Sonntag, 3. Januar 2016
Seoul – Juni-August 2015 (Leute)
Impressionen von Seoul 2


Egal, wie sehr ich mich bemühe, ich werde nicht drum herum kommen, lang und breit über das Essen in Südkorea zu schreiben. Das hat zwei Gründe. Zum einen liebe ich Essen. Zum anderen unterschied sich das koreanische Essen in zu vielen Punkten vom europäischen, als dass ich darüber hinwegsehen könnte. Außerdem fand ich in Südkorea Bingsu – meine neue Liebe.
Nicht nur die Zutaten und Gerichte waren anders als in Deutschland, auch die Art und Weise wie man aß, wies markante Unterschiede auf.

Schon am ersten Arbeitstag meinte unsere Gastfamilie es zu gut mit uns. Sie fragten uns tatsächlich, was wir essen wollten. Woher sollten wir das wissen? Meine Erfahrungen mit koreanischer Küche beschränkten sich bis zu diesem Zeitpunkt auf den einen Besuch in einem Restaurant, von dem ich noch nicht einmal mit Sicherheit sagen konnte, dass es authentisch war, weil ich mich bis dahin nicht sonderlich gut auskannte. Ich kannte Bibimbap. Punkt. Wir sahen unsere Gastgeber Hilfe suchend an und erklärten ihnen unsere missliche Lage, woraufhin sie uns einen Flyer unter die Nase hielten, der ungefähr so hilfreich war, wie ein Schraubenzieher bei einer Laufmasche. Der Flyer war schön und gut. Es waren auch einige Bilder drin. Alles in allem war er allerdings auf Koreanisch, in koreanischer Schrift mit koreanischen Lebensmittelbezeichnungen. Ich hoffe, ich muss mein Problem nicht noch deutlicher schildern. Ich glaube, wir einigten uns letzten Endes auf Bulgogi, weil es ein einfaches Fleischgericht war, bei dem man nicht allzu viel falsch machen konnte, wenn man gerade neue Essgewohnheiten ausprobierte. Zudem wir unseren Gastgebern von Anfang an einige Einschränkungen auferlegten: Franziska mochte keine Meeresfrüchte, während ich so meine Probleme mit scharfen Speisen hatte. Bei Bulgogi gingen wir beiden Hindernissen gekonnt aus dem Weg. Wie dem auch sei, die Portion war riesig (das aus meinem Mund, ja), und Hulk war so vorsichtig, dass er noch eine Extraportion Reis bestellte – nur für alle Fälle. Letzten Endes brauchten wir diese nicht, weil wir alle sehr gut satt wurden. Ungefähr so ähnlich ging es die nächsten Wochen weiter.
Auf diese Weise lernten wir viele, leckere Speisen kennen. Da gab es, wie bereits erwähnt, Bibimbap, Bulgogi, Jjajamyeong, Jjajambap, Kimbap, Mandu und vieles mehr.

Unsere erste Erfahrung mit Jjajamyeong war allerdings durchwachsen. Schmackhaft war dieses eigentlich chinesische Gericht auf jeden Fall, keine Frage. Aber die Geschichte, die Seol Hee dazu auspackte, erzeugte eine unwillkürlich wettbewerbliche Situation am Mittagstisch. Unsere Gastgeberin erzählte uns, dass Hulk es zu Militärzeiten geschafft hatte, eine Portion Jjajamyeong in ungefähr einer halben Minute zu verputzen. Hier bietet sich ein Erklärung an, was diese Speise überhaupt ist: Nudeln mit schwarzer Bohnenpaste. Dass Asiaten in der Lage sind, Nudeln jeglicher Art fast schon zu inhalieren, ist kein Geheimnis. Eine halbe Minute war dann aber doch eher unglaublich in Anbetracht der Größe der Portion. Dennoch ließ sich unser jüngster Mitarbeiter, Jae Won, davon nicht abhalten, diese Herausforderung anzunehmen. Bevor ich den zweiten Happen geschluckt hatte, war der Junge mit seinem Teller fertig – und grinste breit. Ich nahm es mir heraus, ihn wie ein Auto anzusehen und fragte mich bis zum Ende, ob das eine Fähigkeit war, die man im Lebenslauf erwähnte.


Und dann entdeckten wir Bingsu.
Unsere erste Erfahrung mit Bingsu zeigte deutliche die kulturellen Unterschiede. Wie bei allem Essen in Korea wurde auch jedes Bingsu mit einem Bild angepriesen, um dem interessierten Kunden eine visuelle Hilfe bei der Bestellung zu geben. Allerdings kann man Bilder immer in Perspektive setzen, so dass wir nicht wirklich wussten, was uns erwartete.

Wir spazierten also ganz unvoreingenommen in ein Café – derer gibt es in Seoul zu genüge – und besahen die große Auswahl an Bingsu. Draußen war es brütend heiß, so dass diese Abkühlung mehr als willkommen war. Das heißt nicht, dass ich mich über mangelnde Klimatisierung des Cafés beschweren möchte, keinesfalls – auch diese war top. Aber wir wollten doch koreanische Speisen in Hülle und Fülle probieren, so dass ein Dessert zweifelsohne auch darunter fiel.

Nun standen wir am Tresen, entschieden uns für ein Brownie-Bingsu und bestellten für Franziska und mich. Der Preis war schon happig, aber in Deutschland sind große Eisbecher auch nicht gerade billig, weshalb wir uns den Luxus gerne gönnen wollten. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir die koreanischen Essgewohnheiten noch nicht so ganz verinnerlicht und wollten nach deutscher Manier zwei Bingsu bestellen. Die Verkäuferin sah uns an wie ein Auto. Anstatt unsere Anfrage kommentarlos hinzunehmen, stellte sie sicher, dass wir einander verstanden und dasselbe meinten. Zu diesem Zweck holte sie eine leere Schüssel, die in kürze von unserem Bingsu gefüllt sein würde. Als wir diese Salatschüssel sahen, entschieden wir uns für eine Portion für uns beide und dankten der Verkäuferin, dass sie so geduldig mit uns unwissenden Ausländern war. Denn hier ist die Crux: Bingsu isst man nie alleine. Das ist undenkbar. Die Portion ist extra so groß, dass man teilen muss.

Bingsu ist nicht einfach Eiscreme, nein, Bingsu ist eine Kunst. Es gab verschiedene Formen, Konsistenzen, Geschmacksrichtungen und Toppings. Es fing mit einer Basis an, die aus crushed Ice, fein geschabten Milcheisflocken oder Milcheisschnee bestand. Dazwischen kamen oft noch Bestandteile der eigentlichen Geschmacksrichtung, aber nicht zwangsläufig. Was dann folgte, gab dem Ganzen nicht nur den Geschmack, sondern auch die kunstvolle Struktur. Traditionell wurden süße, rote Bohnen darauf drapiert, aber heutzutage sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Ob Bohnen, Sojamehl, Reiskuchen, Eiscreme, Saucen, Tiramisu, Brownie, Nüsse, alles war möglich. Wir hatten sogar ein Bingsu mit Parmesan. Abgerundet wurde das eine oder andere Bingsu dann mit süßer Kondensmilch, die man wahlweise drauftröpfeln lassen konnte.

Seitdem sind viele Bingsu durch unsere Hände gewandert und ich habe an allen diese koreanische Sache gemacht: Sie fotografiert. Hier einige Beispiele:

Eine Auswahl an Bingsu, die wir essen durften

(Für dieses Wunderwerk an Collage bedanke ich mich bei meiner guten Fee mit ausgeprägten Kenntnissen in Bildbearbeitungsprogrammen. Sie ist hier zu finden: http://myungsoomp3.tumblr.com/)

Da Teilen in der koreanischen Küche zum guten Ton gehörte und Bingsu – wie bereits erwähnt – darauf ausgelegt war, genossen wir immer wieder den Anblick von zwei oder drei erwachsenen Kerlen, die sich in einem Café über ein einziges, (in diesem Verhältnis) schmächtiges Bingsu beugten. Es ging dabei tatsächlich recht zivilisiert zu.


Insa-Dong
Selbstverständlich ließen wir uns Insa-Dong nicht entgehen, da es in unserer Broschüre in den buntesten Farben angepriesen wurde, doch dafür brauchten wir einen Schlachtplan. Denn Insa-Dong ist eine Touristenstraße, ja, nahezu eine Touristenhochburg, in der traditionelles koreanisches Handwerk in verschiedenen Läden dargestellt wird. Dank des ausgeklügelten Metro-Systems gepaart mit einer intelligenten Person im Kultusministerium, die daran gedacht hatte, die Nummern des nächsten Ausgangs bei jeder Sehenswürdigkeit zu erwähnen, kamen wir punktgenau an unserem Ziel an. Dort sahen wir beispielsweise Geschäfte, die einzig und allein Pinsel in verschiedenen Größen und Dicken verkauften. Daneben fanden sich Unmengen an Souvenirs und – endlich, endlich! – auch Postkarten. Hier konnte man diese bemalten Pappkartonzuschnitte auch einzeln kaufen, auch wenn es sich überhaupt nicht lohnte, weil sie im Packen entschieden weniger kosteten. Dennoch, für all jene, die nur ein, zwei Kärtchen verschicken wollen, Insa-Dong bot uns diesen Service an. Ja, die Sache mit den mangelnden Postkarten hat mich stark mitgenommen.

Das war allerdings nicht alles, was Insa-Dong zu bieten hatte. Souvenirs gab es in allen Farben, Formen und Variationen, ob es nun etwas Traditionelles war oder ob es sich um Kitsch in Form von Schlüsselanhängern handelte. Wer irgendetwas aus Korea suchte, fand es hier mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit. Wir waren in einem Gebäudekomplex, Ssamjigil Street genannt, der nur aus kleinen Läden bestand, fast schon wie eine Mall, nur offener. In einer ständigen Schräge wanden sich die vier Stockwerke übereinander, so dass man keine Treppen steigen musste und trotzdem vom Erdgeschoss bis in den vierten Stock kam. Während man zur einen Seite die Schaufenster hatte, fand sich zur anderen ein offener Hof, so dass man immer wieder einen Blick auf die vergangene Etage werfen konnte.

Berühmtes Einkaufsgebäude in Insa-Dong

Es war dort so voll, dass ich nach nur wenigen Minuten nicht mehr wusste, wohin mit mir. Menschen aller Nationen wuselten umher, schlenderten von einer Seite der Rampe zur anderen, während sie die verschiedenen Waren diverser Handwerker und Einzelhändler begutachteten. Obwohl schon seit geraumer Zeit in Seoul unterwegs, hatte ich bisher nie den Eindruck gehabt, dass es so überlaufen gewesen war, was wahrscheinlich nur daran lag, dass andere Touristenplätze weitläufiger waren. Für Tempel und Schreine stellte man bereitwillig viel Platz zur Verfügung, und auch wenn die Metro mal zur Stoßzeit fuhr, arrangierte man sich mit dem erhöhten Menschenaufkommen.

Glücklicherweise war Insa-Dong mehr als nur diese eine belebte Straße. Die zahlreichen Gassen, die von der Haupteinkaufsstraße abzweigten und ein wirres Muster städtischer Entwicklung darstellten, boten einem die Möglichkeit vor den gewaltigen Menschenmassen zu fliehen, ohne sich zu weit von diesem Touristenmagneten zu entfernen. Auf diese Weise tauchte man in eine andere Welt ein. Dort fanden wir niedrige Häuser in traditioneller Bauweise mit eingemauerten Vorgärten und von Drachen sowie Fischen geschmückten Dachziegeln. Verandas und Innengärten waren ebenfalls zu sehen. Auch wenn mittlerweile alle Straßen mit Steinen bedeckt oder asphaltiert waren, konnte man sich in diesen Hinterhöfen und Seitengassen sehr gut vorstellen, wie die normale Bevölkerung vor vierhundert Jahren gelebt haben könnte. Selbstverständlich waren die Häuser modernisiert, verfügten über einen Anschluss an Strom und Abwasser ebenso wie mehrfach verglaste Fenster. Dessen ungeachtet sahen die Gebäude einfach nur alt und urig aus. Sackgassen, enge Passagen und Eingangstore bestimmten hier das Bild. Es war so verwinkelt wie die Paläste, weshalb wir uns das ein oder andere Mal ein klein bisschen verliefen. Daraus resultierte, dass wir ein bisschen zu früh oder einfach nur überraschend wieder auf der Hauptstraße standen. Man hatte schon fast den Eindruck aus der Millionenstadt hinaus aufs Land gefahren zu sein. Aber nur fast.

In einer dieser winzigen Gassen fanden wir ein traditionelles Teehaus, das einen wirklich schmucken Eindruck machte. Ein wohlgepflegter Garten im hauseigenen Hof lud nahezu dazu ein näher zu kommen. Die Fassade aus unbehandeltem Holz und Glas tat ihr übriges. Ein Besuch solche einer Einrichtung stand eh auf unserer To-Do-Liste, also spazierten wir schnurstracks hinein. Drinnen fand sich eine Mischung aus Ost und West, aus papierbezogenen Schiebetüren und Glasvitrinen, aus auf dem Boden sitzen und Tischen mit Stühlen. Es war eine lustige Mischung, obwohl alles doch sehr passend wirkte und sehr gut aufeinander abgestimmt war.

Einladender Eingang zu einem traditionellen Teehaus

Wir entschieden uns dafür den traditionellen Teil des Hauses in Beschlag zu nehmen und setzten uns an einen niedrigen Tisch auf den Boden. Dieses Mal gab es keine Rückenlehnen, was uns allerdings überhaupt nicht störte. Der Kellner brachte uns eine Speisekarte in englischer Sprache mit Bildern und nach einigem hin und her entschieden wir uns für ein „Menü“, das aus zwei Tees und einigen traditionellen Süßigkeiten bestand. Unsere Wahl fiel auf Omija-Tee (beide von uns nahmen diesen, obwohl wir unterschiedliche hätten wählen können) und einen Haufen aus gepufften, süßen Reisbällchen sowie einigen Yaguas. Es klingt nicht nach viel, war es aber. Vor allem die Yaguas hatten es in sich, da es kleine in Öl frittierte Teigtaschen waren.

Der Omija-Tee war ein Erlebnis für die Geschmacksknospen. Aber auch die anderen Sinne hatten was davon. Er war rot, schmeckte süß, salzig, sauer zugleich und man hatte ihn mit Pinienkernen garniert. Man konnte ihn heiß oder kalt trinken. Trotz der brütenden Temperaturen hatten wir uns für die warme Variante entschieden. Serviert wurde das Erfrischungsgetränk in einer großen Schüssel, so dass wir lange davon zehren konnten. Omija wird in Korea im Sommer getrunken, weil er viele Nährstoffe enthält, die man während der heißen Jahreszeit ausschwitzt. Trotzdem weiß ich bis heute nicht, woraus oder wie genau er gemacht wird. Jedenfalls schmeckte er uns beiden sehr gut und wir genossen ihn in vollen Zügen.

Die Süßigkeiten, die wir dazu erhielten, waren einfach nur phantastisch. Der gepuffte Reis hatte sogar unterschiedliche Geschmacksrichtungen, je nachdem welche Farbe man aß. Ich mochte die gelben am liebsten. Es fühlte sich fast an, als würde man auf Luft kauen. Ich war begeistert. Die Yaguas waren auch richtig gut, mit Honig überzogen, aber so mächtig. Zusammen mit dem Tee ergänzten sich die Speisen hervorragend.

Omija-Tee, Yagua und Reiswaffeln im Teehaus in Insa-Dong

Die Preise waren mehr als stattlich, doch hatten wir das in unserem Budget einkalkuliert, so dass wir uns keine Sorgen machen mussten. Immerhin zahlte man hier auch für das Ambiente sowie den Service, und da Koreaner das Prinzip von Trinkgeld nicht verstehen, stimmte der Preis für uns schon.

Mit diesen köstlichen Naschereien hatten wir einen weiteren wichtigen Punkt erfüllt, nämlich traditionelle koreanische Süßigkeiten essen. Der Tee war ein zusätzlicher Bonus. Nach einer langen Verweildauer in gemütlicher Atmosphäre entschieden wir uns dafür weiter durch Insa-Dong zu ziehen.

Auf der großen Straße gab es noch viel zu sehen. Obwohl es viele Geschäfte in den Häuserzeilen gab, verlagerten viele Verkäufer ihre Einkaufsmöglichkeiten nach draußen. Manchmal war es nicht nur eine Erweiterung des Angebots drinnen, sondern ein ganzer Stand, der mitten auf der belebten Fußgängerzone stand. Ob es nun um Snacks oder Souvenirs ging, spielte dabei keine Rolle, denn es war mal wieder von allem etwas dabei. Auch internationale Spezialitäten, wie türkisches Eis, fanden wir vor, konnten es leider aber nicht probieren, weil die Yaguas immer noch sättigten. So streiften wir einige Zeit ziellos durch die Gegend, bis wir unser Augenmerk wieder auf weitere Attraktionen richten konnten.

Unhyeongung Palast
In der Nähe der Insa-Dong Straße befand sich der Unhyeongung Palast. Da wir gerade in der Gegend und wieder erfrischt waren, gingen wir auch dort hin. Im Gegensatz zum Gyeongbokgung Palast war dieser hier klein, überschaubar und schlicht. Es gab keine bunten Wände, Thronsäle oder Säulen, sondern nur einfaches Weiß und naturbelassenes Holz. In Anbetracht der Tatsache, dass es sich hierbei um die Privatresidenz eines ehemaligen Herrschers handelte, wundert es nicht sonderlich. Schließlich funktionierte dieser Gebäudekomplex anders als der große, repräsentative Palast eine Haltestelle weiter. Es gab hier sogar einen Fotopunkt, an den man sich stellen sollte, um ein postkartenmotivwürdiges Foto von der Anlage zu schießen.
So sieht es aus:

Unhyeongung Palast vom Fotopunkt aus gesehen

(Bei strahlendem Sonnenschein ist die Wirkung natürlich wesentlich imposanter.)
Mit diesem Palast waren wir auch wesentlich schneller durch, weshalb wir uns noch die Zeit nahmen, kurz in das angebaute Museum einzutreten, um ein bisschen über die Historie dieser Gegend zu erfahren. Es war im Eintrittspreis von „freier Eintritt“ bereits enthalten.


Jogyesa Tempel
Auf der – so zu sagen – gegenüberliegenden Seite von Insa-Dong lag der berühmte Jogyesa Tempel, in dem jedes Jahr zum Geburtstag von Buddha das Lotus Laternen Festival stattfand. Es war nicht diese Zeit des Jahres, also betrachteten wir den Tempel einfach nur in seiner alltäglichen Pracht.

Im Hof des Tempels waren zahlreiche Bottiche mit riesigen Lilienblättern drin, die beinahe schon überquollen. Man konnte zwischen ihnen umherspazieren oder sich zielgerichtet dem Tempel zuwenden.

Jogyesa Tempel

Eine riesige Buddha-Statue saß an der hinteren Wand des Hauptgebäudes. Fotos davon waren nicht gestattet, aber niemand störte sich daran, dass wir rein gingen, um uns ein wenig umzusehen. So lange man die Gläubigen respektvoll behandelte und in ihren Gebeten oder Ritualen nicht störte, blieb man unbehelligt.

Es war überraschend zu sehen, wie viele Lebensmittel in dem Tempel gelagert wurden. Ob es nur Opfergaben waren oder es sich um die Verpflegung der Mönche handelte, war für uns nicht ersichtlich. Berge von Reissäcken stapelten sich im Hauptgebäude. Was noch darunter war, kann ich nicht einmal erahnen. Daneben standen riesige Tontöpfe, die nur auf ihren Inhalt vermuten ließen.


Eines Tages unterhielten wir uns mit unserer jüngsten Mitarbeiterin Beverly. Ich weiß nicht mehr, wie wir auf das Thema kamen, aber wir sprachen über Kim. Genau da fing auch schon das Problem an, denn sie sprach die ganze Zeit über Kim, während Franziska und ich uns wunderten, wen sie überhaupt meinte. Wir fragten nach, woraufhin Beverly uns erklärte, dass die den jungen Kollegen meinte. Gefolgt wurde das Ganze von diesem Wortwechsel: „You mean Jae Won?“ – „Who is Jae Won?“ – „Who is Kim?“ („Du meinst Jae Won?“ – „Wer ist Jae Won?“ – „Wer ist Kim?“). Nach einigem Hin und Her stellten wir fest, dass wir tatsächlich von derselben Person redeten, die in unseren Lettern Kim Jae Won geschrieben werden würde. Beverly, die ein Problem damit hatte sich koreanische Namen zu merken, machte es sich einfach, indem sie einige Leute nur mit Nachnamen ansprach. Darunter auch Jae Won. Die meisten Koreaner machten sich auch nichts daraus. Für uns führte es allerdings zu großen Kommunikationsproblemen, da wir dies zu dem Zeitpunkt nicht wussten. Davon abgesehen, ist Kim der häufigste koreanische Familienname, was allein schon daran deutlich wurde, dass wir in unserer Mafia-Gemeinde drei Leute mit diesem Namen vorfanden: Kim Hulk, Kim Jae Woo und Kim Jae Won. Es kann gut und gerne vorkommen, dass man in einen Raum mit zehn Leuten „Kim“ hineinruft und sechs sich angesprochen fühlen. Irgendwann begriffen wir dann aber doch, wann Beverly wen meinte, so dass wir uns weiterhin gut unterhalten konnten.


Mapo-Gu
Eines Tages beschlossen wir, dass es an der Zeit war, unsere Gegend ein bisschen näher kennenzulernen, so dass wir auszogen, Hongdae unsicher zu machen. Praktisch vor der Haustür gab es mehrere Universitäten. Mal von, wie soll ich es nur richtig nennen?, kollegialer Neugier abgesehen, interessierte sich vor allem Franziska dafür, wie ihr künftiger Arbeitsplatz aussehen könnte. Natürlich ist diese Aussage nicht allzu ernst zu nehmen.

Wir entschieden uns dafür, die zwei Haltestellen hin zu fahren, um dann gemütlich zu Fuß zurück zu spazieren. Den Anfang nahm die Ewha Frauen-Universität, die wir an der gleichnamigen Haltestelle fanden. Zuerst stolperten wir in eine Information, weil wir einige Hilfe zu der Gegend brauchten, nur um dann festzustellen, dass diese Einrichtung samt Museum sich ausschließlich um die Belange der Ewha-Universität kümmerte. Auf diese Weise erfuhren wir einiges über die Entstehungsgeschichte, Philosophie und Entwicklung dieser Einrichtung.

Weiter ging es zum Gebäude selbst. Vor uns erstreckte sich ein Hügel mit einer hübsch angelegten Parklandschaft darauf. Gepflegte Wege, gestutzte Hecken, gewässerter Rasen, all dies bot sich unseren Augen dar. Gespalten wurde dieser majestätische Hügel von einer Schneise aus sorgsam angelegten Steinen, die in einer Treppe endeten. Links und rechts säumten gläserne Wände diesen Durchgang. Es war das Gebäude mit den Hörsälen, das unter diesem künstlichen Hügel begraben lag. Oder hatte man den Hügel drum herum errichtet? Ich weiß es nicht.
Drum herum gab es noch weitere Universitätsgebäude, die eher traditionell gehalten wurden, also aus steinernen Wänden, einem Dach und einigen Fenstern bestanden.

Ewha-Universität

Nachdem wir einmal bis zur Treppe und zurückgegangen waren, machten wir uns auf den Weg zur nächsten Universität, die nicht weit entfernt lag: die Yonsei Universität. Zuerst ging es durch eine fußgängerfreundliche Zone mit breiten Gehwegen und viel Platz für alle Leute, die kein Vehikel bei sich hatten. Unterwegs stürmte eine eifrige Verkäuferin aus einem der Geschäfte, sprach uns in gutem Englisch an und drückte uns eine Feuchtigkeitscreme auf die Hände, die wir unbedingt ausprobieren mussten. Ehre, wem Ehre gebührt: Mit ihrem kecken Auftreten und ihre unverfänglichen Art fiel es mir sehr schwer, ihr abzulehnen und einfach so weiter zu gehen. Als wir weiterzogen, ohne ihre Produktpalette in Augenschein zu nehmen oder gar etwas zu kaufen, machte sie ein übertrieben trauriges Gesicht und wischte sich gespielt die Tränen ab. Zwei Tage später fühlte ich mich deshalb immer noch schlecht. Zurück zum Thema.

Schon bald stellte sich allerdings heraus, dass unsere Reise zur Yonsei Universität doch nicht so unbeschwerlich sein würde, wie zuerst angenommen. Denn die Straße zum Universitätsgelände befand sich gerade im Umbau, wodurch wir gezwungen wurden, der Beschilderung zu folgen und einen Umweg zu nehmen. So schlossen wir uns den Menschenmassen an, gingen über verschlungene Pfade, durch andere Gebäude, über Treppen, Wege und Hügel, bis wir vor diesem Gebäude standen, das uns den Eindruck vermittelte, wir wären wieder in Europa oder Neuseeland gelandet, denn es sah ganz und gar englisch aus. Damit niemand auch nur auf die Idee kam, den wohlgetrimmten Rasen mit den dazu passenden Buchsbaumhecken zu betreten, hatte man vorsorglich einige niedrige Barrieren aufgestellt. Ob man es nun glauben mag oder nicht, dadurch wirkte das Ganze noch britischer.

Yonsei-Universität

Franziska fiel zwischendurch ein, dass unsere Universität eine Partnerschaft mit einer der Unis in Seoul hatte. Just in diesem Moment wünschte sie sich, dass kein Koreaner jemals das Angebot des Studentenaustausches annehmen würde. Unser 70-erjahrebetonbau konnte mit den architektonischen Kunstwerken dieser Millionenmetropole keineswegs mithalten.

Nach kurzer Verweildauer zogen wir weiter. Der Tag war noch jung und wir frisch auf den Beinen, so dass wir uns entschlossen, auch die restlichen Sehenswürdigkeiten des Universitätsviertels auf uns wirken zu lassen. Wir spazierten – oder besser gesagt: marschierten – weiter. Unser Ziel war diesmal die Sangsu-dong Café Straße.

Es gab eine Reihe von Möglichkeiten, dorthin zu gelangen, und auf unserer Karte war das gesamte Viertel als Sehenswürdigkeit markiert. Wir kamen nicht nur an der Hongik Universität vorbei, sondern auch an der Hongdae Straße, die vor allem bei jungen Leuten als Party-, Einkaufs- und Kulturmeile hohes Ansehen genießt. Auch die Hongik Universität hatte mehr Stil als die Universität Siegen. Wie ein riesiger Triumphbogen aus Glas und Marmor erhob sich dieses Monument über den Straßen von Seoul.

Hongik-Universität

Wir gingen nicht hinein, es hätte zu deprimierend werden können. Außerdem mussten wir noch die Hongdae Straße unsicher machen. Es war schlichtweg voll und laut. So viele Menschen, so viele Geschäfte und verschiedene Angebote. Irgendwie war es aber weder hektisch noch aggressiv. Nur hin und wieder teilte ein Auto die Menschenmassen, die sich sonst gemütlich zwischen den Läden umherbewegten. Überall war Werbung, Musik und etwas zu essen. Es war sonderbar – gleichzeitig aber auch amüsant. Zwar kauften wir an diesem Tag nichts, aber wir gewannen einen guten Eindruck davon, was einen jungen Koreaner mit Modebewusstsein ausmachte.

Als wir dann endlich in den Teil kamen, in dem sich Cafés nur so häufen, hatten wir die Qual der Wahl ein geeignetes Lokal für uns zu finden. Wir irrten von links nach rechts (Straßennamen gab es immer noch nicht so richtig), drehten uns im Kreis, schlichen durch enge Gassen und entschieden uns schließlich für ein Café, das einfach nur interessant aussah. Die zwei jungen Männer hinter der Theke schienen gleichzeitig begeistert und verloren. Zum einen freuten sie sich wahrscheinlich darauf endlich mal ihre Englischkenntnisse unter Beweis zu stellen; zum anderen hatten sie wohl Angst, dass wir Fragen stellen würden, auf die sie keine Antwort wussten. Wie dem auch sei, das Grinsen in ihren Gesichtern war schon ein Punkt beim Unterhaltungsfaktor.

Wir schlossen diesen wanderfreudigen Tag ab, indem wir noch ein bisschen durch die Straßen in Richtung Hostel schlenderten. So sahen wir noch ein bisschen mehr von dem Vierteln, das wir derzeit unser zu Hause nannten.


Yanghwajin Foreign Missionary Cemetery
Eines Nachmittags war es so heiß, dass wir uns nur einen kurzen Ausflug zutrauten. Wir wollten ja immer noch etwas von der Stadt sehen. So zogen wir ans Ufer des Hangang-Flusses, um diesen ominösen Friedhof ausländischer Missionare zu finden. Bisher hatten wir nicht sonderlich viel Glück damit, da unsere Karte nicht genau genug war. An diesem Tag wollten wir uns nicht so schnell unterkriegen lassen. Nach einigem Hin und Her, rechts und links, vor und zurück stolperten wir dann doch darüber. Es erstreckte sich ein Meer an Grabsteinen vor uns, durchbrochen von Grünflächen und sorgsam gepflegten Pfaden. Nach all der Zeit in fernen Ländern war es seltsam mal wieder so viele europäische Namen zu lesen – und das auch noch in einer Schrift, die ich beherrschte. Wir drehten eine kurze Runde und beschlossen wieder in die Beschaulichkeit klimatisierter Räume zurückzukehren.


Es war mal wieder so weit, ein Kickerspiel gegen unsere koreanischen Gastgeber zu bestreiten. Es spielten Hulk und Jae Woo gegen Franziska und mich. Hulk schien nicht ganz so vorbereitet, wie es gut gewesen wäre. Zumindest sah er mit Zahnbürste im Mund sehr lustig aus. Jae Woo übernahm die Verteidigung.

Das Spiel begann spannend und lustig. Beide Seiten hatten bereits einige Tore kassiert und das ein oder spektakuläre geschossen. Doch just in diesem Moment wendete sich das Blatt. Ein Ball kullerte ganz gemächlich an der gegnerischen Zweierreihe vorbei; Jae Woo versuchten hektisch den Torwart in Position zu bringen – was gehörig schief ging. So kullerte der Ball seelenruhig ins Tor. Jae Woo erstarrte für einen Moment. Hulk drehte – mit der Zahnbürste immer noch im und Schaum vor dem Mund – langsam den Kopf zu seinem Mitspieler. Jae Woo ahmte ihn nach. Während Hulks Augen fast schon Dolche warfen, entwickelte Jae Woo einen bemitleidenswerten Hundeblick. Kleinlaut sagte er: „Sorry, boss.“ Das war ein Bild! Wir brauchten mehrere Minuten, um uns wieder so weit einzukriegen, dass ein vernünftiges Spiel möglich war. Selbstverständlich nutzte unser Gastgeber die Gelegenheit, um ein aggressives Angriffsmanöver durchzuführen. Vergebens.


Koreanisches Nationalmuseum Seoul
(nicht zu verwechseln mit dem National Folk Museum of Korea)

Wenn man sich das Nationalmuseum Koreas ansehen möchte, muss man sehr viel Zeit einplanen. Um es kurz zusammenzufassen: Bescheiden ist anders. Hier präsentierte sich Südkorea mit stolzgeschwellter Brust.

Ich weiß gar nicht so recht, wo ich anfangen soll. Wie bereits erwähnt, erlaubte unsere Arbeitsvereinbarung es nicht, dass wir beide gleichzeitig einen freien Tag hatten. Also blieb uns nichts anders übrig, als nachmittags zum Museum zu fahren, um es sowie die ihm inne liegenden Schätze zumindest für einige Stunden in Augenschein zu nehmen und zu bewundern. Da der Eintritt generell frei war, konnte man auch einige Male hinein gehen, ohne irgendetwas Wichtiges auslassen zu müssen, wenn man so viel Hingabe zeigte.

Die Fahrt war – für Seouler Verhältnisse – kurz und wir mussten nur einmal umsteigen. An der Zielhaltestelle war der Weg zum Museum hervorragend ausgeschildert, so dass man nicht einmal die Gelegenheit bekam, sich irgendwie zu verlaufen. Wenn man den Schildern folgte, kam man in einen unterirdischen Gang, der einen schon einmal auf die Kunstwerke im Museum vorbereitete. Auf den ersten Blick sah dieser Tunnel recht trostlos und langweilig aus. Grauer Stein bedeckte den Boden, grau waren die Wände und auch die Decke glänzte nicht in Farbenbracht. Schaute man allerdings genau hin, erkannte man schnell, dass die kleinen Löcher in den Metallverkleidungen der Wände verschiedene Muster ergaben. Zudem wurden sie von hinten beleuchtet, so dass man verschiedene Figuren oder Umrisse erkannte. Anfangs dachte ich, dass es nur eine einfache Zierde sei, doch nach dem Besuch des Museums begriffen wir, dass dort die Konturen der Ausstellungsstücke ausgeleuchtet wurden. Es war einfach nur genial.

Auf dem Weg zum Museum

Da der Tunnel sich schon einige Meter hinzog, erleichterte ein Rollband wie am Flughafen das Vorankommen. Für all jene, die doch lieber zu Fuß gehen wollten, standen in geringen Abständen Bänke am Rand, so dass man sich problemlos ausruhen konnte.

Oben angekommen standen wir auf einem riesigen Platz, an dessen Ende die Umrisse des Museums zu erkennen waren. Davor war ein einfacher Teich mit Pavillon angelegt worden; Bänke standen am Ufer.

Koreanisches Nationalmuseum Seoul von außen

Wir stapften die Stufen mit katastrophal ausgemessenen Abständen empor, um uns diesem Ungetüm von Gebäude zu nähern. Während der Großteil des Gebäudes in hellem Grau und Beige erstrahlte (die Steine waren blank poliert), bestand der Eingangsbereich aus einer runden Glaskonstruktion, die über alle drei Etagen ging. Zu unserer Linken gab es eine (kostenpflichtige) Sonderausstellung zur polnischen Kunst. Diese sahen wir uns nicht an. Der kostenlose Teil des Museums nahm schon genug unserer Zeit in Anspruch – und im Gegensatz zu Franziska kenne ich mich mit Kunst, insbesondere mit Gemälden, überhaupt nicht aus. Ein freundlicher Mitarbeiter in weißen Baumwollhandschühchen öffnete uns die Tür, so dass wir uns nicht die Finger schmutzig machen mussten (wir denken dran, dass gerade eine Epidemie herrschte). Im Eingangsbereich standen zudem Desinfektionsmittelspender, an denen die Besucher sich gütlich tun konnten, wenn ihnen der Sinn danach stand. Einige Hinweisschilder erklärten in Bildern, was man machen durfte und was untersagt war. Beispielsweise durfte man gut und gerne Fotos schießen, so lange man keinen Blitz benutzte. Das war doch was.

In der Glaskonstruktion fand sich ein Informationsschalter, an dem Schilder darüber Auskunft gaben, welche Sprachen der jeweilige Mitarbeiter sprach. Es überraschte mich positiv, dass es sogar einen Schalter für Gebärdensprache gab. Wir griffen uns je einen Flyer mit Lageplan in verständlicher Sprache und stapften zielsicher und gleichzeitig orientierungslos in das Museum hinein. Besonders schön war an dem Merkblatt, dass man eine Auflistung verschiedener Highlights für jeden Flur und Raum zur Hand hatte. So konnte man explizit nach einem bestimmten Ausstellungsstück Ausschau halten.

Eingangsbereich

In der Mitte gab es einen breiten Gang, der es jedem Besucher erlaubte, die Pracht dieses Bauwerks in sich aufzunehmen. Heller Stein von derselben Farbe wie draußen verkleidete jede Fläche, so dass die gesamte Konstruktion noch größer und beeindruckender wirkte, als sie ohnehin schon war. Ein gläsernes Dach ließ das Sonnenlicht ungehindert einstrahlen, was selbstverständlich auch dazu beitrug, den Raum noch größer wirken zu lassen. Als ob das noch nötig wäre. Einen krassen Kontrast dazu bildeten die Ausstellungsräume, die stellenweise so stark abgedunkelt waren, dass man die Ausstellungsstücke nicht in allen Details erkennen konnte.

Das gesamte Museum war äußerst übersichtlich strukturiert. Im Erdgeschoss fanden die Besucher die Geschichte Koreas von der Steinzeit bis zum 20. Jahrhundert vor. Im Stockwerk darüber fand man verschiedene Ausstellungsstücke, die unterschiedliche Themengebiete wie Malerei, buddhistische Kunst, Kalligraphie und Anderes abdeckten. Außerdem gab es dort auch Schenkungen verschiedener Privatpersonen, was oftmals ein buntes Sammelsurium unzusammenhängender Werke darstellte. Ganz oben wiederum fanden sich Kunstschätze verschiedener asiatischer Herkunftsländer, Skulpturen sowie Porzellanwaren.

Zwischen all den Räumen und Gängen hatte ein mitdenkender Kopf dafür gesorgt, dass sich genügend Nischen für ermattete Besucher fanden. Es gab Sitzplätze in Hülle und Fülle, an den Ausgängen fanden sich Wasserspender und neben zahlreichen Souvenirshops boten auch ein Café sowie Restaurant ihre Waren preis. Man hätte dort einziehen können und würde vermutlich nichts missen.

Aber auch die große Halle, der Gang zwischen all diesen Räumen, bildete einen kleinen Ausstellungsraum. Klein in dem Sinn, dass nicht viele Stücke darin zur Schau gestellt wurden. Diejenige, die man fand, waren aber auch protzig. So beispielsweise die Pagode mit zehn Stockwerken. Oder eine Stele auf dem Rücken einer Schildkörte.

Mittelgang

Wir beschlossen kurzerhand links abzubiegen und durch die erste Tür in einen der zahlreichen Ausstellungsräume einzutreten. Wie sich schon bald herausstellte, war das keine sonderlich gute Entscheidung. Pfeile auf dem Boden machten uns schon früh darauf aufmerksam, dass wir genau entgegen der Richtung wanderten, die der Kurator für die Besucher vorgesehen hatte. Doch wir waren zu stur uns etwas von unsichtbaren Museumsmitarbeitern vorschreiben zu lassen, also blieben wir auf dem von uns eingeschlagenen Pfad und stolperten dadurch rückwärts in der Zeit durch die koreanische Geschichte. Es begann mit dem Ende, also mit der Joseon Dynastie.

Da dieser geschichtliche Teil eben auch jener war, der uns beide am meisten interessierte, nahmen wir uns viel Zeit, um auch alles Interessante durchzulesen, uns mal hier, mal dort ein Filmchen anzusehen, gebührend Fotos zu machen und manchmal einfach nur zu bestaunen. Dies Verhalten hatte allerdings auch zur Folge, dass wir nur langsam vorankamen. Nach mehreren Stunden Aufenthalt hatten wir nicht einmal die Hälfte des Erdgeschosses hinter uns, und obwohl wir viele Informationen in uns aufnahmen, fand ich, dass mancherorts nicht genug für ausländische Besucher übersetzt worden war. Während man nämlich zu einigen Ausstellungsstücken einen langen Text auf Koreanisch vorfand, gab es im Englischen nur eine Übersetzung zum Titel oder den Namen des Gegenstandes selbst. Am Ende dieser ersten Erkundung waren wir gerade erst einmal mit einer Ära sowie einer Sonderausstellung durch. Doch unsere Köpfe wollten nichts mehr in sich aufnehmen, so dass wir uns dazu entschieden, an einem anderen Tag noch einmal hierher zurückzukehren.

Mittwochs war das Museum länger geöffnet, weshalb wir unsere nächsten Ausflüge auf diesen Tag legten. Wir dachten uns, dass mit mehr Pausen und mehr Zeit auch mehr zu schaffen war.

Bei jedem weiteren Besuch schafften wir immer ein bisschen mehr, so dass wir letzten Endes, also nach der dritten Visite, das gesamte Museum durchschritten hatten. Das war eine enorme Leistung. Durch einige Räume liefen wir mehr oder weniger ohne uns etwas durchzulesen durch, weil uns das Thema nicht wirklich interessierte. Ich weiß beispielsweise bis heute nicht, was es mit den Dachziegeln und ihren Endstücken auf sich hat, aber sie sorgen bis zu diesem Tag für unruhige Verhältnisse zwischen Korea und Japan. Ebenso wenig war der Bereich mit Kalligraphie interessant, weil ich es schlichtweg nicht verstand.

Hier nur einige interessante oder lustige Sachen, die mir beim Besuch aufgefallen waren.
Es gab eine Statue von einem Pferd, die aus China stammte und eine hervorragende Erklärung dafür war, warum die Pferde im Disney-Film Mulan so gezeichnet worden waren, wie sie nun einmal waren: Die Statue sah genauso aus! Ein viel zu mächtiger Körper mit riesigem Hals auf viel zu dünnen Beinchen.

Pferdeskulptur mit Vorbildfunktion

In einem Raum gab es fünf Bildschirme, die unterschiedliche Bilder in asiatischem Stil zeigten und doch zusammenhingen. Sie stellten eine Landschaft dar, die sich im Lauf der Jahreszeiten veränderte. Ein Pfad führte über alle Bilder hin zu einer Burg oder einem Tempel und kleine Figürchen bereisten diesen in verschiedenen Tempi. Es war richtig klasse gemacht.

Interaktive Bildreihe

Franziska faszinierte insbesondere der Goldbronzene Bodhisattva in nachdenklicher Haltung.

Goldbronzene Bodhisattva in nachdenklicher Haltung

Ich war von der Töpferware angetan.

Zum Abschluss einer unserer Besuche nahmen wir eine andere Route hinunter, um einen kurzen Spaziergang um den Teich zu drehen. Dort fanden wir eine große Glocke, einen schmucken Rastplatz vor dem Museum und einen Garten mit kleinen Pagoden. Die gesamte Anlage war sehr schön und auf jeden Fall einen Ausflug wert.


Wir sprachen uns schon früh mit Hulk ab, wann wir das Inno Hostel verlassen würden, damit er sich rechtzeitig um Ersatz für uns kümmern konnte. Umgekehrt gab es uns die Gelegenheit einen Plan zu machen, wie lange wir überhaupt in Busan bleiben wollten. Seoul gefiel uns sehr, unsere Gastfamilie war klasse, also blieben wir länger als die mindestens geforderte Zeit von einem Monat. Dies stellte uns allerdings vor das Problem, dass wir in Busan nur als Touristen unterwegs sein würden, weil man auch dort Leute für mindestens einen Monat suchte. Wir rechneten also mit zwei Wochen in der zweitgrößten Stadt Südkoreas.

Glücklicherweise waren wir bei der Mafia gelandet, was uns Beziehungen im ganzen Land verschaffte, insbesondere in Busan, auch wenn wir davon noch nichts wussten. Eines Tages fragte Hulk uns, ob wir nicht auch in Busan arbeiten wollten. Wir bejahten, erklärten ihm aber die Schwierigkeit, die wir darin sahen. Er meinte selbstsicher, dass das gar kein Problem sei – er würde schon einen Job für uns finden. Das freute uns sehr. Auch wenn der erste Vermittlungsversuch aus organisatorischen Gründen nicht klappte, war Hulks Repertoire damit noch lange nicht ausgeschöpft. Bei seinem ehemaligen Arbeitgeber fand er einen Ansprechpartner mit offenem Ohr und verschaffte uns somit binnen weniger Tage eine neue kostenlose Unterkunft. Wie lange wir bleiben konnten, spielte plötzlich keine Rolle. Das lief doch hervorragend.


Inno Hostel von außen

Wie man an diesem Bild vielleicht erkennen kann, hatte das Inno Hostel eine gläserne Front, was wahrscheinlich nur damit zusammenhing, dass man die Gäste trockenen Fußes (oder trockener Haare; ich bin mir nicht sicher, was in Korea höher gehandelt wurde) in ihre Zimmer geleiten wollte. Jedenfalls kamen wir oft durch bestimmte Teile dieses Gebildes, weil es auf dem Weg zu unseren Dienstbotenquartieren lag, die sich auf dem Dach befanden. Diese Konstruktion half uns dabei so etwas wie ein Haustier zu halten. Es war keine bewusste Entscheidung, nein, mehr eine Fügung des Schicksals. Eines Tages spazierte ich also über die verglaste Terrasse, als ein goldenes Geschöpf mir ins Auge stach. Es war ein ziemlich großer Käfer, der es nicht schaffte, das Glas zu überwinden oder zu umgehen und definitiv auf Hilfe angewiesen war, wenn er den nächsten Tag noch erleben wollte. Ich half dem armem Racker seinem unsichtbaren Gefängnis zu entfliehen – nur um ihn oder einen seiner Verwandten am nächsten Tag wieder im Treibhaus zu begrüßen. Daraufhin nannte ich ihn Hubert.

Hubert

Franziska half mir gerne dabei, Hubert immer wieder freizusetzen, was einige Male notwendig war, weil der Racker sich unentwegt in Lebensgefahr brachte. Wir schimpften mit ihm, schüttelten die Köpfe und ließen ihn fliegen. Besonders tragisch war der Vorfall, als ein toter Hubert mal auf unserem Dach lag. Jede Hilfe kam zu spät. Es war nichts mehr zu machen. Tagelang machte ich mir Vorwürfe, fragte mich, ob ich irgendwelche Zeichen falsch gedeutet hatte, ob es irgendetwas gab, was ich anders hätte machen können. In dieser Zeit der Trauer sah ich mich nicht in der Lage, diese lebelosen kleinen Körper zu bewegen. Als wir ihn dann endlich fachmännisch entsorgten, tauchte am nächsten Tag ein weiterer toter Hubert auf. Ich war von da an davon überzeugt, dass wir diesen liegenlassen mussten, damit er eine Warnung für jeden kommenden Hubert darstellen konnte. Erstaunlicherweise half es.
Das soll jetzt nicht heißen, dass andere Huberts nicht auch in den Glaskäfig geflogen wären. Wir mussten sie immer wieder retten.


N Seoul Tower
In unserem Bestreben unsere touristischen Neigungen offen ausleben zu können, ließen wir es uns selbstverständlich nicht entgehen, die größte, bekannteste und meist besuchte Attraktion Seouls zu besuchen: den N Seoul Tower.

Aber ein Ausflug zu dem Turm allein war uns nicht genug, so dass wir noch einige Sehenswürdigkeiten auf dem Weg dorthin mitnahmen. Es fing alles am Bahnhof Seoul an, also am Hauptbahnhof, diesem modernen neuen Prachtgebilde aus Glas und Stahl, das sich hoch erhoben auf einer Plattform den Ankömmlingen und Abreisenden (oder auch nur Passanten) präsentiert. Wir gingen zielsicher hinein – und fragten uns, ob wir am Flughafen waren. Eine riesige, sonnendurchflutete Abfertigungshalle mit zahlreichen Schaltern sowie Geschäften auf mehreren Etagen umfing Menschenmassen, die verschiedene Ziele verfolgten. Einige wollten verreisen, andere nur einkaufen, wieder andere holten Freunde und Bekannte ab. Es war wie ein überdimensionaler Ameisenhaufen und doch sehr entspannt. Metallstreben an der Decke verstärkten den Eindruck einer industriell genutzten Lagerhalle, ebenso wie der viel zu hohe Lärmpegel. An der Akustik hätten sie noch was machen sollen. Wie dem auch sei. Wir drehten nur eine kurze Runde, erkundigten uns über Fahrkarten nach Busan und zogen weiter.

Hauptbahnhof Seoul von innen

Dicht neben diesem modernen Bauwerk stand der alte Bahnhof, der heutzutage nur noch kulturelle Zwecke erfüllt und als Kulturzentrum sowie Ausstellungsraum und Galerie fungiert. Wir gingen dran vorbei, aber nicht hinein. Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut, erfreute man sich am Anblick des Gebäudes auch von außen.

Kultureller Bahnhof Seoul von außen

Nicht weit die Straße runter fanden wir dann eines der Stadttore, die wir unbedingt sehen wollten. Inmitten von Hochhäusern, nicht weit einer belebten Kreuzung, stand auf einem kleinen, mit Gras bewachsenen Hügel das Sungnyeumun Tor mit einem Stück Stadtmauer an den Enden. Leider war es derzeit wegen Bauarbeiten für Besucher nicht zugänglich, aber die Dimensionen dieses Bauwerks waren beeindruckend. Allein der Durchgang war ungefähr vier Meter hoch. Früher bildete dieses Tor den südlichen Eingang zur Stadt. Heute stand es – mehr oder weniger – nutzlos im Zentrum. Immerhin konnte man einfach drum herum gehen, da die Stadtmauern schon vor langer Zeit geschleift worden waren.

Sungnyeumun Tor

Wir marschierten weiter, daran vorbei, nicht hindurch, weil es leider nicht möglich war, um uns auf unserem Weg zum Turm noch den Namdaemun Markt anzusehen. Das war im Grunde genommen ein Viertel aus mehreren Straßen, alles eine große Fußgängerzone, versteht sich, das vor kleinen Geschäften nur so überquoll. Mitten im Weg standen Verkaufsstände, die verschiedene Waren feilboten. Darunter fanden wir auch eine Bude, die Obst am Spieß anbot, was mich natürlich anlockte, weil ich der Überzeugung bin, dass am Spieß alles besser schmeckt. Also kaufte ich mir ein Stück grüner Melone (mittlerweile weiß ich, dass die Gattung Futuramelone heißt) und genoss dieses erfrischende Obststück in vollen Zügen. Es war deliziös.

In einem Café zwischen Sungnyeumun Tor und N Seoul Tower holten wir uns – mal wieder – ein Bingsu. Wie immer war es vorzüglich und nach einer kurzen Rast zogen wir auch schon wieder weiter.

Es gab mehrere Möglichkeiten auf den Berg zu gelangen, auf dem der N Seoul Tower stand. Entweder man spaziert gemütlich durch den ihn umgebenden Park oder man nahm eine Gondel. Selbstverständlich entschieden wir uns für die Gondelfahrt. Das hatte nicht nur damit zu tun, dass es viel cooler war, nein, wir hatten schon einen langen und ereignisreichen Tag hinter uns, so dass wir nicht noch einen Berg hinaufkraxeln wollten. Außerdem hofften wir noch auf einen Grillabend in der Herberge. Kaum waren wir vor dem Abfahrtsgebäude angelangt, schwand meine Begeisterung rapide. Ein Schild informierte uns darüber, dass man von dem Punkt, an dem wir uns gerade befanden, noch zwei Stunden warten musste, bis man eines der hiesigen Gefährte betreten würde. Unglücklicherweise war diese Zeiteinschätzung äußerst realistisch.

Während wir uns also draußen die Beine in den Bauch standen und nur im Schneckentempo vorankamen, machte ich mir Gedanken ums Essen. Mit Wehmut dachte ich an das Bingsu zurück, wünschte mir sogar ein neues herbei und überlegte, ob es oben wohl auch ein Lokal mit Bingsu gäbe. (Ja, gab es tatsächlich, und die Preise waren sogar vertretbar.) Einige Besucher waren nicht so ausharrend wie wir und verließen die Schlange, noch bevor sie zur Tür vorgedrungen waren. Besser für uns – jede Minute, die wir weniger warten mussten, brachte uns unserem Ziel näher. Ich hatte zwar den Eindruck, dass wir recht zügig vorankamen, aber dennoch war kein Ende in Sicht. Nachdem wir endlich unsere Tickets – Hin- und Rückfahrt – gekauft hatten, durften wir in den Wartebereich im Inneren des Gebäudes vordringen. Er unterschied sich in nur einem Aspekt von den Verhältnissen draußen: Hier gab es entscheiden mehr Leute. Zuerst ging es die erste Treppe hoch in einen großen Raum mit angrenzendem Kiosk, wo die Schlange einer vorgegebenen Route folgte, so dass noch mehr Menschen ordentlich gestapelt hinein passten. Nachdem wir diese Hürde genommen hatten, folgte eine weitere Treppe. Endlich in der Abfahrtsetage angelangt, wo das Meer an Besuchern in zwei Gruppen geteilt wurde, um gleichmäßig auf beide Gondeln verteilt zu werden. Und nach langweiligen zwei Stunden, die wir mit diskutieren und Fotos knipsen verbracht hatten, ging es endlich los Richtung Bergspitze, Richtung Turm.

N Seoul Tower aus der Gondel betrachtet

Mit ein bisschen mehr Platz als Sardinen in ihrer Büchse fuhren wir mit der Gondel gemächlich die Strecke hoch. Ein organisatorisches Genie hatte das Gefährt so platziert, dass man direkten Blick auf den Turm hatte, während man sich noch auf dem Weg nach oben befand. Das war wirklich klasse, weil es aussah, als würde der Turm das Gondelhäuschen krönen. Wir stiegen aus, stapften einen hölzernen Pfad mit vielen Stufen hoch, um oben auf einer Aussichtsplattform den Blick in aller Ruhe über Seoul schweifen zu lassen. Zahlreiche Verliebte hatten hier an einem Zaun Schlösser mit Liebesschwüren befestigt. Seol Hee hatte uns erzählt, dass auch sie und Hulk das gemacht hatten, aber einen Tag später hatten die Ordnungskräfte alle Schlösser abmontiert, weil der Zaun dem Gewicht nicht mehr standgehalten hatte.

Für müde Füße fanden sich zahlreiche Sitzgelegenheiten sowie ein Pavillon. Auch Lokale und Snackbars gab es zu genüge. Von dem Souvenirshop fange ich gar nicht erst an.

Als nächstes betraten wir die Halle am Fuß des Turms, in der man Eintrittskarten für die Fahrt nach oben kaufen konnte. Tatsächlich war es das erste Mal, dass wir von dem System ein bisschen verwirrt waren. Wir fragten uns zuerst, welche Art von Karte wir brauchten, sprachen daraufhin eine der Verantwortlichen an, klärten dies, holten uns die richtigen Karten, waren traurig, dass nicht jede von uns eine bekam (ich verstehe ja, dass man umweltfreundlich sein will und möglichst wenig Papier benutzt, aber wir waren Touristen, die sich für Souvenirs, die man in Alben einkleben konnte, interessierten) und begaben uns zu den Aufzügen. Was uns zusätzlich verwirrte, war die angedrohte Sicherheitskontrolle. Franziska hatte ihr Schweizer Taschenmesser dabei. Ich hatte auch Zeug in meinem Rucksack, von dem ich mir nicht sicher war, ob es einen Sicherheitscheck passieren würde. Glücklicherweise klärte man uns auf, dass es keine Durchsuchung unserer Taschen geben würde. Leider sagte man uns auch, dass wir den Fahrstuhl noch nicht betreten konnten, weil unsere Nummer noch nicht aufgerufen worden war. Wie man sieht, ging hier alles streng nach Vorschrift. (Ich verweise noch einmal auf die Bürokratieliebe der Koreaner.)

Daher hatten wir genug Zeit, uns in den Geschäften umzusehen. Wir fanden nichts, das unsere Aufmerksamkeit erregt hätte oder uns zum Kauf anregte. Dafür war die Beleuchtung, die den Turm in verschiedenen Farben erstrahlen ließ, umso interessanter.

Nach endlos scheinenden Minuten (ich glaube, es waren 20) des Wartens, durften wir endlich in den Bereich vor dem Aufzug – nur um wieder zu warten. Dort stand eine lange Schlange an Besuchern, die ebenfalls nach oben wollten. Zwischen Eingang und Aufzug gab es noch das Fotostudio, bestehend aus einer grünen Wand und einigen Requisiten, die man verwenden konnte, um ein einzigartiges Bild über den Dächern von Seoul zu schießen. Selbstverständlich wurde man später irgendwo hinein retuschiert. Wir verzichteten dankend auf diesen Spaß. Die Fotos hätten wir nicht kaufen wollen.

Die Fahrt mit dem Aufzug, obwohl äußerst kurz, ist dennoch erwähnenswert. Anstelle von typischer dudelnder Fahrstuhlmusik begrüßte uns ein fetziger Song, der die wenige Sekunden dauernde Fahrt zur zweiten Aussichtsplattform auf 138 Metern Höhe spaßig machte. Doch das war noch lange nicht alles. An der Decke waren große Bildschirme angebracht, die einen lustigen Kurzfilm zeigten: Der Aufzug schoss vom Erdgeschoss ab, flog durch den Turm hindurch, über Seoul hinweg ins Weltall, von wo aus man auf die Erde, später sogar auf das Sonnensystem blicken konnte. Ich war äußerst hingerissen.

Endlich! Endlich, nach ungefähr drei Stunden, waren wir auf dem Turm angekommen. Mittlerweile war es draußen dunkel, so dass wir das Lichtermeer unter uns genießen konnten. Es war eine herrliche Aussicht. Wie so oft in dieser Art Turm standen markante Städtenamen auf die Scheiben sowie die Entfernung zu diesen geschrieben. Nach Berlin waren es von hier aus rund 8.235,4 km.

Paris, London, Berlin

Wir verbrachten einige Zeit dort oben, drehten die eine, dann die andere Runde, sahen uns um, sahen nach draußen und entschlossen uns, dass wir wieder ins Hostel zurückkehren sollten.

Auf dem Rückweg stellten wir fest, dass wir – oh Wunder, oh Staunen – warten mussten. Die Schlange für die Rückfahrt mit der Gondel war fast so lang wie auf dem Hinweg. Zur Stärkung meiner traumatisierten Nerven holte ich mir einen Snack. Wie an vielen anderen Orten in Seoul verkauften sie auch hier Tornadopotatos.

Tornado Potato

Ich hatte Glück, denn ich bekam die letzte Kartoffel am Spieß. (Ja, am Spieß schmeckt immer noch alles besser.) Sie war phantastisch, süß und knusprig. Ich habe keine Ahnung, welche Sauce sie dafür verwenden, aber es war ein gelungenes Geschmackserlebnis.

Im Inno Hostel angekommen, stellten wir fest, dass wir leider den Grillabend verpasst hatten. Das Buffet war geplündert, die Gäste angeheitert, die Koreaner betrunken und nichts mehr für uns übrig. Keiner hatte mit so langen Wartezeiten gerechnet. Diesbezüglich hatten wir Pech. Trotzdem war es ein sehr schöner Tag gewesen, den ich in vollen Zügen genoss.


Zurück zu dem Teil mit dem Essen:
Eines Abends – wir saßen nach einem ereignisreichen und betriebsamen Tag erschöpft in unserem Zimmer – klopfte es an unserer Tür. Verwirrt blickten wir einander an, da wir keine Gäste erwarteten. Als wir nach draußen lugten, um unseren Besucher in Augenschein zu nehmen, entdeckten wir Seol Hee, die vom Aufstieg ganz geschafft war. Es war eher der mentale Aspekt, der sie außer Atem brachte.

Aufgeregt erzählte sie uns, dass sie zum ersten Mal aufs Dach gestiegen war und wie spannend sie die Treppe doch fand, bevor sie zum Anlass ihrer Klettertour kam: Martin hatte sich zu einem Grillabend mit Freunden entschieden, bei dem wir herzlich eingeladen waren.

Ich musterte kurz meinen Pyjama und Franziskas Kopfschmuck (ein kunstvoll gebundenes Handtuch), um Seol Hee mitzuteilen, dass wir in wenigen Minuten dazu stoßen würden. Es war keinesfalls Hunger, der uns trieb, denn wir hatten genügend gegessen. Das gesellige Miteinander war Ansporn genug.

So trotteten wir kurze Zeit später nach unten, ließen uns Getränke servieren und nahmen draußen auf einer Bank Platz. Einige Freunde von Martin waren ebenfalls zugegen, so dass wir uns erst einmal vorstellen durften, so lange das Feuer die richtige Größe annahm. Dann warf Martin – Chefkoch des Abends – ein großes Stück Fleisch auf das Rost und behielt es genau im Auge, während wir anderen uns unterhielten. Es gab viel zu lachen, da niemand in der Runde sich zu ernst nahm und man den ein oder anderen Spaß gerne mitmachte. Irgendwann holte Hulk noch drei Europäer hinzu. Wir erfuhren, dass sie aus Island stammten und nur wenige Tage im Hostel bleiben würden, bevor sie zu weiteren Sehenswürdigkeiten zogen.

Grillabend mit Isländern und Herausforderungen

Zwischendurch versorge Martin uns immer wieder mit kleinen Happen Fleisch. Anscheinend hatte er Angst, wir würden uns zurückhalten und daher nicht satt werden, denn er schob uns immer wieder etwas an den Rand und zeigte explizit drauf, damit wir es nahmen. Hier sei noch erwähnt, dass unser Chefkoch ganz selbstverständlich eine Schere benutzte, um das große Fleischstück in kleine Fleischhappen zu zerteilen. Das ist in Korea nun einmal so üblich.

Irgendwann kamen wir auf das Thema kuriose Essgewohnheiten zu sprechen, was die Isländer mit ihrem abgehangenen Hai klar für sich entschieden. Dennoch erinnerte es unsere koreanischen Gastgeber an ein Video, das den Abend zu einem feurigen Untergang verurteilte. Es ging um die Spicy Korean Noodle Challenge (also, die würzige Koreanische Nudel Herausforderung), bei der die Teilnehmer sich dazu verpflichteten, eine ganze Schüssel äußerst scharfer Fertignudeln zu verspeisen. Sofort kam Seol Hee auf die Idee, dass wir das auch machen müssten. Wie selbstverständlich hatten unsere Gastgeber einen Vorrat explizit dieser Nudeln in der Küche. Sie scheinen zum koreanischen Haushalt dazu zu gehören.

https://www.youtube.com/watch?v=JWZmdWP67DA

Ich sah sie einen Moment ausdruckslos an und lehnte dankend ab. Doch nein, so einfach ließ unsere Gastgeberin sich nicht abwimmeln. Stattdessen lachte sie ehrlich amüsiert auf. Franziska, die diese Nudeln schon lange probieren wollte und hier eine unvergleichliche Gelegenheit witterte, war sofort mit von der Partie. Sie wollte nur, dass auch die koreanischen Gäste mitmachten. Gesagt, getan. Nach langem hin und her, während Martin in der Küche verschwand, um seines Amtes zu walten und eine passende Portion für alle vorzubereiten, rang Seol Hee mir das Versprechen ab, EINE Nudel aus dem Haufen zu essen. Im Gegenzug bekam ich ein schönes Schälchen mit gelbem, eingelegtem Rettich, 단무지 genannt. Es geht das Gerücht umher, dass dieser den Speisen ihre Schärfe zu nehmen vermag. Dies war mir relativ egal, denn ich liebe diese Beilage einfach nur und würde so Einiges dafür in Kauf nehmen. Das hätte ich wahrscheinlich nicht verraten sollen.

Wir hatten also eine Verabredung mit dem Feuerkessel. Als das Mahl zubereitet war, stellte Martin es auf den langsam ausbrennenden Grill, man drückte jedem von uns Schüsseln sowie Stäbchen in die Hand und es wurde aufgetischt. Ich bediente mich einfach bei Franziska. Seol Hee stellte mit misstrauischem Blick sicher, dass ich eine ganze Nudel erwischte, um mir meine Belohnung zu verdienen.

Während ich diese rot gefärbte Teigware mit einem Schärfegrad von viel-zu-hoch-für-mich hinunterkämpfte, genoss meine Reisebegleitung den Snack in vollen Zügen. Tatsächlich merkte sie lapidar an, dass es gar nicht so scharf sei; das Hähnchen einige Tage zuvor sei wesentlich schärfer gewesen. Diese Aussage versetzte alle Anwesenden in Staunen. Kein Wunder. Immerhin waren die Isländer mittlerweile krebsrot im Gesicht angelaufen, was sie keinesfalls davon abhielt, ihre Portion ganz aufzuessen. Sie nahmen sogar einen Nachschlag. (In meinen Augen ein verzweifelter Versuch irgendjemandem zu imponieren.) Unser Chefkoch war wenigstens ehrlich genug aufzugeben und in einer Ecke still weinen zu gehen. Er gab sogar zu, dass er noch nachgewürzt hatte.

Bilanz des Abends war, dass Franziska sich neue (koreanische und ausländische) Bewunderer angelte, während ich meinen Rettich knabberte. Wir waren alle äußerst amüsiert und zufrieden.


Dank unserer neuen Bekanntschaften ergaben sich auch neue Möglichkeiten. Anneena, die unbedingt Englisch sprechen wollte und neue Freunde auf der ganzen Welt suchte, lud uns zu einem koreanischen Grill ein. Natürlich war es ihre Mutter, die ihm Hintergrund das Sagen hatte, aber das verraten wir der jungen Dame einfach nicht. Sie war so begeistert, nicht nur weil sie uns wiedersah, sondern auch weil sie uns zeigen konnte, wie die Koreaner aßen. Wir hatten nämlich keine Ahnung und brauchten die Instruktionen dringend. So trafen wir uns an einem viel zu heißen Tag mit unserer Dreizehnjährigen und ihrer Mutter, um ein bisschen mehr über koreanische Essgewohnheiten zu erfahren. Die beiden hatten das Lokal auserkoren und führten uns zielsicher dort hin. Wir nahmen einen traditionellen Tisch, so dass wir auf den Boden anstatt auf Stühlen saßen. Als das Essen kam, blieb mir erst einmal die Sprache weg:

Samgyeopsal oder koreanisch Grillen für Einsteiger

Ich hätte es ja schon ahnen können, immerhin gab es bisher bei jedem Essen hier in Korea eine Unmenge an Beilagen. Doch das hier war wirklich eine ganze andere Kategorie. Der Blattsalat spielte dabei eine entscheidende Rolle, wie wir später erfahren sollten, aber zuerst einmal schweifte unser Blick von rechts nach links, von oben nach unten und dann in die Mitte des Tisches. Wir hatten keine Ahnung, wo wir wie beginnen sollten.

Um unserer Aufgabe als Gesprächspartner gerecht zu werden, unterhielten wir mit Anneena. Dabei kam die Frage nach unserem Alter auf, und als das Mädchen erfuhr, dass uns drei Jahre trennten, bekamen sowohl sie als auch ihre Mutter tellergroße Augen. Entsetzt schrien sie aus, dass wir ja gar keine Freunde sein könnten, weil der Altersunterschied zu groß war. Wir sahen sie verwirrt an, um ihr dann zu erklären, dass das in Europa gar kein Problem darstellen würde. In Korea war es aber eine große Sache.

Wie es der Fall mit Hulk und Honza war, hätte ich Franziska als meine kleine Schwester vorstellen müssen. Im Umkehrschluss müsste ich auch die Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen, wenn irgendwann mal etwas schief lief. Aber nur Gleichaltrige durften sich Freunde nennen. Es begann richtig kompliziert zu werden. Entsprechend weiß ich nun auch nicht, in welchem Verhältnis ich zu Anneena stehe.

Während wir uns mit Small Talk aufhielten, legte Anneenas Mutter geübt die ersten Stücke Fleisch auf den Grill. Pilze, Knoblauch und Kimchi kamen hinzu. Auch hier war es selbstverständlich das Fleisch mit einer Schere in Stücke zu schneiden. Erst wurde es ein bisschen angebraten, dann zerteilt, dann konnte jeder sich bedienen. Ich mochte diese Art des geselligen Teilens. Nicht nur, dass es einfacher war von allem ein bisschen zu probieren, es hatte auch etwas Familiäreres als wenn jeder seinen eigenen Teller vor sich stehen hat. Vermutlich wird sich diese Art des Servierens von Lebensmitteln aus hygienischen Gründen nie in Deutschland durchsetzen.

Als das Fleisch endlich knusprig war, zeigte Anneena uns voller Begeisterung, wie wir es zu essen hatten. Natürlich konnte man es einfach vom Grill in den Mund stopfen, aber das war langweilig und nur etwas für Anfänger. Stattdessen ahmten wir unsere junge Mentorin nach: Man nahm erst ein Salatblatt, das man flach auf die Handfläche legte; darauf kam ein Stück Fleisch, das mit ein bisschen Salz und / oder Sauce gedippt wurde; darauf kam alles andere, was man gerade essen wollte, aber bloß nicht zu viel auf einmal; denn zum Schluss wurde das Salatblatt in einen (großen) mundgerechten Happen eingerollt und in einem Stück in den Mund gesteckt. Kauen und schlucken nicht vergessen. Es war einfach nur göttlich! Ein tolles Geschmacks- und Essenserlebnis, das ich jedem Gourmet wärmstens empfehle.

Die Tofu-Suppe in der Mitte der Platte war für meinen Geschmack ein bisschen zu scharf, aber wir waren hier in Korea, also war das oft der Fall. Dafür tat ich mich an der Vielfalt an Salaten und Beilagen gütlich. Außerdem durfte ich eine Fanta-Sorte probieren, die es nur in Korea gab: Ananas. Es war süß und sprudelig, schmeckte aber tatsächlich nach besagter Frucht.

Nach dem Barbecue gingen wir noch in ein Café um die Ecke, um noch ein Getränk nach den ganzen Speisen zu uns zu nehmen. Die Grundidee hinter dieser Wanderschaft von Gaststätte zu Gaststätte war es offensichtlich, die drückende Hitze draußen zu meiden. Selbstverständlich würde ich mich nie gegen solche Manöver zur Wehr setzen. Obwohl die Klimaanlage im Grillrestaurant schon beängstigend war: Sie versprühte wabernde Wolken weißer Kälte. Genauso gut hätte man in einem Gefrierschrank stehen können. Die offene Gasflamme des Grills hob die Temperatur auf erträgliche Zustände.

Letzten Endes wagten wir uns doch noch nach draußen, aber es hatte sich trotz mittlerweile später Stunde kaum abgekühlt. Leider würden die Temperaturen auch in der Nacht nicht sinken. Dessen ungeachtet zogen wir in einen nahe gelegenen Park, um uns ein buntes Schauspiel anzusehen.


Wir gingen nicht auf direktem Weg dorthin, machten zwischendurch Pausen, dann Fotos, dann wieder Pausen, um letzten Endes bei diesem Farbe sprühenden Brunnen stehen zu bleiben. Es war ein sehr schöner Anblick.

Lichterspiel im Brunnen mit Fontäne

Mehr wegen der Hitze und des daraus resultierenden Durstes als aus einem anderen Grund zogen wir in die nächste Gaststätte, die klimatisiert war und eisgekühlte Getränke anbot. Anneenas Mutter entschied sich für ein Bier, während sie uns ein Bingsu aufschwatzte, obwohl keiner von uns es wirklich wollte. Ein Getränk wäre vollkommen ausreichend gewesen. Aber Koreaner trinken keinen Alkohol, ohne etwas dabei zu essen – vermutlich zählt ein Eis da schon als ganze Mahlzeit. Bei der Größe würde es mich keinesfalls wundern. Ich möchte nur anmerken, dass noch genug von der kalten Nachspeise übrig blieb, obwohl wir alle uns größte Mühe gaben, es zu vertilgen.



Besonders merkwürdig fand ich die Kirschtomaten, die neben Ananas, Melonen, Orangen und Äpfeln in unserem Nachtisch mitschwammen. Nach einer Weile gaben wir auf und brachen nach Hause auf. Mittlerweile war es spät und wir alle waren müde. So trennten sich unsere Wege, doch nicht ohne Anneena zu versprechen, dass wir uns wiedersehen würden.

Im Hostel angekommen stellten wir fest, dass unser Gastgeber seine eigene Party feierte – und uns dazu einlud. Es gab jede Menge Essen – nochmals: Koreaner trinken keinen Alkohol ohne Essen – und genug Alkohol. Tatsächlich waren alle Koreaner äußerst überrascht, als wir ihnen erzählten, dass man in Deutschland gut und gerne in eine Kneipe gehen konnte, nur um ein Bier zu trinken. Oder zwei. Es passte einfach nicht in ihr Weltbild.

tbc...

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