf seinen kleinen Bruder und machte alles in seiner Macht stehende, um ihm die Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten. Das endete meist darin, dass sie sich vor die Konsole setzten und Videospiele spielten, während Seol Hee die Rezeption übernahm. Nur bei äußersten Notfällen handwerklicher Art durfte diese intime Beziehung gestört werden.
Eines Tages, nachdem das Tagwerk bereits verrichtet war, kam Hulk zu uns wartenden Helfern und stellte uns einen neuen Mitarbeiter vor. Er sprach hauptsächlich mit Amy und hauptsächlich auf Koreanisch, so dass ich bei vielen Dingen einfach nur nett lächelnd nickte und mich darauf verließ, eine Erklärung von Franziska zu bekommen oder Amy später darauf ansprechen zu können. Auf diese Weise lernten wir, dass der junge Mann Jae Won hieß und nun der Jüngste im Bunde war. Er sah auch sehr jung aus, was uns vor eine geistige Herausforderung stellte, weil er zu viel hinter sich hatte, um das Alter zu haben, das wir an ihm vermuteten. Erst wesentlich später erfuhren wir, dass er „bereits“ zweiundzwanzig Jahre zählte – nach internationaler Zählweise.
Im Laufe der kommenden Wochen lernten wir noch viel mehr über Jae Won, allerdings dauerte es bei ihm einige Zeit, bis er auftaute. Als er eines Morgens beim Frühstück Hulk eine lebhafte Geschichte erzählte, dabei lachte und gestikulierte, fragten wir uns tatsächlich, ob jemand den Jungen ausgetauscht hatte. Solch ein Verhalten kannten wir bis dahin gar nicht von ihm. Es stellte sich allerdings heraus, dass er nur gewartet hatte, bis er sein Naturell offen zur Schau tragen durfte. Alles in allem war Jae Won nämlich ein Sonnenschein, der grinsend durch das Leben rannte – und mit jedem Mädel im Hostel flirtete.
Wir taten uns nicht schwer damit, ihm eine Rolle in unserem Mafiagefüge zu geben: Er war der Azubi, der vom Manager lernen sollte, wie man ein Hostel führt, um für die Expansion des Unternehmens benutzt werden zu können. Diese Theorie mussten wir aber noch einmal überdenken, als Jae Won nach einer Mahlzeit alles Geschirr abräumte und meinte, er wäre doch der Cleaner. Demonstrativ schrie er noch sein putziges „I kill you“ in den Raum, während er die Stäbchen in die Überreste rammte. Sollte er nun doch Martin unterstützen oder ihm Konkurrenz machen?
Mit Jae Won taucht ein anderer junger Mann auf, den wir überhaupt nicht einzuordnen wussten. Er machte nichts im Hostel, sprach Hulk aber mit Boss an und war bei jedem Mittagessen dabei. Sein Name war Jae Woo. Die Sache mit der Mafia schien in Anbetracht seiner Person immer wahrscheinlicher, also erklärten wir ihn aufgrund seiner Statur zum Schläger. (Tatsächlich war er ein ganz lieber Bursche.) Sein plötzliches Verschwinden zusammen mit Hulks Aussage „He's gone.“ („Er ist weg.“ oder „Er ist tot.“) machten die ganze Situation nicht besser. Vor allem die Art, wie Hulk diese zwei Worte aussprach, war beängstigend: traurig, bestimmt und endgültig. Aber es gab Dinge, über die wir nicht Bescheid wissen wollten.
Nach langen Wochen der Ungewissheit tauchte Jae Woo dann wieder auf. Schon Tage vorher hatte man uns angekündigt, dass er wieder im Inno Hostel eintreffen würde, doch wir hielten es für ein Gerücht, das erst bewiesen werden musste. Er blieb für einige Tage und ging wieder, dieses Mal mit einem gebührenden Abschied. Als wir dann fragten, wo er eigentlich war, sagte man uns trocken: „Im Krankenhaus.“ Staunen, Verwirrung, Verständnislosigkeit, all das brachten wir nonverbal zum Ausdruck, um dann die Entwarnung zu bekommen. Es war nur eine routinemäßige Untersuchung, ob er denn völlig gesund war.
Ich gewann langsam den Eindruck, dass die Leute das absichtlich mit uns machten.
Cheonggyecheon
Es ergab sich für uns mehrfach die Gelegenheit am Cheonggyecheon, einem künstlich angelegten, sehr schön gestalteten Wasserlauf im Zentrum Seouls entlang zu spazieren. Cheonggyecheon war eine wirkliche Augenweide. Da gab es eine breite Promenade links und rechts vom Flüsschen, die oft ihr Äußeres änderte, aber immer wohl gepflegt war. Mal gab es nur einen schönen Pfad aus Stein, mal zierten große Pflanzen den Wegesrand. Dazwischen floss immer das klare Wasser in einem sich ständig wandelnden Flussbett. Manchmal wand der Bach sich in symmetrischen Kurven durch das Zentrum der Stadt, während er anderenorts durch künstliche Engen zu einem reißenden Strom gezwungen wurde. Es gab verschiedene Brücken, mit deren Hilfe man ihn überqueren konnte. Für gesetzte Besucher fanden sich einfache Überwege; für verwegene Abenteurer ragten einige Steine gerade mal so aus dem Wasser. Es fanden sich immer Besucher am Wasser, die sich auch nicht scheuten darin knietief zu waten oder die Füße zu benetzen.

Als wir eines Tages zufällig wieder am Flussufer standen und uns orientieren wollten, tauchte plötzlich ein kleines Mädchen neben uns auf. Ganz unverfroren sprach es uns in sehr gutem Englisch an und plapperte drauf los, als wäre es ganz selbstverständlich – wie die Neuseeländer. Es stellte uns viele Fragen, versäumte es aber, sich uns vorzustellen. Nach einigen Sätzen, bei denen seine Mutter ihm einige Fragen diktierte, fragte es freundlich nach einem Foto und unseren Kontaktdaten. Wir tauschten sie bereitwillig aus, weil das Gör wirklich knuffig war. Zugegebenermaßen war ich sehr verwirrt, ein bisschen baff sogar, was nicht nur an seinen Englischkenntnissen, sondern auch an seiner offenen Art lag. Auf diese Weise lernten wir Anneena kennen. Sie sollte eine entscheidende Rolle im weiteren Verlauf unseres Aufenthaltes – und weiteren Lebens – spielen. Dazu später mehr.
Eigentlich wollten wir an diesem Tag schon wieder den Heimweg antreten, aber wir wurden von einem Schauspiel ganz unerwarteter Art aufgehalten, das sich gleich an die Begegnung mit Anneena anschloss.
Oberhalb des Cheonggyecheon, am Anfang des Wasserlaufs, befand sich ein großer Platz. Als wir darüber gingen, sahen wir viele leere Stühle, vor denen einige Instrumente lehnten. Eine Dame drückte uns einen Flyer in die Hand. Es stellte sich heraus, dass das Korean Traditional Music Orchestra an diesem Abend eine spontane Freilichtdarbietung aufführte. Wir entschieden uns dafür, uns dieses Spektakel anzuhören. Eine gute Wahl.
Was uns erwartete war eine Stunde vollen hingerissenen Staunens. Insgesamt wurden fünf Stücke gespielt, von denen eines locker 15 Minuten lang sein konnte. Bei zweien davon gab es je einen anderen Solisten an einem traditionellen, koreanischen Instrument. Um niemandem auf die Füße zu treten, unterlasse ich es hier irgendetwas benennen zu wollen.

Auch wenn diese Lieder hier keine Live-Aufnahmen dessen sind, was wir gesehen haben, demonstrieren sie deutlich, was uns geboten wurde. Da ich davon überzeugt bin, dass Worte nicht ausreichen es zu beschreiben, bin ich froh, dass youtube Aufnahmen mit hervorragender Qualität bietet.
https://www.youtube.com/watch?v=_2Gg0UOeuVU
https://www.youtube.com/watch?v=2HfIrDYb_44
Trotzdem werde ich meine Eindrücke hier in kurze Worte fassen.
Der Anfang eines Stücks ließ nie darauf schließen, wie es beendet werden würde. Ruhige Klänge steigerten sich oftmals in ein Crescendo hinein, nur um wieder ruhig zu verklingen. Es war eine gekonnte Mischung aus traditionell östlichen Melodien mit modernen, westlichen Elementen. Die Instrumente aus verschiedenen Ländern der Welt trugen ihren Teil dazu bei. Ebenso war das Tempo nicht konstant, sondern sehr abwechslungsreich. Es bereitete mir großes Vergnügen, diesem musikalischen Flickenteppich zuzuhören.
Allerdings gebe ich zu, dass es für europäische Ohren oftmals gewöhnungsbedürftig war.
Jongmyo Schrein
Der Jongmyo Schrein liegt ebenfalls im Palastviertel und bietet eine weitere Möglichkeit für traditionelle Bauarten Koreas zu bewundern. Seit zwanzig Jahren UNESCO Weltkulturerbe, werden in dem Schrein bis heute Gedenkfeiern für die Könige und Königinnen der Joseon Dynastie abgehalten. Da die Geister der Vorfahren in Korea eine wichtige Rolle einnehmen, gibt es einen speziellen Pfad für sie, der breit und offensichtlich in der Mitte ist. Als wir dort waren, fanden sich aber einige Besucher vor, die diese Tradition nicht so ernst nahmen. Natürlich waren es Ausländer – in diesem Fall Chinesen.

Wir begannen unsere Tour durch den Schrein mit dem Besuch eines klimatisierten Raums, in dem ein kurzer Film zur Geschichte des Ortes gezeigt wurde. Anstelle von Stühlen fand man Rückenlehnen mit Sitzpolstern auf dem Boden vor, so dass man sich schon gemütlich hinsetzen konnte, nur eben auf dem Boden. In dem kurzen Beitrag lernten wir, dass hinter jeder Tür ein Herrscher seine Ruhe fand und bei Feierlichkeiten eine Prozession jeden einzelnen Herrscher sowie seine Familie aufsuchte, um Opfergaben darzubringen. Bei der Anzahl der Türen, also Würdenträger, dauerte das ganze Spektakel einen ganzen Tag.

Wie jedes Ritual war auch dieses strikt durchorganisiert und hatte seine festen Abläufe sowie Symboliken. Selbstverständlich konnte ich mir nicht alles merken, was uns präsentiert wurde, zumal ich keine buddhistischen Wurzeln habe und das meiste für mich nur reine Informationen ohne persönlichen Bezug waren. Dennoch möchte ich erwähnen, dass diese Gedenkfeier äußerst kompliziert klang.
Zu diesem Anlass wurde auch traditionelle koreanische Windmusik gespielt, die seit 2001 ebenfalls zum UNESCO Weltkulturerbe gezählt wird. Da dieses Ereignis im Mai stattfindet, hatten wir nicht das Vergnügen es live zu betrachten. Die Aufzeichnung, die wir im kurzen Film sahen, vermittelte aber einen guten ersten Einblick.
Auch im Jongmyo Schrein hatte die rote Farbe sehr viel Einsatz gefunden, so dass man sich stellenweise fast schon erschlagen fühlte. Allerdings wirkten die steinernen Höfe um die Bauten herum sehr kalt und neutral, wodurch der Eindruck schon wieder aufgehoben wurde.

An demselben Tag gingen wir noch in den Tapgol Park, der nur einige Minuten zu Fuß vom Jongmyo Schrein entfernt liegt. Bei der Gelegenheit kamen wir auch an der Juwelenstraße vorbei, einer Hauptverkehrsstraße, auf der sich zahllose Juwelierläden aneinanderreihen. Es glitzerte und funkelte uns von allen Seiten an, doch glücklicherweise hat man als Backpacker nicht genügend Ressourcen, um auch nur annähernd in Versuchung geführt zu werden. Wir ignorierten die Kostbarkeiten um uns herum und zogen weiter zum Park.
Auch der Tapgol Park hatte historischen Wert. Es war genau dort, als 1919 die Unabhängigkeitsbewegung ihren Anfang nahm und ihren Protest gegen die japanische Besetzung kundtat, indem sie unter anderem die Unabhängigkeit Koreas ausrief. Zum Gedenken standen dort heute eine Tafel sowie einige Statuen protestierender Leute.

Doch schon davor war es ein wichtiger Ort, da früher ein buddhistischer Tempel dort gebaut worden war. Die Pagode, die noch übrig ist, zählt zu den Nationalen Schätzen Koreas und ist heute hinter Glas, um vor den Witterungsbedingungen geschützt zu sein. Darüber hinaus fanden wir im Park einen Pavillon sowie eine Stele, die die Gründung des (nunmehr nicht vorhandenen) Tempels bezeugte.
Wir gingen ebenfalls zu Bosingak Belfry, einer riesigen Glocke, die zur Joseon Ära die Zeit läutete. Leider durfte man das Grundstück nicht betreten und sah die Glocke gar nicht. Das versetzte meiner Wanderlust einen Dämpfer. Da es gerade eh zu regnen begonnen hatte, machte es uns wenig aus. Wir suchten die nächstbeste Metro-Haltestelle und fuhren zurück ins Hostel.
Als nächstes stellte Hulk eine weitere Helferin ein, die uns bei der Putzroutine unter die Arme greifen sollte. Ihr westlicher Name war Beverly, doch sie stammte aus China. In diesem Moment waren wir uns sicher, dass Hulk sich zu viele Sorgen um uns machte. Vereinbart waren bis zu drei Stunden Arbeit am Tag, doch mit vier bis fünf Leuten, die täglich drei Stockwerke in Schuss hielten, kamen wir selten über eineinhalb Stunden hinaus.
Beverly war ein nettes Mädel, das gerade ihr Studium aufgenommen hatte und die Pause zwischen den Semestern dazu nutzte ein bisschen durch Korea zu reisen. Sie war freundlich und lustig, so dass wir immer wieder schöne Sachen miteinander erlebten. Allerdings wussten wir anfangs nichts mit ihr anzufangen, weil jeder seine Routine hatte und sie mehr oder weniger tatenlos daneben stand. Wir einigten uns aber auf ein neues Protokoll, so dass es nach einigen Tagen glatt lief. Da sie nicht koreanisch war, gehörte sie ebenso wenig zur Mafia wie wir.
Das letzte Mitglied in unserer Arbeitsgemeinde kam wenige Wochen vor unserer Abreise an. Eines Morgens stolperte ich noch halb verschlafen in die Lounge und wurde fast umgerannt. Ein kniehoher Hund beschnüffelte mich aufgeregt und rannte von einem Ende der Lounge zum anderen. Hulk stellte ihn als Inno vor. Er gehörte jetzt auch zur Familie – zu DER Familie. Noch war er nicht ausgewachsen, aber viel würde da nicht mehr kommen. Inno war ein sehr gut erzogener Welpe, der sich hervorragend darauf verstand Gäste um den Finger zu wickeln. Es gab genau zwei Arten von Leuten: Entweder sie liebten Inno oder sie hatten Angst vor ihm. Letzteres traf vor allem auf Chinesen zu. Auch Beverly brauchte ihre Zeit, um mit ihm warm zu werden und zuckte immer wieder ängstlich zusammen, wenn er sich in ihrer Nähe aufhielt und bewegte. Als sie ihre Angst dann aber überwunden hatte, klebte sie förmlich an dem Kleinen. Wie es aber nun mit Welpen so ist, versuchte er immer wieder seine Position in der Gemeinschaft herauszufordern und einen besseren Platz einzunehmen. Viele Leute ließen dies mit sich machen.
Besonders lustig war es, wie Martin und Jae Won sich Inno gegenüber aufführten. Sie knuddelten, streichelten ihn, spielten mit ihm, gingen mit ihm Gassi, aber beide behaupteten steif und fest, dass sie das neue Familienmitglied nicht mochten. Wir erfuhren nie, warum.

tbc...
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